Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 18 · Kapitel 2
§ 1
Zu allen Zeiten, besonders aber jetzt, ist es ein Wort zu seiner Stunde geredet, wenn man sagt: „Eitelkeit der Eitelkeiten, und Alles ist Eitelkeit.“ Wo sind jetzt die 429 prächtigen Konsulatsgewänder und die strahlenden Fackeln? wo die Beifallsrufe, die Tänze, die Gastgelage, die festlichen Zusammenkünfte, die Blumenkränze, die kostbaren Teppiche und Vorhänge? Und das Freudengeschrei der ganzen Bürgerschaft, die jauchzenden Zurufe bei den Cirkusspielen, die Schmeichelworte des zuschauenden Volkes — wo ist Das alles geblieben? Das alles ist dahin. Urplötzlich hat sich ein Sturm erhoben, hat den Baum entblättert, seines Schmuckes beraubt, bis in seine Wurzeln erschüttert — so steht er jetzt vor unsern Augen. Mit solcher Gewalt hat ihn der Sturm erfaßt, daß er den Baum mit der Wurzel auszureissen drohte und ihn zittern machte bis in seine innersten Fasern. Wo sind doch jetzt die falschen Freunde, die Trinkgelage und Gastereien, die Menge der feilen Zecher, die Ströme ungemischten Weines, die vom Morgen bis zum Abend floßen, und die Köche mit ihren zahllosen Künsten und jene Anbeter der Gewalt, die in allen Worten und Werken nur um den Beifall des mächtigen Gönners buhlten?
Nacht war Das alles und Traum; es tagte — da schwand es; Blumen des Lenzes; der Lenz verging — sie welkten allzumal; ein Schatten — er ging vorüber; ein Rauch — er zertheilte sich; — Wasserblasen waren es — sie platzten; ein Spinngeweb — es zerriß. Darum hören wir nicht auf, euch dieses Wort des heiligen Geistes zuzurufen: „Eitelkeit der Eitelkeiten! Und Alles ist Eitelkeit.“ Dieses Wort müßte immerdar geschrieben stehen auf den Wänden, auf den Kleidern, auf dem Markte, auf den Häusern, auf den Wegen, auf den Thüren, auf den Vorhöfen, vor allen Dingen aber in der Seele eines Jeden, um unaufhörlich beherzigt zu werden. Weil der Dinge täuschender Schein und ihre trügerische Aussenseite den meisten Menschen für Wahrheit gilt, so sollte Tag für Tag, bei der Abendmahlzeit, beim Frühmahl, bei geselligen Zusammenkünften, Jeder seinem Nächsten dieses Wort zurufen und von dem Nächsten wieder hören: „Eitelkeit der Eitelkeiten! Und Alles ist 430 Eitelkeit!“ Sagte ich dir nicht fort und fort, daß der Reichthum flüchtig und vergänglich ist? Du aber konntest meine Worte nicht ertragen. Sagte ich dir nicht, daß der Reichthum ein undankbarer Hausgenoß ist? Du aber wolltest nicht hören. Sieh’, jetzt lehren dich die Thatsachen, lehrt dich die eigene Erfahrung, daß der Reichthum nicht bloß flüchtig, nicht bloß undankbar, sondern auch ein wahrer Mörder ist; denn der Reichthum trägt die Schuld, daß du jetzt in Furcht und Zittern da stehst.
Als du mich unaufhörlich schmähtest, weil ich dir die Wahrheit sagte, habe ich dir da nicht auch gesagt, daß ich dich mehr liebte, als dich deine Schmeichler lieben? Daß ich, der strenge Tadler, mehr Sorge um dein wahres Wohl trage als die willfährigen, die angenehmen Gesellschafter? Habe ich nicht hinzugefügt, daß Wunden von Freundeshand mehr Vertrauen verdienen als unerbetene Küsse von Feinden? Hättest du dir von mir die Wunden gefallen lassen, dann hätten dir die Küsse der Feinde nicht dieses tödtliche Leid angethan. Denn jene Wunden bringen Heil und Gesundheit, diese Küsse dagegen haben dich in eine unheilbare Krankheit gestürzt. Wo sind jetzt die lustigen Zecher? Wo sind jene Elenden, die sich auf dem Forum breit machten und bei Jedermann in allen Tonarten dein Lob sangen? Sie haben sich aus dem Staube gemacht; sie haben die Freundschaft verleugnet und benutzen deine tödtliche Angst, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. So machen wir es nicht. Wie uns dein Unwille nicht verscheucht hat, so soll jetzt dein Sturz uns nicht hindern, dir unsere Sorge und Pflege zu widmen. Einst hast du die Kirche befehdet; sie ist es jetzt, die dich an ihrem Busen birgt. Für die Schauspielhäuser hast du gut gesorgt (und hast mir manchmal um ihretwillen gezürnt!) —und sie haben dich jetzt preisgegeben und zu Grunde gerichtet. Und doch haben wir nicht auf- 431 gehört dir zu sagen: Warum thust du Das? Warum wüthest du gegen die Kirche und stürzest dich selbst kopfüber in’s Verderben? Du warst taub für alle meine Worte. Jetzt ist durch die Cirkusspiele, die einst an deinem Reichthum zehrten, gegen dich das Schwert geschärft; die Kirche aber, an der du so unzeitig deinen Grimm ausließest, eilt aller Orten herbei, um dich den Schlingen zu entreissen.
