§ 1
Noch andere erzählen Ungeheuerliches. In der Kraft des Bythos existiere ein Urlicht, selig, unvergänglich und unendlich, das sei der Vater von allem und heiße Urmensch. Die aus ihm hervorgehende Ennoia nennen sie seinen Sohn, und dieser Sohn des Menschen sei der zweite Mensch. Unter beiden befinde sich der Heilige Geist, unter dem oberen Geiste aber befänden sich abgesondert die Elemente Wasser, Finsternis, 84Abgrund, Chaos, worüber der Geist schwebe, den sie das erste Weib nennen. Als später der erste Mensch mit seinem Sohne über die Schönheit des Geistes, d. h. des Weibes, frohlockte und diesen erleuchtete, da zeugte er aus ihm ein unvergängliches Licht, den dritten Menschen, den sie Christus nennen, den Sohn des ersten und zweiten Menschen und des Hl. Geistes, des ersten Weibes. Vater und Sohn also taten sich zusammen mit dem Weibe, das sie auch Mutter der Lebendigen nennen.
§ 2
Als sie aber die Größe des Lichtes weder ertragen noch fassen konnte, floß und strömte sie nach der linken Seite über. So sei ihr einziger, gleichsam rechter Sohn Christus; der stieg in die Höhe und wurde samt seiner Mutter zu einem unvergänglichen Äon erhoben. Das sei die wahre und heilige Kirche, die Benennung, Verbindung und Vereinigung des Allvaters, des ersten Menschen und seines Sohnes, des zweiten Menschen, und Christi, des Sohnes beider, und des genannten Weibes.
§ 3
Die Kraft aber, die aus dem Weibe überfloß, besaß einen Lichttau; sie stürzte hinunter von ihren Vätern, trug aber aus eigenem Willen in sich den Lichttau. Diese heißt die Linke oder Prounikos oder Sophia oder Mannweib. Nun warf sie sich einfach in die Gewässer, die unbeweglich waren, setzte sie in Bewegung, indem sie mutig bis auf den Grund tauchte und nahm aus ihnen einen Leib an. Denn an den Lichttau hängte sich alles schleunigst an und umgab ihn; ja, hätte sie diesen nicht besessen, so wäre sie wohl gänzlich von der Materie verschlungen und verschluckt worden. Da sie nun von dem materiellen Körper gefesselt und gar sehr beschwert war, da kam sie zur Besinnung und versuchte aus dem Wasser loszukommen und sich zur Mutter zu erheben, doch es war wegen der Schwere des sie umgebenden Körpers vergeblich. Nun wurde ihr schlecht zumute, und sie trachtete, das innere Licht zu verbergen, aus Furcht, es könne von den unteren Elementen wie sie selber verletzt werden. Da erhielt sie Kraft von ihrem Lichttau, sprang auf und erhob sich in die Höhe, und 85dort erweiterte sie sich wie zu einer Decke und schuf den sichtbaren Himmel aus ihrem Körper. Nun blieb sie zunächst unter dem Himmel, den sie gemacht hatte und der noch heute die Gestalt eines wässerigen Körpers hat. Dann aber bekam sie eine Begierde nach dem oberen Lichte und erlangte durch all dieses Kraft; und sie legte ab ihren Körper und wurde davon befreit. Den Körper aber, den sie auszog, nennen sie Weib vom Weibe.
§ 4
Aber auch ihr Sohn empfing als Erbteil von der Mutter so eine Art Hauch von Unsterblichkeit. Durch diesen wirkt er und bringt, zu Kräften gekommen, aus den Wassern ohne Mutter einen Sohn hervor, denn die Mutter erkannte er nicht. Dessen Sohn brachte nun wie der Vater einen weiteren Sohn hervor. Dieser dritte erzeugte einen vierten, und der vierte wieder einen Sohn, von dem fünften wurde der sechste erzeugt, und der sechste erzeugte den siebenten. So wurde bei ihnen die Achtheit vollendet, indem die Mutter den achten Platz einnimmt. Wie nach dem Ursprunge, so geht denn auch nach seinen Kräften und Würden einer von dem andern hervor.
