Hieronymus · Gegen Vigilantius (Contra Vigilantium) · Kapitel 1
303Der Erdkreis hat vielerlei Ungeheuer hervorgebracht. Wir erfahren bei Isaias von Zentauren, Sirenen, Waldkäuzen und Nachteulen. Job beschreibt in geheimnisvollen Worten den Leviathan und die Behemoth. Die Sagen der Dichter erzählen vom Cerberus und den Stymphaliden, von dem erymanthischen Eber und dem nemäischen Löwen, von der Chimäre und der vielköpfigen Schlange. Den Cacus schildert Virgil. Den dreileibigen Geryon hat Spanien hervorgebracht. Nur Gallien nannte noch kein Ungeheuer sein eigen; vielmehr ragte es stets hervor durch seinen Überfluß an tüchtigen und überaus beredten Männern. Da erschien plötzlich Vigilantius, oder besser gesagt, Dormitantius, um mit seinem unreinen Geiste den Geist 304Christi zu bekämpfen. Er verbietet, den Gräbern der Märtyrer Ehre zu erweisen; die Vigilfeier verurteilt er; das Alleluja will er nur Ostern gesungen wissen; die Enthaltsamkeit ist ihm eine Irrlehre, die Schamhaftigkeit eine Pflanzstätte der bösen Lust. Wie in Pythagoras Euphorbus wieder zum Leben gekommen sein soll, so hat in diesem der verkommene Geist des Jovinian seine Auferstehung gefeiert, so daß ich gezwungen bin, jetzt bei diesem, wie einst bei jenem, gegen die teuflischen Schliche anzugehen. Ihm gilt mit Recht das Wort: „Nichtswürdiger Sproß, bringe deine Söhne als Schlachtopfer dar für die Sünden deines Vaters“. Der eine hat, nachdem er durch die Autorität der römischen Kirche verurteilt worden war, bei Fasanen und Schweinefleisch seinen Geist ausgehaucht, ja herausgebrochen. Dieser ist ein Kneipwirt aus Calagurris und, wenn ich zu seinen Ungunsten deuten darf, wegen seines Heimatsortes ein stummer Quintilian, der Wasser mit Wein mischt. Seinem früheren Gewerbe entsprechend versucht er, sein treuloses Gift der katholischen Glaubenslehre einzuträufeln. Er tritt auf gegen die Jungfräulichkeit und befehdet die Schamhaftigkeit. Bei den Gelagen der Weltleute zetert er gegen das Fasten der Heiligen. Während er bei vollen Flaschen philosophiert und lüstern nach den Kuchen blickt, bezaubert ihn Psalmengesang. Allerdings läßt er sich nur bei besetzter Tafel herab, die Lieder Davids und Idithuns, Asaphs und der Söhne Kores zu vernehmen. Wenn ich mit diesen Worten meinem Herzen Luft gemacht habe, 305so war es weniger Ironie als Schmerz, da ich mich nicht fassen kann und nicht in der Lage bin, tauben Ohres über die den Aposteln und Märtyrern zugefügten Beleidigungen hinwegzugleiten.