11. Das könnten wir nun freilich nicht, wenn sich nicht die Weisheit zu unserer überaus großen Schwäche herablassen und, da wir nun einmal Menschen sind, uns in Menschengestalt ein Vorbild zeigen wollte, wie wir leben sollen. Während aber wir klug handeln, wenn wir zu ihr emporsteigen, wurde es von stolzen Menschen für töricht gehalten, daß sie zu uns herniederstieg. Denn wenn wir zu ihr kommen, werden wir stark; als sie zu uns kam, wurde sie für schwach gehalten. „Aber selbst was an Gott töricht ist, ist immer noch weiser als die Menschen, und was an Gott schwach ist, ist immer noch stärker als die Menschen.“ Obgleich sie (die göttliche Weisheit) selbst unsere Heimat ist, wollte sie auch noch unser Weg zu dieser Heimat werden. Während sie für ein gesundes und reines Geistesauge allüberall gegenwärtig ist, wollte sie selbst den fleischlichen Augen jener Menschen erscheinen, deren Geistesauge schwach und unrein war. „Denn weil die Welt in der Weisheit Gottes Gott durch die Weisheit nicht erkennen konnte, so gefiel es Gott, durch die Torheit der Predigt diejenigen selig zu machen, welche glauben.“
2312. Also nicht durch eine bloße örtliche Veränderung kam, wie gesagt, Gottes Weisheit zu uns, sondern in der Weise, daß sie im sterblichen Fleisch den sterblichen Menschen erschien. Sie kam dorthin, wo sie schon war, weil sie ja in dieser Welt war und die Welt durch sie gemacht worden ist. Weil aber die Menschen das Geschöpf anstatt des Schöpfers genießen wollten und weil sie darum dieser Welt gleichförmig geworden waren und sehr passend mit dem Namen „Welt“ bezeichnet wurden, so erkannten sie die Weisheit nicht, weshalb der Evangelist sagt: „Und die Welt hat ihn nicht erkannt.“ Daher konnte die Welt durch Weisheit Gott nicht in Gottes Weisheit erkennen. Wenn also die Weisheit schon da war, zu welchem anderen Zweck kam sie dann als bloß zu dem, weil es Gott so gefiel, durch die Torheit der Predigt diejenigen selig zu machen, welche glauben. Wie aber kam sie anders als dadurch, daß das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat? (Man hat sich das ungefähr so vorzustellen:) Soll beim Sprechen der Gedanke unseres Innern durch das fleischliche Ohr zum Geiste unserer Zuhörer gelangen, so wird er und das in unserm Herzen schlummernde Wort zum Schall, und heißt dann Sprache. Aber unser Gedanke verwandelt sich nicht in den Schall, sondern er bleibt nach wie vor ein Gedanke und nimmt nur ohne jede Makel der Veränderung die Form der Stimme an, um so in jedes Ohr eindringen zu können. So ist auch das Wort Gottes nicht verändert, aber doch Fleisch geworden, um unter uns zu wohnen.