Wenn wir dies beständig erwägen, wenn wir dies beherzigen würden, so könnte uns nichts auf der Welt mißmutig machen, im Hinblick auf jenen Kämpfer, auf seine Seele von Stahl und Eisen, auf seinen durch nichts zu brechenden ehernen Willen. Gleich als wäre er mit einem Leibe von Erz und Stein umkleidet gewesen, ertrug er alles mit edlem Starkmut. Dies wollen wir uns vergegenwärtigen, um alles ohne Murren und Bedenken zu tun! — Du tust etwas Gutes und murrst? Warum? Wird dir denn ein Zwang auferlegt? Ich weiß, sagt Paulus, daß ihr viele um euch habt, die euch zum Murren bringen wollen; denn dies gibt er zu verstehen mit den Worten: „inmitten eines verkehrten und verdorbenen Geschlechtes“. Aber gerade das ist das Bewunderungswürdige, daß man, obschon dazu gereizt, kein derartiges Gefühl aufkommen läßt. Denn auch die Sterne glänzen in der Nacht, funkeln in der Finsternis und büßen dadurch nichts an ihrer eigentümlichen Schönheit ein, sondern strahlen nur in umso hellerem 130 Lichte; wenn aber der Tag anbricht, erblaßt ihr Schimmer. So verbreitest auch du, wenn du unter den Verkehrten gerade bleibst, nur um so schöneren Glanz. „Untadelhaft sein“, das ist das, was Bewunderung verdient. Damit sie ihm nämlich nicht dieses entgegenhielten, führt er es selbst vorwegnehmend an. — Was heißt; „indem ihr das Wort des Lebens festhaltet“? Das heißt: indem ihr, zu den Geretteten gehörend, sichere Aussicht auf das ewige Leben habt. Sieh, wie er sogleich den Kampfpreis nennt! Er will sagen: Die Lichter haben in sich das Wort des Lichtes; ihr das Wort des Lebens. Was besagt der Ausdruck: „das Wort des Lebens“? Ihr habt den Keim (σπέρμα) des (ewigen) Lebens, d. h. ihr habt das Unterpfand des Lebens, ihr besitzt das Leben selbst, d. h. ihr habt in euch den Keim des Lebens. Das ist es, was er „das Wort des Lebens“ nennt. Demnach also sind alle andern tot. Das ergibt sich mit Sicherheit; denn sonst würden auch die andern „das Wort des Lebens festhalten“. — „Mir zum Ruhme“, fügt er bei. Auch ich, will er sagen, habe teil an euren guten Werken. Eure Tugend ist so groß, daß sie nicht bloß euch zur Seligkeit verhilft, sondern auch mir zum Ruhme gereicht. Was für ein Ruhm ist das, heiliger Paulus? Du wirst ja gegeißelt, vertrieben, verhöhnt unsertwegen. Deswegen sagt er: „für den Tag Christi, daß ich nicht,“ fügt er bei, „vergeblich gelaufen bin und nicht vergeblich gearbeitet habe“. Ich kann mich vielmehr stets rühmen, meint er, daß ich nicht umsonst gelaufen bin.
V. 17: „Ja wenn ich auch hingeopfert werde …“
Er sagt nicht: Ja wenn ich auch sterben muß, so wenig wie im Briefe an Timotheus; denn auch dort bedient er sich des nämlichen Ausdrucks, indem er spricht: „Denn ich werde schon hingeopfert.“ Er will sie einerseits 131 über seinen eigenen Tod trösten, anderseits belehren, den Tod für Christus gerne zu erdulden. Ich werde, sagt er, gleichsam ein Trank. und Schlachtopfer. O der heiligen Seele! Ein Opfer nennt er es, wenn er sie (für den Herrn) gewonnen hat. Weit besser als das Darbringen von Rindern ist das Darbringen von Seelen. Wenn ich nun bei dieser Darbringung auch mich selbst hingeben muß, sagt er, wie einen Weiheguß meinen Tod, so freue ich mich. — „..über dem Opfer und Dienste (eures Glaubens).“ sagt er, „so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“
V. 18: „Über dasselbe aber sollt auch ihr euch freuen und mitfreuen mit mir.“
Warum freust du dich mit? Siehst du, daß er zeigt, daß sie sich freuen sollen? Ich freue mich, daß ich ein Opfer werde; ich freue mich aber mit, daß es geschieht, indes ich ein Opfer darbringe. „Über dasselbe aber sollt auch ihr euch freuen und mitfreuen“, daß ich (als Opfer) dargebracht werde. Freuet euch mit mir, der über sich selbst sich freut! — Nicht Tränen also verdient das Ende der Gerechten, sondern Freude. Wenn sie selbst sich freuen, so müssen wir uns mit ihnen freuen; denn es wäre doch ungereimt, wollten wir weinen, während sie sich freuen. — Aber, wendet man ein, wir vermissen ihren Umgang. Das ist bloße Ausrede, bloßer Vorwand. Sieh doch, was der Apostel mahnt: „Freuet euch mit mit mir und freuet euch!“ Du verlangst nach dem Umgang? Ja wenn du selbst immer hier bleiben müßtest, dann wäre dein Einwand begründet; wenn du aber nach kurzer Zeit mit dem Dahingeschiedenen wieder zusammentriffst, was sehnst du dich da nach seinem Umgang? Denn man sehnt sich nur dann, mit jemand beisammen zu sein, wenn man beständig von ihm getrennt ist. Wenn er aber denselben Weg wie du einschlagen wird, was sehnst du dich da nach seinem Umgang? Warum beweinen wir nicht diejenigen, die auf Reisen sind? Fließen da nicht unsere Tränen nur kurze Zeit und hören wir nicht schon nach einem und zwei Tagen zu weinen auf? Wenn du nach dem Umgang (des Verstorbenen) 132 dich sehnst, so beweine ihn nur eine solche Frist! Ich fühle keinen Schmerz, sagt der Apostel, sondern freue mich vielmehr über meinen Hingang zu Christus; und ihr freuet euch nicht? „Freuet euch mit mir!“ — Freuen auch wir uns, wenn wir einen Gerechten sterben sehen, ja selbst wenn wir einen sterben sehen, den wir zu den Verlorenen zählen! Denn der eine geht dahin, um den Lohn für seine Mühen zu empfangen, der andere kürzt wenigstens sein Sündenleben ab. — Aber, wendet man ein, vielleicht hätte er sich bekehrt, wenn er am Leben geblieben wäre. Aber Gott würde ihn gewiß nicht hinweggenommen haben, wenn irgendwelche Aussicht auf Bekehrung vorhanden gewesen wäre, er, der alles zu unserem Heile ordnet. Denn warum sollte er ihn nicht am Leben gelassen haben, wenn von ihm ein gottgefälliger Wandel zu erwarten gewesen wäre? Wenn er sogar diejenigen, welche sich nicht bessern, leben läßt, um so viel mehr diejenigen, welche sich bessern. —
In jedem Betracht also wollen wir uns des Wehklagens entschlagen, in jedem Betracht höre das Jammergeschrei auf! Laßt uns Gott für alles danken, laßt uns alles ohne Murren tun! Laßt uns fröhlich sein, laßt uns nach seinem Wohlgefallen leben, damit wir auch der zukünftigen Güter teilhaftig werden, in Christo Jesu, unserm Herrn, mit welchem dem Vater gleichwie dem Hl. Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.