Dies nun sagt auch Paulus hier, daß Gott uns nicht nur die Auszeichnung verliehen, sondern uns auch in den Stand gesetzt hat, sie uns anzueignen. Denn das 260 ist in zweifacher Hinsicht eine Ehre: einmal das Verleihen derselben, sodann das Befähigen zur Aneignung des Geschenkes. — Er sagt nicht einfach: der gegeben hat, sondern: „der befähigt hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Lichte“; d. h. der euch unter die Heiligen eingereiht hat. Er begnügt sich aber nicht mit der Wendung: der eingereiht hat, sondern erklärt: der den Genuß derselben Güter gewährt hat, „Anteil“ ist nämlich dasjenige, was jeder bekommt. Denn man kann in derselben Stadt sein, ohne dieselben Vorteile zu genießen; aber denselben Anteil haben, ohne dieselben Vorteile zu genießen, kann man nicht. Man kann in demselben Testamente als Erbe stehen, ohne denselben Anteil zu haben. So sind wir alle zu Erben eingesetzt, haben aber nicht alle den gleichen Anteil. Hier jedoch will er nicht dies, sondern den Anteil am Erbe überhaupt hervorheben. — Warum nennt er es „Erbe“? Um zu zeigen, daß niemand durch eigene Verdienste des Himmelreiches teilhaftig wird; sondern wie die Erbschaft mehr Glückssache ist, daß es sich auch hier also verhält. Denn niemand betätigt einen solchen Lebenswandel, daß er das Himmelreich verdiente, sondern alles ist ein Gnadengeschenk Gottes. Deshalb sagt der Herr: „Wenn ihr alles getan habt, so sprecht: Unnütze Knechte sind wir, denn nur was wir schuldig waren zu tun, haben wir getan.“ — „Zum Anteil am Erbe der Heiligen im Lichte“; dem künftigen, sprich! er, und dem gegenwärtigen, d. h. der Erkenntnis. Nach meinem Dafürhalten spricht der Apostel über Gegenwart und Zukunft zugleich. — Sodann zeigt er, welcher Gnaden wir gewürdigt wurden. Denn nicht das allein ist wunderbar, daß wir des Himmelreiches gewürdigt werden, sondern man muß dabei auch in Betracht ziehen, wer wir gewesen sind; denn das ist nicht einerlei. Dasselbe tut er auch im Briefe an die Römer: „Es stirbt nämlich kaum jemand für einen Gerechten; für den Wohltäter mag vielleicht jemand sich entschließen zu sterben.“
261 V. 13: „Der uns errettet hat“, heißt es weiter, „aus der Gewalt der Finsternis …“
Sein ist das ganze Werk: er hat uns das eine wie das andere geschenkt; denn nirgends kann von unserem Verdienste die Rede sein. — „Aus der Gewalt der Finsternis“, sagt er; d. h. aus dem Irrtum, aus der Tyrannei des Teufels. Er sagt nicht: aus der Finsternis, sondern: „aus der Gewalt der Finsternis“; denn sie hatte große Gewalt über uns und beherrschte uns gänzlich. Es ist ja schon arg genug, überhaupt unter dem Teufel zu stehen; noch ärger aber, wenn seine Gewalt keine Schranken kennt. — „… und versetzt“, fährt Paulus fort, „in das Reich des Sohnes seiner Liebe …“ Gott hat also seine Menschenfreundlichkeit nicht bloß auf die Befreiung aus der Finsternis beschränkt. Nun ist freilich auch schon die Befreiung aus der Finsternis etwas Großes; aber etwas weit Größeres noch ist die Zulassung zum Himmelreiche. Betrachte also, wie vielfältig sich das Gnadengeschenk herausstellt: daß er uns, die wir in tiefem Abgrunde gefangen lagen, befreite; zweitens, daß er uns nicht allein befreite, sondern sogar ins Himmelreich versetzte. — „Der uns errettet hat.