Johannes Chrysostomus · In epistulam ad hebraeos argumentum et homiliae 1-34 · Buch 20 · Kapitel 3
Hat nun, sage mir, Paulus nicht mit Recht den Geiz Abgötterei genannt? Denn wie Diese ihren Götzen Ehre erweisen, so ehren Jene Kleider und Gold. Wie lange denn werden wir Koth aufrühren? Wie lange uns an Schlamm und Erde ketten? Denn wie Jene für den König der Aegyptier arbeiteten, so wirken auch wir im Dienste des Teufels und werden mit viel schärferen Geißeln gezüchtigt. Und glaube nicht, daß diese Rede eine Übertreibung enthalte; denn um wie viel die Seele vorzüglicher als der Leib ist, um so viel einschneidender sind die Striemen, mit denen wir jeden Tag getroffen werden: in Kummer und Sorgen 309 zittern und beben wir. Allein wenn wir aufseufzen wollen, wenn wir zu Gott aufblicken wollen, so schickt er uns nicht Moses, nicht Aaron, sondern sein eigen Wort und den Reueschmerz. Wenn aber das Wort gekommen sein und unsere Seelen in Besitz genommen haben wird, so wird er uns erlösen aus der bittern Knechtschaft und uns herausführen aus Aegypten, von der eiteln und vergeblichen Anstrengung, der Dienstbarkeit, die keinen Nutzen bringt. Jene sind wenigstens im Besitze von Gold, dem Lohne ihrer Arbeit, ausgezogen, wir aber sind im Besitze von Nichts - und wenn es dabei nur bliebe! Jetzt aber empfangen wir nicht Gold, sondern die Übel Aegyptens: die Sünden, Züchtigungen und Strafgerichte. Lernen wir also uns selber nützen; lernen wir Unbilden ertragen; Das ist die Aufgabe des Christen. Verachten wir daher goldgestickte Gewänder, verachten wir die Reichthümer, damit wir nicht unser Heil verschmähen. Verachten wir das Geld, damit wir nicht unsere Seele vernachlässigen; denn diese ist es, die gezüchtiget, diese ist es, die gepeiniget wird; jene Dinge bleiben hier, diese aber geht dorthin ab. Warum, sage mir, warum zerfleischest du dich selbst, und du merkst es nicht? Das sage ich den Geizhälsen. Denen aber, welche von den Geizhälsen übervortheilt werden, kann sehr gut gesagt werden: ertraget euere Beraubung mit Muth; denn jene berauben nicht euch, sondern sich selbst; euch entreissen sie zwar das Geld, sich selbst aber berauben sie des Wohlwollens Gottes und seiner Hilfe; wer aber dieser verlustig geworden, und besäße er auch den Reichthum der ganzen Welt, ist ärmer als Alle, sowie auch der ärmste von Allen, wenn er sich derselben erfreut, reicher als Alle ist; „denn der Herr,“ heißt es, „weidet mich, und Nichts wird mir mangeln.“ Sage mir einmal, wenn du einen großen und bewunderungswürdigen Mann hättest, der dich sehr liebte 310 und für dich sorgte; und wenn du ferner die Überzeugung hättest, daß er immer leben, und dich der Tod nicht vor ihm ereilen, und daß er alle seine Besitzthümer dir zur Verfügung stellen werde, so daß du sie furchtlos wie die deinigen genießen könntest: würdest du dann noch Etwas besitzen wollen? Würdest du dich deßhalb, wenn du von Allem entblößt daständest, nicht für überreich halten? Warum trauerst du nun? Weil du keine Reichthümer besitzest? Nun so bedenke, daß dir das Fundament der Sünden entzogen worden ist. Aber du bist deines Besitzstandes beraubt worden? Allein dafür erlangtest du das göttliche Wohlwollen. Aber wie, sagt man, erlangte ich dieses? Er hat gesprochen: „Warum leidet ihr nicht lieber Unrecht?“ Er hat gesprochen: „Saget Dank bei Allem!“ Er hat gesprochen: „Selig sind die Armen im Geiste.“ Erkenne also, welch’ großes Wohlwollen du genießen wirst, wenn du Solches in Werken zeigst! Denn nur Eines wird von uns verlangt, daß wir in Jeglichem Gott Dank sagen, und wir werden Alles im Überfluß haben. Hast du z. B. 10,000 Pfund Goldes verloren? Danksage alsbald Gott, und du hast dir 100,000 Pfund durch diese Worte der Danksagung erworben! Denn sage mir, wann preisest du den Job glücklich? Als er so viele Kameele und die Schafe und Rinderheerden besaß, oder als er jene Worte aussprach: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“? Denn auch der Teufel fügt uns darum Schaden zu, nicht um uns nur des Geldes zu berauben, - denn er weiß, daß dieses ein Nichts ist, - sondern um uns dadurch zu gotteslästerlichen Reden zu zwingen. So zielte auch bei dem seligen Job sein Bemühen dahin, ihn nicht bloß arm zu machen, sondern daß derselbe Gotteslästerungen ausstoße. Nachdem er ihn daher von Allem entblößt hatte, 311 siehe, was er zu ihm durch sein Weib spricht. „Lobe nur deinen Gott und stirb.“ Und doch, du Verruchter! hast du ihn seiner ganzen Habe beraubt. Aber Das war mein Bestreben nicht, sagt er; habe ich doch durch alle meine Werke gar nicht erreicht, was ich erstrebte; denn ich wollte ihn der Hilfe Gottes berauben, und darum habe ich ihn aller seiner Reichthümer entblößt: Das ist mein Wunsch, Jenes ist Nichts. Wenn mir Das nicht gelingt, habe ich ihm nicht nur keinen Schaden zugefügt, sondern noch Nutzen gebracht.