§ 2
Mit diesen meinen Worten will ich wahrlich den Gestürzten nicht verhöhnen, sondern nur die aufrecht Stehenden vor dem Falle sichern. Ich will keineswegs seine Wunden noch weiter aufreissen, sondern nur die Unverwundeten in ihrem heilen und gesunden Zustand bewahren. Ich will keineswegs den armen Schiffbrüchigen vollends versenken, sondern nur Diejenigen, die mit günstigem Fahrwind segeln, dem Schiffbruch entgehen lehren. Wie soll Das denn geschehen? Indem wir den Wechsel der menschlichen Geschicke erwägen. Hätte dieser Mann hier den Wechsel gefürchtet, so würde er den Wechsel nicht an sich erfahren haben. Indessen, wollte er von Besserung Nichts wissen und sich weder aus eigenem Antrieb noch auf Zureden eines Andern dazu entschließen, so laßt ihr wenigstens, die ihr jetzt mit eurem Reichthum groß thut, sein Unglück euch zum Heile dienen.
Nichts ist so hinfällig als Erdenglück. Nennt es nach seinem Unwerth, wie ihr wollt — Rauch oder Gras oder einen Traum oder eine Blume des Frühlings oder wie immer — ihr werdet allemal noch hinter der Wahrheit zurückbleiben. So vergänglich ist das Glück, so nichtig über alle Nichtigkeit hinaus. Daß es aber bei seiner Nichtigkeit auch ausserordentlich gefährlich ist, Das seht ihr heute klar vor Augen. Denn wer stand höher als dieser Mann? Besaß er nicht die meisten Reichthümer von allen Menschen auf Erden? War er nicht his zur höchsten Stufe der Ehren und Würden emporgestiegen? Stand nicht Jedermann vor ihm in Furcht und Zittern? Und sieh! jetzt ist er elender 432 geworden als ein Gefesselter, unglücklicher als ein Sklave ärmer als ein von Hunger gepeinigter Bettler. Denn er sieht Tag um Tag das scharfe Schwert gegen sein Haupt gezückt, sieht den jähen Abhang, die Henker und den Gang zur Richtstätte unanfhörlich vor Augen. Hat er jemals die Freuden dieses Lebens genossen, davon weiß er jetzt Nichts mehr. Ihm leuchtet nicht einmal der Strahl der Sonne; denn die Angst vor den Umstehenden verdunkelt seine Augen und hüllt ihn mitten am Tage in finstere Nacht. Doch ich mag mich noch so sehr bemühen, unmöglich können meine Worte euch einen Begriff von den Leiden geben, die auf diesem Manne lasten müssen, der stündlich seinen Tod erwartet. Wozu bedarf es auch meiner Worte, da ihr an ihm selbst das leibhaftige Bild dieses Jammers seht? Als gestern aus dem kaiserlichen Palast die Boten kamen, um ihn mit Gewalt hinwegzuschleppen, und als er sich in das Heiligthum geflüchtet hatte, da war sein Angesicht — wie auch jetzt ganz leichenblaß; seine Zähne klapperten, sein ganzer Leib erzitterte; seine Stimme war tonlos, seine Zunge gelähmt, und in seinem ganzen Äussern gab sich die [vom Schrecken] versteinerte Seele kund.
