„Da suchten sie ihn zu ergreifen, und niemand legte Hand an ihn, weil seine Stunde noch nicht gekommen war“; d. h. weil er nicht wollte. Denn was heißt: „Seine Stunde war noch nicht gekommen“? Der Herr ist ja nicht unter dem Fatum geboren. Das ist nicht einmal von dir anzunehmen, geschweige von dem, durch den du gemacht bist. Wenn deine Stunde sein Wille ist, was ist dann seine Stunde als eben sein Wille? Also nicht die Stunde meinte er, da er zu sterben gezwungen würde, sondern da er getötet zu werden sich würdigte. Denn er wartete die Zeit ab, wo er sterben sollte, weil er auch die Zeit abwartete, wo er geboren werden sollte. Von dieser Zeit redend sagt der Apostel: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn“. Daher sagen viele: Warum kam Christus nicht früher? Diesen ist zu antworten: Weil die Fülle der Zeit noch nicht gekommen war, nach der Anordnung dessen, durch den die Zeiten gemacht wurden; denn er wußte, wann er kommen sollte. Zuerst mußte er durch eine lange Reihe von Zeiten und Jahren vorhergesagt werden; denn nicht etwas Kleines sollte kommen; lange mußte der vorher verkündet werden, der immer festzuhalten war. Je größer der Richter war, der kam, eine um so größere Reihe von Herolden ging voraus. Endlich als die Fülle der Zeit kam, erschien auch der, welcher uns von der Zeit befreien sollte. Denn befreit von der Zeit, sollen wir zu jener Ewigkeit gelangen, wo keine Zeit ist. Und da sagt man nicht: Wann wird die Stunde kommen? Denn es ist ein ewiger Tag, dem kein gestriger 497 vorangeht und dem kein morgiger nachfolgt. In dieser Welt aber rollen die Tage dahin, die einen gehen, die andern kommen, keiner bleibt; auch die Augenblicke, da wir reden, verdrängen einander, und es bleibt die erste Silbe nicht stehen, damit die zweite erklingen kann. Seitdem wir reden, sind wir etwas älter geworden, und ohne Zweifel bin ich jetzt älter als heute morgen; so steht nichts still, bleibt nichts fest in der Zeit. Darum müssen wir den lieben, durch welchen die Zeiten geworden sind, um von der Zeit befreit und in der Ewigkeit befestigt zu werden, wo es keine Veränderlichkeit der Zeit mehr gibt. Eine große Barmherzigkeit also ist es von unserm Herrn Jesus Christus, daß er unsertwegen in der Zeit geworden ist, er, durch welchen die Zeiten geworden sind; daß er mitten unter allen Dingen geworden ist, er, durch den alle Dinge geworden sind; daß er das geworden ist, was er gemacht hat. Denn er ist geworden, was er gemacht hatte; er wurde Mensch, er, der den Menschen gemacht hatte, damit nicht verloren ginge, was er gemacht hatte. Gemäß dieser Fügung war zwar die Stunde der Geburt gekommen und er war geboren, aber noch nicht war die Stunde des Leidens gekommen, darum litt er noch nicht.