Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 10 · Kapitel 2
§ 1
Herrliche Gaben, Geliebte, Gaben, die jede menschliche Beredsamkeit übersteigen, hat uns der gütige Gott am heutigen Tage gespendet! Darum wollen wir alle uns 229 freuen, wollen jubeln und unsern Herrn preisen; denn der heutige Tag ist für uns ein Fest, an dem wir uns freudig versammeln. Wie nämlich beim Wechsel der Jahreszeiten und dem der Sonne eine Zeit der andern folgt: so nimmt auch in der Kirche immer ein Fest das andere auf und führt uns von dem einen zum andern. Neulich feierten wir das Fest des Kreuzes, des Leidens, der Auferstehung und dann das der Auffahrt unseres Herrn Jesus Christus in den Himmel; heute sind wir zu dem Gipfel aller Güter gekommen, sind bis zur Metropole der Feste gedrungen, ja selbst bis zur Frucht der Verheissung des Herrn gelangt. „Denn,“ sagt er, „wenn ich hingehe, so werde ich euch einen andern Tröster senden und euch nicht verwaiset zurücklassen.“ Seht ihr die Sorgfalt? Seht ihr die unaussprechliche Güte? Vor einigen Tagen fuhr er in den Himmel empor, setzte sich aus den Königsthron und nahm seinen Sitz zur Rechten des Vaters; heute begnadet er uns mit der Ankunft des heiligen Geistes und spendet uns durch ihn die unzähligen Gnaden des Himmels. Denn sage mir, ward nicht Alles, was unser Seelenheil angeht, durch den heiligen Geist uns zu Theil? Durch ihn werden wir der Knechtschaft entrissen, zur Freiheit berufen, zur Kindschaft (Gottes) geführt und so zu sagen neuerdings umgeschaffen und legen die schwere und stinkende Sündenlast nieder. Durch den heiligen Geist sehen wir Chöre von Priestern, haben wir Reihen von Lehrern. Aus dieser Quelle fließen die Gaben der Offenbarungen, die Gnaden der Heilungen und alles Andere, wodurch die Kirche Gottes gewöhnlich geschmückt wird, hat von daher seinen Ursprung. Und auch Paulus ruft aus mit den Worten: „Dieß alles bewirkt der eine und derselbe Geist, der Jedem austheilt, wie er will;“ „wie er will“ heißt es, nicht: wie ihm befohlen wird; er theilt aus und wird nicht 230 ausgetheilt; er ist Herr und keiner Obmacht unterworfen. Denn die Gewalt, welche Paulus dem Vater beilegt, schreibt er auch dem heiligen Geiste zu, und wie er vom Vater sagt: „Gott ist es aber, der da Alles in Allem wirkt,“ so sagt er auch vom heiligen Geiste: „Dieß alles bewirkt der eine und derselbe Geist, der Jedem austheilt, wie er will.“ Siehst du die unumschränkte Gewalt? Denn welche eine Natur haben, die haben natürlich auch eine Gewalt, und welche sich an Würde gleichstehen, sind sich auch gleich an Macht und Gewalt. Durch den heiligen Geist erlangten wir die Vergebung der Sünden; durch ihn waschen wir alle Unreinheit ab, durch seine Vermittlung werden wir, wenn wir zu seiner Gnade hineilen, Engel aus Menschen; wir verändern da nicht unsre Menschennatur, sondern behalten, was noch viel staunungswürdiger ist, dieselbe Natur und erweisen uns dennoch wie Engel; so groß ist nämlich die Macht des heiligen Geistes; und gleichwie das sinnenfällige Feuer, wenn es einen weichen Thon erfaßt, diesen zu einem harten Klumpen verwandelt: so macht auch das Feuer des heiligen Geistes, wenn es eine rechtschaffene Seele erfaßt, dieselbe fester als Eisen, und wäre sie vorher auch weicher gewesen als Thon, und Denjenigen, der vor Kurzem noch ganz vom Schmutze der Sünde befleckt war, macht es glänzender als die Sonne. Das lehrt uns auch der heilige Paulus, wenn er spricht: „Lasset euch nicht verführen; weder Hurer noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Weichlinge, weder Knabenschänder noch Diebe, weder Geizige noch Trunkenbolde, weder Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben.“ Und nachdem er, so zu sagen, das ganze Sündenregister angeführt und gezeigt hat, daß Diejenigen, welche diesen Sünden unterworfen sind, des Himmelreichs verlustig gehen, setzt er 231 sogleich hinzu: „Und Das waren Einige von euch; allein ihr seid abgewaschen, seid geheiligt und gerechtfertigt worden.“ Wie und auf welche Weise? Sage es mir; denn Das ist die Frage. „Im Namen unseres Herrn Jesus Christus,“ heißt es, „und im Geiste unseres Gottes.“ Siehst du die Kraft des heiligen Geistes, o Geliebter? Siehst du, wie der heilige Geist alle diese Bosheit wegnimmt und Diejenigen, welche sich vorher von ihren Sünden beherrschen ließen, auf einmal zur höchsten Ehre erhebt?
