Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Corinthios argumentum et homiliae 1-30 · Buch 10 · Kapitel 2
4. Denn wir, die wir in diesem Zelte sind, seufzen, nicht insofern wir entkleidet, sondern überkleidet werden wollen.
Hier verschließt der Apostel den Irrlehrern wieder gänzlich und vollständig den Mund; denn er zeigt, daß hier durchaus nicht von verschiedenen Leibern, sondern von Verweslichkeit und Unverweslichkeit die Rede ist. Nicht darum seufzen wir, sagt er, um vom Leibe befreit zu werden, — denn von diesem wollen wir nicht entkleidet werden, — sondern von der Verweslichkeit, die im Leibe liegt, trachten wir erlöst zu werden. Darum heißt es: Wir wollen nicht des Leibes entkleidet, sondern über denselben mit Unverweslichkeit überkleidet werden. „Damit verschlungen werde, was verweslich ist, vom Leben.“ Vielen mochte es beschwerlich erscheinen, den Leib abzulegen, und dem Urtheile Aller wäre es entgegen, wenn Paulus sagte: „Wir seufzen darnach,“ während wir doch nicht vom Leibe befreit werden wollen. — Denn wenn die Seele, konnte man sagen, so leidet und klagt, wenn sie vom Leibe getrennt wird, wie magst du behaupten, daß wir seufzen, weil wir nicht vom Leibe geschieden werden? — Damit man ihm nun Das nicht entgegenhalte, so versichert er: Auch ich sage nicht, daß wir darnach seufzen, den Leib abzulegen; — denn bei Keinem geschieht Das ohne Schmerz; sagt ja Christus auch von Petrus: „Sie werden dich bringen und führen, wohin du nicht willst;“ — sondern wir seufzen darnach, über den Leib die Unverweslichkeit anzuziehen. Denn Das ist es, was uns im Leibe beschwert: nicht daß wir 184 überhaupt mit einem Leibe, sondern daß wir mit einem verweslichen, leidensfähigen Leibe umgeben sind; Das ist es auch, was uns den Schmerz verursacht; aber vom Leben, das hinzukommt, wird die Verweslichkeit verzehrt und vernichtet, die Verweslichkeit, nicht der Leib. Und wie geschieht Dieses? Frage nicht, Gott thut es; laß die Sorge. Darum heißt es auch weiter:
5. Der uns aber eben dazu bereitet hat, ist Gott.
Damit zeigt uns der Apostel, wie dazu schon von Anfang der Grund gelegt ward. Denn nicht jetzt erst hat Gott Dieses beschlossen, sondern als er im Anfang uns aus Erde bildete und den Adam schuf; er schuf ihn nicht in der Absicht, damit er sterbe, sondern daß er ihn unsterblich mache. Und zum überzeugenden Beweise für diese Absichten Gottes fährt Paulus fort: „Der uns auch das Pfand des Geistes gegeben hat.“ Denn sowohl damals hat Gott den Menschen zu diesem Zwecke gebildet als auch jetzt hat er uns dazu bereitet mittels der Taufe und uns hiefür ein nicht geringes Unterpfand, den heiligen Geist, gegeben.
6. Voll Zuversicht also immerdar und wissend.
Diese „Zuversicht“ bezieht sich aus die Verfolgungen, die Nachstellungen, die beständigen Todesgefahren; es ist, als wenn Paulus sagte: Man bedrängt, verfolgt und tödtet dich; verzage nicht; denn zu deinem Besten geschieht Das alles; fürchte dich nicht, habe guten Muth! Worüber du nämlich seufzest und dich betrübst, daß du der Verweslichkeit dienst, Das nimmt schließlich dieselbe gänzlich hinweg und befreit dich um so schneller von dieser Dienstbarkeit. Darum heißt es auch: „Voll Zuversicht immerdar,“ wie zur Zeit der Ruhe, so auch in den Bedrängnissen. „Und wissend, 185 daß, solange wir im Leibe weilen, wir in der Fremde leben fern vom Herrn.
