Inwiefern aber ist der Anfang der Hoffart „den Herrn nicht kennen“? Ganz einfach: Wer Gott kennt, wie er ihn kennen soll, wer weiß, daß der Sohn Gottes so überaus demüthig gewesen ist, dem kommt kein Stolz. Wer aber dieses nicht weiß, der wird stolz; denn die Hoffart führt zur Verblendung. Oder sage mir, wie kommt es, daß sogar die Verfolger der Kirche noch behaupten, sie kennen Gott! Ist das etwa nicht Verblendung? Siehe also, in welchen Abgrund des Verderbens sie der Umstand stürzt, daß sie Gott nicht kennen. Denn wenn Gott einen demüthigen Sinn liebt, so widerstrebt er einem hochmüthigen, und nur den Demüthigen verleiht er seine Gnade. Darum gibt es kein anderes Laster, das so groß wäre, wie die Hoffart. Sie macht den Menschen zum Teufel, zum Tyrannen, zum Gotteslästerer, zum Meineidigen, gibt ihm Gedanken an Mord und Todschlag ein. Der Hoffärtige ist immer geplagt von Unmuth, Groll und Bitterkeit. Nichts kann seine Leidenschaft befriedigen. Würde er einen König demüthig zu seinen Knieen hinsinken sehen, es wäre ihm nicht genug, er würde sich nur noch mehr überheben. Wie den Habsüchtigen nur immer um so mehr fehlt, je mehr sie bekommen, so begehren auch die Stolzen immer mehr Ruhm und Ehre, je mehr ihnen zu Theil wird. Der Ehrgeiz wächst eben immer mehr, denn er ist eine 739 Leidenschaft, und die Leidenschaft hat keine Grenzen, sondern hört erst dann auf, wenn sie Denjenigen, der von ihr besessen ist, zu Grunde gerichtet hat. Weißt du nicht, daß die Säufer immer Durst haben? Das ist Leidenschaft, kein natürliches Bedürfniß, sondern ein naturwidriger Zustand. Hast du nie gehört, daß die sogenannten Heißhungrigen allzeit Hunger haben? Das ist ein krankhafter Zustand, eine Begierde, welche die Grenzen der Natur überschreitet, wie die Ärzte sagen. Neugierige und vorwitzige Menschen können sich mit Dem, was sie hören und erfahren, nicht begnügen. Sie stehen unter dem Einflusse einer krankhaften Sucht, die kein Maß und Ziel kennt.
Auch Diejenigen, welche der Unzucht ergeben sind, kommen nicht zur Ruhe; „denn dem Unzüchtigen,“ heißt es, „schmeckt jeder Bissen süß.“ Er läßt nicht davon ab, bis er denselben verzehrt hat; es wirkt eben die Leidenschaft. Das sind nun Leidenschaften, krankhafte Zustände, aber nicht unheilbare, nein, sie können noch weit eher geheilt werden als körperliche Krankheiten. Wenn wir nur ernstlich wollen, können wir sie ganz ausrotten und ersticken. Wie kann man demnach z. B. den Hochmuth ersticken und ausrotten? Durch die Erkenntniß Gottes. Denn wenn der Hochmuth durch die Unkenntniß Gottes entsteht, so muß er durch die Kenntniß Gottes ausgerottet werden.