Aber daß nicht etwa einer jene Ansicht im.geheimen hege und auf andere Weise ihr einen Nährboden im Herzen zu bereiten suche, indem er sage: Warum heißt es dann im Evangelium: “Es fand sich, daß Maria empfangen hatte vom Hl. Geiste, bevor sie zusammenkamen? Stand nun nicht dieses Zusammenkommen zu erwarten, weswegen es eben heißt: vor dem Zusammenkommen? Aber auch noch an anderer Stelle sagt das Evangelium das gleiche, [wie: und es fand sich, daß sie empfangen hatte, bevor sie zusammenkamen, oder: sie gebar, und er erkannte sie nicht, oder: sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, und er erkannte sie nicht,] und er erkannte sie nicht, bis sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Aber diese Leute, welche sich anheischig machen, den Sinn der Schriften aufzuschließen und es unternehmen, alle Höhen und Tiefen zu durchforschen, sie verstehen nicht, daß der Sinn [der Schrift] diese Redeweise bedingt. Wenn nämlich Maria wiederum geboren hätte, so müßten auch die Namen der anderen Geschwister aufgeführt werden. — Übrigens, da ja der Eingeborene der Erstgeborene der ganzen Schöpfung genannt wird, so kann dir das keine Schwierigkeit machen. Es heißt nämlich nicht: Sie gebar ihren Erstgeborenen, sondern:”Er erkannte sie nicht, bis sie gebar ihren Sohn." Und es heißt nicht: ihren Erstgeborenen, sondern: “den Erstgeborenen”. 253Denn mit der Wendung “ihren Sohn” ist angezeigt, daß er aus ihr dem Fleische nach geboren sei. Zu dem Beisatze: “der Erstgeborene” fügt er nicht mehr hinzu: “ihr”, sondern er schrieb nur: “den Erstgeborenen”, denn dieser ist der vom Apostel erwähnte “Erstgeborene der Schöpfung”, — nicht zur Schöpfung gehörig, sondern vor der Schöpfung geboren; denn er sagte nicht: Ersterschaffener, sondern: “Erstgeborener”, indem er in der Wahl der Worte einen Unterschied machte der besseren Sicherheit halber, so zwar, daß er das πρῶτος gebrauchte in πρωτότοκος , dann aber das κτίσις abhängig davon gebrauchte; denn das “Erstgeboren” ist ein Prädikat des Sohnes, die Schöpfung aber ein Werk des Sohnes. Somit heißt es: “Sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen”, — nicht: ihren Erstgeborenen, als ob sie später noch andere empfangen würde. — Und er erkannte sie nicht: Wie hätte er auch erkennen sollen, daß ein Weib so großer Gnade sollte gewürdigt werden? Oder woher hätte er erkennen sollen, daß die Jungfrau mit so großer Herrlichkeit sollte ausgezeichnet werden? Er erkannte sie als Frau ihrer Körperbildung nach, als weibliches Wesen der Natur nach, als Tochter der Mutter Anna und des Vaters Joachim, als Verwandte der Elisabeth, aus dem Hause und der Vaterstadt Davids. Nicht aber wußte er, daß durch eine so große Herrlichkeit sollte geehrt werden jemand auf Erden, und gar noch ein Weib. Er erkannte sie also nicht, bis er das Wunder sah. Er erkannte das Wunder nicht, das an ihr geschah, bis er sah, was aus ihr geboren. Als sie aber geboren hatte, da erkannte er auch die Ehre Gottes [= die Ehre, die Gott ihr angetan], weil sie diejenige war, die gehört hatte: “Gegrüßt seist du gnadenvolle, der Herr ist mit dir”.