45. Gerade das entspricht der Tugend der Klugheit, sich selbst zu erkennen und — wie es von den Weisen erklärt wird — der Natur gemäß zu leben. Was ist aber so naturgemäß, als dem Schöpfer Dank zu sagen? Blicke doch nur auf zum Himmel, ob er dem Schöpfer nicht Dank darbringt! „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände.“ So bietet auch das Meer, wenn es friedlich und still ist, ein Bild des göttlichen Friedens; ist es erregt, dann zeigt es die Schrecken des höchsten Zornes. Bewundern wir Alle nicht mit Recht Gottes Huld, wenn wir bemerken, daß auch die leblose Natur doch gewissermaßen mit Vernunft ihre Fluthen bändigt, daß auch die Woge Grenze und Ziel für sich erkennt? Was soll ich von den Fluren sagen, welche gehorsam göttlichem Gebote, allen Thieren Nahrung bieten, und welche die Saat, die sie aufgenommen, mit reichlichen Zinsen vermehrt zurückerstatten?
46. Jener nun, der an der Hand der Natur das Wesen des göttlichen Werkes mit der Gluthkraft seines Geistes erfaßt hatte, der wußte auch, daß er vor Allem seinem Erretter Dank darbringen müsse: und da er ihn darbringend nicht hingeben konnte, so behielt er ihn fortdauernd im Besitze. Das ist ja die eigenthümliche Kraft des Dankes, daß er, während er dargebracht wird, im Besitze bleibt. So brachte jener den Dank dar und empfing den Glauben. Denn wer so den Schutz des himmlischen Geheimnisses, das in das Leinentuch eingeschlossen war, erfahren hatte: wie sehr glaubte der wohl, wenn er das Geheimniß mit dem Munde 345 empfing und in die Tiefe seines Herzens aufnahm! Wie viel erhabener mußte er es erkennen, wenn er es in seiner Brust trug, da es ihm schon in der Umhüllung des Tuches solchen Schirm bereitet hatte!
47. Wie groß aber auch sein Verlangen war, so vergaß er doch nicht der schuldigen Vorsicht, wie das bekanntlich bei Manchen in der Gluth des Verlangens wohl vorkommt. Er rief den Bischof zu sich, und da er nicht glaubte, daß wahre Dankbarkeit ohne den wahren Glauben bestehen könnte, erforschte er zunächst, ob Jener auch mit den katholischen Bischöfen oder, was dasselbe ist, mit der Römischen Kirche verbunden sei. Und allerdings befand sich ja die Kirche jenes Landes bis zu der Zeit im Schisma; Lucifer hatte sich nämlich damals von unserer Gemeinschaft getrennt. Obgleich derselbe um des Glaubens willen verbannt war und Zeugen seines Glaubens zurückgelassen hatte, so glaubte mein Bruder doch nicht, daß der wahre Glaube im Schisma fortdauere. Hält man dabei auch Glauben und Treue gegen Gott, so doch nicht gegen die Kirche, da man duldet, daß ihre Glieder gleichsam zerrissen werden. Da aber Christus um der Kirche willen gelitten hat, und da die Kirche der Leib Christi ist, so scheint ihm doch wahrlich die Treue von denjenigen nicht bewahrt zu 346 werden, die sein Leiden fruchtlos machen und seinen heiligen Leib zertheilen.
48. Obgleich er also die Schuld der Dankbarkeit behielt, und auch nicht ohne Furcht war, als Schuldner eines so erhabenen Herrn das Schiff von Neuem zu besteigen, so wollte er doch lieber dorthin eilen, wo er seine Schuld mit aller Sicherheit zahlen konnte. Er war ja überzeugt, daß die Erfüllung der Gott schuldigen Dankespflicht in der Liebe und im Glauben beruhe. Sobald er aber eine Kirche fand, wo ihm die Erfüllung der Pflicht ermöglicht wurde, zögerte er auch nicht länger damit. So empfing er denn die ersehnte Gnade Gottes und er hat sie treu bewahrt. Kann es denn nun etwas Weiseres geben als solche Klugheit, welche Göttliches und Menschliches stets geschieden hält?
49. Was soll ich von seiner angestaunten Beredsamkeit in öffentlichen Rechtshändeln sagen? Welch’ glänzende unglaubliche Bewunderung erregte er vor dem Gerichtshofe der hohen Präfectur! Aber ich will doch lieber mein Lob dem spenden, was er selbst nach dem Empfang der heil. Geheimnisse höher hielt als alles Irdische.