§ 2
Wer könnte also Diejenigen nach Verdienst beklagen und beweinen, welche die Hoheit des heiligen Geistes angreifen und wie Rasende sich nicht einmal durch die Größe der Wohlthaten von ihrer Undankbarkeit zurückhalten lassen, sondern gegen ihr eigenes Heil Jegliches wagen, indem sie ihn, so viel an ihnen ist, der göttlichen Würde entkleiden und in die Reihe der Geschöpfe herabzusetzen sich unterfangen? Diese möchte ich fragen: Warum zeigt ihr euch, ihr Verräther, gegen die Würde des heiligen Geistes gar so erbost? Oder besser gesagt: gegen euer eigenes Heil, und warum wollt ihr euch nicht der Worte erinnern, die der Erlöser zu seinen Jüngern sprach: „Gehet hin, lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“? Siehst du die Gleichheit der Würde? Siehst du die vollkommene Übereinstimmung? Siehst du die Untheilbarkeit der Dreieinigkeit? Ist irgendwo ein Unterschied, eine Veränderung oder Verminderung? Was unterfanget ihr euch, zu den Worten des Herrn Zusätze zu machen? Oder wisset ihr nicht, daß, wenn Jemand selbst in weltlichen Dingen es unternehmen oder in seiner Verwegenheit so weit gehen wollte, den Befehlen des Kaisers, der doch mit uns dieselbe Wesenheit, dieselbe Natur hat, 232 Etwas beizufügen oder Etwas davon zu beseitigen, Dieser der strengsten Strafe verfällt und daß ihn Nichts der Rache zu entreissen vermag? Wenn Das nun schon unter Menschen so gefährlich ist, welche Verzeihung können Diejenigen hoffen, welche einen solchen Unverstand zeigen und sich vermessen, die Worte unseres gemeinschaftlichen Erlösers zu fälschen, und Paulus, aus dem doch Christus redet, nicht anhören wollen, wenn er mit lauter Stimme ausruft und sagt: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“? Wenn es also kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, wenn keines Menschen Herz Das zu erfassen vermag, was Gott Denen bereitet hat, die ihn lieben: wie, o heiliger Paulus, können denn wir davon Kenntniß erhalten? Warte ein wenig; du wirst darüber von ihm selbst Auskunft erhalten. Er fügt also bei und spricht: „Uns aber hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist.“ Dabei bleibt er aber nicht stehen, sondern spricht, um auch dessen Machtfülle und gleiche Wesenheit mit dem Vater und Sohne zu zeigen: „Der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit;“ dann fügt er bei, um uns diese Lehre durch ein Beispiel, das er von den Menschen hernimmt, noch klarer zu machen: „Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch Niemand, was Gottes ist, als der Geist Gottes.“ Siehst du, wie vollkommen dieser Unterricht ist? Er sagt: Wie es nicht möglich ist, daß irgend ein Anderer wisse, was in dem Herzen des Menschen vorgeht, sondern nur dieser selbst Dieses weiß: ebenso weiß auch Das, was Gottes ist, Niemand, als der Geist Gottes; und Das ist der stärkste und klarste Beweis von der Hoheit des heiligen Geistes; 233 denn Paulus führt dieses Gleichniß an und spricht damit aus: „Es ist ja nicht möglich, daß irgend ein Mensch Das, was in seiner Seele vorgeht, nicht wisse; wie also Das unmöglich ist, so, sagt er, weiß auch der heilige Geist ebenso genau Das, was Gottes ist.