Damit du indes nicht glaubest, es genüge zur Seligkeit, dass man dir einfach Übles nachredet, so stellt der Herr eine doppelte Bedingung auf: erstens, dass dies seinetwegen geschehe, und zweitens, dass das, was man gegen uns sagt, nicht wahr sei. Wenn nämlich dies nicht der Fall wäre, so wäre derjenige, gegen den man Böses redet, nicht nur nicht glückselig, sondern sogar unglücklich. Beachte dann wiederum, welchen Preis er dafür aussetzt: „Denn euer Lohn ist groß im Himmel.“ Du sollst aber den Mut nicht verlieren, wenn er auch nicht bei jeder Seligpreisung das Himmelreich verheißt. Denn wenn er auch seinen Belohnungen verschiedene Namen gibt, sie führen doch alle ins Himmelreich ein. Wenn er zum Beisspiel sagt: „Die Trauernden werden getröstet werden“, „die Barmherzigen werden Barmherzigkeit erlangen“, „die ein reines Herz haben werden Gott anschauen“, „die Friedfertigen werden Kinder Gottes genannt werden“, so bezeichnet er mit all dem nichts anderes, als das Himmelreich; denn wer diese Belohnungen empfängt, dem wird auch das Himmelreich voll und ganz zuteil werden. Denke also nicht, das Himmelreich sei nur der Lohn für die Armen im Geiste; nein, es gehört auch denen, die nach Gerechtigkeit hungern, sowie den Sanftmütigen, und überhaupt allen anderen auch. Gerade deshalb hat der Herr jedesmal eine Seligpreisung vorausgeschickt, damit du nichts Irdisches erwartest. Derjenige könnte ja doch wohl kaum glücklich sein, der mit Dingen belohnt wird, die mit diesem Leben ein Ende nehmen, die schneller vorbei eilen, als ein Schatten. Zu den Worten: „Euer Lohn ist groß“, fügt der Herr aber auch noch einen anderen Trost hinzu; er sagt: „Denn so haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch lebten.“ Da nämlich gerade das Himmelreich erwartet und erhofft wurde, so tröstet er sie mit ihm, das heißt mit der Gemeinschaft derer, die vor ihnen Böses erduldet hatten. Glaubet nicht, will er sagen, dass ihr solches zu leiden bekommt, weil ihr Dinge sagen und befehlen werdet, die den Menschen zuwider sind, oder dass ihr von ihnen wegen Verkündigung schlechter Lehren werdet verworfen werden; nein, die Nachstellungen und Gefahren kommen nicht von der Schlechtigkeit euerer Predigt, sondern von der Böswilligkeit eurer Zuhörer. Infolgedessen sprechen diese Verfolgungen auch nicht gegen euch, die ihr Böses erduldet, sondern gegen jene, die Böses tun. Dafür ist die ganze Vergangenheit Zeuge. Den Propheten warfen sie auch nicht Lasterhaftigkeit und gottlose Gesinnung vor, wenn sie die einen steinigten, die anderen vertrieben, wieder anderen tausenderlei Böses zufügten. Das soll euch also nicht beunruhigen; denn auch jetzt noch ist für all ihre Handlungen die gleiche Gesinnung maßgebend.