§ 5
Folgende Namen haben sie ihrem Lügengewebe gegeben: Der erste, der von der Mutter stammt, heißt Ialdabaoth, dessen Sohn Iao, dessen Sohn der große Sabaoth, der vierte Adonai, der fünfte Elohim, der sechste Hor, der siebente und allerjüngste Astaphäus. Diese Himmel und Mächte und Kräfte und Engel sitzen nach ihrer Annahme in der Reihenfolge ihrer Abstammung unsichtbar im Himmel, regieren Himmel und Erde. Ihr Anführer aber, Ialdabaoth, verachtete seine Mutter, indem er ohne irgend eine Erlaubnis Söhne und Enkel zeugte, ja sogar Engel und Erzengel, Kräfte, Mächte und Herrschaften schuf. Darauf wandten sich wegen der Herrschaft in Zank und Streit seine Söhne gegen ihn. Und Ialdabaoth wurde traurig und verzagt, schaute auf die Hefe der Materie zu seinen Füßen und verkörperte sein Empfinden in sie hinein. So entstand wieder ein Sohn, und zwar der schlangenförmig gewundene Nous; alsdann Geist und Seele und was von dieser Welt ist: Vergeßlichkeit, Bosheit, Eifersucht, Neid 86und Tod. Dieser schlangenförmig gewundene Nous aber hat durch seine Verschlagenheit ihren Vater in noch tieferes Verderben gestürzt, als er mit ihrem Vater im Himmel und im Paradiese weilte.
§ 6
Da frohlockte laldabaoth und brüstete sich dessen, was zu seinen Füßen geschah, und sprach: „Ich bin ihr Vater und Gott, und über mir ist niemand.“ Wie aber seine Mutter dies hörte, entgegnete sie ihm: „Lüge nicht, Ialdabaoth, denn über dir ist der Allvater, der erste Mensch und der Mensch, der Sohn des Menschen.“ Bei diesem neuen Worte und unerwarteten Ausspruch wurden alle verwirrt und forschten nach, woher er komme. Aber um sie davon abzuhalten und zu verführen, sprach Ialdabaoth zu ihnen: „Kommet, lasset uns den Menschen machen nach unserm Bilde!“ Als nun die sechs Mächte dies hörten, ließ die Mutter sie den Menschen ausdenken, um sie von ihrer Urkraft zu entleeren. Die traten dann zusammen und bildeten einen Menschen von ungeheurer Länge und Breite. Aber siehe, der konnte nur kriechen. Da schleppten sie ihn zu ihrem Vater, indem die Sophia dies bewirkte, um jenen von seinem Lichttau zu entleeren, auf daß er nicht weiter die Kraft habe, sich gegen die Oberen aufzulehnen. In dem nun jener in den Menschen den Hauch des Lebens einhauchte, wurde er heimlich von seiner Kraft entleert, der Mensch aber empfing den Nous und die Enthymesis — dies wird erlöst — und brachte, ohne sich um seine Schöpfer zu bekümmern, dem ersten Menschen seinen Dank dar.
§ 7
Voll Neid wollte nun Ialdabaoth etwas ausdenken, um den Menschen durch ein Weib zu entleeren; und er zog aus seiner Enthymesis ein Weib hervor, das jene Prounikos sogleich aufnahm und unsichtbar der Kraft beraubte. Wie die andern nun hinzutraten, wunderten sie sich über ihre Schönheit und nannten sie Eva. Sie begehrten aber ihrer und zeugten aus ihr Söhne, die sie Engel nennen. Nun gedachte ihre Mutter, Eva und Adam durch die Schlange zu verführen, das Gebot Ialdabaoths zu übertreten. Eva, wähnend, daß sie die 87Stimme des Sohnes Gottes vernehme, glaubte leicht und riet auch dem Adam, von dem Baume zu essen, von dem Gott zu essen verboten hatte. Als sie aber gegessen hatten, da erkannten sie die himmlische Kraft und wandten sich von ihren Schöpfern ab. Wie nun die Prounikos dies sah, daß sie sogar von ihrem eigenen Gebilde verlassen worden, da jubelte sie und rief wiederum aus: „Gelogen hat, der sich einstens selbst Vater nannte, da doch der Vater unvergänglich ist, und das erste Weib, das doch zum ersten Manne gehörte, ist eine Ehebrecherin!“
§ 8
Weil jedoch Ialdabaoth so sehr in sich versunken war, daß sie darauf gar nicht achtgab, trieb er Adam und Eva aus dem Paradiese, weil sie sein Gebot übertreten hatten. Er wollte nämlich, daß dem Adam aus Eva Kinder erzeugt würden, konnte es aber nicht erreichen, weil ihm seine Mutter in allem entgegenhandelte und Adam und Eva heimlich ihres Lichttaues entleerte, damit der ursprüngliche Geist von dem Fluch und der Schmach nicht seinen Teil empfange. Nachdem sie dergestalt von der göttlichen Substanz entleert waren, fluchte er ihnen und warf sie vom Himmel auf diese Erde hinab. Doch auch die Schlange erlitt dasselbe Geschick, da sie gegen den Vater gehandelt hatte; indem sie aber die Engel hienieden in ihre Gewalt brachte, zeugte sie sechs Söhne, So entstand, wenn man sie selbst mit einrechnet, die Nachbildung der Siebenheit, die bei dem Vater ist. Diese sieben Geister der Welt sind die beständigen Feinde und Widersacher des menschlichen Geschlechtes, weil ihretwegen ihr Vater hinabgestürzt wurde.
