Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 6 · Kapitel 4
Also seien wir nicht so sehr darauf bedacht, daß mit reinlichen Händen beten und geben, sondern daß die Gabe rein sei. Andernfalls wäre ja die Sache ein Hohn, gerade wie wenn Jemand auf einen rein gewaschenen Opferteller eine unreine Gabe legen wollte. Wäre Das nicht Spott und Hohn? Ja, die Hände sollen reinlich sein.
Sie 334 werden es aber sein, wenn wir sie vorher nicht bloß mit Wasser, sondern auch mit Gerechtigkeit waschen. Das reinigt die Hände. Sind sie aber voll Ungerechtigkeit, so ist es Nichts, wenn du sie auch tausendmal mit Wasser abwaschest. „Waschet euch,“ heißt es, „seid rein!“ Hat er hinzugesetzt: „Gehet zu den Quellen, Bädern, Seen und Flüssen“? Nichts davon. Sondern was meint der Prophet? Nehmet euere Bosheit weg von euerer Seele! Von diesem Schmutz will er uns befreit wissen, Das ist die wahre Reinlichkeit. Die andere nützt nicht viel, diese erlaubt uns eine freie Sprache mit Gott. Jene andere Reinlichkeit kann sich auch bei Ehebrechern, Dieben und Mördern finden, bei Wüstlingen, bei zügellosen Menschen, bei Hurern und bei Hetärenfreunden. Ja gerade bei diesen am meisten; denn die sind’s, welche sich um die Reinlichkeit des Körpers am allermeisten kümmern, die fortwährend von Salben duften, die immer putzen an ihrem — Grabe. Ja, ein Grab ist ihr Körper, und drinnen liegt die todte Seele. Also dieser Art von Reinigkeit können auch solche Menschen sich befleissen, der inneren aber nicht. Das ist nichts Besonderes, wenn du deinen Körper abwaschest. Das ist eine bloß jüdische Reinigung, eine sinnlose und unnütze, wenn die innere nicht da ist. Gesetzt, es ist Einer am ganzen Leib voll Geschwüre und Wunden, und er wäscht sich von oben bis unten: was hat Das für einen Nutzen, für einen Zweck? Wenn nun Einer sich für die Geschwüre am Körper nicht helfen kann durch ein bloß äusserliches Abwaschen und Abwischen der Hautfläche, was wird dann die körperliche Reinlichkeit helfen, wenn in der Seele ein Geschwür sitzt? Gar Nichts! Wir brauchen reine Gebete. Gebete aber können nicht rein sein, wenn das Herz, aus dem sie aufsteigen, befleckt ist. Nichts befleckt das Herz so sehr wie Habsucht und Raub. Aber es gibt Leute, welche, nachdem 335 sie den ganzen Tag Böses gethan, am Abend sich waschen, in die Kirche gehen und ganz ungenirt die Hände falten, als ob mit dem Wasserbad alle Sünden abgewaschen wären. Wenn sich’s so verhielte, dann wäre es freilich ein großer Nutzen, sich jeden Tag zu waschen. Wenn’s so wäre, dann würde ich selber auch nicht mehr aus dem Bade herauskommen, wenn es nämlich innere Reinigung erschaffen und die Sünden hinwegnehmen würde. Ich mache natürlich da nur einen Scherz und meine es nicht ernst. Gott wendet sich nicht ab vom Schmutze des Körpers, wohl aber von der Unreinigkeit der Seele. Höre, was er spricht: „Selig sind, die ein reines Herz haben.“ Spricht er da vom Körper? Nein, sondern „die ein reines Herz haben, die werden Gott anschauen.“ Und was sagt der Prophet? „Ein reines Herz schaffe in mir, o Gott!“ Und wiederum: „Wasche ab von Ungerechtigkeit dein Herz.“
Es ist etwas Vortreffliches um eine gute Gewohnheit. Man betrachte, wie unbedeutend und eigentlich nutzlos diese Waschungen sind! Hat sich aber die Seele einmal in die gute Gewohnheit hineingelebt, dann ist es ihr unmöglich, vor den Altar hinzutreten ohne vorherige Übung derselben. So haben wir uns zum Beispiel daran gewöhnt, uns erst zu waschen und dann zu beten; wir können Letzteres nicht mehr ohne vorausgehende Waschung. Im Gegentheil, es thut uns Nichts wohl beim Gebete, wenn wir es mit ungewaschenen Händen verrichten; wir glauben, bei Gott anzustoßen, und haben kein gutes Gewissen. Wenn nun diese geringfügige Gewohnheit uns so sehr beherrscht und wir sie jeden Tag üben, so würden wir an’s Almosengeben gewöhnt, uns auch zur fortwährenden Übung dieser Gewohnheit entschließen und nie- 336 mals mit leeren Händen in das Bethaus gehen, und Alles wäre in Ordnung. Groß ist ja die Macht der Gewohnheit im Guten