Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Corinthios argumentum et homiliae 1-30 · Buch 4 · Kapitel 4
Dieses sagt Paulus, um, wie schon bemerkt, jenen Büßer in der Demuth zu erhalten und ihn zu warnen, sich nach erlangter Verzeihung nicht allzu sorglos gehen zu lassen. Ich habe ihn wieder aufgenommen, sagt er, nicht als hätte er sich von seinen Flecken völlig rein gewaschen, sondern weil man sich sonst eines Schlimmeren von ihm versehen müßte. Daraus lernen wir denn, daß wir nicht bloß nach der Beschaffenheit der Versündigung, sondern auch nach der geistigen Verfassung des Sünders Maß und Grenze der Buße bestimmen sollen. So hat es damals auch Paulus gemacht. Er fürchtet die Schwäche des Büßers; darum sagt er: „Damit er nicht verschlungen werde,“ wie man etwa von einem wilden Thiere, von Sturm und Woge verschlungen wird.
8. Deßhalb bitte und mahne ich euch.
Der Apostel befiehlt nicht mehr, sondern bittet und mahnt; er spricht nicht in seiner Eigenschaft als Lehrer, sondern wie einer aus ihrer Mitte. Die Korinther setzt er auf den Richterstuhl, er selbst stellt sich auf den Platz des Vertheidigers. Er sieht ja an dem Büßer seine Absicht erreicht, darum findet er vor Freude kaum die rechte Grenze in der Fürsprache. Und was ist denn wohl Das, zu was du sie mahnst? „Daß ihr in Bezug auf ihn die Liebe feierlich beschließet,“ das ist, sie öffentlich bekräftigt, nicht etwa kalt und gleichgiltig ihn aufnehmet. Mit diesen Worten gibt Paulus den Korinthern das Zeugniß einer hohen Tugend. Denn während vorher 89 jener Mann so hoch in Gunst und Ansehen bei ihnen stand, daß sie sogar stolz auf ihn waren, so hatten sie jetzt sich so entschieden von ihm abgewandt, daß Paulus große Mühe hat, sie zu bewegen, der Liebe wieder offenen Ausdruck zu geben. So ist es recht bei Schülern, so steht es gut mit den Lehrern, wenn die Schüler so bereitwillig gehorchen und der Lehrer ihrem Eifer das Maß bestimmt. Würde Das auch bei uns so sein, so würden nicht die Sünder ohne Scheu im Bösen fortfahren. Denn weder darf man Jemand blind zugethan sein, noch auch ohne guten Grund sich von Jemand abwenden.
9. Denn zu dem Zwecke habe ich euch auch geschrieben, damit ich die Echtheit euerer Gesinnung kennen lerne, ob ihr in Allem gehorsam seid.
„In Allem,“ sagt Paulus; also nicht bloß, wenn es sich um das Ausschließen, sondern, auch wenn es sich um die Wiederaufnahme handelt. Siehst du, wie er ihnen auch hier wieder Besorgniß einflößt? Damals, als der Frevel stattfand, machte er ihnen Angst, wenn sie den Sünder nicht ausschließen würden, indem er schrieb: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.“ Und jetzt erweckt er ihnen wieder Furcht vor den Folgen des Ungehorsams, indem er ungefähr sagt: Wie ihr damals nicht bloß über jenen Sünder, sondern auch über euch selbst zu Gericht gesessen, so müßt ihr auch gegenwärtig sogar mehr mit Rücksicht auf euch als auf jenen Mann die Entscheidung treffen, sonst könntet ihr als allzu eigenwillig und unbarmherzig erscheinen und nicht in allen Stücken gehorsam. Darum heißt es: „Zu dem Zwecke habe ich euch auch geschrieben, damit ich die Ächtheit euerer Gesinnung kennenlerne, ob ihr 90 in Allem gehorsam seid.“ Bei der Ausschließung konnte vielleicht Mißgunst und Übelwollen mitgewirkt haben, aber in der Wiederaufnahme zeigt sich der ächte und volle Gehorsam, und ob ihr auch den Gefühlen der Milde zugänglich seid. — So steht es braven Schülern zu, dem Lehrer in Allem zu gehorchen, mag er nun so oder anders verordnen. Darum sagt Paulus: „in Allem“ und gibt damit den Korinthern zu verstehen, daß ein etwaiger Ungehorsam nicht so fast dem Büßer als ihnen selbst zur Schande gereichen würde, weil sie in den Ruf eigensinnigen Festhaltens kämen. Und Dieses thut er, um Nichts unbenützt zu lassen, was sie zum Gehorsame bewegen kann. Darum sagt er auch: „In der Absicht habe ich euch geschrieben.“ Es war das freilich nicht der vornehmste Zweck des Schreibens, aber Paulus hebt ihn hier eigens hervor, um sich die Gemüther geneigt zu machen. Die Hauptabsicht war das Heil jenes Schuldigen gewesen. Aber wo es weiter keinen Nachtheil bringt, da thut Paulus auch gerne Etwas den Schülern zu Liebe. In den Worten: „Gehorsam in Allem“ liegt wieder eine Anerkennung; Paulus erinnert sie damit an den früheren Gehorsam und stellt ihnen diesen als Muster auf.
