Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 9 · Kapitel 2
§ 1
Schon wieder ein Fest, schon wieder eine Festversammlung; schon wieder schmückt sich die Kirche mit der Menge ihrer Kinder, diese fruchtbare und zärtliche Mutter! Doch was nützt ihr die Liebe zu ihren Kindern, wenn sie nur an Festtagen und nicht immer das Angesicht derselben zu sehen bekömmt? Ist es nicht, als ob Jemand ein schönes Kleid hätte und es nicht immer anziehen
Die Menge der Zuhörer ist der Schmuck der Kirche, wie ja auch der Prophet sagt, der vor Zeiten die Kirche anredete: „Alle diese sollst du wie den Schmuck eines Bräutigams und die Zierde einer Braut um dich legen.“ Wie also eine sittsame, angesehene Frau, deren schmuckes Gewand ihr bis an die Knöchel hinabreicht, viel ansehnlicher und schöner erscheint: so wird auch die Kirche heute noch einmal so herrlich, da sie von eurer Menge bedeckt ist und so das langwallende Kleid trägt. Denn kein Theil erscheint heute an ihr so entblößt, wie in den vergangenen Tagen. An der damaligen Blöße sind aber Diejenigen Schuld, die nur heute anwesend sind, aber nicht fortwährend ihre Mutter bekleiden. Daß es aber nicht wenig gefährlich sei, seine Mutter schmählich in ihrer Blöße zu lassen, daran erinnert uns eine alte Geschichte. Wir erinnern uns, daß ein Sohn seinen Vater nackt sah und ob dieses Anblickes der Strafe verfiel. Und dennoch hatte Dieser seinen Vater nicht selber entblößt, sondern nur gesehen, daß der Vater nackt sei, und entging — nachdem er 207 ihn einfach gesehen — doch nicht der Strafe; allein Diejenigen, welche heute erscheinen, früher aber nicht anwesend waren, sehen ihre Mutter nicht entblößt, sondern entblößen sie selber. Wenn nun Derjenige, der die Blöße auch nur gesehen, gestraft worden ist, welche Entschuldigung haben wohl Die, welche die Blöße verursachen? Das sage ich nicht, um euch zu erschrecken, sondern damit wir der Strafe entgehen, damit wir dem Fluche Cham’s entrinnen und die kindliche Gesinnung Sem’s und Japhet’s nachahmen und stets unsre Mutter bekleiden. Es zeigt von jüdischer Gesinnung, nur dreimal vor Gott zu erscheinen; zu ihnen ist nämlich gesagt worden: „Dreimal im Jahre sollst du erscheinen vor Gott, deinem Herrn!“ Von uns aber will Gott, daß wir vor ihm beständig erscheinen. Bei den Juden bewirkte die Entfernung der Wohnorte, daß sie sich so selten versammeln konnten; sie wurden nämlich damals nur an einen einzigen Ort hin zum Gottesdienst befohlen; deßwegen konnten sie sich so selten versammeln und so selten anwesend sein; denn sie mußten in Jerusalem anbeten, sonst aber nirgends. Darum ward ihnen befohlen, dreimal vor Gott zu erscheinen, und der weite Weg entschuldigte sie; bei uns aber greift keinerlei Entschuldigung Platz. Sie waren überall auf der Erde zerstreut: „denn es waren,“ heißt es, „gottesfürchtige Juden zu Jerusalem, aus allen Völkern, die unter dem Himmel sind.“ Wir hingegen wohnen in einer Stadt, sind von Mauern umgeben, sind oft nicht einmal durch eine enge Gasse von der Kirche getrennt und besuchen doch so selten, als wären wir durch große Meere ferne gehalten, diese hehre Versammlung. Ihnen hat Gott geboten, nur dreimal ein Fest zu begehen; uns aber hat er den Auftrag gegeben, Dieses beständig zu thun. Und damit ihr erkennet, daß wir beständig Festtage haben, so führe ich die Gründe 208 dieser Festtage an, und ihr werdet einsehen, daß es jeden Tag eine Festlichkeit gibt. Das erste Fest ist bei uns das Fest der Erscheinung. Welches ist der Grund dieses Festes? „Weil Gott auf Erden erschienen und unter den Menschen gewandelt;“ weil der eingeborne Sohn Gottes unter uns gelebt hat. Er ist aber beständig bei uns: „denn siehe,“ sagt er, „ich bin bei euch alle Tage, bis an’s Ende der Welt.“ Deßwegen können wir alle Tage das Fest der Erscheinung begehen. Was bedeutet denn das Osterfest? Welches ist die Veranlassung dazu? Wir verkünden an demselben den Tod des Herrn, und Das ist das Passah. Aber auch Dieß thun wir nicht zu einer bestimmten Zeit; denn da Paulus uns von der Nothwendigkeit bestimmter Feste befreien und zeigen wollte, daß wir das Passah beständig feiern könnten, so sagt er: „So oft ihr dieses Brod essen und diesen Kelch trinken werdet, werdet ihr den Tod des Herrn verkünden.“ Da wir nun den Tod des Herrn beständig verkünden können, so können wir auch das Osterfest fortwährend feiern. Wollt ihr auch wissen, daß wir das gegenwärtige Fest stets feiern können, ja daß es täglich da ist? Lasset uns sehen, warum es eingesetzt worden, und warum wir dasselbe begehen. Weil der heilige Geist zu uns kam; wie nämlich der eingeborne Sohn Gottes stets unter seinen Gläubigen ist, so ist es auch der Geist Gottes. Woher ist Dieß offenbar? „Wer mich liebt,“ heißt es, „wird meine Gebote halten, und ich will meinen Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster senden, damit er bei euch bleibe in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit.“ Wie also Christus von sich selbst sagte: „Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage, bis an’s Ende der Welt“ und wir deßwegen be- 209 ständig das Fest der Erscheinung zu feiern vermögen, so können wir auch, weil er vom heiligen Geiste gesagt hat, er werde ewig bei uns bleiben, das Pfingstfest fortwährend begehen.
