Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 4 · Kapitel 2
Hier zeigt der Apostel auch an einem aus dem gewöhnlichen Leben genommenen Beispiele, wie Gott Nichts für sich in Anspruch nimmt und wie dem kirchlichen Lehrberufe sein Lohn wird. Wie der Landmann, sagt er, nicht 298 ohne Gewinn arbeitet, sondern in erster Linie die Frucht seiner Arbeit selber genießt, so muß es auch beim Lehren sein. So versteht das der Apostel; oder er meint vielleicht die Verehrung, welche den Lehrern zu Theil wird. Aber dieß Letztere hätte keinen rechten Sinn. Denn warum spricht er nicht schlechthin vom Landmann, sondern vom „arbeitenden Landmann“? Und nicht von einem, der einfach arbeitet (κάμνοντα), sondern der „schwer arbeitet“ (κοπτόμενον)? Mit diesem Beispiel will der Apostel auch dem Zaudern und dem Mißmuth entgegentreten und sagen: du bekommst schon hinieden deinen „Lohn“, oder: „In der Arbeit selber liegt der Lohn.“
Nachdem nun der Apostel die Beispiele vom Soldaten, Athleten und Landmann beigebracht, kurz nachdem er durchaus in Bildern gesprochen: „Keiner wird gekrönt, falls er nicht gesetzmäßig kämpft,“ und weiter: „Der schwer arbeitende Landmann soll zuerst an den Früchten Theile haben,“ so fährt er jetzt fort:
„Verstehe was ich sage. Der Herr nämlich möge dir Einsicht geben in Allem!“ Deßhalb ist Alles das in Bildern und Gleichnissen gesagt.
Dann tritt wieder die zärtliche Sorge des Apostels hervor, indem er nicht aufhört ihn zu bitten, als fürchte er für seinen leiblichen Sohn:
8. Denke daran, daß Jesus Christus aus dem Stamme David von den Todten auferstanden ist, nach meinem Evangelium,
299 9. Um dessentwillen ich leide bis zu Banden gleichwie ein Übelthäter!
Warum erwähnt er Das hier? Jedenfalls auch um gegen die Irrlehrer Front zu machen, zugleich aber um dem Timotheus Muth zuzusprechen und ihn auf den Gewinn des Leidenlebens hinzuweisen, da ja auch unser Meister Jesus Christus selber durch Leiden den Tod besiegt hat. Daran erinnere dich, will der Apostel sagen, und du wirst hinreichenden Trost finden.
*„Denke daran, daß Jesus Christus aus dem Stamme David von den Todten auferstanden ist.“ Es fingen nämlich schon damals einige an, die ganze Heilsökonomie umzustürzen, indem sie sich schämten, an die Größe der göttlichen Barmherzigkeit zu glauben. So groß war Das, was Gott für uns gethan, daß die Menschen Anstand nehmen es Gott zuzuschreiben und daß sie an solche Thatsachen gar nicht glauben.
"Nach meinem Evangelium.“ Überall beruft er sich in seinen Briefen auf sein Evangelium. Entweder soll das eine Aufforderung sein, ihm zu glauben, oder es bezieht sich auf Andere, die ein anderes Evangelium predigen.
„Um dessentwillen ich leide bis zu Banden gleich einem Übelthäter.“ Abermals nimmt er den Trost, die Aufmunterung von seiner eigenen Person her. Und es liegt eine doppelte Stärkung für den Zuhörer darin: einmal weiß er, daß Paulus Ungemach erduldet und dann duldet er es nicht umsonst. Auf solche Weise hat Timotheus Gewinn; in anderm Falle aber Schaden. Denn was würde es nützen, wenn er weiß, daß der Meister Ungemach duldet, jedoch ohne einen Gewinn? Aber das ist das herrliche, daß es mit Gewinn, daß es zum Nutzen der Jünger geschieht.
