Hieronymus · Zur Erinnerung an die Witwe Marcella, an die Jungfrau Principia. (Epistula 127) · Kapitel 5
Zu jener Zeit kannte noch keine der vornehmen Frauen Roms die Lebensweise der Mönche. Auch wagte es niemand, sich zu derselben zu bekennen wegen der Neuheit dieser Einrichtung und wegen des geringen, verächtlichen Ansehens, das sie damals bei den Leuten genoß. Marcella lernte nun von alexandrinischen Priestern, dem Bischof Athanasius und seinem Nachfolger Petrus, welche auf der Flucht vor der Verfolgung durch arianische Irrlehrer zu Rom, dem sichersten Hafen ihrer Kirchengemeinschaft, Schutz gesucht hatten, die Lebensweise des hl. Antonius, welcher damals noch lebte, kennen, und hörte von den Einrichtungen der Klöster in der Thebais, wie sie Pachomius angeordnet hatte, sowie von den Ordensregeln der Jungfrauen und Witwen. Und sie schämte sich auch nicht, öffentlich auszuüben, was ihr als Gott wohlgefällig erschienen war. Ihr folgten nach vielen Jahren Sophronia und andere, auf welche man aber ganz passend jenes Wort des Ennius anwenden könnte: „O daß doch nicht im Walde Peliums“. Mit ihr war die ehrwürdige Paula befreundet. In ihrem Hause war Eustochium, die Zierde der Jungfrauen, aufgezogen worden, woraus man leicht beurteilen kann, was für eine 186Lehrerin solche Schülerinnen gehabt haben müssen. — Ein ungläubiger Leser möchte es vielleicht lächerlich finden, daß ich mich beim Lobe von Frauen aufhalte. Er möge sich erinnern an die heiligen Frauen, die den Herrn und Erlöser begleiteten, die ihn mit ihrem Vermögen unterstützten, er möge denken an die drei des Namens Maria, die vor dem Kreuze standen, besonders an Maria Magdalena, welche wegen ihrer Emsigkeit und ihres Glaubenseifers den Namen: „auf hoher Warte stehend“ erhalten hat und als erste, noch vor den Aposteln, Christus nach seiner Auferstehung schauen durfte. Dann wird er wohl eher sich des Stolzes als mich eines törichten Unterfangens beschuldigen müssen, da ich die Tugend nicht nach dem Geschlechte, sondern nach der Gesinnung beurteile und den Verzicht auf die Vorrechte adeliger Abstammung sowie des Reichtums höheren Lobes wert erachte. Deshalb liebte auch Jesus den Apostel Johannes am meisten, der wegen seiner vornehmen Herkunft dem Hohenpriester bekannt war und die Anschläge der Juden nicht fürchtete. War er es doch gewesen, der den Petrus in den Vorhof einführte, allein von den Aposteln am Fuße des Kreuzes stand, die Mutter des Herrn zu sich nahm und, selbst jungfräulich, die jungfräuliche Mutter des jungfräulichen Herrn als Erbe erhielt.