10. Wem aber ihr Etwas vergebet, dem auch ich.
Wiederum wählt er für sich die zweite Stelle, so daß jene vorangehen und er ihnen folgt. Das ist geeignet, ein aufgeregtes Gemüth zu besänftigen und blindem Eifern ein Ende zu machen. Aber die Korinther dürfen nicht hochmüthig werden, als waren sie die unumschränkten Herren und dürften über den Apostel hinwegsehen. Darum weist er sie sogleich wieder in die Schranken, indem er hervorhebt, daß auch er vergeben habe. „Denn auch ich habe,“ sagt er, „wenn ich Etwas verziehen, was ich verziehen, um euretwillen vergeben.“ Auch Dieses habe ich euch zulieb gethan. Es wiederholt sich hier wieder dasselbe Verfahren wie bei der Ausschließung des Sünders. 91 Damals gab Paulus den Korinthern nicht die Befugniß, Gnade ergehen zu lassen, indem er schrieb. „Ich habe schon entschieden, den so Beschaffenen zu übergeben dem Satan.“ Aber er hatte auch die Korinther an der Entscheidung Antheil nehmen lassen, indem er sprach: „Da ihr versammelt seid, ihn zu übergeben.“ Und damit hatte er die zwei wichtigsten Zwecke erreicht: Für’s Erste wurde das Urtheil wirklich gefällt, für’s Zweite wirkten zur Vermeidung allen Anstoßes die Korinther mit; und Paulus hatte weder die Entscheidung allein getroffen, um sich nicht in den Ruf eines stolzen herrischen Auftretens zu setzen, noch hatte er sie ganz in die Hände der Korinther gelegt, damit sie nicht etwa im Besitze dieser Macht durch unzeitige Gnade den Sünder vollends verderben. So finden wir es ähnlich bei der Wiederaufnahme. Paulus sagt: "Ich habe bereits verziehen,“ wie ich damals bereits entschieden hatte. Und „vergeben euch zuliebe,“ versichert er, damit sie nicht etwa wegen Mangels an Rücksicht sich verletzt fühlten. Aber wie? Hat Paulus Menschen zulieb verziehen? Nein; darum fügt er bei: „Im Angesichte Christi.“ Das will sagen entweder mit Gutheissung Gottes oder zur Verherrlichung Christi.
11. Damit wir nicht übervortheilt würden vom Satan; denn dessen Gedanken sind uns nicht unbekannt.
So sehen wir, wie Paulus auf der einen Seite die Entscheidung den Korinthern anheimstellt, und auf der anderen Seite sie ihnen wieder entzieht, das eine, um sie zur Milde geneigt zu machen, das andere, um keine Überhebung aufkommen zu lassen. Und für diesen Zweck dient ihm nicht bloß Das, was er bereits bemerkt hat, sondern auch der weitere Hinweis, daß der Schaden des Ungehorsams ein gemeinsamer sein würde. Und wie er im ersten Briefe gesagt hat: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig,“ so hebt er auch hier hervor: 92 „Damit wir nicht übervortheilt werden vom Satan.“ So stellt er überall die Vergebung als eine gemeinschaftliche Angelegenheit von ihm und von ihnen dar.