Es vermag wohl der hl. Gott uns in einer Zusammenkunft mit Euch eine Freude zu bereiten, uns, die wir darnach verlangen, Euch immer zu sehen und von Euch zu hören. Denn in nichts anderm finden wir die Ruhe für unsere Seelen, als in Eurem Wachstum und in Eurer Vervollkommnung in den Geboten Christi. Solange uns aber das nicht gegönnt ist, halten wir es für nötig, Euch durch unsere aufrichtigen und gottesfürchtigen Brüder zu besuchen und uns mit Eurer Liebe schriftlich zu unterhalten. Aus eben diesem Grunde haben wir unsern frommen und aufrichtigen Bruder und Mitarbeiter im Evangelium, den Mitpriester Meletius, abgesandt, der Euch von unserer Sehnsucht nach Euch und unseres Herzens Kummer berichten und erzählen wird, daß wir Tag und Nacht den Herrn um Eure Bewährung bitten, damit auch wir wegen Eures Heils mit Vertrauen dem Tag des Gerichtes unseres Herrn Jesus Christus entgegensehen, und Ihr im Glanze der Heiligen leuchtet, wenn Euer Werk vor dem gerechten Gerichte Gottes geprüft wird. Zugleich macht uns aber großen Kummer die Mißlichkeit der augenblicklichen Lage, wo alle Kirchen erschüttert und alle Seelen gesiebt werden. Einige haben nämlich ohne Rücksicht ihren Mund gegen ihre Mitarbeiter aufgetan. Ausgesprochen wird die Lüge ohne Scheu, die 272 Wahrheit aber wird verschleiert. Die Angeklagten werden ohne Untersuchung verurteilt; den Anklägern wird kritiklos geglaubt. Daher habe ich denn auch auf die Kunde, daß viele Briefe gegen mich kolportiert würden, die uns brandmarken, an den Pranger stellen und wegen Sachen anklagen, für die wir uns vor dem Richterstuhle der Wahrheit leicht verteidigen können, zu schweigen mir vorgenommen und es auch so gehalten. Denn es ist jetzt bereits das dritte Jahr, daß ich unter Verleumdungen leide und die Geißeln der Anklagen aushalte, zufrieden damit, daß ich den Herrn, der das Verborgene kennt, zum Zeugen der Verleumdung habe. Da ich aber sehen muß, daß viele unser Schweigen bereits als eine Bestätigung der Verleumdungen hingenommen und unser Schweigen nicht als Langmut ausgedeutet haben, sondern als Furcht, gegen die Wahrheit offen aufzutreten, deshalb mache ich mich daran, an Euch zu schreiben und Eure Liebe in Christus zu bitten, daß Ihr die von einer Seite ausgehenden Verleumdungen nicht schlechthin als wahr annehmen möchtet, da ja, wie geschrieben steht, das Gesetz niemand verurteilt, wenn es ihn nicht zuvor gehört und erkannt hat, was er getan.