“ Allein ich weiß wohl, daß der heilige Paulus mit diesen Worten Diejenigen trifft, welche aus vorgefaßter Meinung gegen ihr eigenes Heil die Würde des heiligen Geistes bekämpfen und ihn, soviel an ihnen ist, seiner göttlichen Hoheit berauben und zur Niedrigkeit der Geschöpfe herabsetzen wollen. Allein mögen Jene auch aus Liebe zum Zank widerstreben und sich dem Ausspruch der göttlichen Schrift widersetzen: wir wollen die göttlichen Lehren als Aussprüche des Himmels annehmen, dem heiligen Geiste die gebührende Anbetung leisten, mit dem rechten Glauben auch die genaue Erkenntniß der Wahrheit an den Tag legen.
Gegen Diejenigen nun, die sich unterfangen das Gegentheil von Dem zu lehren, was der heilige Geist gelehrt hat, mag das Gesagte genügen. Wir müssen aber eurer Liebe auch sagen, warum uns der Herr nicht gleich nach seiner Himmelfahrt den Spender so herrlicher Gaben gesandt hat, sondern vorerst einige Tage vorbeigehen ließ; warum er den Jüngern befahl beisammen zu bleiben, und dann erst den heiligen Geist herabgesandt hat. Das ist aber nicht ohne Grund, nicht ohne Ursache also geschehen. Er sah nämlich, daß das Menschengeschlecht die Güter, die es in Händen hat, nicht so zu schätzen, ja selbst Diejenigen, die groß und herrlich erscheinen, nicht nach Gebühr zu würdigen weiß, wenn es nicht auch ihren Mangel erfahren. Ich gebe ein Beispiel; denn ich muß Dieses deutlicher aussprechen. Wer am Leibe frisch und gesund ist, empfindet es nicht und kann es nicht genau wissen, welch große Güter er der Gesundheit verdankt, falls er nie eine Krankheit gehabt und ein Opfer der Schwäche geworden. Wer ferner das Tageslicht schaut, der würde dieses nicht also bewundern, wenn er keine Empfindung hätte von dem Dunkel der Nacht. 234 Denn der Mangel der Güter, die wir früher genossen, gibt über ihre Beschaffenheit richtigen Aufschluß. Darum brachten nun auch die Jünger, solange sie des Umgangs des Herrn genoßen und sich seiner Gesellschaft erfreuten, ihre Tage ganz glücklich und fröhlich dahin; denn alle Bewohner Palästinas richteten die Augen auf sie, wie auf gewisse Glückssterne, weil sie Todte erweckten, Aussätzige reinigten, Teufel austrieben, Krankheiten heilten und viele andere Wunder vollbrachten. Weil sie nun so angesehen und berühmt waren, ließ er es zu, daß sie auf einige Zeit von der Macht ihres Freundes getrennt wurden, damit sie bei dem Verluste derselben zu erkennen vermöchten, wie viel Treffliches ihnen seine Gegenwart geboten, und durch die Erkenntniß der frühern Güter desto bereitwilliger die Gnade des heiligen Geistes annähmen. Denn er tröstete die Jünger in ihrer Trauer, erheiterte sie durch sein eigenes Licht, als sie wegen des Hinganges ihres Meisters mit Kummer und Wehmuth erfüllt waren, richtete die Niedergeschlagenen auf, zertheilte die Finsterniß ihres Kummers und verscheuchte alle Unschlüssigkeit. Wohl hatten sie die Stimme des Herrn gehört: „Gehet hin und lehret alle Völker;“ allein sie waren noch unschlüssig und wußten noch nicht, wohin ein Jeder von ihnen zu gehen und wo in der Welt er das Wort Gottes zu verkündigen hätte; da kam nun der heilige Geist in Gestalt von Zungen, wies einem Jeden die Ländert des Erdkreises für den Unterricht an und lehrte einen Jeden durch die Sprache, die er ihm verlieh, wie durch eine besondere Vorschrift, welches Reich ihm angewiesen