Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Corinthios argumentum et homiliae 1-30 · Buch 5 · Kapitel 3
17. Denn wir sind nicht wie gar Viele Fälscher des Wortes Gottes.
Reden wir auch mit hohem Bewußtsein von uns, so nehmen wir doch für uns selbst gar kein Verdienst in Anspruch, sondern verweisen Alles auf den Beistand Christi; denn wir wollen nicht den falschen Aposteln nachahmen, die da vorgeben, es sei das Meiste ihr eigenes Werk. Das heißt fälschen, wie etwa wenn man zum Weine Wasser mischt oder um Geld verkauft, was man umsonst geben sollte. Es scheint mir nämlich, es wolle Paulus hiemit zugleich ihre Gewinnsucht tadeln und, wie schon bemerkt, zu erkennen geben, daß Jene eigene Erfindungen unter die göttliche Lehre mischten. Das hat schon Isaias gerügt mit den Worten: „Deine Wirthe mischen den Wein mit Wasser.“ Ist auch hier zunächst vom Wein die Rede, so geht man doch kaum irre, wenn man dieses Wort auch auf die Lehre bezieht. Aber nicht so wir, versichert Paulus, sondern was uns anvertraut worden, Das geben wir, ohne Mischung reichen wir den Wein der Lehre. Darum fährt er fort: „Sondern wie aus Lauterkeit, wie aus Gott, vor den Augen Gottes in Christus reden wir.“ Wir predigen nicht, um euch zu täuschen, wie es der Fall wäre, wenn wir zu Gefallen redeten oder aus uns Etwas hinzufügten und beimischten; sondern „wie aus Gott,“ d. h. wir versichern, daß wir Nichts nach eigenem Gutdünken beifügen, sondern daß Alles Gott gegeben hat. Das heißt nämlich: „aus Gott reden wir,“ daß wir uns nicht rühmen, als hätten wir Etwas von uns, sondern daß wir Alles als von Gott kommend betrachten. — „In Christo reden wir;“ uns erleuchtet nicht die eigene Weisheit, sondern Christus in seiner Kraft. Anders dagegen die Ruhmsüchtigen; sie halten ein gut Theil für ihr eigenes Werk. Da- 107 gegen erhebt sich Paulus auch an einer anderen Stelle, wenn er sagt: „Was hast du denn, das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“
Das ist überhaupt die höchste Tugend, Alles Gott zuzuschreiben, Nichts als eigenes Verdienst zu betrachten und bei Allem, was wir thun, das Wohlgefallen Gottes, nicht aber die Ehre vor den Menschen im Auge zu haben; denn Gott ist es, dem wir Rechenschaft geben müssen. Bei uns aber ist die Ordnung umgekehrt: Den, der auf dem Richterstuhle sitzen und uns zur Verantwortung ziehen wird, fürchten wir gar wenig; aber vor Denen beben wir, die einst beim Gerichte neben uns stehen werden. Woher nun diese Krankheit? Wie hat sie Eingang in unsere Herzen gefunden? Sie kommt daher, weil wir so wenig an’s Jenseits denken, weil wir zu sehr am Irdischen hängen. Daher fallen wir so leicht in Sünden, und thun wir auch einmal etwas Gutes, so geschieht es zum Scheine, so daß auch daraus uns noch Schaden erwächst. So sieht vielleicht Mancher mit zügellosem Auge auf ein Weib, ohne daß das Weib selbst, oder wer sonst auf dem Wege ist, es merkt; aber dem Auge, das nimmer schläft, ist es nicht entgangen. Denn bevor die Sünde wirklich geschieht, sieht Gott schon die Unlauterkeit der Seele, die Leidenschaft des Herzens, den Sturm und Aufruhr der Gedanken. Und Der, welcher Alles weiß, bedarf keiner Zeugen und keiner Beweise. Schaue darum nicht auf deine Mitknechte. Denn mag auch ein Mensch dich loben, was hast du davon, wenn es Gott nicht anerkennt? Und wenn ein Mensch dich verurtheilt, was schadet dir Das, wenn nur Gott dich nicht verurtheilt? Erzürne nur deinen Richter nicht dadurch, daß du auf die 108 Mitmenschen so große Rücksicht nimmst, ohne vor seinem Zürnen Furcht und Angst zu haben!
Verachten wir also das Lob der Menschen. Wie lange noch werden wir durch niedrige Gesinnung uns selbst entehren? Wie lange noch werden wir uns eigenwillig auf dem Boden hinschleppen, während Gott uns zum Himmel erheben will? Nehmen wir uns eine Warnung an den Brüdern Josephs! Hätten diese die Furcht Gottes, wie sich’s geziemte, vor Augen gehabt, so hätten sie den Bruder nicht auf freiem Felde ergriffen, um ihn zu tödten. Und hätte Kain Gottes Gericht gefürchtet, wie sich’s gebührte, so hätte er nicht zum Bruder gesprochen: „Komm, laß uns auf das Feld hinausgehen!“ Warum denn, Unglückseliger, Bejammernswerther, warum reissest du ihn weg von der Seite des Vaters und führst ihn auf’s einsame Feld hinaus? Sieht denn Gott nicht auch auf dem Felde deine ruchlose That? Hast du aus den Schicksalen deines Vaters nicht gelernt, daß Gott Alles weiß, daß er bei Allem, was geschieht, zugegen ist? Aber warum hat denn Gott, als Kain leugnete, nicht so zu ihm gesprochen: Mir willst du es verbergen, der ich bei Allem zugegen bin und alle Geheimnisse weiß? Der Grund ist der, weil Kain solche Gedanken noch nicht gehörig zu erfassen wußte. Aber was sagt denn Gott? „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir.“ So spricht Gott, nicht als hätte das Blut wirklich eine Stimme gehabt, sondern es ist ähnlich, wie auch wir von schreiender Thatsache reden, wenn es sich um allbekannte und offenkundige Dinge handelt. Daher sollen wir uns Gottes Gericht immer vor Augen halten, und alles Böse hat ein Ende.
Aus diese Weise werden wir auch beim Gebete gesammelt sein können, wenn wir erwägen, zu wem wir reden, wenn wir uns vorstellen, daß wir dem Herrn ein Opfer bringen und das Schwert in der Hand und Feuer und Holz bereit halten, wenn wir im Geiste die Thore des 109 Himmels aufschließen und dorthin uns versetzen, und wenn wir dann mit dem Schwerte des Geistes das Opfer schlachten und Gott die Sammlung der Seele als Brandopfer und Thränen als Trankopfer bringen. Denn solcher Art ist das Blut dieses geistigen Opfers; solcher Art ist das Schlachten, von dem jener Altar geröthet wird. Gestatte darum nicht, daß beim Gebete irgend ein irdischer Gedanke deine Seele erfülle!