§ 2
Damit ihr aber wisset, daß wir stets Feste feiern können und nicht zur Beobachtung bestimmter Zeiten genöthigt sind, so höret, was der Apostel Paulus sagt: „Lasset uns also Festtag halten!“ Und doch ist damals, als er Das schrieb, kein Festtag gewesen: es war nicht Ostern, nicht Epiphanie, nicht Pfingsten. Er will damit zeigen, daß nicht die Zeit, sondern ein reines Gewissen den Festtag bewirke: denn ein Fest ist nichts Anderes als Freude; eine geistige und innerliche Freude aber schafft nur das Bewußtsein guter Handlungen; wer also ein gutes Gewissen hat und solche Thaten aufzuweisen vermag, Der kann stets ein Fest feiern. Gerade Das zeigt auch Paulus mit den Worten: „Lasset uns Festtag halten nicht im alten Sauerteige der Bosheit und Schalkhaftigkeit, sondern in dem Süßteige der Lauterkeit und Wahrheit.“ Siehst du, wie er dich nicht an bestimmte Zeiten bindet, sondern nur ermahnt, stets ein reines Gewissen zu haben? Ich möchte wohl die ganze Predigt über diesen Gegenstand halten; denn Diejenigen, die Manche nach langer Zeit einmal erhaschen, lassen sie nicht so leicht wieder ihren Händen entschlüpfen. Da nun auch wir euch, die ihr erst nach einem Jahre hieher gekommen seid, in unsere Netze bekommen haben, so wollen nun auch wir euch heute nicht loslassen. Damit ihr aber der Festpredigt nicht entbehret, muß ich von dieser Ermahnung zum Gegenstande des Festes selbst übergehen.
Wohl kamen vom Himmel herab oft zahlreiche Wohlthaten über das ganze Menschengeschlecht auf Erden, so 210 große aber wie heute sind über dasselbe früher nie ausgegossen worden. Vernehmet nun also die frühern Gaben und die vom heutigen Tage, damit ihr den Unterschied von beiden erkennet. „Gott ließ Manna auf die Erde regnen und gab ihnen Himmelsbrod; der Mensch aß nämlich Engelsbrod.“ Das ist in der That etwas Großes und würdig der göttlichen Güte. Es siel ferner Feuer vom Himmel, führte das irrende jüdische Volk auf den rechten Weg und verzehrte das Opfer auf dem Brandaltare. Und wieder, als Alle vor Hunger verschmachteten, siel ein Regen, der große Fruchtbarkeit brachte. Das ist groß und bewunderungswürdig; aber die Wohlthaten des heutigen Tages sind noch viel trefflicher; denn nicht Manna, nicht Feuer, nicht Regen siel heute herab, sondern ein Regenguß geistiger Gaben; Wolken strömten ihr Wasser herab, nicht um die Erde zu befruchten, sondern um die Menschennatur fähig zu machen, für Den, der sie pflegt, eine Ernte der Tugend zu bewirken. Und welche nur einen Tropfen davon auffingen, vergaßen auf einmal ihre Natur, und die ganze Erde wurde mit Engeln erfüllt, nicht mit himmlischen Engeln, sondern mit solchen, die in einem sterblichen Leibe die Tugend unsterblicher Geister aufzeigen. Denn nicht jene stiegen hernieder, sondern was mehr Bewunderung heischt, die auf der Erde erhoben sich zur Tugend der himmlischen Engel. Denn sie legten nicht ihr Fleisch ab, wandelten nicht mit bloßer Seele einher, sondern behielten ihre Natur und wurden dem Willen nach Engel. Und damit du erkennest, daß auch die erste Strafe, nämlich: „Du bist Staub und sollst wieder Staub 211 werden,“ keine Strafe war, so ließ er dich auf der Erde, damit sich die Macht des Geistes, die soviel durch den irdischen Leib vollbringt, desto deutlicher zeige. Denn da konnte man sehen, wie eine irdische Zunge Teufeln gebot; man konnte sehen, wie eine irdische Hand Krankheiten heilte, ja nicht bloß, daß Dieß eine irdische Hand that, sondern man sah, was viel bewunderungswürdiger war, daß selbst die Schatten von irdischen Leibern über den Tod und die unkörperlichen Mächte, nämlich die bösen Geister, eine Obmacht ausübten. Denn gleichwie beim Aufgang der Sonne das Dunkel verscheucht wird, wilde Thiere sich in ihre Höhlen verkriechen, Mörder, Räuber und Grabdiebe sich auf die Berggipfel flüchten: so wurde auch, wenn Petrus erschien und seine Stimme erschallte, die Finsterniß des Irrthums vertrieben; es floh der Teufel; es wichen die bösen Geister zurück; die Krankheiten des Körpers wurden geheilt; die Krankheiten der Seele beseitigt, jede Bosheit wurde besiegt und die Tugend auf die Erde zurückgeführt. Und gleichwie Jemand, der aus königlichen Schatzkammern, die Gold und kostbare Steine enthalten, auch nur einen kleinen Theil der im innersten Winkel verwahren Schätze, ja auch nur einen einzigen Stein fortnehmen kann, sich dadurch großen Reichthum verschafft: so kann er sich auch aus dem Munde der Apostel bereichern; denn ihr Mund war eine königliche Schatzkammer, die einen Schatz von Heilmitteln enthielt, sowie jedes von ihnen ausgehende Wort einen großen geistigen