sei, und wie weit seine Lehre sich erstrecken sollte. Deßwegen kam der Geist in Zungengestalt, aber nicht allein deßwegen, sondern um uns zugleich an eine alte Geschichte zu mahnen. Als einst die Menschen in ihrem Hochmuth soweit gekommen waren, einen Thurm bauen zu wollen, der bis an den Himmel reichen sollte: so zerstörte Gott ihre sündhafte Eintracht 235 durch die Verwirrung der Sprachen. Darum kömmt auch jetzt der heilige Geist über sie in Gestalt feuriger Zungen, um dadurch die zerrissene Welt wieder zu einen. Es geschah da etwas Neues und Ausserordentliches; wie nämlich früher die Zungen die Welt getheilt und die sündhafte Eintracht in Zwietracht verkehrt hatten: so haben jetzt die Zungen den Erdkreis verbunden und die Zwietracht zur Eintracht geführt. Darum erschien der heilige Geist in Zungengestalt; die Zungen aber schienen feurig zu sein, weil so viele Dornen der Sünde in uns aufgewachsen waren. Denn wie die Erde, wenn sie fett und fruchtbar ist, aber nicht angebaut wird, einen ganzen Wald von Dornengestrüppe hervorbringt: so erzeugt auch unsre Natur, die vom Schöpfer aus gut und zur Hervorbringung der Tugend geschickt ist, gleichsam ein Dornengesträuch und einen nutzlosen Wald — die Gottlosigkeit, weil sie von der Gottseligkeit nicht angebaut wurde noch den Samen der Erkenntniß Gottes ausnahm. Und wie man oft vor der Menge der Dornen und des Unkrautes den Erdboden nicht zu sehen vermag: so war auch der Adel und die Reinheit unserer Seele nicht sichtbar, bis der Ackersmann der Menschennatur kam, das Feuer des heiligen Geistes aus ihr anzündete, sie reinigte und zur Annahme des himmlischen Samens empfänglich machte.
§ 3
Alle diese und noch viele andere Güter hat uns der heutige Tag gebracht; darum bitte ich, daß auch wir dieses Fest feiern nach der Würde der uns gespendeten Gnaden, nicht dadurch, daß wir die Thüren mit Blumen verzieren, sondern unsere Seelen ausschmücken; nicht dadurch, daß wir die Straßen mit Teppichen belegen, sondern unserem Geiste das Feierkleid der Tugend anziehen, auf daß wir sowohl die Gnade des heiligen Geistes empfangen als auch der Früchte derselben theilhaftig werden. Welches ist aber 236 die Frucht des heiligen Geistes? Hören wir die Worte des heiligen Paulus! „Die Frucht aber des heiligen Geistes,“ sagt er, „ist Liebe, Freude, Friede.“ Siehe die Sorgfalt im Ausdrucke und den Zusammenhang in seiner Lehre! Er stellt die Liebe voran und erwähnt hierauf ihre Folgen; er senkt die Wurzel ein und zeigt dann die Frucht; er legt den Grund und setzt dann das Gebäude darauf; er beginnt bei der Quelle und gelangt hinauf zu den Flüssen. Denn der Grund der Freude kann unmöglich eher in uns Eingang finden, als bis wir das Glück anderer Menschen für das unsrige halten und die Glückseligkeit des Nächsten für unsere eigene ansehen. Das kann aber nirgends geschehen, als wo die Liebe zur vollkommenen Herrschaft gelangt ist. Die Liebe ist die Wurzel und die Quelle und die Mutter aller Güter; denn wie eine Wurzel schlägt sie in zahllose Äste der Tugend aus, und wie eine Quelle erzeugt sie viele Flüsse, und wie eine Mutter umfängt sie Diejenigen, welche zu ihr die Zuflucht nehmen. Weil nun Paulus Dieß wußte, nannte er sie eine Frucht des Geistes. An einer andern Stelle erhebt er sie so sehr, daß er sie die Erfüllung des Gesetzes nennt: „denn die Liebe,“ sagt er, „ist des Gesetzes Erfüllung.