§ 9
Früher waren gemäß ihrer Erschaffung die Leiber Adams und Evas leicht, leuchtend und gleichsam geistig; bei ihrem Sturz aber wurden sie dunkler, dicker und träger. Doch auch die Seele wurde zerstreut und schlapp, denn sie hatte von ihrem Schöpfer ja nur einen Hauch von dieser Welt; Prounikos aber erbarmte sich ihrer und gab ihnen den lieblichen Geruch des Lichttaues wieder. So konnten sie sich auf sich selbst besinnen und erkennen, daß sie aus sich nackt und stofflich seien und den Tod in sich trügen. So wurden sie auch 88geduldig in der Erkenntnis, daß sie nur eine Zeitlang mit dem Körper bekleidet sind. Unter der Leitung der Sophia fanden sie Speisen und sättigten sich und zeugten den Kain, den die gestürzte Schlange sogleich mit ihren Söhnen in Empfang nahm und betörte und mit weltlicher Verblendung erfüllte und in Torheit und Frechheit stürzte, sodaß er als erster Neid und Tod in die Welt brachte, indem er seinen Bruder erschlug. Nach diesen soll gemäß der Vorsehung der Prounikos Seth erzeugt worden sein, darauf die Noreah; von diesen stammt die übrige Menschenmenge, die von der unteren Siebenzahl in jegliche Bosheit und Abfall von der oberen heiligen Siebenzahl, in Götzendienst und alle andere Schlechtigkeit gestürzt wurde, da ihnen die Mutter immer unsichtbar entgegen war und nur das Ihrige, nämlich den Lichttau, rettete. Die heilige Siebenzahl aber, das sind nach ihnen die sieben sogenannten Planeten, und die niedergeworfene Schlange hat zwei Namen, Michael und Samael.
§ 10
Aus Zorn aber über die Menschen, die ihn nicht ehrten noch verehrten, sandte ihnen Ialdabaoth als ihr Vater und Gott die Sintflut, um alle auf einmal zu vernichten. Da jedoch auch hier die Sophia sich widersetzte, wurden die gerettet, die bei Noe in der Arche waren, und zwar wegen jenes Lichttaues, der von ihr stammte, und durch diesen ist die Welt wiederum mit Menschen erfüllt worden. Aus diesen wählte Ialdabaoth selber einen gewissen Abraham aus und schloß mit ihm einen Bund: wenn sein Same in seinem Dienste verharre, wolle er ihm die Erde zum Erbe geben. Später führte er die Nachkommen Abrahams aus Ägypten hinaus und gab ihnen das Gesetz und machte sie zu Juden. Von diesen wählte er sieben Götter aus, die sie die heilige Siebenzahl nennen. Jeder von ihnen wählte sich, damit sein Ruhm und seine Gottheit verkündet werde, einen besonderen Propheten aus, damit auch die übrigen, den Lobpreis hörend, den Göttern dienten, die von den Propheten verkündet wurden.
§ 11
Auf folgende Weise werden nun die Propheten verteilt: Zu Ialdabaoth gehört Moses, Jesus Nave, Amos und Habakuk; zu Iao Samuel, Nathan, Jonas und 89Michäas; zu Sabaoth Elias, Joel und Zacharias; zu Adonai Isaias, Ezechiel, Jeremias und Daniel; zu Eloi Tobias und Aggäus; zu Hor Michäas und Nahum; zu Astaphäus Esdras und Sophonias. Von diesen verherrlichte nun ein jeder seinen Gott und Vater. Aber die Sophia verkündete ihrerseits durch ihren Mund vielerlei über den ersten Menschen und den unvergänglichen Äon, über den himmlischen Christus, indem sie die Menschen ermahnte und an das unvergängliche Licht erinnerte, den ersten Menschen und die Herabkunft Christi. Da nun durch diese Worte die Mächte erschreckt wurden und sich wunderten ob der neuen Verkündigungen der Propheten, da bewirkte die Prounikos durch den ahnungslosen Ialdabaoth, daß zwei neue Menschen ausgesandt wurden, der eine von der unfruchtbaren Elisabeth, der andere aus Maria, der Jungfrau.
