Denn die Trübsal ist ein unzerreißbares Band, ein Mittel zur Vermehrung der Liebe, ein Anlaß zur Zerknirschung und Gottesfurcht. Denn höre, was David sagt; „Es ist gut für mich, o Herr, daß du mich gedemütigt hast, damit ich lerne deine Satzungen“; und wiederum den Ausspruch eines anderen Propheten: „Gut ist es für den Menschen, wenn er das Joch getragen hat von seiner Jugend an (Klagel. 3, 27.)“; ferner: „Glückselig der Mensch, den du in Zucht nimmst, o Herr“; und was ein anderer sagt: „Achte nicht gering. die Zucht des Herrn“; und: „Willst du den Dienst des Herrn antreten, so mache dich auf Anfechtung gefasst“. Christus 226 aber sprach zu seinen Jüngern: „In der Welt werdet ihr Bedrängnis haben; aber seid getrost“; und abermals: „Ihr werdet weinen und wehklagen; die Welt aber wird sich freuen“; und wiederum; „Eng und schmal ist der Weg“. — Siehst du, wie überall die Trübsal angepriesen wird? wie überall von ihr die Rede ist als von einer Notwendigkeit für uns? Denn wenn schon in den profanen Wettkämpfen niemand ohne dieselbe den Siegeskranz erhalten kann, ohne (nämlich) durch anstrengende Übungen, durch Enthaltsamkeit in Speise und Trank, durch streng geregeltes Leben, Nachtwachen und tausend andere Dinge sich abgehärtet zu haben: so gilt das hier in noch weit höherem Grade. Denn wen willst du (von dieser Regel ausnehmen)? Den Kaiser vielleicht? Allein auch sein Leben ist kein kummerloses, sondern voll von Trübsalen und Sorgen. Denn du mußt nicht bloß auf sein Diadem schauen, sondern auf die Sturmflut der Sorgen, welche ihm die Krone schmieden; du mußt nicht bloß auf seinen Purpur blicken, sondern auf seine Seele, die viel dunkler aussieht als jener Purpur. Die Krone drückt nicht so sehr sein Haupt, als die Sorge seine Seele. Du mußt nicht bloß die große Zahl seiner Leibwächter ins Auge fassen, sondern die große Zahl seiner Verdrießlichkeiten. Kann man doch kein Privathaus finden, das so voll von schweren Sorgen wäre wie der Kaiserpalast. Da muß man Tag für Tag auf den Tod gefaßt sein; vor dem Tische, vor dem Gelage sieht man Blut. Es läßt sich nicht sagen, wie oft dort nächtens die geängstigte Seele emporfährt und vom Lager aufspringend in schrecklichen Vorstellungen sich ergeht. Und das schon in Zeiten des Friedens; wenn aber der Krieg ausbricht, was kann es dann Bedauernswerteres geben als ein solches Dasein? Und wie vieles droht ihnen nicht von seiten der eigenen Angehörigen, von Seiten der Untertanen? Ist ja doch der Fußboden des Palastes beständig sogar mit dem Blute 227 der nächsten Verwandten getränkt. — Ich will, wenn es euch recht ist, einige Tatsachen erzählen, und ihr werdet schnell Bescheid wissen. Ich werde mich zumeist an Beispiele der Vergangenheit halten und an Vorkommnisse, die sich in unseren Tagen zugetragen haben, welche aber gleichwohl noch im Gedächtnisse bewahrt werden. Einer soll seine Gemahlin, die er im Verdachte des Ehebruches hatte, nackt auf ein Maultier festgebunden und den wilden Tieren preisgegeben haben, nachdem sie ihm bereits viele Prinzen geboren hatte. Was für ein Leben muß jener wohl geführt haben? Denn hätte nicht die heftigste Leidenschaft ihn verzehrt, so würde er nicht zu einer solchen Strafe geschritten sein. Eben derselbe ließ seinen eigenen Sohn hinschlachten; richtiger gesagt der Bruder desselben. Von seinen Söhnen gab sich der eine selbst den Tod, als er einem Usurpator in die Hände gefallen war der andere ließ seinen Vetter und Mitregenten, dem er selbst die Herrschaft übergeben hatte, umbringen und seine Gemahlin mußte er Geheimmitteln zum Opfer fallen sehen. Da 228 sie nämlich unfruchtbar blieb, so gab ihr ein elendes und unseliges Weib — elend und unselig, weil sie durch eigene Geschicklichkeit zu leisten sich vermaß, was Gott allein geben kann — gewisse Geheimmittel (πεσσούς) und bereitete dadurch der Kaiserin und sich selbst den Untergang. Derselbe Herrscher soll auch seinen Bruder gewaltsam beiseite geschafft haben. Ein anderer wieder, und zwar der, welcher nach diesem zur Regierung gelangte, wurde durch Gift beseitigt, und der Becher enthielt für ihn nicht mehr den Labetrank, sondern den Tod. Sein Sohn wurde, ohne etwas verbrochen zu haben, geblendet, weil er in der Zukunft zu fürchten gewesen wäre. Ein anderer kam so jämmerlich ums Leben, daß sich Ursache und Art des Todes anständiger Weise gar nicht schildern lässt. Von den späteren Kaisern wurde der eine wie ein Elender und Unseliger samt Pferden und Gebälk und allem andern verbrannt, und seine Gattin trauert als Witwe. Unbeschreiblich sind die Widerwärtigkeiten, die dieser Kaiser im Leben erdulden mußte, seit er sich erhob. Und das Leben des gegenwärtigen Regenten, ist es nicht, seitdem er das Diadem trägt, eine ununterbrochene Kette von Mühen, Gefahren, Beschwerden, Verdrießlichkeiten, Unglücksfällen und Nachstellungen? — Nicht so verhält es sich mit dem Himmelreiche; da herrscht vielmehr, sobald man es erlangt hat, Friede, Leben, Freude, Wonne. Auf Erden aber gibt es, wie gesagt, keinen Stand ohne Mühsal. Wenn aber das öffentliche Leben des scheinbar Glücklichsten, des Kaisers, eine solche Fülle von Unglück aufweist, wie sieht es da wohl mit seinem Privatleben aus? Und wie viele andere Übel ihn noch treffen, das läßt sich 229 gar nicht beschreiben. Wie viele Sagen haben sich vielfach darüber gebildet. Fast alle Tragödien, wie sie auf die Bühne kommen, und fast die ganze Mythologie nehmen ihren Stoff von den Königen her. Die Mythologie schöpft eben zum größeren Teil aus dem wirklichen Leben; daher erklärt sich auch der eigentümliche Reiz, der diesen Sagen innewohnt. Man denke nur an das Mahl des Thyestes und wie jenes ganze Fürstenhaus durch fortgesetzte Unglücksfälle vernichtet wurde.