Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 9 · Kapitel 2
Nichts ist drastischer als dieser Ausdruck. Die bunte Menge der Lehrer nämlich deutet der Apostel an mit dem Ausdruck „aufeinanderstapeln“ (σωρεύσουσιν) und auch die Wahl derselben von Seite der Schüler. „Sie werden sich aufeinanderstapeln Lehrer, die ihren Ohren schmeicheln.“ Sie suchen sich solche, an denen sie Vergnügen haben, und die sie gerne hören.
4. Und von der Wahrheit werden sie das Ohr wegwenden, aber den Fabeln werden sie es zuwenden.
Das sagt der Apostel dem Timotheus voraus, nicht als wollte er ihn muthlos machen, sondern damit er standhaft bleibe, wenn es dereinst eintritt. So hat auch Christus gethan, wenn er sagt: „Sie werden euch dem Gerichte 376 überliefern, euch geißeln und in die Synagogen führen um meines Namens willen.“ Auch anderswo sagt der hl. Paulus: „Ich weiß, daß, wenn ich fort bin, reissende Wölfe bei euch eindringen werden, welche die Heerde nicht schonen.“ Solche Dinge sagte er, damit seine Zuhörer wachsam bleiben und das irdische Dasein gut benutzen sollten.
5. Du aber sei wachsam in Allem, unterziehe dich allen Beschwerden!
Siehst du, wie Das der Zweck seiner Vorhersagungen ist? Auch Christus sprach vor seinem Ende: „Es werden falsche Christus und falsche Propheten aufstehen.“ Und so hat auch Paulus gethan in der Stunde, wo er hinübergehen sollte.
„Du aber sei wachsam in Allem! Unterziehe dich allen Beschwerden,“ d. h. mühe dich ab, baue dir vor, ehe jene Pest ausbricht, bringe deine Schafe in Sicherheit, bis die Wölfe kommen, unterziehe dich zu diesem Behufe jeglicher Mühe!
„Arbeite als Verkünder des Evangeliums, erfülle deinen Dienst!“ Das ist also die evangelische Arbeit, daß man Beschwerden auf sich nimmt, die man sich theils selber bereitet, und die Einem Andere bereiten.
„Erfülle deinen Dienst,“ d. h. thue ihn vollständig!
Nun kommt ein anderer zwingender Grund zum Arbeiten und Leiden:
377 6. Denn ich werde schon ausgegossen wie ein Trankopfer, und die Zeit meiner Auflösung ist nahe.
Es heißt nicht einfach: „wie ein Opfer,“ sondern was mehr ist; denn ein bloßes Opfer wird nicht vollständig Gott dargebracht, das „Trankopfer“ aber bis auf den letzten Tropfen.
7. Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt.
Gar oftmals, wenn ich den Apostel zur Hand nahm und diese Stelle betrachtete, kamen nur Bedenken, und ich fragte mich, warum denn wohl der hl. Paulus sich da so in die Brust wirft und sagt: „Ich habe den guten Kampf gekämpft.“ Jetzt aber glaube ich, mit der Gnade Gottes die Antwort gefunden zu haben. Also weßhalb sagte er Das? Er will dem Jünger in seiner Zaghaftigkeit Trost zusprechen, er will ihm Muth machen, da er ja bloß hingeht, um die Krone zu empfangen als Einer, der vollendet, der ein schönes Ziel erreicht hat. Man muß sich freuen darüber, will er sagen, nicht betrüben. Warum? „Ich habe den guten Kampf gekämpft.“ Es ist gerade, als würde ein Vater seinem Söhnchen, das neben ihm sitzt und sich über seine Verwaisung nicht fassen kann, Trost zusprechen und sagen: „Mein Kind, weine nicht; ich habe ein schönes Leben hinter mir, erst in spätem Alter verlasse ich dich, mein Leben war tadellos, ehrenvoll scheide ich von hinnen; auch dir zollt man Bewunderung wegen meiner Thaten, der König ist mir zu großem Dank verpflichtet; ich habe glorreiche Siege aufzuweisen, habe die Feinde geschlagen.“ Das wäre nicht Ruhmredigkeit, Gott bewahre, damit würde er bloß den Sohn aufrichten, ihn lehren, daß er auf Grund dieser rühmlichen Erinnerungen die kommende Stunde leichter trage, daß er schöne Hoffnungen hege und 378 nicht glaube, die Sache sei gar so schwer. Denn bitter, recht bitter ist ja das Scheiden. Höre nur, was der Apostel selber sagt: „Da wir eine Weile eurer beraubt waren, dem Angesichte, nicht dem Herzen nach, so hat uns eine große Sehnsucht nach euch ergriffen.“ Wenn nun er selbst die Trennung von seinen Jüngern so schmerzlich empfand, was muß erst Timotheus empfunden haben! Wenn ihm schon die Trennung von dem Lebenden Thränen erpreßte, so daß Paulus sagen konnte: „Eingedenk deiner Thränen…, damit ich mit Freude erfüllt werde,“ um wie viel mehr wird Das nach dessen Tode der Fall sein! Also diese Worte schrieb der Apostel für Timotheus zum Troste; der ganze Brief ist ja voll solchen Trostes, er ist eine Art Testament.
„Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt.“ „Den guten Kampf.“ Also nimm ihn du ebenfalls auf dich! Wo Kerker, wo Fessel, wo Tod ist, ist das der „gute Kampf“? Jawohl, denn Das hat alles um Christi willen statt. Der bringt herrliche Kränze. „Den guten Kampf.“ Nichts ist besser als dieser Kampf; dieser Kranz verwelkt nicht, er besteht nicht aus Olivenzweigen, nicht ein Mensch ist Geber, nicht Menschen sind Zuschauer. Engel bevölkern das Theater. Bei den weltlichen Spielen mühen sich die Kämpfer viele Tage lang ab, eine Stunde währt die Bekränzung, und dann ist die ganze Freude aus. In unserem Falle aber ist es nicht also, da dauert Glanz, Ruhm und Ehre ewig.
Für den Apostel beginnt jetzt die Freude: ich gehe, (will er sagen) jetzt zum Ausruhen, ich verlasse die Renn- 379 bahn. Du hast ja gehört, daß es besser ist, aufgelöst und mit Christus zu sein.
„Ich habe den Lauf vollendet.“ Nämlich es handelt sich sowohl um einen Wettkampf als um einen Wettlauf: um den Kampf, indem man die Bedrängnisse starkmüthig erträgt; der Lauf aber ist nicht so schlechthin gemeint, sondern er geht nach einem bestimmten guten Ziele. Um den Kampf ist es etwas Herrliches; er ergötzt nicht bloß den Zuschauer, sondern nützt ihm auch; ebenso ist der Lauf nicht eine ziellose Bewegung, nicht eine bloße Schaustellung der Kraft, nicht eine Befriedigung des Ehrgeizes, sondern er zieht Alles zum Himmel empor. Der Lauf, den Paulus auf der Erde vollführte, ist glänzender als der, welchen die Sonne am Himmelsbogen macht. Wie hat er aber den Lauf „vollendet“? Er hat die ganze Erde umkreist, anfangend von Galiläa und Arabien und weiter wandernd bis an die Grenzen der Erde, „so daß ich,“ wie er selber sich ausdrückt, „von Jerusalem an und ringsum bis Illyrien das Evangelium verkündigt habe.“ Und so hat er die ganze Erde durchflogen wie ein Vogel, ja noch ganz anders als ein Vogel; denn ein solcher rührt einfach seine Flügel, Paulus aber flog mit den Schwingen des Geistes und flog hinweg über tausend Hindernisse, über Tod, Nachstellung und Drangsal. Deßhalb war er auch schneller als ein Vogel. Da er aber von den Schwingen des Geistes getragen wurde, schwang er sich über alle Netze hinweg wie ein Vogel mit Feuerflügeln.
„Ich habe den Glauben bewahrt.“ Vieles traf zusammen, was ihm denselben rauben sollte, nicht bloß feindliche Beziehungen zu den Menschen, sondern auch Drohungen und Todesgefahren. Aber er stand fest gegen 380 Alles. Wie brachte er Das zu Wege? Durch Fasten und Wachen.
Das nun konnte hinreichen zur Tröstung seiner Jünger, aber er spricht weiterhin auch noch von den Kampfpreisen. Welcher Art sind diese?
8. Im Übrigen ist mir die Krone der Gerechtigkeit hinterlegt.
Unter Gerechtigkeit versteht er hier wiederum das ganze Tugendleben. Also darf man nicht trauern, da ich ja die Welt verlasse, um die Krone zu empfangen, die Christus mir auf’s Haupt setzen wird. Im Gegentheil, wenn ich hier bliebe, wäre es wirklich am Platze, zu trauern und Angst zu haben, daß ich verloren gehen könnte.
Die mir Gott geben wird an jenem Tage, der gerechte Richter, aber nicht bloß mir, sondern auch Allen, welche seine Ankunft lieben.