Als Joseph dies hörte nahm er kein Ärgernis und sagte nicht: Das ist mir unverständlich! Hast du nicht früher gesagt, er werde sein Volk erretten? Und jetzt kann er nicht einmal sich selber retten, und wir müssen fliehen in fremdes Land, zu langer Verbannung! Das ist ja das gerade Gegenteil von dem, was du versprochen hast! Nichts von all dem sagt Joseph; denn „er war ein gerechter Mann“. Auch die Zeit der Rückkehr sucht er nicht zu erfahren, da ihn der Engel auch hierüber auf unbestimmte Zeit verwiesen; „denn“, sagt er, „du sollst dort bleiben, bis ich es dir sagen werde“. Aber auch daraufhin wird Joseph nicht überdrüssig; nein, er ist willig und gehorcht, und er trägt alle Prüfungen mit Freude. Gott hat ja in seiner Liebe unter die Mühsale dieses Lebens auch Freuden gemischt. Das tut er übrigens bei allen Heiligen. Weder Leid noch Freud schickt er ohne Unterbrechung, sondern das eine wie das andere hat er ins Leben der Gerechten eingestreut. So hat er es also auch hier gemacht. Denn siehe! Joseph bemerkte, dass die Jungfrau schwanger war. Das machte ihn verwirrt und äußerst besorgt; er hatte die Jungfrau im Verdacht, einen Ehebruch begangen zu haben. Da kam aber auch schon der Engel, und befreite ihn von Argwohn und Angst; und als dann Joseph das neugeborene Kind sah, empfand er darüber die größte Freude. Bald folgte aber dieser Freude eine neue Gefahr. Jerusalem geriet in Aufregung, der König war in Zorn und strebte dem Kinde nach dem Leben. Aber auch auf diesen Schrecken kam eine neue Freude: der Stern und die Magier, die dem Kinde ihre Huldigung darbrachten. Nach diesem frohen Ereignis stellen sich wieder Furcht und Fährlichkeit ein. „Herodes“, so heißt es, „stellt dem Kinde nach dem Leben.“ Darum heißt es fliehen und fortziehen und zwar auf ganz menschliche Art. Noch war’s ja nicht Zeit für den Herrn, Wunder zu wirken. Hätte er von frühester Jugend an solche gewirkt, so hätte man ihn nicht mehr für einen Menschen gehalten. Aus eben diesem Grunde hat auch Gott, nicht so ohne weiteres den Tempel seines Leibes gebildet, sondern er sollte empfangen werden, neun Monate im Mutterschoß weilen, Geburtswehen verursachen, geboren werden, und von der Muttermilch sich nähren; und all die Zeit hindurch ist äußerlich Ruhe und wartet er die rechte Zeit des Mannesalters ab, auf dass durch all diese Dinge das Geheimnis der göttlichen Vorsehung um so glaubwürdiger gemacht würde. Warum aber geschahen dann doch diese Wunder schon im Anfang? Mit Rücksicht auf die Mutter, auf Joseph, auf Simeon, der schon dem Sterben nahe war, auf die Hirten, die Magier und die Juden. Denn wenn diese den Ereignissen genaue Beachtung schenken wollten, so konnten sie auch schon aus ihnen für die Zukunft entnehmen. Wenn aber die Propheten nicht zum voraus von den Magiern geredet haben, so wundere dich darüber nicht; sie haben weder alles vorhergesagt, noch alles verschwiegen. Hätten die Menschen zuvor nichts erfahren und dann auf einmal die Ereignisse eintreten sehen, so wären sie gar sehr in Schrecken und Verwirrung geraten; hätten sie dagegen schon alles gewusst, so hätten sie sich nur gelangweilt, wenn man es ihnen nochmals gesagt hätte, und zudem wäre für die Evangelisten nichts mehr zu tun übrig geblieben.
Sollten aber die Juden behaupten, die Prophetenstelle: „Aus Ägypten berief ich meinen Sohn“, sei von ihnen zu verstehen, so könnten wir ihnen entgegnen, dass auch das zur Natur der Prophetie gehört, dass oft etwas von den einen ausgesagt wird, an anderen aber in Erfüllung geht. So ist es z.B. mit dem, was von Simeon und Levi gesagt wurde: „Ich werde sie teilen in Jakob, und sie zerstreuen in Israel“249. Trotzdem ist dies nicht an ihnen, sondern an ihren Nachkommen in Erfüllung gegangen. Auch was Noe über Chanaan sagte, erfüllte sich an den Gabaoniten, den Nachkommen Chanaan’s. Ebenso können wir beobachten, dass es mit Jakob gerade so ging. Zwar lauteten jene Segenswünsche:„Werde der Herr deines Bruders, und die Söhne deines Vaters sollen vor dir niederfallen“250; doch haben sie sich nicht an ihm erfüllt, sondern an seinen Nachkommen; denn wie hätten sie sich auch an ihnen erfüllen sollen, da er ja seinen Bruder fürchtete und vor ihm zitterte, um ihm jede erdenkliche Ehre erwies? Dasselbe kann man in unserem Falle sagen. Denn wen könnte man mit größerem Recht Sohn Gottes nennen? Den, der das goldene Kalb anbetete, dem Beelphegor sich weihte und seine eigenen Kinder den Dämonen opferte251, oder den, der von Natur aus Sohn Gottes war und seinen Vater ehrte?252. Wenn also Christus nicht gekommen wäre, so hätte die Weissagung keine entsprechende Erfüllung gefunden.