Reichthum. Damals konnte man wahrhaft erkennen, daß die Worte des Herrn kostbarer sind als Gold und werthvolles Edelgestein; denn was weder Gold noch Edelstein konnte, Das richteten die Worte Petri aus. Denn wie viele Talente Goldes hatten wohl den Lahm- 212 geborenen zu heilen vermocht? Aber das Wort des Petrus war im Stande, dieses Gebrechen der Natur zu beseitigen. Er sprach: „Im Namen Jesu Christi stehe auf und wandle;“ und das Wort ward zur That. Siehst du, daß die Worte des Herrn kostbarer sind als Gold und Edelgestein? siehst du, daß ihr Mund eine königliche Schatzkammer ist? In der That, sie waren Ärzte, Ackersleute und Steuermänner auf der ganzen Erde; und zwar Ärzte, weil sie Krankheiten heilten; Ackersleute, weil sie den Samen der göttlichen Lehre ausstreuten; Steuermänner aber, weil sie die Stürme des Irrthums besänftigten. Darum sagt der Herr einmal: „Gehet, machet die Kranken gesund!“ und redet sie als Ärzte an, ein anderes Mal: „Siehe, ich sende euch zur Ernte, wo ihr nicht gearbeitet habt,“ und redet sie so als Ackersleute an. Und wieder anderswo spricht er: „Ich will euch zu Menschenfischern machen,“ und zu Petrus: „Fürchte dich nicht, denn von nun an sollst du Menschen fangen!“ Er redet sie also auch als Steuermänner und Fischer an. Und man sah Wunder auf Wunder folgen. Denn vor zehn Tagen stieg unsre Natur zum königlichen Throne empor; heute ist der heilige Geist über unser Geschlecht herniedergestiegen; der Herr hat unsre Erstlinge in den Himmel erhoben und den heiligen Geist herabgesandt. Ein anderer Herr theilt diese Gaben aus; denn auch der heilige Geist ist Herr, und der Vater und der Sohn und der heilige Geist haben sich in unsre Erlösung getheilt. Seit Christus aufgefahren, sind noch nicht zehn Tage verflossen, und schon sendet er uns die geistlichen Gnadengaben der Versöhnung mit Gott. Denn damit Niemand zweifle und frage, was wohl Christus nach seiner Auffahrt gethan: ob er den Vater versöhnt? ob er ihn uns gnädig ge- 213 macht? — so hat er, um zu zeigen, daß er ihn mit unsrer Natur ausgesöhnt habe, uns gleich die Gaben dieser Versöhnung gesendet. Wenn nämlich Feinde sich vereinigen und wieder versöhnen, so folgen auf die Versöhnung sogleich Einladungen, Gastmahle und Geschenke. Wir sandten den Glauben und empfingen von dorther die Gaben des heiligen Geistes; wir sandten Gehorsam und erhielten Rechtfertigung.
§ 3
Damit ihr erkennet, daß die Sendung des heiligen Geistes ein Pfand unserer Versöhnung mit Gott sei, so will ich euch durch die Schrift davon zu überzeugen versuchen und zuerst die Sache durch das Gegentheil klar machen und zeigen, daß uns Gott, wenn er uns zürnt, die Gnade des heiligen Geistes entziehe. Wenn du dann überzeugt bist, daß die Abwesenheit des heiligen Geistes ein Zeichen des göttlichen Zornes ist, und wenn du andererseits wieder bemerkst, daß wir ihn erhalten haben: so kannst du daraus schließen, daß Gott uns ihn nicht gesandt haben würde, wenn er mit uns nicht ausgesöhnt wäre. Woher wissen wir Das? Heli war ein Greis, im Übrigen fromm und rechtschaffen, aber er wußte die Bosheit seiner Kinder nicht zu bestrafen, sondern liebte dieselben über Gebühr. Höret es Alle, die ihr Kinder habt, damit ihr eurer Liebe und Nachsicht gegen sie Schranken setzet. Denn dadurch hat Heli Gott gereizt und zu einem solchen Zorne entflammt, daß er sich von seinem ganzen Geschlechte abwandte. Diesen gewaltigen Abscheu Gottes drückt der Geschichtschreiber also aus: „Das Wort war theuer, und kein Gesicht ward offenbar.“ Theuer nennt er hier, was selten ist; er zeigt nämlich damit, daß die Gabe der Weissagung damals selten gewesen. Und wieder ein anderer Prophet sagt in seiner Klage und seinem Jammer über den Zorn Gottes: „Es ist weder ein Fürst noch ein Prophet 214 mehr in dieser Zeit.“ Und wieder sagt der Evangelist: „Der heilige Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht.“ Denn weil er noch nicht gekreuziget worden, meint er, war auch der heilige Geist den Menschen noch nicht gespendet; denn gekreuziget werden heißt verherrlichet werden. Obgleich das Krenz seiner Natur nach schmachvoll war, so nannte Christus es doch seine Ehre, weil er es für seine geliebten Menschen auf sich nahm. Warum aber, sage mir, wurde der heilige Geist nicht vor der Kreuzigung ausgegossen? Weil die Welt noch in Sünden, in Fehlern, in Feindschaft und Schmach sich befand; weil das Lamm, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, noch nicht war geopfert worden. Weil also Christus noch nicht gekreuziget war, so war auch die Versöhnung noch nicht geschehen; weil aber die Versöhnung noch nicht geschehen war, wurde natürlicher Weise auch der heilige Geist nicht gesendet, denn er wurde ja als Pfand der Versöhnung gesendet. Darum sagt auch Christus: „Es ist euer Vortheil, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, so kömmt der Tröster nicht.