5. Menschen, die das rechte Maß nicht einzuhalten wissen, geraten auf Irrwege, und wenn sie einmal einseitig abschüssige Bahnen zu betreten angefangen haben, dann schauen sie gar nicht mehr auf die Beweisstellen der Heiligen Schrift; und doch bekämen sie 322dadurch die Möglichkeit, von ihrer falschen Meinung abzukommen und sich einer aus den dafür und dagegen sprechenden Schriftworten gemischten Wahrheit und Mäßigkeit zu erfreuen. Dies gilt nicht bloß von der eben angeregten Frage, sondern auch noch von vielen anderen.
Manche sahen z. B. nur auf diejenigen Stellen der Heiligen Schrift, welche die Verehrung des einen Gottes einschärfen und hielten die Person, die nur Sohn ist, zugleich auch für den Vater und den Heiligen Geist. Andere wiederum litten sozusagen an der gegenteiligen Krankheit: sie achteten nur auf diejenigen Schriften, worin die Dreiheit der Personen erklärt wird, konnten aber nicht verstehen, wie es denn nur einen Gott geben könne, während doch der Vater nicht der Sohn und der Sohn nicht der Vater und der Heilige Geist weder Vater noch Sohn sei. Sie glaubten darum auch eine Verschiedenheit im Wesen behaupten zu müssen. — Es gab dann auch solche, die auf jene Stellen der Heiligen Schrift schauten, die ein Lob der Jungfräulichkeit enthielten: solche Leute verwarfen natürlich die Ehe. Andere hinwieder hatten es auf diejenigen Zeugnisse abgesehen, durch welche die Keuschheit der Ehe gerühmt wird, und hielten Ehestand und Jungfräulichkeit für gleichwertig. — Da einige lasen: “Es ist gut, Brüder, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken” und einiges Ähnliche, so hielten sie das von Gott Geschaffene, und beliebige Speisen für unrein Andere 323dagegen lasen: „Alles was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts von dem darf man verwerfen, was mit Danksagung genossen wird ": und darum ließen sie sich zu Gefräßigkeit und Trunksucht hinreißen; denn sie vermochten sich von den einen Lastern nicht frei zu halten ohne daß nicht auf der anderen Seite ebenso große, ja vielleicht noch größere an ihre Stelle traten.
6. Auch in dem Falle, den wir gerade behandeln sehen manche nur auf jene strengen Gebote, die uns ermahnen, Ruhestörer zurechtzuweisen, das Heilige nicht den Hunden vorzuwerfen, einen Verächter der Kirche den Heiden gleichzuachten und ein Glied, das uns ärgert, von der Verbindung mit dem Körper zu trennen. Solche Leute bringen aber Unruhe in die Kirche, da sie schon vor der Zeit das Unkraut aussondern wollen und so blind in ihren Irrtum verrannt sind, daß sie sich lieber selbst von der Einheit mit Christus trennen. Dieser Fall liegt beispielsweise in unserm Streit gegen das Schisma des Donatus vor: wir meinen dabei nicht diejenigen Donatisten, die es mit dem durch unwahre und verleumderische Beschuldigungen angegriffenen [Bischof] Caecilianus halten und nun aus todbringender Scham ihre verderbliche Ansicht nicht aufgeben wollen, sondern wir meinen jene Donatisten, denen wir zurufen dürfen: “Selbst wenn diejenigen wirklich böse gewesen wären, deretwegen ihr euch von der Kirche getrennt habt, so hättet ihr doch jene, die ihr weder bessern noch auch aus der Kirche ausschließen konntet, ertragen sollen und selber in der Kirche bleiben müssen.” 324So aber gleichen sie ungestümen Eiferern, die das Unkraut schon vor der Reife des Getreides absondern wollten und die wegen dieses Übereifers sich sogar von ihren geduldigeren Mitbrüdern trennten.
Wieder andere laufen von der entgegengesetzten Seite her Gefahr: Sie wissen gar wohl, daß die Vermischung der Guten und Bösen in der Kirche uns deutlich vorhergesagt ist und sie kennen auch die Gebote der Geduld, “die uns so stark machen, daß wir trotz des Unkrautes, das sich in unserer Kirche zeigt, in unserem Glauben und in unserer Liebe doch nicht behindert werden und nicht wegen des Unkrautes, das wir in der Kirche wahrnehmen, unsererseits selbst die Kirche verlassen”. Sie sind aber der Ansicht, es müsse überhaupt eine völlige Umgestaltung der kirchlichen Disziplin eintreten und räumen darum den [kirchlichen] Vorstehern eine ganz verkehrte Sicherheit ein: deren einzige Aufgabe soll es nämlich sein, einfach zu sagen, was man allgemein zu tun und zu lassen habe; was aber der einzelne Christ tue, das gehe sie gar nichts an.