“ Ja unser aller Herr bezeichnet ihren Charakter, indem er sie als hinlänglichen und einzigen Beweis hinstellt, daß Diejenigen seine Jünger seien, die sie besitzen, wenn er spricht: „Daran werden Alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet.“ Darum wollen wir alle zu ihr unsre Zuflucht nehmen, ihr anhangen und mit ihr dieses Fest begehen. Denn wo Liebe ist, da verschwinden die Mängel des Herzens; wo Liebe ist, da ruhen die unvernünftigen Begierden des Herzens; „die Liebe,“ heißt es, „handelt nicht boshaft, bläht nicht auf, ist nicht ehrgeizig.“ Die 237 Liebe fügt dem Nächsten keinen Schaden zu; wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Kain, der seinen Bruder erschlägt. Verstopfe die Quelle des Neides, und du verstopfst den Strom aller Laster. Haue die Wurzel ab, und du vertilgst die Frucht. Das sage ich aber mehr aus Sorgfalt für Diejenigen, die da beneiden, als die beneidet werden; denn Jene sind es zumeist, die der größten Strafe verfallen und so sich selbst einen erheblichen Schaden zufügen, während die Mißgunst den Beneideten, wenn sie nur wollen, Gelegenheit zu Belohnungen bietet. Siehe nur, wie der gerechte Abel gepriesen und noch täglich gelobt wird, und eben seine Ermordung bot die Veranlassung zu seiner Berühmtheit. Nach seinem Tode noch redet er durch sein Blut und verklagt mit lauter Stimme den Mörder; Kain aber lebt und erntet die Frucht seiner Werke und den Lohn seiner Thaten: seufzend und zitternd bringt er auf Erden seine Tage dahin. Jener ist erschlagen und liegt zu Boden gestreckt, zeigt aber nach seinem Tode größeren Muth; und wie den Kain die Sünde so unglücklich machte, daß er ein Leben führte, das schlimmer als der Tod selbst war: so verschaffte dem Abel die Tugend noch nach dem Tode einen größern Ruhm. Damit also auch wir sowohl hier wie dort eine größere Zuversicht erlangen und aus diesem Feste eine größere Freudigkeit schöpfen, wollen wir alle befleckten Kleider der Sünde abwerfen, besonders aber das Gewand des Neides ausziehen. Mag es auch scheinen, daß wir gar tugendhaft seien; alle Tugenden nützen uns Nichts, wenn uns dieser bittere und häßliche Schandfleck anhängt. Möchten wir ihm doch alle entgehen und besonders Diejenigen, welche heute durch das Bad der Gnade das alte Sündengewand abgelegt haben und nun heller als die Sonne zu strahlen vermögen. Ich ermahne nun euch, die ihr heute zur Kindschaft Gottes gelangt seid, die ihr dieses glänzende Kleid angethan habt: bewahret mit aller Sorgfalt die Reinheit, womit ihr gegenwärtig geschmückt seid; verschließet dem Satan von allen Seiten den Eingang, damit ihr noch reichlichere Gaben des heiligen Geistes 238 empfanget, dreissig, sechzig und hundertfältige Frucht tragen könnet und gewürdiget werdet voll Vertrauen dem Könige des Himmels entgegen zu eilen, wenn er kommen und die unaussprechlichen Güter unter Diejenigen austheilen wird, welche ihr gegenwärtiges Leben in Jesus Christus, unserm Herrn, tugendhaft zugebracht haben. Ihm sei Ehre und Macht jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
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