“ Wenn ich nicht hingehe und den Vater versöhne, sagt er, so kann ich euch den Tröster nicht senden. Seht ihr nun, aus wie vielen Stellen ich euch den Beweis geführt habe, daß die Abwesenheit des heiligen Geistes unter den Menschen ein Zeichen des göttlichen Zorns ist? „Das Wort war theuer, und kein Gesicht ward offenbar.“ „Es ist zu dieser Zeit weder Fürst noch Prophet mehr.“ „Der heilige Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlichet war.“ „Es ist euer Vortheil, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, so kömmt der Tröster nicht.“ Die Abwesenheit des heiligen Geistes ist also ein Zeichen des göttlichen Zornes. Wenn du nun siehst, daß der hei- 215 lige Geist reichlich ausgegossen ward, so zweifle nicht mehr an der Versöhnung!
Aber, heißt es, wo ist denn jetzt der heilige Geist? Damals, möchte Jemand passend bemerken, war er wohl da, als Wunder geschahen, als Todte auferweckt und alle Aussätzige gereiniget wurden. Woraus beweisen wir aber, daß auch wir den heiligen Geist haben? Fürchtet euch nicht, denn ich will zeigen, daß der heilige Geist jetzt auch in uns ist. Aber wie und auf welche Weise? Wäre der heilige Geist nicht in uns, wie hätten denn Die, welche in dieser heiligen Nacht die Taufe erhielten, von ihren Sünden gereinigt werden können? Denn ohne die Kraft des heiligen Geistes kann man von den Sünden nicht gereinigt werden. Höret die Worte des Paulus: „Wir waren ehedem auch thöricht, ungläubig, irrend und fröhnten allerlei Lüsten; als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Erretters, erschien, hat er uns nicht nach den Werken der Gerechtigkeit, die wir gethan haben, sondern nach seiner Barmherzigkeit selig gemacht, durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung durch den heiligen Geist.“ Und wieder anderswo: „Irret nicht, weder die Hurer noch die Götzendiener, weder die Ehebrecher noch die Weichlinge, weder die Knabenschänder noch die Diebe, weder die Geizigen noch die Trunkenbolde, weder die Lästerer noch die Räuber werden das Reich Gottes besitzen.“ Siehst du alle Arten der Bosheit? „Und Solches sind von euch Manche gewesen, aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden.“ Wie denn? Das ist eben die Frage, ob wir durch den heiligen Geist die Bosheit ablegen. Höre 216 also! „Ihr seid geheiligt und gerechtfertigt worden durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“ Siehst du, daß der heilige Geist alle jene Bosheit wegnimmt?
§ 4
Wo sind nun Diejenigen, welche die Würde des heiligen Geistes lästern? Denn wenn er nicht Sünden vergibt, so wird er in der Taufe umsonst empfangen; wenn er aber Sünden vergibt, so wird er ohne Grund von den Ketzern gelästert. Gäbe es keinen heiligen Geist, so könnten wir nicht sagen: Herr Jesus; „denn Niemand kann agen: Herr Jesus, ausser im heiligen Geiste.“ Gäbe es keinen heiligen Geist, so könnten wir Gläubige Gott nicht anrufen; denn wir sagen: „Vater unser, der du bist in dem Himmel.“ Wie wir also Jesum nicht einen Herrn nennen könnten, so könnten wir auch Gott nicht Vater nennen. Woher ist Dieß klar? Aus den Worten des Apostels: „Weil ihr aber Kinder seid, so hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der da ruft: Abba, Vater!“ Wenn du also den Vater nennest, so bedenke, daß du ihm durch den Antrieb des heiligen Geistes diesen Namen beilegen darfst. Gäbe es keinen heiligen Geist, so wäre der Geist der Weisheit und Erkenntniß nicht in der Kirche; „denn dem Einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit, dem Andern das Wort der Erkenntniß gegeben.“ Gäbe es keinen heiligen Geist, so wären in der Kirche keine Hirten und Lehrer; denn auch diese setzt der heilige Geist, wie auch Paulus sagt: „Über welche euch der heilige Geist zu Hirten und Bischöfen gesetzt hat.“ Siehst du, daß auch Dieß durch den Geist geschieht? Wäre der heilige Geist nicht in diesem euren gemeinschaftlichen Vater und 217 Lehrer, so würdet ihr ihm, als er kürzlich diesen heiligen Stuhl bestieg und euch allen den Frieden gab, nicht gemeinschaftlich zugerufen haben: „Und mit deinem Geiste.“ So ruft ihr ihm zu nicht allein, wenn er auf seinen Thron steigt, wenn er zu euch spricht und für euch betet, sondern auch, wenn er auf diesem heiligen Altar steht, um jenes schreckliche Opfer darzubringen (welche in die Geheimnisse eingeweiht sind, wissen, was ich sage). Er rührt Das, was auf dem Altare liegt, nicht eher an, als bis er euch die Gnade des Herrn gewünscht und ihr ihm zugerufen habt: „Und mit deinem Geiste.