Wenn es auf den ersten Anblick scheint, als habe K. Constantinus sich bier als Herr der Bischöfe und der Kirche benommen, so ergiebt sich bei näherer Kenntnißnahme der Thatsachen ein ganz anderes Resultat. Vor Allem wurde der Kaiser zu diesem Schritte durch das uncorrecte Vorgehen der Donatisten gedrängt; diese nemlich, welche den Bischof Cäcilianus von Carthago nicht anerkannten, weil er vom Bischöfe Felix von Aptunga, einem angeblichen Traditor, ordinirt wurde, hatten sich durch den Proconsul Paulinus (Anulinus) von Africa wiederholt und ungestüm an den Kaiser behufs Untersuchung dieser Angelegenheit gewendet; 17 der Kaiser, welcher Nichts sehnlicher wünschte, als daß überall Friede herrsche, und es sehr unliebsam aufnahm, daß derselbe durch Bischöfe gestört wurde, trat nun ein; weil er aber, wie Augustinussagt, „nicht wagte, in einer Angelegenheit eines Bischofes zu entscheiden, übertrug er die Untersuchung und Entscheidung derselben den Bischöfen;„ so erscheint denn der Kaiser nicht als Herr und Richter der Bischöfe und inneren Angelegenheiten der Kirche, sondern als der von den (schismatischen) Bischöfen angerufene Friedensvermittler. Wie lästig und peinlich ihm diese Interpellation gewesen, möge der Satz in dem Antwortschreiben an die zu Arles versammelten Bischöfe beweisen: „Sie (die Donatisten) fordern von mir ein irdisches Gericht, da ich doch selbst Christi Gericht erwarte;“ auch das nun folgende Schreiben wird Dieß zeigen. Dasselbe, dem J. 313 angehörig, hat uns Eusebius (H. E. X. 5.) aufbewahrt und war, wie die zwei vorhergehenden, ursprünglich in lateinischer Sprache abgefaßt.
Constantinus Augustus an Miltiades, den Bischof von Rom, und an Marcus.
Nachdem (schon) mehrere derlei Schreiben von dem vortrefflichsten Paulinus, Proconsul Africas, an mich über- 18 sendet wurden, in welchen berichtet wird, daß Cäcilianus, der Bischof der carthaginiensischen Stadt, von Einigen seiner Collegen in Africa in vielen Puncten angeklagt wird, mir aber Dieß überaus widrig erscheint, daß in jenen Provinzen, welche die göttliche Vorsehung aus freier Wahl meiner Heiligkeit unterworfen hat, und die stark bevölkert sind, das Volk, gleichsam in zwei Parteien gespalten, bei dem Schlechteren verharrt und auch unter den Bischöfen Zwietracht herrscht, habe ich beschlossen, daß Cäcilianus selbst mit zehn Bischöfen aus der Zahl seiner Ankläger und mit zehn anderen, welche er selbst für seinen Proceß als nothwendig erachtet, nach Rom abschiffe, damit er daselbst in euerer Gegenwart, sowie auch vor Reticius, Maternus und Marinus, eueren Collegen, welchen ich deßhalb befohlen habe, nach Rom zu eilen, gehört werden könne, wie ihr es dem heiligsten Gesetze gemäß erkennet. Damit ihr aber über alles Dieß die vollständigste Kenntniß erlangen könnet, habe ich die Copien der von Paulinus an mich gesandten Schriften im Anschlüsse an meine Schreiben eueren vorerwähnten Collegen überschickt. Nach deren Lesung wird euere Unparteilichkeit prüfen, auf welche Weise der obengenannte Streit auf das sorgfältigste untersucht und nach dem Rechte zu beenden sei. Denn es ist euerer Sorge nicht unbekannt, daß ich gegen die rechtmäßige katholische Kirche eine so große Verehrung hege, daß ich wünsche, ihr möget durchaus kein Schisma oder Zwiespalt an irgend einem Orte zurücklassen. Die Machtdes größten Gottes beschütze euch, Theuerster, viele Jahre! 19