Siehst du also, wie dieser Befehl Gottes nicht bloß keine Grausamkeit ist, sondern im Gegenteil große Fürsorge für die Menschen bekundet? Wenn du aber deswegen den Gesetzgeber hart und unverträglich nennst, so sage mir: was ist mühevoller und schwerer, nicht zu töten oder niemand zu zürnen? Wer ist strenger? Derjenige, der nur einen Mord, oder derjenige, der sogar schon den Zorn bestraft? Derjenige, der nur den Ehebrecher nach vollbrachter Missetat der Strafe unterwirft, oder der selbst für die bloße Begierde schon Strafe anbefiehlt und zwar ewige Strafe? Seht ihr, wie ihre Einwände sich gegen sie gekehrt haben? Der Gott des Alten Bundes, den sie grausam nennen, erweist sich als milde und sanft; der des Neuen, den sie für gut erklären, ist, nach ihrer Torheit zu urteilen, hart und schwer zu ertragen. Wir sagen, der Gesetzgeber der beiden Testamente sei ein und derselbe Gott, der alles ordnet, wie es sich gebührt, und die Verschiedenheit der beiden Gesetze dem Unterschied der Zeiten angepasst hat. Es sind darum jene Vorschriften nicht unbarmherzig und diese nicht hassenswert und unerträglich, vielmehr sind beide der Ausfluss ein und derselben Fürsorge. Dass Gott der Urheber auch des Alten Bundes ist, kannst du von den Propheten hören, oder besser gesagt, von Gott und dem Propheten: „Ich werde einen Bund mit euch schließen, aber nicht gleich dem, den ich mit euren Vätern schloß“501. Sollte aber einer, der an der manichäischen Irrlehre krankt, dies nicht annehmen, so möge er wenigstens auf Paulus hören, der ganz dasselbe sagt: „Abraham hatte nämlich zwei Söhne, einen von der Sklavin, den anderen von der Freigeborenen. Das sind die beiden Testamente“502. Wie also dort zwei verschiedene Frauen waren, aber nur ein Mann, so sind auch hier zwei Testamente, aber nur ein Urheber. Um dir sodann zu zeigen, dass beiden ein und dieselbe Güte und Milde zugrunde liegt, sagt Gott im Alten Testament: „Aug um Aug“; im Neuen aber: „Wenn einer dich auf die rechte Wange schlägt, so biete ihm auch die linke dar“503.Hier wie dort will Gott den Übeltäter durch die Furcht vor Strafe zur Besinnung bringen. Aber wie, fragst du, soll dies der Fall sein, wenn er ihm befiehlt, auch die andere Wange hinzuhalten? Aber weshalb denn nicht? Der Herr hat ja dies nicht gesagt, um dem anderen die Furcht zu nehmen, sondern befiehlt nur, denselben sich ganz austoben zu lassen. Er sagt auch durchaus nicht, jener werde straflos ausgehen, sondern nur: Du sollst ihn nicht strafen. Damit jagt er dem. der auf seiner Misshandlung beharrt, nur um so größeren Schrecken ein und tröstet zugleich den Misshandelten. Indes habe ich das alles nur gleichsam als Nebenbemerkung, die für alle Gebote zusammen gelten, gesagt. Jetzt ist es Zeit, zum vorliegenden Texte überzugehen und an das früher Gesagte wieder anzuknüpfen.
„Wer seinem Bruder grundlos zürnt“, sagt der Herr, „wird des Gerichtes schuldig sein.“ Er hat also das Zürnen nicht absolut verboten. Fürs erste, weil es für die menschliche Natur nicht möglich ist, von allen Affekten freizubleiben504; sodann, weil eine solche Gemütsbewegung sogar nützlich sein kann, wenn wir es nur verstehen, uns ihrer zur rechten Zeit zu bedienen. Bedenke nur, wie viel Gutes der Unwille des Paulus gegen die Korinther gestiftet hat; durch ihn hat er sie ja von einer wahren Pest befreit. Auch das Volk der Galater wurde nach seinem Galle auf diese Weise wiedergewonnen, und noch andere mehr. Wann ist es aber nun wirklich am Platze, zu zürnen? Wenn wir nicht aus persönlichen Rücksichten zürnen, sondern nur, um andere von Fehltritten abzuhalten und Verirrte zur Umkehr zu bewegen. Und wann ist es nicht am Platze zu zürnen? Wenn wir es nur tun, um unsere beleidigte Eigenliebe zu befriedigen. Das hat ja auch der hl. Paulus verboten, da er sagte:„Suchen wir uns nicht selbst zu rächen, Geliebte, sondern weichet dem Zorne aus“505. Ferner, wenn wir wegen Geldangelegenheiten streiten. Auch das hat er verboten mit den Worten: „Warum wollt ihr nicht lieber Unrecht dulden, warum nicht lieber Nachteil leiden?“506. Wie also dieser Zorn schädlich ist, so ist jener notwendig und nützlich. Freilich die meisten tun das gerade Gegenteil; sie werden wie wilde Tiere, wenn ihnen ein Unrecht geschieht, sind aber feig und gleichgültig, wenn sie einen anderen misshandelt sehen. Das steht beides im Widerspruch mit den Vorschriften des Evangeliums. Also nicht das Zürnen an sich ist Sünde, sondern nur, wenn man nicht am rechten Platze zürnt. Deshalb sagte ja auch der Prophet: „Zürnet, aber sündigt nicht“507.
V.22: „Wer zu seinem Bruder sagt: Rakka, wird des Rates schuldig sein.“
Unter Rat versteht hier der Herr den Gerichtshof der Juden. Er erwähnte ihn aber hier, um sich nicht den Anschein zu geben, als führe er überall fremde Neuerungen ein. Dieses Rakka bedeutet aber keine besonders starke Beschimpfung, sondern dient mehr zum Ausdruck einer gewissen Verachtung und Geringschätzung. Wie etwa wir unserem Gesinde oder gewöhnlichen Leuten einen Befehl geben mit den Worten: Geh fort du; sag du dem und dem, so gebrauchen auch die Syrer das Wort Rakka im Sinne des „du“. Indes verbietet der liebe Gott auch die geringsten Lieblosigkeiten und will, dass wir uns gegenseitig rücksichtsvoll und mit der gebührenden Achtung behandeln, um auf diese Weise auch unsere größeren Fehler zu beseitigen. „Wer aber sagt: du Tor, wird des höllischen Feuers schuldig sein.“ Vielen kam dies als ein schweres und unerträgliches Gebot vor, da wir wegen eines einfachen Wortes eine solche Strafe gewärtigen sollen. Einige sagten auch, es sei dies nur hyperbolisch gemeint gewesen. Indes fürchte ich, wenn wir uns in diesem Leben in Worten täuschen, werden wir in Wirklichkeit im anderen die schwersten Strafen zu dulden haben.