So laßt uns denn in jeder Lage Gott danken, was uns auch immer begegnen möge! Das allein ist echte Dankbarkeit. Denn wenn wir es bloß im Glücke tun, so ist das nichts Großes: dazu drängt uns ja schon die Natur der Verhältnisse. Wenn wir aber in der äußersten Not noch danken, dann ist es bewunderungswürdig. Bedenke nur, welch große Weisheit und Tugend dazu gehört, Gott für etwas unsere Dankbarkeit zu bezeigen, worüber andere Lästerungen ausstoßen und in Verzweiflung geraten! Erstens hast du (dadurch) die Gottheit erfreut; zweitens hast du den Teufel beschämt; drittens hast du zu erkennen gegeben, daß das Vorgefallene dir nichts anhaben konnte. Sobald nämlich du dich (für das Unglück) bedankst, benimmt Gott ihm das Schmerzliche, 353 und der Teufel muß weichen. Denn gerätst du in Verzweiflung, so sitzt dir der Teufel auf dem Nacken, weil er seinen Zweck erreicht hat; Gott verläßt dich, weil er gelästert worden ist; und das Übel steigert sich noch. Sagst du dagegen Dank, so zieht der Teufel ab, weil er nichts ausrichten kann, und Gott vergilt es dir reichlich, weil du ihn geehrt hast; ja es ist gar nicht möglich, daß ein Mensch, der Gott für die Leiden dankt, die Leiden schmerzlich empfinde. Denn die Seele ist fröhlich gestimmt, weil sie recht gehandelt hat, erfreut sich sofort heiterer Gewissensruhe, ergötzt sich am Gefühle innerer Befriedigung; in einer heiteren Seele aber kann es nicht finster aussehen. Während hier das Gewissen den Menschen bekränzt und als Sieger ausruft, kommt dort zum Unglück noch die Geißel des Gewissens dazu. — Es gibt nichts Heiligeres als eine Zunge, die im Leiden Gott Dank sagt. Sie steht in der Tat hinter der Zunge der Märtyrer nicht zurück. Hier wie dort winkt als Lohn der Siegeskranz. Denn auch sie bedrängt ein Henker, der sie zwingen will, Gott durch Lästerung zu verleugnen; es bedrängt sie der Teufel, der sie durch marternde Gedanken zerfleischt, durch Mutlosigkeit umnachtet. Wenn man nun diese Qualen standhaft erträgt und Gott dafür dankt, so erlangt man die Krone des Martyriums. — Es ist z. B. das Kind krank, und die Mutter dankt Gott; das erwirbt ihr eine Krone. Welche Folterqual käme ihrer bangen Besorgnis gleich? Dennoch läßt sie sich keine bittere Äußerung abpressen. — Das Kind stirbt — sie dankt abermals. Dadurch ist sie eine Tochter Abrahams geworden. Denn wenn sie es auch nicht mit eigener Hand schlachtete, so brachte sie es doch mit Freuden zum Opfer, was dasselbe ist. Sie murrte nicht, als ihr das (von Gott) Geschenkte wieder genommen wurde. — Oder das Kind erkrankte, und sie hängte ihm keine Amulette um. Das wird ihr gleich dem Martyrium angerechnet; denn sie brachte ihren Sohn der Überzeugungstreue zum Opfer. Wenn nämlich jene Amulette auch nichts nützen, vielmehr eitel Trug und Possen sind, was tut das hier zur Sache? Es gab trotzdem Leute genug, die ihr einzureden suchten, daß dieselben wirklich helfen? und sie wollte ihr Kind lieber tot sehen, als heid-* 354 *nischen Götzendienst dulden. Wie nun diese eine Märtyrerin ist, gleichviel, ob sie bezüglich ihrer eigenen Person oder ihres Kindes oder ihres Gatten oder sonst eines ihrer Lieben so handelt: ebenso ist die andere eine Götzendienerin. Denn offenbar hätte sie ihr Kind den Götzen geopfert, wenn dies möglich gewesen wäre; oder besser gesagt, sie hat das Opfer schon so gut als gebracht Denn der Gebrauch von Amuletten — mögen auch diejenigen, welche ein Gewerbe daraus machen, noch so viel ausklügeln und versichern: Wir rufen Gott an und tun weiter nichts, und wie diese Ausreden alle lauten, und: Die Alte ist eine gläubige Christin —, dieser Gebrauch ist und bleibt Götzendienst, Du bist eine Gläubige? So bekreuzige dich (σφράγισον), sprich: Dies ist die einzige Waffe, das einzige Heilmittel, das ich habe; ein anderes kenne ich nicht. Sage mir, wenn ein Arzt zu uns käme und statt der Arzneien Zauberformeln