Gebt sorgfältig acht auf das, was ihr gehört habt. Der Herr sagte nicht: Wenn das Evangelium von allen Menschen angenommen sein wird, sondern: Wenn es bei allen wird verkündet worden sein. Deshalb fügte er auch hinzu: Zum Zeugnis für die Völker. Er zeigt damit an, dass er mit seiner Wiederkunft nicht warten will, bis alle glauben. Die Worte: „Zum Zeugnis“ bedeuten nämlich: zum Gericht, zur Anklage, zur Verdammung derer, die nicht glauben. Aber sehet, wir, die wir dies alles hören und sehen, wir schlummern und träumen und sind schlaftrunken, wie in tiefster Nacht. Die Dinge dieser Welt, die guten wie die schlechten, sind ja nicht besser als Träume. Deshalb ermahne ich euch, hinfort wachsam zu sein, und aufzublicken zur Sonne der Gerechtigkeit. Wer schläft kann ja unmöglich die Sonne schauen, noch seine Augen an der Schönheit ihres Lichtes erfreuen; was immer er sieht, schaut er, wie im Traume. Deshalb haben wir strenge Buße nötig und viel Reuetränen, weil wir einerseits keinen Schmerz empfinden über unsere Sünden, und doch anderseits unsere Sünden schwer sind und zu groß, als dass sie Verzeihung verdienten. Dass ich aber nur die Wahrheit sage, das kann mir die Mehrzahl meiner Zuhörer bestätigen. Doch wenn auch unsere Sünden keine Verzeihung verdienen, tun wir trotzdem Buße und wir werden den Siegeskranz erringen. Zur Buße gehört aber nicht bloß, dass wir von den früheren Sünden ablassen, sondern dass wir auch durch gute Werke sie noch übertreffen. Denn es sagt der Täufer: „Bringt würdige Früchte der Buße“329. Aber wie sollen wir dies machen? Dadurch, dass wir das Gegenteil von früher tun. Zum Beispiel: Hast du fremdes Gut gestohlen? Gib in Zukunft auch von deinem Eigenen! Hast du lange in Unzucht gelebt? Enthalte dich an den festgesetzten Tagen selbst deiner eigenen Frau; übe dich in der Enthaltsamkeit! Hast du Leute, die an dir vorübergingen, beschimpft und geschlagen? Nun, so lobe in Zukunft diejenigen, die dich beschimpfen, und tu Gutes denen, die dich schlagen. Um gesund zu werden, ist es ja auch nicht genug, bloß den Pfeil herauszuziehen, wir müssen auch Heilmittel auf die Wunde legen. Hast du bisher in Fraß und Völlerei gelebt? Faste hinfort und trinke Wasser, damit du das Unheil, das du früher angerichtet, beseitigst.
Hast du fremde Personen ob ihrer Schönheit mit unkeuschen Augen angesehen? Blicke in Zukunft überhaupt auf keine Frau mehr, damit du um so sicherer gehest.„Lass ab vom Bösen und tu das Gute“330, sagt der Psalmist, und an einer anderen Stelle: „Bewahre deine Zunge vom Bösen, und deine Lippen sollen keinen Trug reden“331. Noch mehr, du sollst auch Gutes sagen. „Suche den Frieden und jage ihm nach“332; ich meine nicht bloß den Frieden mit den Menschen, sondern auch den mit Gott. Ganz treffend sagte der Psalmist: „Jage ihm nach“; der Friede wurde ja von uns verjagt und vertrieben, und verließ die Erde, um sich in den Himmel zurückzuziehen. Indes, wenn wir nur wollen, können wir ihn wieder erlangen; wir brauchen nur den Unverstand und Hochmut und alles andere, das ihm hinderlich ist, zu entfernen, und dieses reine und einfache Leben zu führen. Nichts ist ja schlimmer als Stolz und Anmaßung. Diese macht uns zugleich aufgeblasen und knechtisch, macht uns durch jenes lächerlich, durch dieses verhasst, und stürzt uns zugleich in ganz entgegengesetzte Fehler: den Hochmut und die Kriecherei. Wenn wir hingegen die Übermacht der Leidenschaft brechen, dann werden wir demütig sein und doch zuversichtlich, werden groß sein und doch fest stehen. Auch mit unserem Leibe ist es ja so; jegliches Übermaß erzeugt Unwohlsein; und wenn die einzelnen Teile ihre eigenen Grenzen überschreiten und ins Maßlose ausarten, dann entstehen daraus die tausenderlei Krankheiten und bösartige Todeskeime. Das gleiche kann man auch an der Seele beobachten.