“ Durch diesen Zuruf erinnert ihr euch, daß Der, welcher da (am Altare) steht, Nichts thue, und daß die Gaben, die da liegen, nicht Verdienste eines Menschen sind, sondern daß die Gnade des heiligen Geistes gegenwärtig sei und über Alle herabkommend dieses geheimnißvolle Opfer vollbringe. Wir sehen zwar nur einen Menschen, aber Gott ist es, der durch denselben wirkt. Sieh’ also nicht auf die Natur dessen, den du vor deinen Augen hast, sondern denke an die unsichtbare Gnade! Auf diesem heiligen Altare geschieht nichts Menschliches. Wenn der heilige Geist nicht da wäre, würde die Kirche nicht bestehen; weil nun diese besteht, so ist es offenbar, daß der Geist da ist. Warum aber, sagt man, geschehen denn jetzt keine Wunder mehr? Nun höret mir aufmerksam zu! Denn Das höre ich von Vielen, Das ist eine beständige und immerwährende Frage: Warum redeten denn im Anfange alle Getauften in Sprachen, jetzt aber nicht mehr? Zuerst wollen wir lernen, was es heisse „in Sprachen reden“, und dann auch die Ursache künden. Was heißt nun in Sprachen reden? Der Getaufte redete sogleich in der Sprache der Inder, Ägypter, Perser, Scythen und Thraker, und Einer verstand viele Sprachen, und wären Diejenigen, die jetzt leben, damals getauft worden, so hättest du sie gleich in verschiedenen Sprachen reden gehört. Denn auch Paulus, 218 heißt es, fand einst Einige, die bloß mit der Taufe des Johannes getauft waren, und sagte zu ihnen: „Habt ihr den heiligen Geist empfangen, da ihr gläubig geworden?“ Und sie antworteten: „Ja wir haben nicht einmal gehört, ob es einen heiligen Geist gibt,“ und sogleich gab er Befehl, „sie zu taufen, und da Paulus die Hände auf sie legte, kam der heilige Geist über sie, und sie redeten alle in Zungen.“ Warum ist denn jetzt diese Gnade entzogen, warum ist denn jetzt diese Gnade den Menschen genommen? Nicht weil Gott uns weniger ehrt, im Gegentheil, er ehrt uns noch mehr. Wie denn? Ich will es euch sagen. Die Menschen jener Zeit waren unverständiger, waren eben erst vom Götzendienste entfernt worden; ihr Geist war mehr abgestumpft und noch nicht so empfänglich. Sie hingen nur am Irdischen und haschten darnach; sie hatten noch keine Einsicht in die geistigen Güter; die Gnade des Geistes, die bloß im Glauben geschaut wird, kannten sie nicht. Darum geschahen Wunder. Von den Gaben des heiligen Geistes sind nämlich die einen unsichtbar und werden bloß durch den Glauben erfaßt; andere aber haben auch ein äusseres Zeichen um die Ungläubigen zum Glauben zu führen. Ich gebe ein Beispiel. Die Nachlassung der Sünden ist etwas Geistiges, die Gnade ist unsichtbar. Denn wie unsere Sünden weggenommen werden, können wir mit den leiblichen Augen nicht sehen. Warum denn? Weil die Seele gereiniget wird, und weil man die Seele mit den Augen des Leibes nicht sieht. Die Reinigung von den Sünden ist also ein geistiges Geschenk, das nicht in die Sinne fallen kann. Allein in verschiedenen Sprachen reden, ist zwar auch eine Wirkung des Geistes, aber doch wird sie äusserlich empfunden und leuchtet den Ungläubigen in die Augen. Die unsichtbare Wirkung des Geistes in der Seele offenbaret und äussert sich in der hörbaren Sprache. Darum sagt auch Paulus: 219 „Einem Jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen mitgetheilt.“ Ich bedarf nun der Wunder jetzt nicht. Warum? Weil ich gelernt habe, auch ohne Wunder an den Herrn zu glauben. Denn wer ungläubig ist, bedarf eines Pfandes, ich aber glaube und brauche weder Pfand noch Zeichen. Obgleich ich nicht in Sprachen rede, so weiß ich doch, daß ich von den Sünden gereiniget bin. Jene aber würden damals nicht geglaubt haben, hätten sie nicht Zeichen erhalten. Darum wurden ihnen Zeichen gegeben als Unterpfand des Glaubens, den sie bekannten, so daß sie dieselben nicht als Gläubige, sondern als Ungläubige erhielten, um gläubig zu werden. So spricht auch Paulus: „Die Zeichen sind nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen.“ Sehet ihr also, daß uns Gott dadurch, daß er uns den Beweis der Zeichen entzog, nicht entehrt, sondern geehrt hat? Denn er will dadurch unsern Glauben offenbar machen; weil wir ihm glauben ohne Zeichen und Pfand, hat er Dieses gethan. Denn Jene würden ihm wegen der unsichtbaren Wirkungen (des Geistes) nicht geglaubt haben, hätten sie nicht früher Pfand und Zeichen erhalten; ich aber glaube ihm vollkommen auch ohne dieselben. Das ist der Grund, warum jetzt keine Wunder geschehen.
