Dies sind die Gedanken, die ich über den Zorn Gottes darzulegen hatte, teuerster Donatus, damit du diejenigen zu widerlegen wüßtest, die Gott jede innere Bewegung absprechen. Es erübrigt uns noch, nach Ciceros Weise mit einem Nachwort zu schließen. Wie Cicero in den Tuskulanen in der Abhandlung über den Tod es getan hat, so müssen auch wir in unserem Werke glaubwürdige göttliche Zeugnisse anführen, um dem Irrwahn von Männern zu begegnen, die in Gott keinen Zorn annehmen und so alle Religion auflösen. Ohne Religion aber sinken wir, wie bemerkt, zur Wildheit der reißenden Tiere und zur Unvernünftigkeit der Herden herab; denn auf der Religion allein, d. h. auf der Kenntnis des höchsten Gottes beruht die Weisheit. Die Propheten, die vom Geist Gottes erfüllt waren, reden insgesamt von nichts anderem als von der Gnade Gottes gegen die Gerechten, und vom Zorn Gottes wider die Gottlosen. Ihre Zeugnisse wären zwar für uns ausreichend; aber den Propheten glauben die nicht, die ihre Weisheit in Haar und Tracht zur Schau tragen; darum mußten wir sie durch Beweise aus Vernunft und Erfahrung widerlegen. Denn so verkehrt gehen die Dinge, daß das Menschliche dem Göttlichen Glaubwürdigkeit verleihen muß, während umgekehrt das Menschliche vom Göttlichen gestützt werden sollte. Die 121 göttlichen Zeugnisse lassen wir jetzt füglich beiseite, um uns bei den Gegnern nicht umsonst zu bemühen und den Stoff ins Ungemessene anwachsen zu lassen. Wir wollen uns nach solchen Zeugnissen umsehen, denen die Gegner zu glauben oder wenigstens nicht zu widersprechen vermögen.
Daß es eine Mehrzahl von Sibyllen gegeben hat, haben viele der bedeutendsten Geschichtschreiber überliefert, so von den Griechen Aristonikus und Apollodorus aus Erythrä, von den Unsrigen Varro und Fenestella; diese alle führen als die vornehmste und berühmteste von allen die Sibylla von Erythrä an. Apollodorus rühmt sich ihrer als seiner Mitbürgerin und Volksgenossin; Fenestella berichtet sogar von einer Gesandtschaft, die der Senat nach Erythrä schickte, um die Weissagungen dieser Sibylla nach Rom zu bringen. Dort sollten sie durch die Konsuln Curio und Octavius auf dem Kapitol, das damals von Quintus Catulus wiederhergestellt war, feierlich hinterlegt werden. Bei dieser Sibylla finden sich über den höchsten Gott und Gründer des Weltalls folgende Verse:
„Unveränderlich thront der ewige Schöpfer im Äther;
Guten erweist er Gutes und überreiche Belohnung;
Gegen die Bösen und Schlechten erfaßt ihn Zorn und Entrüstung.“
122 Und wieder an anderer Stelle zählt sie die Untaten auf, die den Zorn Gottes erregen, und führt folgende an:
„Fliehe der Götter ruchlosen Dienst; dem Lebendigen diene;
Nimm dich vor Ehbruch in acht und scheue männliches Lager;
Nähre, und morde nicht der Kinder eigenen Nachwuchs.
Wer sich in solchem vergeht, dem wird der Unsterbliche grollen.“
Gott wird also unwillig über die Sünder.