sowohl wie im Schlimmen. Wir brauchen uns fernerhin gar keine Mühe zu geben. Gewohnheit zieht uns. Viele sind es gewohnt, sich fortwährend zu bekreuzen, und es bedarf dazu gar keines besonderen Anlasses, sondern sogar während ihr Geist anderwärts herumschweift, macht die Hand, als ob die Gewohnheit als eine im Innern wohnende Lehrerin sie führen würde, unwillkürlich das Zeichen des Kreuzes. Einige haben sich’s zur Gewohnheit gemacht, nicht zu schwören und sei es mit oder ohne Absicht, sie halten sich daran. Gewöhnen auch wir uns an das Almosengeben. Welche Mühe würde es uns kosten, dieses Heilmittel zu entdecken. Denn sage mir, wenn uns der Trost des Almosengebens versagt wäre, und wenn wir dann mit tausend Sünden belastet der ewigen Strafe entgegensehen müßten, würden wir nicht großen Jammer aufschlagen, würden wir nicht ausrufen: O wenn es doch möglich wäre, sich mit Geld von den Sünden loszukaufen, Alles wollte ich hingeben. Wenn ich mit Geld den Zorn Gottes beschwichtigen könnte, ich würde mein Vermögen nicht schonen! Und wenn wir in der Krankheit Das thun, und wenn wir beim Tode eines Menschen die Äusserung machen: „Wenn man sich vom Tode loskaufen könnte, dann würde Der oder Jener sein ganzes Vermögen opfern, so gilt Das noch viel mehr in unserem Falle. Und nun betrachte man die Größe der göttlichen Barmherzigkeit! Er hat es in deine Hand gelegt, dich zwar nicht vom zeitlichen, wohl aber vom ewigen Tode mit Geld loszukaufen. Erkaufe dir, sagt er, nicht dieses werthlose irdische, sondern das jenseitige ewige Leben! Das verkaufe ich dir, das irdische nicht. Ich betrüge dich nicht. Wenn du das irdische nimmst, davon hast du nichts; daß das andere viel werth ist, Das weiß ich. So machen es unsere Kaufleute und die irdischen Händler nicht. Jene können einen Betrug spielen, wenn sie wol- 337 len, und können den Tand für feine Waare geben. Gott aber macht es nicht so; im Gegentheil, für etwas Unbedeutendes gibt er etwas viel Werthvolleres. Sage, wenn du zu einem Juwelenhändler kämest, und es würden dir zwei Steine vorgelegt, der eine von gewöhnlicher Sorte, der andere kostbar und ein ganzes Vermögen repräsentirend, und wenn du dann für jenen gewöhnlichen den Preis hinlegtest, aber den schwereren dafür erhieltest, würdest du dann auf den Mann böse sein? Gewiß nicht; im Gegentheil, du würdest um so angenehmer erstaunt sein. In ganz gleicher Weise werden uns auch jetzt zwei Leben vorgelegt, das zeitliche und das ewige. Gott hat sie zu verkaufen. Aber er verkauft uns das ewige, nicht das zeitliche. Warum schmollen wir gleich unverständigen Kindern, weil wir das ewige bekommen? Man kann also um Geld das ewige Leben kaufen, frägst du? Ja gewiß, wenn wir unser eigenes, nicht fremdes Geld hergeben, wenn wir keinen Betrug spielen. „Aber es ist nun einmal mein,“ sagst du. Nein, es gehört dir nicht nach dem Betruge, sondern dem Andern. Es ist fremdes Gut, und wenn du dich tausendmal zum Herrn desselben gemacht hast. Auch wenn du ein Depositum erhältst, so ist es während der Zeit, wo der Depositär in der Fremde weilt, nicht dein Eigenthum, wenn es gleich in deinem Schranke liegt. Wenn also Dasjenige, was von Depositären freiwillig und in der Voraussetzung eines Freundschaftsdienstes in unsere Hände gelegt wird, nicht unser Eigenthum ist, sogar nicht während der Zeit, wo es in unserem Hause liegt, um wie viel weniger Das, was wir Anderen rauben, während sie sich sträuben und widersetzen? Dieser ist der Eigenthümer, und magst du hundertmal in dessen Besitz sein. Unser wirkliches Eigenthum ist die Tugend, unser eigenes Geld aber ist nicht einmal ein richtiges Eigenthum, geschweige denn ein fremdes. Heute mag es uns gehören, morgen nicht mehr. Der Schatz der Tugend 338 ist wirklich unser. Er wird nicht vermindert wie jenes; wer ihn einmal hat, besitzt ihn in seinem vollen Bestande. Die Tugend also wollen wir erwerben, das Geld aber verachten, damit wir die wahrhafte Seligkeit erlangen, der wir alle gewürdigt werden mögen!
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