§ 5
Gerne möchte ich noch den Gegenstand des Festes behandeln und zeigen, was Pfingsten sei, warum die Gnadengaben an diesem Feste gespendet worden, warum in feurigen Zungen und warum nach zehn Tagen. Allein ich sehe, daß diese Belehrung zu viele Zeit erfordern würde. Darum will ich nur Weniges beifügen und meine Rede beschließen. Als der Pfingsttag erfüllt war, erschienen ihnen getheilte Zungen wie Feuer; es war nicht Feuer, sondern schien nur Feuer zu sein, damit du in Bezug auf den heiligen Geist nicht Sinnenfälliges wähnest. Denn wie am Jordan- 220 flusse nicht eine Taube, sondern (der Geist) in Gestalt einer Taube herabstieg ebenso war auch dort kein wirkliches, sondern nur ein scheinbares Feuer. Und ferner weiter oben heißt es: „Als wenn ein gewaltiger Wind käme;“ es war nicht ein gewaltiger Wind, sondern nur das Brausen glich einem solchen. Warum aber erhält Ezechiel die Gabe der Weissagung nicht durch Etwas, was dem Feuer ähnlich war, sondern durch ein Buch? Und warum erhalten die Apostel die Wundergaben durch das Feuer? Denn von Jenem heißt es, daß eine Buchrolle ihm in den Mund gegeben worden sei, in der geschrieben stand: Klage, Gesang und Wehe! Und sie war von innen und aussen beschrieben, und er aß sie, und sie ward in seinem Munde wie süßer Honig. Bei den Aposteln aber nicht also, sondern: „Ihnen zeigten sich Zungen wie Feuer.“ Warum ist nun dort Buch und Schrift, hier aber Zunge und Feuer? Weil Jener auszog, die Sünden zu strafen und über das Elend der Juden zu weinen, diese aber darauf ausgingen, um die Sünden der Welt wegzunehmen. Darum erhielt Jener eine Schrift, um an die künftigen Leiden zu mahnen; diese hingegen erhielten ein Feuer, um die Sünden der Welt zu verbrennen und sie alle zu tilgen. Denn gleichwie das Feuer, wenn es auf Dornen fällt, dieselben ohne Mühe verzehrt, so verzehrt auch die Gnade des heiligen Geistes die Sünden der Menschen. Die hartnäckigen Juden, welche bei diesem Ereigniß hätten bestürzt werden, hätten zittern und den Spender der Gnade hätten anbeten sollen, zeigten schon wieder ihren heimischen Blödsinn, indem sie den Aposteln, die mit dem heiligen 221 Geiste erfüllt waren, Trunkenheit vorwarfen. „Denn Diese da,“ sagten sie, sind vom Moste betrunken.“ Bedenke die niedrige Gesinnung der Menschen und dagegen die erhabene Gesinnung der Engel! Denn als diese unsern Erstling auffahren sahen, jubelten und riefen sie: „Hebet euere Thore, ihr Fürsten, erhebet euch, ihr ewigen Thore, und es wird einziehen der König der Herrlichkeit.“ Die Menschen hingegen, die da die Gnade des heiligen Geistes über uns herabkommen sahen, behaupten, daß die Empfänger derselben berauscht seien. Ja nicht einmal die Jahreszeit bringt sie zum Schweigen; denn zur Zeit des Frühlings erhält man ja keinen Most, und damals war Frühling. Jedoch lassen wir Jene; wir aber wollen die Gegengabe des gütigen Gottes betrachten. Christus hat die Erstlinge unserer Natur angenommen und uns dafür die Gnade des heiligen Geistes gespendet; und gleichwie die gegenseitigen Feinde, wenn nach langem Kriege der Kampf ausgekämpft und der Friede gemacht ist, einander Unterpfänder und Geiseln geben: so geschieht es auch zwischen Gott und dem Menschengeschlecht. Dieses sandte ihm die Erstlinge, die Christus in den Himmel hinauf nahm; er schickte aber dafür als Unterpfand und Geisel den heiligen Geist. Daß wir aber Unterpfänder und Geiseln haben, ist daraus ersichtlich: Pfänder und Geiseln müssen nämlich vom königlichen Geschlechte sein. Darum wurde auch der heilige Geist zu uns herabgesandt, er, der ja die höchste königliche Macht besitzt, und Der, welcher hinwieder von uns fort hinauffuhr, ist gleichfalls von königlichem Ge- 222 schlechte; denn er war aus dem Stamme Davids. Darum bin ich jetzt furchtlos, weil ich weiß, daß unser Erstling im Himmel thront. Mag man mir nun von dem Wurme reden, der nicht stirbt, und von dem Feuer, das nimmer erlischt, und von anderen Strafen und Gerichten, ich erschrecke nicht mehr oder, besser gesagt, ich erschrecke wohl, verzweifle aber nicht an meiner Rettung. Denn wenn Gott unserm Geschlechte nicht große Wohlthaten hätte erzeigen wollen, so hätte er unsere Erstlinge nicht in den Himmel genommen. Wenn wir früher in den Himmel hinaufschauten und daselbst jene unkörperlichen Geister betrachteten, so sahen wir deutlich unsere Niedrigkeit und die Hoheit jener himmlischen Mächte. Wollen wir aber jetzt unsern Adel erkennen, so schauen wir zum Himmel, ja selbst bis zum Throne Gottes empor; denn dort thront der Erstling aus uns. So wird der Sohn Gottes auch vom Himmel kommen, um uns zu richten. Bereiten wir uns also vor, um jene Herrlichkeit nicht zu verlieren; denn unser aller Herr wird sicher kommen und nicht zögern; er wird kommen, gefolgt von den Heerschaaren, von den Chören der Engel, den Reihen der Erzengel, den Genossenschaften der Märtyrer, den Chören der Gerechten, den Schaaren der Propheten und Apostel, und in der Mitte dieser unkörperlichen Heerschaaren wird der König erscheinen in einem unsäglichen und unaussprechlichen Glanze.