Siehst du da, wie der Herr den Mut seiner Jünger aufrichtet, indem er ihnen ihren Platz nahe bei Moses und Elias anweist? So sagt auch der hl. Paulus in seinem Briefe an die Thessalonicher: „Ihr habt die Kirchen Gottes nachgeahmt, die in Judäa sind. Denn auch ihr habt das gleiche erlitten von euren Stammesgenossen, was jene von den Juden, die auch den Herrn Jesus getötet haben und ihre eigenen Propheten, die euch verfolgt haben, die Gott missfallen, und aller Menschen Feind sind“446. Auf dasselbe hat Christus seine Jünger auch hier vorbereitet. Bei den anderen Seligpreisungen sagte er: „Selig sind die Armen, und die Barmherzigen“; hier dagegen gebraucht er sie nicht in unbestimmter Form, sondern wendet sich direkt an sie mit den Worten: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen, und euch alles Schlechte nachsagen.“Damit will er zeigen, dass sie gerade dadurch sich von anderen unterscheiden werden, und dass dies vor allen anderen der besondere Anteil der Verkündiger des Evangeliums sei. Zugleich weist er aber auch hier auf seine eigene Würde hin und auf die Gleichheit der Ehre, die ihm mit dem Vater zukommt. „Denn“, sagt er, „wie jene um des Vaters willen, so werdet auch ihr solches um meinetwillen leiden.“ Wenn er aber sagt: „Die Propheten, die vor euch waren“, so deutet er damit an, dass auch sie schon Propheten geworden waren. Als sodann der Herr ihnen klar machen wollte, dass gerade das ihnen am meisten nütze und ihnen zum Ruhme gereiche, da sagte er nicht: Sie werden Böses wider euch reden und euch verfolgen, ich aber werde dies verhindern; denn nicht darin sollen sie nach dem Willen des Herrn ihr Heil finden, dass niemand ihnen Böses nachsagt, sondern dadurch, dass die böse Nachrede hochherzig ertragen und die Schmäher durch ihre Taten widerlegen. Das ist viel mehr wert als das andere, wie es auch etwas viel Größeres ist, geschlagen zu werden, ohne es übel zu nehmen, als überhaupt nicht geschlagen zu werden.
Hier also sagt Christus: „Euer Lohn ist groß im Himmel.“ Lukas dagegen sagt, der Herr habe dies noch mit viel stärkerem und tröstlicheren Worten ausgedrückt. Denn dort preist er nicht bloß diejenigen glücklich, die um Gottes willen böse Nachrede erfahren, sondern ruft auch das Wehe aus über jene, von denen alle Menschen Gutes reden. „Wehe euch“, sagt er, „wenn euch alle Menschen loben“447. Zwar wurden auch die Apostel gelobt, aber nicht von allen. Darum sagte der Herr nicht: Wenn euch die Menschen loben, sondern:„Wenn euch alle Menschen loben“. Denn es ist ja nicht möglich, dass diejenigen, die ein tugendhaftes Leben führen, von allen gelobt werden. Auch sagt er an einer anderen Stelle: „Wenn sie euren Namen verwerfen, als wäre er schlecht, freuet euch und frohlocket“448. Er verheißt eben großen Lohn nicht bloß für die Gefahren, denen sie sich unterzogen, sondern auch für die bösen Reden, die sie erfuhren. Darum sagte er auch nicht: Wenn sie euch vertreiben und töten, sondern:„Wenn sie euch schmähen und euch alles Böse nachreden.“ Böse Reden schmerzen ja meistens mehr, als böse Taten. Bei Verfolgungen gibt es gar vieles, das einem die Mühsal erleichtert; so zum Beispiel, wenn man allseits Ermunterung erfährt, wenn man viele Freunde hat, die einem Beifall klatschen, Ehrenkränze erteilen und Lob spenden. In diesem Falle aber, wo es sich um böse Nachrede handelt, fehlt auch dieser Trost. Freilich ist es scheinbar nichts Großes, üble Nachrede zu ertragen, und doch schmerzt es den, der damit kämpfen muss, mehr als offene Verfolgungen. Ja, es haben schon manche zum Stricke gegriffen, weil sie das böse Gerede nicht ertragen konnten. Doch was brauchen wir uns über andere zu verwundern? Hat ja doch jenen ausgeschmähten und abscheulichen Verräter, der über nichts mehr errötete, gerade das am meisten zum Selbstmord durch den Strick getrieben! Und selbst Job, der härter war, als Diamant und Stein, hat alles leicht ertragen, da ihm sein Eigentum genommenm ward und er unerträgliche Leiden zu erdulden hatte, als er plötzlich seine Kinder verlor und sehen musste, wie sein eigener Leib eine Brutstätte von Würmern geworden war, und zu gleicher Zeit seine eigene Frau ihn noch belästigte. Als er dagegen sah, wie seine Freunde ihn schmähten und misshandelten, und schlecht von ihm dachten, und wie sie sagten, er habe all dies seiner Sünden wegen zu leiden, und es sei nur eine Strafe für seine Schlechtigkeit, da verlor selbst dieser ausgezeichnete und große Mann seine Fassung und ward erschüttert.