anwendete, würden wir den einen Arzt nennen? Gewiß nicht; denn wir vermissen die Mittel der Heilkunst. So vermissen wir auch hier die Mittel des Christentums. — Andere Frauen wieder hängen den Kindern die Namen von Flüssen (als Amulette) um und versuchen tausend derartige Dinge. — Siehe, ich sage und verkündige euch allen vorher: Wenn jemand sich künftig dessen schuldig macht, den werde ich nicht mehr verschonen, mag er ein Amulett, einen Bannspruch oder sonst ein derartiges Zaubermittel anwenden. — Wie nun, entgegnet man, wenn das Kind stirbt? Wenn es durch solche Mittel am Leben bleibt, dann ist es gestorben; wenn es aber ohne dieselben stirbt, dann bleibt es am Leben. Nicht wahr, wenn du deinen Sohn mit feilen Dirnen umgehen siehst, so wünschest du, er möchte im Grabe liegen und sagst: Was hilft ihm denn das Leben? Und wenn du ihn bezüglich seines Seelenheiles in Gefahr erblickst, da willst du ihn am Leben sehen? Hast du nicht den Ausspruch Christi gehört: „Wer sein Leben verliert, der wird es finden; wer es aber findet, der wird es verlieren“? Glaubst du an diese Worte oder hältst du sie für leere Fabeln? Sag mir doch, wenn jemand dir riete: Führe das Kind in 355 einen Götzentempel, und es wird am Leben bleiben, würdest du diesen Rat befolgen? Nein, lautet die Antwort. Warum? Weil er mich zwingen würde, Götzendienst zu treiben; hier aber, so entschuldigt man sich, handelt es sich ja nicht um Götzendienst, sondern um eine einfache Bannformel. — Ja, darin zeigt sich eben die erfinderische List des Satans, darin besteht der gefährliche Kniff des Teufels, daß er den Betrug verdeckt und unter dem Honig tödliches Gift reicht. Weil er weiß, daß er von jener Seite dir nicht beikommen kann, so schlägt er diesen Weg ein und versucht es mit Fäden und Altweibermärchen. Das Kreuz verachtet man und zieht ihm Fäden vor; Christus wird verworfen und ein altes Weib herbeigeholt, das im Rausche Hokuspokus treibt; das Geheimnis unserer Religion wird mit Füßen getreten, und der Trug des Teufels triumphiert. — Weshalb nun, fragt man, entlarvt Gott nicht die Hilfe, die man sich von derartigen Mitteln verspricht? — Er hat sie schon oft in ihrer ganzen Nichtigkeit gezeigt, ohne dich davon überzeugen zu können; fortan läßt er dich in deinem Wahne. Denn die Schrift sagt: „Gott gab sie verwerflichem Sinne preis.“ Solches wird kaum ein vernünftiger Heide dulden. Man erzählt, ein Staatsmann in Athen habe einst derartige Geheimmittel an sich getragen; als dies nun sein Lehrer, ein Philosoph, sah, mißbilligte er es höchlich und goß die Lauge seines Spottes über ihn aus. Ja, wir sind so unselig, daß wir selbst auf solche Dinge unser Vertrauen setzen. — Warum, sagt man, gibt es heutzutage niemanden mehr, der Tote auferweckt und Krankenheilungen vornimmt? — Warum denn, so gegenfrage ich, gibt es heutzutage niemanden mehr, der dieses irdische Leben verachtet? Dienen wir Gott nur um des Lohnes willen? Als die menschliche Natur noch schwächer war, als der Glaube erst gepflanzt werden mußte, da gab es auch solche Wundertäter in Menge; jetzt aber will Gott nicht, daß wir von solchen Wunderzeichen abhängen, sondern daß wir zum Tode bereit sein sollen. Warum klammerst du dich also an das gegenwärtige Leben an? Warum 356 blickst du nicht in die Zukunft? Für das irdische Leben verstehst du dich sogar dazu, Götzendienst zu treiben; für das jenseitige aber gewinnst du es nicht einmal über dich, das Murren zu unterdrücken? Deshalb gibt es heutzutage keine solchen Wundertäter mehr, weil das ewige Leben in unseren Augen wertlos ist, da wir ja für dasselbe nichts tun, während wir für dieses Leben kein Opfer scheuen. — Und was der übrige lächerliche Aberglaube mit Asche, Ruß und Salz? Auch da spielt wieder die unvermeidliche Alte die Hauptrolle. Wahrhaftig, eine Schande und ein Spott! Da heißt es: Der böse Blick hat das Kind getroffen.