§ 6
Wir wollen daher Alles thun, um dieser Herrlichkeit nicht verlustig zu gehen. Wollet ihr, daß ich auch das Schreckliche sage? nicht um euch traurig, sondern um euch besser zu machen. „Dann wälzt sich der Feuerstrom am Richterstuhl vorüber; dann werden die Bücher geöffnet, dann wird ein furchtbares und schreckliches Gericht gehalten.“ Darum werden, wie bei einem Gerichte, die Akten unseres Lebens zur genauen 223 Kenntniß genommen. Die Propheten sagen viel von diesen Büchern; denn Moses spricht: „Vergib ihnen ihre Sünden; wenn nicht, so vertilge mich aus dem Buche, das du geschrieben.“ Christus sagt zu seinen Jüngern: „Nicht darüber freuet euch, daß euch die Teufel unterthan sind; freuet euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.“ Und wieder sagt der Prophet David: „In deinem Buche werden Alle verzeichnet und die Tage bestimmt werden, und noch Keiner ist da.“ Und wieder: „Sie sollen vertilgt werden aus dem Buche der Lebendigen, man schreibe sie nicht ein mit den Gerechten!“ Siehst du, wie die Einen ausgestrichen, die Andern eingeschrieben werden? Willst du wissen, daß nicht bloß die Gerechten, sondern auch unsere Sünden in jenen Büchern aufgezeichnet sind? Es ist zwar ein Festtag, aber lernen wir dennoch die Mittel kennen, wodurch wir uns von der Strafe frei halten können. Meine Rede ist schrecklich, aber auch nützlich und heilsam; denn sie verhindert, daß wir thatsächlich der Strafe verfallen. Lernen wir also daraus, daß die Sünden aufgezeichnet und unsere Reden hienieden sogleich nach oben gelangen und dort niedergeschrieben werden. Woraus erhellt Dieß? Denn ohne Grund darf man so Etwas nicht behaupten. Malachias sagt zu den Juden: „Wehe euch, die ihr den Herrn reizet!“ „Und wie,“ sagt ihr, „haben wir ihn gereizt? Dadurch, daß ihr sagt: Jeder, der Böses thut, ist gut vor dem Herrn (so reden unverständige Knechte), und an 224 ihnen,“ sagt ihr, „hat er sein Wohlgefallen, an diesen Verdorbenen, die ihm nicht gedient haben.“ „Siehe, wir haben seine Gebote gehalten und preisen Die selig, welche davon ferne sind.“ Wir dienen Gott täglich, sagen sie, und Andere genießen das Gute. So reden auch zuweilen Knechte über ihre Gebieter; allein wenn ein Mensch vom andern so redet, so ist Das kein so schweres Verbrechen, obgleich es ein Verbrechen bleibt; aber Dieß vom Herrn der ganzen Welt, von einem so gütigen und barmherzigen Herrn zu sagen, Das verdient die empfindlichste Strafe und härteste Verdammung. Damit du aber erkennest, daß dergleichen Worte aufgeschrieben werden, so höre, was der Prophet sagt: „Siehe, Dieß ist aufgeschrieben im Buche der Lebendigen, zum Denkmale vor dem Angesichte des Herrn.“ Aufgeschrieben aber ist es, nicht damit Gott sich des Tages erinnere oder dieses Buch als Schuldbeweis und Anklage gebrauche. Vielleicht habe ich euer Herz mit Furcht erfüllt, oder vielmehr nicht sowohl das eurige als das meinige. Wohlan, ich will nun der Rede oder vielmehr der Furcht ein Ziel setzen oder, noch besser gesagt, ich will dieser kein Ziel setzen, wohl aber sie mildern; denn ich will, daß sie bleibe und euer Herz reinige; das Unerträgliche aber wollen wir ihr benehmen. Wie werden wir aber ihr Dieß zu benehmen vermögen? Durch den Beweis, daß die Sünden nicht nur aufgeschrieben, sondern daß sie auch ausgetilgt werden. Was nämlich Der, welcher vor Gericht seine Sache führte mit Berufung auf die Akten vorgebracht hat, wird für immer aufgeschrieben 225 und kann in Zukunft nicht mehr ausgelöscht werden; in jenem Buche aber wird, was du auch immer Schlechtes gesagt und gewollt, wieder ausgelöscht. Woraus ist Das klar? Aus der heiligen Schrift; denn es heißt: „Wende dein Angesicht von meinen Sünden und tilge alle meine Missethaten!“ Was aber nicht aufgeschrieben ist, kann Niemand tilgen. Da sie also aufgeschrieben waren, bittet er, daß sie getilgt werden. Ein Anderer belehrt uns, wie die Sünden ausgetilgt werden, indem er spricht: „Durch Almosen und Treue wird man von Sünden gereinigt.