Wie anders als gänzliche Verrücktheit kann man das nennen? Ihr empfinget durch den Glauben solche Wohltaten, verlaßt ihn aber trotzdem und laufet aus freien Stücken wieder zum Gesetze über, das euch nichts dergleichen zu bieten vermag!
V. 3: „So unverständig seid ihr, daß ihr, nachdem ihr im Geiste angefangen habt, jetzt im Fleische (ver)endet?“
Wiederum greift er recht passend zum Spotte. Obwohl man, so meint er, mit der fortschreitenden Zeit Fortschritte machen soll, habt ihr nicht bloß keine gemacht, sondern seid auch noch zurückgegangen. Wer mit Kleinem anfängt, kommt allmählich zum Großen; ihr aber habt mit Großem angefangen und seid auf das Gegenteil zurückgekommen. Auch wenn ihr mit dem Fleischlichen begännet, hättet ihr doch zum Geistigen fortschreiten müssen; nun aber habt ihr mit dem Geistigen begonnen und seid glücklich beim Fleischlichen angelangt. Denn Wunderwerke zu verrichten, ist etwas Geistiges, sich beschneiden zu lassen, etwas Fleischliches. Ihr seid von den Wunderwerken auf die Beschneidung übergegangen; ihr hieltet die Wahrheit in Händen und fielet (wieder) zu den Vorbildern ab; ihr schautet die Sonne und suchtet (wieder) die Laterne; ihr aßet feste Nahrung und verlanget (wieder) nach Milch. — Er sagt nicht: ihr endet im Fleische, sondern: ihr „verendet“, um anzudeuten, daß jene sie nach Art des unvernünftigen Viehes einfingen und niederschlugen, während sie sich alle Willkür derselben ruhig gefallen ließen. Wie wenn ein Feldherr und Führer nach ungezählten Siegen und Trophäen die Schande der Fahnenflucht auf sich lüde und nach Belieben sich brandmarken ließe!
88 * V. 4: „So vieles habt ihr vergeblich erduldet; wenn jedoch vergeblich!“ *
Dieser Hieb sitzt noch besser als der vorige. Denn die Erinnerung an ihre Wundertaten war nicht so wirksam als der Hinweis auf die Kämpfe und die um Christi willen ertragenen Leiden. Alles das, betont er, was ihr erduldet habt, wollen jene euch nehmen, den Siegeskranz euch rauben. — Um übrigens ihren Mut nicht ganz niederzubeugen und ihre Kraft zu brechen, bleibt er nicht bei der unbedingten Behauptung stehen, sondern fügt bei: „wenn jedoch vergeblich!“ Wolltet ihr euch, so meint er, nur (ernstlich) aufraffen und zurückgewinnen, dann wäre es nicht vergeblich. — Wo bleiben nun die Gegner der Buße? Denn sieh, diese haben den Geist empfangen, haben Zeichen gewirkt, haben Christus bekannt unter unzähligen Gefahren und Verfolgungen und sind nach solchen Ruhmestaten der Gnade verlustig geworden. Aber gleichwohl, sagt er, könnt ihr, wofern ihr nur wollt, euch selber zurückgewinnen.
V. 5: „Der euch zukommen läßt den Geist und Wunder unter euch wirkt, (wirkt er) das aus Gesetzeswerken oder aus dem Anhören des Glaubens?“
Seid ihr, das ist der Sinn der Frage, solcher Gnade gewürdigt worden und habt solche Wunder gewirkt, weil ihr am Gesetze hinget oder weil ihr den Glauben bewahrtet? Offenbar des Glaubens wegen. — Weil nämlich jene Verführer die Behauptung breittraten und überall im Munde führten, daß der Glaube ohne das Gesetz keine Kraft habe, beweist er das Gegenteil, daß nämlich der Glaube nicht den geringsten Nutzen bringt, sowie er mit den Gesetzesvorschriften belastet erscheint. Denn der Glaube zeigt dann seine Kraft, wenn 89 ihm nichts vom Gesetze beigemengt wird. „Die ihr durch das Gesetz gerechtfertigt werden wollet“, heißt es, „seid aus der Gnade gefallen.“ Aber dies sagt er erst in der Folge, wo er das bereits Erwiesene zum Ausgangspunkte nimmt, sich offener auszudrücken. Für jetzt (begnügt er sich), es aus den Geschehnissen der Vergangenheit zu erweisen. Damals, sagt er, als ihr nicht auf das Gesetz, sondern auf den Glauben merktet, habt ihr den Geist empfangen und die Wunderwerke getan. — Weil vom Gesetze die Rede war, führt er sodann noch einen anderen sehr brauchbaren Grund ins Feld. Er verweist, sehr gelegen und mit großem Nachdruck, auf Abraham, indem er schreibt:
V. 6: „So wie Abraham Gott glaubte und es ihm angerechnet ward zur Gerechtigkeit.“
Gewiß, so meint er, auch die Wunderwerke, die durch euch geschehen, erweisen die Kraft des Glaubens; falls ihr aber wünschet, werde ich euch auch aus der alten Geschichte zu überzeugen versuchen. Da nämlich der Patriarch sehr viel bei ihnen galt, führt er auch ihn an und zeigt, daß er auf dieselbe Weise gerechtfertigt wurde. Wenn aber er, bevor es noch die Gnade gab, durch den Glauben gerechtfertigt wurde, obschon ihn auch die Werke zierten, um wieviel mehr dann wir! Denn was schadete es ihm, daß er nicht unter das Gesetz kam? Nichts; der Glaube reichte hin zu seiner Rechtfertigung. — Ja, erwiderst du, es gab eben damals kein Gesetz. — Gut, auch jetzt gibt es kein Gesetz, ebensowenig wie damals. — Paulus will die Notwendigkeit des Gesetzes abtun; und damit ihm nun keiner mit diesem Einwand komme, deshalb verweist er auf ihn, der vor Bestand des Gesetzes gerechtfertigt wurde. Denn wie das Gesetz damals noch nicht gegeben war, so hat das gegebene jetzt aufgehört zu bestehen. Sodann: weil sie Großes von ihrer Abstammung von Abra- 90 ham hielten und fürchteten, sie könnten durch den Abfall vom Gesetze seiner Verwandtschaft verlustig gehen, verkehrt Paulus auch dieses Bedenken ins Gegenteil und beseitigt ihre Furcht durch den Hinweis, daß gerade der Glaube die größte Annäherung an Abraham bewirke. Im Briefe an die Römer führte er diesen Gedanken weiter aus; doch betont er ihn hier nicht minder, wenn er sagt:
V. 7: „Erkennet somit: Die, welche aus dem Glauben sind, das sind Kinder Abrahams.“
Sodann begründet er auch diesen Satz durch ein Zeugnis aus dem Alten Bunde.
V. 8: „Da aber“, sagt er, * „die Schrift voraussah, daß Gott die Heiden aus Glauben rechtfertigt, hat sie dem Abraham die frohe Botschaft vorausverkündet: in dir sollen gesegnet werden alle Völker.“ *
Wenn man also nicht durch leibliche Abstammung Sohn (Abrahams) wird, sondern durch Nachahmung seines Glaubens — denn so ist das Wort zu verstehen: in dir sollen gesegnet werden —, dann ist klar, daß (auch die Heiden durch den Glauben) dieser Verwandtschaft teilhaftig werden.