146 Hast du gesehen, daß die Worte des Apostels an alle gerichtet sind? Und wie, wenn er wiederum sagt: „Pfleget das Fleisch nicht zur Erregung der Lüste“, redet er da nicht zu allen ohne Ausnahme? Wie, wenn er spricht: „Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diese als jenen zerstören“? Wie, wenn er sagt: „Die aber der Üppigkeit huldigt, ist lebendig tot?“, wobei er von der Witwe redet. Ist etwa auch die Witwe den Lehrern beizuzählen? Erklärt er nicht selber ausdrücklich: „Zu lehren gestatte ich dem Weibe nicht, noch sich zu überheben über den Mann?“ Wenn aber die Witwe, bei der das vorgeschrittene Alter in Betracht kommt — denn das Alter bedarf vieler Pflege —, sowie die Natur an sich — denn das weibliche Geschlecht, als das schwächere, erheischt mehr Ruhe und Schonung —, wenn er also die Witwe, bei der Alter und Geschlecht es verzeihlich machen, nicht in Üppigkeit fallen läßt, sondern vielmehr von einer solchen sagt, sie sei lebendig tot — er verbietet nämlich nicht einfachhin die Üppigkeit, sondern erklärt: „Die der Üppigkeit huldigt, ist lebendig tot“ und schließt sie aus; denn als tot ist sie ausgeschlossen —: wie sollte der Mann Verzeihung erlangen, wenn er das tut, wofür das betagte Weib gestraft wird? — Doch daran denkt keiner je, darüber stellt keiner eine Untersuchung an. Ich sah mich aber genötigt, darauf aufmerksam zu machen, nicht in der Absicht, die Priester von jeder Schuld freizusprechen, sondern in eurem eigenen Interesse. Die Priester nämlich erleiden, wenn der gegen sie erhobene Vorwurf der Geldgier begründet und verdient ist, dadurch von eurer Seite keinen Schaden; sie müssen vielmehr, ob ihr darüber sprecht oder nicht, vor dem Richter drüben sich verantworten; eure Reden also schaden ihnen in Wirklichkeit gar nichts. Sind aber eure Aussagen falsch, so haben sie von den grundlosen Verdächtigungen nur den Gewinn, 147 ihr aber eben daher den Schaden. Bei euch dagegen liegen die Verhältnisse nicht so; sondern ihr seid immer im Nachteil, wenn ihr ihnen Übles nachredet, mögen eure Anklagen gegen sie wahr oder falsch sein. Warum denn das? Sind nämlich eure Vorwürfe wahr, so schadet ihr euch dennoch selbst, weil ihr eure Lehrer richtet und die Ordnung verkehret; darf man ja nicht einmal den Bruder richten, um so weniger also den Lehrer. Sind sie aber falsch, so trifft euch furchtbare Züchtigung und Strafe; ihr werdet nämlich über jedes unnütze Wort Rechenschaft geben müssen. Euer eigenes Beste also ist das Ziel all unserer Arbeiten und Bemühungen. Aber, wie gesagt, darüber stellt keiner eine Untersuchung an, darum bekümmert sich keiner, das nimmt sich keiner zu Herzen. Soll ich noch mehr sagen? „Wenn einer“, sagt Christus, „nicht allem entsagt, was er besitzt, so ist er meiner nicht wert.“ Oder wie, wenn er spricht: „Es ist schwer, daß ein Reicher ins Himmelreich eingehe“? Oder wie, wenn er droht: „Weh euch, ihr Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin!“? Niemand forscht darüber nach, niemand läßt es sich in den Sinn kommen, niemand erwägt es bei sich selbst; aber über die Fehler anderer sitzen alle streng zu Gerichte. Allein das heißt sich fremder Sünden teilhaftig machen. — Ich muß aber auch die Priester gegen die Vorwürfe, die ihr ihnen macht, in Schutz nehmen, und zwar in eurem eigenen Interesse. So höret denn! Hinter der Ansicht nämlich, als überträten sie Gottes Gebot, steckt ein gut Teil Böswilligkeit. Wohlan also, laßt uns auch das untersuchen! Der Ausspruch Christi lautet: „Ihr sollt weder Gold besitzen noch Silber noch zwei Röcke noch Schuhe noch Gürtel noch Stab.“ Wie also? Sage mir: hat Petrus gegen den Befehl gehandelt? Wie denn nicht, da er doch Gürtel trug und Rock und Schuhe? Denn höre, was der Engel zu ihm spricht: „Umgürte dich und ziehe deine 148 Schuhe an!“ Und doch waren die Schuhe für ihn kein so dringendes Bedürfnis — denn in jener Jahreszeit kann man auch barfuß gehen; nur im Winter erweisen sie sich als unerläßlich —; gleichwohl trug er sie. Und wie steht es mit Paulus, wenn er im Briefe an Timotheus befiehlt; „Beeile dich, vor dem Winter zu kommen“, sodann ihm Aufträge erteilt und sagt: „Den Mantel, den ich in Troas bei Karpus gelassen habe, nimm mit dir, wenn du kommst, und auch die Bücher, vor allem aber die Pergamentrollen!“? Schau, er spricht von einem Mantel; und man wird schwerlich in Abrede stellen können, daß er noch einen zweiten besaß, den er eben trug. Denn hätte er überhaupt nie einen Mantel getragen, so wäre der Auftrag, ihm denselben mitzubringen, überflüssig gewesen; ist aber die Annahme, daß er nie einen trug, falsch, so besaß er offenbar noch einen zweiten. Und was sagst du dazu, daß er zwei volle Jahre in eigener Mietswohnung verblieb? So hat also dieses auserwählte Werkzeug den Befehl Christi mißachtet, er, der von sich sagen konnte: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“; er, von dem Christus selbst ausdrücklich bezeugt: „Dieser ist mir ein auserwähltes Werkzeug“? — Eigentlich sollte ich euch in diesem Widerspruche belassen und auf die gestellte Frage keine Antwort geben, sondern euch dadurch strafen für die Geringschätzung, womit ihr die Hl. Schrift behandelt. Denn daraus entspringen alle derartigen Einwendungen. Deswegen gehen wir auch mit den Sünden anderer so streng ins Gericht und kümmern uns so wenig um unsere eigenen, weil wir die Hl. Schrift nicht kennen, weil wir uns über die göttlichen Gebote nicht unterrichten. Ich sollte euch also, wie gesagt, eigentlich dafür strafen. Allein was will ich machen? Die Väter tun den Kindern zuliebe gar manches, wozu sie nicht mehr verpflichtet wären, da ihr väterliches Herz warm für sie schlägt; und 149 wenn sie das Kind beschämt und niedergeschlagen sehen, so werden sie davon viel mehr angegriffen als dieses, und es läßt ihnen keine Ruhe, bis sie die Ursache der Traurigkeit entfernt haben. Dieses soll denn auch jetzt geschehen, obschon ihr darüber betrübt sein möget, daß ihr es eigentlich nicht verdient, damit ihr es in der rechten Weise aufnehmet. —