“ Die Sünden werden nicht allein ausgestrichen, sondern ganz weggetilgt, so daß auch nicht ein Restchen einer Makel zurückbleibt. Allein nicht nur die nach der Taufe begangenen Sünden werden getilgt, sondern auch jene vor der Taufe verzeichneten wurden alle durch das Taufwasser und das Kreuz Christi ausgetilgt, wie Paulus sagt: „Er hat die Handschrift ausgetilgt, die gegen uns war, und hat sie hinweggenommen und an das Kreuz geheftet.“ Siehst du, wie diese Handschrift ausgetilgt worden, ja nicht bloß ausgetilgt, sondern auch zerrissen, zerrissen durch die Nägel des Kreuzes, so daß sie nun unbrauchbar wurde. Allein jene (vor der Taufe begangenen Sünden) wurden alle durch die Liebe und Barmherzigkeit und die Kraft des gekreuzigten Christus getilgt; aber die Tilgung der nach der Taufe begangenen Sünden erheischt einen gewaltigen Eifer; denn es gibt keine zweite Taufe, sondern es bedarf unserer Thränen, der Buße, des Bekenntnisses, Almosens, Gebetes und aller anderen gottseligen Werke. So werden auch die Sünden nach der Taufe hinweggenommen — mit viel Mühe und Anstrengung. Wenden wir also allen Fleiß an, um sie schon in diesem Leben zu tilgen und um dort der Schmach und der Strafe 226 zu entgehen; denn haben wir auch zahllose Sünden begangen, so können wir, wenn wir nur wollen, diese ganze Sündenlast ablegen. Fassen wir also den Entschluß dazu. Denn es ist weit besser, hier ein wenig zu leiden und dort der unvermeidlichen Strafe zu entgehen, als hier kurze Zeit in Leichtsinn und Trägheit zuzubringen und jenseits den ewigen Strafen anheimzufallen. — Nun ist es aber Zeit, das Gesagte kurz zusammenzufassen. Wir rügten Diejenigen, die nur einmal* des Jahres hieherkommen und sich um die entblößte Mutter nicht kümmern. Wir erinnerten sie an alte Geschichten, an Segen und Fluch, wir redeten von jüdischen Festen und warum Gott den Juden befohlen, dreimal im Jahre vor ihm zu erscheinen. Wir zeigten, daß die Christen immer Feste, immer Pfingsten, Ostern und Epiphanie haben. Wir sagten, daß ein reines Gewissen und nicht bestimmte Tage und Zeiten ein Fest ausmachen. Hierauf kamen wir zu den Gaben, die uns vom Himmel gespendet worden, und sagten, daß sie Beweise der Aussöhnung seien. Daß es einen heiligen Geist gebe, zeigten wir aus der Vergebung der Sünden, aus der Antwort des Apostels, aus den Sprüchen der Weisheit und Erkenntniß, aus der Auflegung der Hände und aus dem geheimnißvollen Opfer. Wir sagten, daß wir gegenseitig Pfänder und Geiseln haben, und fügten die Ursache bei, warum jetzt die Wunder aufgehört haben. Dann erinnerten wir an das schreckliche Gericht, an die aufgeschlagenen Bücher und daran, daß alle unsere Sünden darin aufgeschrieben werden. Wir zeigten, daß sie wieder ausgetilgt werden, wenn wir nur wollen. An Das alles sollet ihr denken, und ist es nicht möglich an Alles zu denken, so erinnert euch doch vor Allem an den Ausspruch über die Bücher (Gottes). Ihr möget reden, was ihr immer wollt, so denket, daß der Herr zugegen ist und Alles ausschreibt; seid also vorsichtig im Reden und bewahret diese Ermahnung 227 stets in eurem Herzen, damit Diejenigen aus euch, die im Buche der Gerechten verzeichnet stehen, ihre Verdienste vermehren, Diejenigen aber, von denen ein langes Sündenverzeichniß darin steht, diese auf Erden, ohne daß Jemand es weiß, austilgen und so jener Kundbarmachung entgehen; denn wir können, wie wir gezeigt haben, durch Eifer, durch Gebet und ein beständig gottseliges Leben alle Sünden, die da aufgeschrieben sind, tilgen. Das wollen wir hier also ununterbrochen und eifrig betreiben, damit wir dort nach unserm Hingang einige Vergebung erlangen und so alle den unausbleiblichen Strafen entrinnen. Möchten wir doch alle davon befreit und des Himmelreichs theilhaftig werden durch die Gnade und die Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater, zugleich dem heiligen Geiste sei Ehre, Herrschaft und Ruhm jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
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