“ Er gebraucht dafür nicht den Ausdruck εζέβαλλεν, sondern das stärkere ἐρρύσατο, um die Größe unseres Elendes und die Schrecken der damaligen Gefangenschaft anschaulich zu machen. Sodann (zeigt er), wie leicht es für die Allmacht Gottes war; „und versetzt“, spricht er; so als ob man einen Soldaten von einer Garnison in die andere überführte. Er sagt nicht: er hat hinübergeführt (μετήγαγεν) oder: er hat hinübergebracht (μετέθηκεν) — denn in diesem Falle wäre das Ganze ausschließlich ein Werk dessen, der hinüberbringt, nicht (auch) dessen, der hinüberkommt —, sondern: „er hat versetzt“, so daß es nicht lediglich Gottes Werk, sondern auch Sache unserer Mitwirkung ist. — „In das Reich des Sohnes seiner Liebe.“ Er sagt nicht einfach Himmelreich, sondern 262 wählt die feierlichere Bezeichnung „Reich des Sohnes“. Dies nämlich ist die größte Lobeserhebung, die es geben kann; wie er sich auch an anderer Stelle ausdrückt: „Wenn wir ausharren, werden wir auch mitherrschen.“ Gott hat uns derselben Herrlichkeit gewürdigt wie seinen Sohn; und nicht nur das, sondern mit Nachdruck: wie seinen geliebten Sohn. Seine Feinde, die in Finsternis befangen waren, hat er wie mit einem Schlage dorthin versetzt, wo sich der Sohn befindet, an denselben Ehrenplatz wie diesen. Der Apostel begnügte sich nicht damit allein, um die Größe des Geschenkes zu zeigen; er begnügte sich nicht zu sagen „Reich“, sondern fügte noch bei „des Sohnes“; und selbst damit (begnügte er sich) nicht, sondern setzte noch hinzu: „des geliebten“; ja noch mehr, er betonte auch die hehre Würde seiner Natur. Denn was sagt er? „Welcher ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“ Aber er kommt nicht sofort darauf zu sprechen, sondern schaltet zuvor die uns (von ihm) erwiesene Wohltat ein. Damit du nämlich, wenn du hörst, daß das Ganze des Vaters Werk gewesen, nicht etwa glaubest, der Sohn sei dabei gar nicht beteiligt, so schreibt er das Ganze sowohl dem Sohne als dem Vater zu. Während dieser nämlich uns „versetzte“, bot jener die Veranlassung dazu. Denn, wie lauten die Worte des Apostels? „Der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis.“ Dasselbe aber besagen die Worte:
V. 14: „in welchem wir die Erlösung haben (durch sein Blut), die Vergebung der Sünden …“
Denn wenn uns nicht die Sünden vergeben wurden, wären wir nicht versetzt worden. Sieh hier wiederum das „in welchem“. Auch heißt es nicht Lösung, sondern „Erlösung“, so daß wir fortan nicht mehr (aus der Gnade) fallen, nicht mehr eine Beute des Todes werden sollen.
V. 15: „welcher ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor jeglichem Geschöpfe.“
263 Hier stoßen wir auf eine Streitfrage der Häretiker. Darum empfiehlt es sich, heute von ihrer Besprechung Abstand zu nehmen und sie morgen vorzubringen, weil dann eure Aufmerksamkeit noch frisch und unermüdet ist. — Soll ich aber noch weiter gehen, so behaupte ich: Größer ist das Werk des Sohnes. Wieso? Denn jenes ist ganz unmöglich, daß Gott denen das Himmelreich schenkte, die in ihren Sünden bleiben; dieses dagegen ist leichter. Also hat der Sohn dem Geschenke den Weg gebahnt. Was sagst du? Die Sünden hat er dir vergeben, also hat auch er dich zu Gott hingeführt. Damit ist vorläufig schon der Grund für die Glaubenslehre gelegt.