§ 12
Aber weder im Himmel noch auf der Erde hatte sie Ruhe. Deshalb rief sie in ihrer Trauer ihre Mutter zu Hilfe. Diese, das erste Weib, erbarmte sich ob der Reue ihrer Tochter und forderte von dem ersten Menschen, daß ihr Christus zu Hilfe gesandt werde. So ging dieser aus und stieg hinab zu seiner Schwester und dem Lichttau. Als nun die untere Weisheit erkannte, daß zu ihr ihr Bruder herabsteigen wolle, da verkündete sie seine Ankunft durch Johannes, bereitete die Bußtaufe vor und richtete Jesus im voraus darauf ein, daß bei seiner Herabkunft Christus ein reines Gefäß fände und daß durch Ialdabaoth, ihren Sohn, das Weib von Christus verkündet werde. Nun stieg er durch die sieben Himmel hinab, wurde ähnlich ihren Söhnen und schöpfte allmählich ihre Kraft aus. Zu ihm strömte der ganze Lichttau zusammen, und als der Christus dann in diese Welt kam, legte er zuerst seine Schwester Sophia an, und es jubelten beide, übereinander erschauernd — und dies erklären sie für den Bräutigam und die Braut. Jesus war gerechter, reiner und weiser als alle Menschen; ist er doch aus einer Jungfrau durch die Wirkung eines Gottes geboren. Mit der Sophia verbunden, stieg der Christus auf ihn herab — und so wurde Jesus zum Christus.
§ 13
90Vielen von Jesu Schülern blieb es unbekannt, daß Christus auf Jesus herabgestiegen ist — und doch hat Jesus erst danach angefangen, Wunder zu wirken, zu heilen, den unbekannten Vater zu verkündigen und sich offen als den Sohn des ersten Menschen zu bekennen. Darob erzürnten die Mächte und der Vater Jesu und taten sich zusammen, um ihn zu töten. Als er dazu abgeführt wurde, da ist der Christus samt der Sophia von ihm in einen unvergänglichen Äon übergegangen, Jesus aber wurde gekreuzigt. Doch Christus vergaß seiner nicht, sondern schickte ihm von oben her eine Kraft, die ihn dem Leibe nach auf erweckte. Dieser Leib war ein seelischer und geistiger, denn das Weltliche ließ er in der Welt zurück. Als die Jünger sahen, daß er auferstanden war, haben sie ihn nicht erkannt, ja nicht einmal Jesum, um dessentwillen er auferstanden ist. Das war gerade der größte Irrtum unter seinen Schülern, daß sie wähnten, er sei in dem weltlichen Leibe auferstanden; sie wußten also nicht, daß „Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht besitzen können“.
§ 14
Daß der Christus auf Jesus herab und von ihm aufgestiegen sei, wollen sie damit beweisen, daß nach dem Zeugnis der Jünger Jesus weder vor der Taufe noch nach seiner Auferstehung etwas Großes getan habe; sie wissen nämlich nicht, daß Jesus mit Christus vereint war und der unvergängliche Äon mit der Siebenfaltigkeit, und nennen seinen weltlichen Körper einen seelischen. Nach seiner Auferstehung habe er noch achtzehn Monate verweilt und, indem die Aisthesis auf ihn herniederstieg, erfahren, was die Wahrheit ist — aber das teilte er nur den wenigen seiner Schüler mit, von denen er wußte, daß sie so große Geheimnisse fassen konnten. Also ist er in den Himmel aufgenommen, intern Christus zur Rechten seines Vaters Ialdabaoth saß, um die Seelen derer, die ihn und Christus erkannt haben, nachdem sie ihr weltliches Fleisch abgelegt haben, in sich aufzunehmen und sich dadurch zu bereichern. Der Vater aber ahnt und sieht nicht, daß, wie Jesus sich selbst mit den heiligen Seelen bereichert, er um ebensoviel 91Verlust erleidet, da er durch die Seelen von seiner eigenen Kraft verliert. So wird er zuletzt nicht mehr imstande sein, heilige Seelen in die Welt zu entsenden, sondern nur solche, die von seiner Wesenheit sind, d. h. solche, die aus der Einhauchung stammen. — Die Vollendung wird dann eintreten, wenn der gesamte Tau des Lichtgeistes gesammelt und in den unvergänglichen Äon übertragen ist…
§ 15
Das also sind ihre Lehren; ein vielköpfiges Ungeheuer gleich der lernäischen Schlange, das aus der Schule des Valentinus entstanden ist. Einige nämlich sagen, die Sophia selbst sei zur Schlange geworden; deshalb habe sie sich gegen den Schöpfer des Adam erhoben und den Menschen die Erkenntnis gebracht, denn die Schlange wird ja das klügste von allen Geschöpfen genannt. Und die gewundene Lage unserer Eingeweide welche die Speise befördern, soll die in uns verborgene Zeugekraft der Schlangengestalt in uns anzeigen.