7. 8. Denn im Glauben wandeln wir, nicht im Schauen; wir sind aber voll Zuversicht und finden es wünschenswerth, aus dem Leibe zu wandern und heimzugehen zum Herrn.
Das Größte von Allem ist an’s Ende gestellt; denn besser als Unverweslichkeit ist das Sein bei Christus. Was aber Paulus sagen will, ist Dieses: Nicht löscht Der unser Leben aus, wer uns bekämpft und tödtet; fürchte dich nicht; habe guten Muth, wenn du hingeopfert wirst; denn wer es thut, der befreit dich nicht bloß von Verweslichkeit und Bürde, sondern sendet dich auch rasch zum Herrn. Darum heißt es auch nicht: Solange wir im Leibe sind, sondern: weilen, weil wir ja hier in einem fernen, fremden Lande uns befinden.
„Wissend nun, daß, solange wir im Leibe weilen, wir in der Fremde leben fern vom Herrn; wir sind aber voll Zuversicht und finden es wünschenswerth aus dem Leibe zu wandern und heimzugehen zum Herrn.“
Siehst du, wie der Apostel das Schmerzliche birgt, die Namen Tod und Ende, und statt Dessen, was sehr begehrenswerth ist, setzt, das Heimgehen zu Gott, und wie er, was sonst für angenehm gilt, das Leben, bei Seite läßt und vom Schmerzlichen die Benennung wählt, indem er das Leben hier ein Weilen in der Fremde nennt, fern vom Herrn? Dieß thut er, damit Niemand sein Herz an’s Irdische hänge, sondern dieses eher als Last betrachte; damit Niemand beim Nahen des Todes in Bestürzung komme, ja eher sich freue, weil sich der Weg ihm öffnet zu höheren Gütern. Dann daß nicht etwa bei den Worten: „In der Fremde weilen wir, fern vom 186 Herrn,“ Jemand frage: Warum sagst du Das? sind wir denn hier auf Erden fern vom Herrn? so beugt der Apostel diesem Einwände vor mit den Worten: „Im Glauben wandeln wir, nicht im Schauen.“ Auch hier kennen wir Gott, aber nicht so deutlich. Ähnlich heißt es auch anderswo: „Im Spiegel, im Räthsel.“ „Wir sind voll Zuversicht und finden es wünschenswerth.“ Siehe doch, bei welcher Stufe Paulus angelangt ist! nämlich beim heftigen Verlangen nach dem Tode, indem er das Beschwerliche angenehm nennt und das Angenehme beschwerlich. Denn Das: „Wir finden es wünschenswerth“ ist soviel als: Wir tragen Verlangen. Und was verlangen wir? „Aus dem Leibe zu wandern und heimzugehen zum Herrn.“ Dieß thut er, wie ich schon gezeigt habe, immer so, daß er die Rede Derer, die ihm Einwürfe machen, in’s Gegentheil wendet.
9. Darum bestreben wir uns auch, sei es hier im Leibe, sei es dort beim Herrn, ihmwohlgefällig zu sein.
Unsere Aufgabe besteht darin, daß wir, ob dort oder hier, nach dem Willen des Herrn leben; Das ist das Wichtigste. So hast du denn hier schon das Himmelreich, ohne daß du bereits vollendet bist. Die Verzögerung des Hinganges zum Herrn soll nämlich die Zuhörer, die ein so heftiges Verlangen gefaßt haben, nicht betrüben. Darum bietet ihnen Paulus hier schon das wichtigste der Güter. Und welches ist dieses? Daß wir wohlgefällig seien. Denn nicht das Scheiden an sich ist schon herrlich, sondern Das wird es erst durch das Wohlgefallen Gottes, wie auch das Leben hier nicht an sich eine Bürde ist, sondern es erst wird durch die Beleidigung Gottes.
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