Gehen wir nun zu etwas anderem über unter Anwendung der fortlaufenden Rede, doch so, daß du nach Belieben Einwendungen machen und Fragen stellen kannst.
C. Ich werde geduldig zuhören, wenn ich auch nicht sagen kann gern. Ich will den Verstand bewundern, über dessen falsches Urteil ich verblüfft bin.
A. Erst höre zu und dann prüfe, ob das, was ich sagen werde, falsch oder richtig ist!
C. Sprich, wie du willst! Ich habe beschlossen, 377 wenn ich nicht antworten kann, lieber zu schweigen, als mich bei einer Unwahrheit zu beruhigen.
A. Was liegt daran, ob du schweigst oder sprichst, während ich den Sieg über dich davontrage, ob ich dich, um an die Sage von Proteus zu erinnern, gefangen nehme im schlafenden oder wachenden Zustande?
C. Du magst nach Gutdünken sprechen. Aber du wirst Dinge zu hören bekommen, welche dir keineswegs angenehm sein werden. Denn die Wahrheit kann auf Schwierigkeiten stoßen, aber niemals besiegt werden.
A. Ich will deine Lehrsätze ein klein wenig zerpflücken, damit deine Anhänger auch erkennen, was für ein göttliches Genie sie in dir bewundern. Du sagst: „Man kann nur dann ohne Sünde sein, wenn man die Kenntnis des Gesetzes hat“. Damit schließest du aber einen großen Teil der Christen von der Gerechtigkeit aus, du trittst als Herold der Sündlosigkeit auf und verkündest zu gleicher Zeit laut, daß fast alle Sünder seien. Wie viele Christen haben denn eine so weitgehende Kenntnis des Gesetzes, wie du sie selbst bei vielen Kirchenlehrern selten und schwerlich finden wirst? Freilich bist du so galant, daß du, um dir die Gunst deiner Amazonen zu gewinnen, an anderer Stelle schreibst: „Auch die Frauen müssen die Kenntnis des Gesetzes haben“. Aber der Apostel lehrt doch, daß die Frauen in der Kirche schweigen sollen und, falls sie etwas nicht wissen, ihre Männer zu Hause um Rat zu 378 fragen hätten. Du gibst dich nicht zufrieden damit, bei deinen Verehrerinnen die Kenntnis der Schrift vorauszusetzen, du willst dich auch an ihrer Stimme und ihren Gesängen erfreuen. Fährst du doch fort mit der Aufschrift: „Auch die Frauen sollen dem Herrn lobsingen“. Wer weiß denn nicht, daß die Frauen in ihren Schlafgemächern lobsingen sollen, fern von den Zusammenkünften der Männer und den Versammlungen der Menge? Du aber erlaubst, was nicht gestattet ist, daß sie das, was in Eingezogenheit und ohne jeden Zeugen zu tun wäre, mit dem Ansehen eines Lehrmeisters laut hinausrufen.