300 „Aber das Wort Gottes ist nicht gebunden,“ d. h. wenn wir weltliche Soldaten wären oder in einen irdischen Krieg zögen, dann würden die Fesseln ein starkes Hinderniß sein für die Hände. Nun aber hat uns Gott so ausgerüstet, daß wir Keinem zu unterliegen brauchen. Die Hände sind zwar gebunden, aber nicht die Zunge. Die Zunge kann Niemand binden, nur Feigheit und Unglaube ist dazu im Stande. Wenn wir davon frei sind, so kann man uns Ketten anlegen, die Predigt ist nicht gefesselt. Wenn Jemand z. B. einen Landmann fesselt, so hindert er die Aussaat, denn mit der Hand wird gesäet; bindet er aber einen Lehrer, so hemmt er das Wort nicht, denn er sät mit der Zunge, nicht mit der Hand. Es ist also unser Lehrwort der Fessel nicht unterworfen; denn wenn auch wir selber gebunden sind, das Wort ist frei und fliegt weiter. Wie ist Das möglich? frägst du. Siehe, antwortet der Apostel, ich bin gefesselt und predige dennoch! Dieß soll eine Aufmunterung sein für Jene, die noch der Freiheit genießen. Wenn ich im Gefängnisse predige, dann müßt ihr in euerer Freiheit Dieß noch viel eher thun. Du hast gehört, daß ich leide wie ein Übelthäter. Werde nicht traurig darüber! Es ist ja etwas ganz Wunderbares, wenn ein Gefesselter handelt wie ein freier Mann, wenn ein Gefesselter Alles beherrscht, wenn ein Gefesselter Jene überwindet, die ihn fesseln. Um Gottes Wort handelt es sich, nicht um das unsrige. Ketten von Menschen angelegt gibt es für das Wort Gottes nicht.
Aber ich leide Das für die Auserwählten; denn:
10. Darum erdulde ich Alles um der Erwählten willen, damit auch sie das Heil erlangen, das da ist in Christus Jesus sammt der ewigen Herrlichkeit.
Siehe, ein anderer Trostgrund. Nicht um meinetwillen, sagt der Apostel, sondern für das Heil Anderer ertrage 301 ich solches Ungemach. Ich könnte ganz ruhig dahinleben, ich brauchte Nichts von all Dem zu leiden, wenn ich bloß auf mich selber Rücksicht nähme. Aber warum habe ich solches Leid auf mich genommen? Für das Glück Anderer, damit Andere des ewigen Lebens theilhaftig werden. Was versprichst du da, o Paulus? Er sagt nicht schlechthin: „um Dieser willen“, sondern: „um der Auserwählten willen.“ Gott ist’s, der sie auserwählt hat; wir müssen Alles für sie dulden, „damit auch sie das Heil erlangen.“ Mit den Worten: „auch sie“ ist gemeint und gesagt: „gleichwie auch wir.“ Denn auch uns hat Gott auserwählt. Und gleichwie Gott für uns gelitten hat, müssen auch wir für sie leiden. Es ist also Das nur ein Vergeltungsakt, nicht eine Gnade von unserer Seite. Von Seite Gottes war es eine Gnade, er hat uns eine Wohlthat erwiesen, ohne vorher von uns eine solche erhalten zu haben; von unserer Seite ist es bloß Wiedervergeltung. Nachdem wir von Gott Gutes empfangen, leiden wir für Diese, „damit sie das Heil erlangen.“ Wieso? Was für ein Heil? Wenn du dir selber das Heil nicht verschaffen kannst, sondern zu Grunde gehest, wirst du das Heil einem Andern verschaffen? Der Apostel setzt deßhalb nicht hinzu „dieses“ Heil, sondern das Heil, „das da ist in Christus Jesus,“ das wahre Heil, „sammt der ewigen Herrlichkeit.“ Die Gegenwart ist voll Trübsal, aber sie gehört nur dieser Welt. Die Gegenwart ist niederschlagend, aber sie ist vergänglich. Voll Weh und Bitterkeit ist sie, aber nur noch heute und morgen.