Nun ist es an der Zeit, jenes prophetische Wort auszurufen und zu sprechen: „Wer wird meinem Haupte Wasser geben und meinen Augen eine Tränenquelle, daß ich beweine die Verwundeten der Tochter meines 94 Volkes?” Wenn schon auch diese (selbst) tiefes Stillschweigen umfängt und sie vom Unheil einmal betroffen daliegen und mit dem tödlichen Schlag auch gleich das Bewußtsein von ihrem Elend verloren haben, so dürfen doch wir nicht einen solchen Fall unbeweint lassen. Denn wenn Jeremias die im Kampf leiblich Verwundeten zahlloser Tränen wert hielt, was soll man dann sagen bei einer so schweren Verunglückung von Seelen? „Deine Verwundeten”, sagt der Prophet, „sind nicht Opfer des Schwertes und deine Toten keine Kriegstoten.” Vielmehr trauere ich über den Stachel des wahren Todes, über die schwere Sünde und die feurigen Geschoße des Bösen, welche die Seelen mitsamt den Leibern grausam versengt haben. Gar laut stöhnten die Gebote Gottes, sähen sie ein solches Vergehen auf Erden, die Gebote, die ja immer verkündeten und von jeher riefen: „Du sollst ja nicht begehren deines Nächsten Weib” und durch die hl. Evangelien: „Jeder, der nach einem Weibe sieht, es zu begehren, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen”. Jetzt aber sehen sie gar die Braut des Herrn, deren Haupt Christus ist, schamlos die Ehe brechen. Seufzen möchten jetzt gar auch die Geister der Heiligen, so Phinees der Eiferer, da es ihm nicht auch hier vergönnt ist, mit der Lanze in der Hand das Laster leiblich zu strafen, so Johannes der Täufer, da er nicht wie ehedem die Wüste so jetzt seine himmlische Wohnung verlassen kann, zur Bestrafung der Gesetzesverachtung herbeizueilen, und, wenn nötig etwas zu leiden, lieber den Kopf hinzugeben, als auf die freie Meinungsäußerung zu verzichten. Ja, „auch tot redet er noch” zu uns wie der selige Abel — gilt vielleicht uns gegenüber noch mehr —, und es ruft und 95 schreit Johannes jetzt noch lauter als damals bezüglich der Herodias: „Es ist dir nicht erlaubt, sie zu haben”. Denn wenn auch der Leib des Johannes gemäß dem Gesetze der Natur der von Gott festgelegten Befristung sich fügte und seine Zunge jetzt schweigt, „so ist doch das Wort Gottes nicht gebunden”. Er, den anläßlich des Ehebruches eines Mitknechtes sein Freimut bis in den Tod trieb, wie würde er solchen Frevel im hl. Brautgemach des Herrn aufnehmen?