§ 3
Auch Das sage ich nicht, um ihn zu schmähen und seines Unglücks zu spotten, sondern um eure Herzen zu erweichen und zum Mitleid zu bewegen, damit ihr euch an dieser bis jetzt schon erstandenen Strafe genügen lasset. Weil es nämlich viele unbarmherzige Menschen unter uns gibt, die gleicher Weise auch mir zum Vorwurf machen, daß ich ihm den Zutritt zum Altare nicht verwehrt habe, darum stelle ich euch die Größe seiner Leiden recht vor Augen. So hoffe ich durch meine Rede ihren harten Sinn zu erweichen. Warum zürnst du denn, mein Freund? Weil Derjenige, sagst du, in der Kirche Zuflucht fand, der die 432 Kirche unaufhörlich angefeindet hat. Dafür gerade gebührt Gott dem Herrn Lob und Dank, daß er ihn in eine Noth gerathen ließ, in welcher er die Macht und zugleich die Menschenfreundlichkeit der Kirche kennen lernt: ihre Macht, weil sein Krieg gegen die Kirche diesen jähen Schicksalswechsel verschuldet, und ihre Menschenfreundlichkeit, weil sie, die er befehdet hat, ihn jetzt mit ihrem Schilde deckt, ihn unter ihre schützenden Fittige genommen und ihm volle Sicherheit gewährt hat, nicht gedenkend der frühern Beleidigungen, sondern ihm den Schooß der Mutterliebe öffnend mit großer Zärtlichkeit. Das ist es, was ihr hellern Glanz verleiht als erbeutete Waffen; das ist ein überaus ruhmvoller Sieg. Dieser Sieg beschämt die Heiden, macht die Juden zu Schanden und offenbart die Huld ihres Angesichtes, indem sie des gefangenen Feindes schont, indem sie allein, während sich Niemand des Verlassenen annimmt, wie eine liebende Mutter ihn unter ihrem Schleier birgt und hintritt zwischen ihn und des Kaisers Zorn und des Volkes Haß und unerträglichen Grimm. Das ist eine wahre Zierde für den Altar! Wie? sagt man, das wäre eine Zierde, daß ein schuldbeladener, ein habsüchtiger, ein mit Raub befleckter Mensch den Altar umfaßt? Doch, so sprich nicht! Hat denn nicht auch die Buhlerin, das lasterhafte, fluchbeladene Weib, die Füße des Herrn berührt? Das gereicht dem Heiland nicht zum Vorwurf; das war ein Wunder seiner Liebe, wofür ihm großes Lob gebührt. Die Unreine hat den Reinen nicht befleckt, sondern er, der Reine und Tadellose hat die schuldbeladene Buhlerin durch diese Berührung gereinigt. O Mensch! sei nicht eingedenk des erlittenen Unrechts! Wir sind ja Knechte des Gekreuzigten, der da sprach: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“
Aber Dieser, sagt man mir, hat jene Freistätte durch 434 seindselige Erlasse und Gesetze verschlossen! Nun ja! Sieh, er ist jetzt durch seine eigene Erfahrung recht inne geworden, was er gethan hat, und er ist der Erste, der dieses Gesetz durch die That vereitelt. Er ist jetzt ein Schauspiel für die Welt geworden, und in seinem Schweigen ruft er Allen die Warnung zu: Thuet doch nicht wie ich, auf daß ihr nicht leiden müsset wie ich! Ihn macht sein Unglück zum Lehrmeister. Von großem Glanze erstrahlt der Altar, der heute mehr als je furchtbar und zugleich herrlich erscheint, indem der Löwe gefesselt zu seinen Füßen liegt. So ist es ja auch für das Bild des Kaisers eine große Zierde, nicht bloß, wenn der Kaiser, bekleidet mit Purpur und Krone, auf seinem Throne sitzt, sondern auch, wenn ihm zu Füßen Barbaren im Staube liegen, die Hände auf den Rücken gefesselt, das Haupt zu Boden geneigt. Obgleich kein Wort zur Überredung und Rührung der Herzen von ihm [Eutrop] ausgegangen, seid ihr heute Zeugen einer allgemeinen Bewegung, einer zahlreichen Versammlung. Dieser Tag gewährt einen großen Anblick; unsere Versammlung ist wahrhaft glänzend. Wie am heiligen Osterfeste, so viel Volk sehe ich auch jetzt hier zusammen. So hat er euch in seinem Schweigen alle zusammengerufen; denn die Stimme seines Unglücks tönt mächtiger als der Schall einer Posaune. Jungfrauen und Matronen haben ihre Frauengemächer, Männer die öffentlichen Plätze verlassen, und ihr seid alle hiehergeeilt, um die Hinfälligkeit der Menschennatur vollständig bloßgestellt, die Vergänglichkeit des Erdenglückes ganz und gar enthüllt zu sehen und um dieses Glückes buhlerisches Angesicht zu schauen, das noch gestern und ehegestern in falscher Schönheit prangte! In der That, häßlicher als das runzeligste alte Weib ist das Glück, das aus ungerechtem Gute stammt. Hier könnt ihr sehen, daß der Wechsel des Schicksals wie mit einem Schwamme die Schminke und die erlogene Schönheit hinweggewischt hat!
§ 4
Eine solche Gewalt ist diesem Unglück eigen, daß es den angesehenen, den hochberühmten Mann bis unter den 435 geringsten der Menschen erniedrigt hat. Daraus sollen Reiche sowohl als Arme, die hier erscheinen, großen Nutzen ziehen. Sehen die Reichen diesen Mann, der einst die ganze Welt zu erschüttern wußte, jetzt von dieser gewaltigen Höhe herabgestürzt, tief gedemüthigt, furchtsam gleich einem Hasen oder Frosch, an diese Säule gefesselt ohne Ketten, von Angst zusammengeschnürt wie von starken Banden, zagend und zitternd — dann wird dieser Anblick ihren Hochmuth bändigen, ihrem stolzen Sinne Schranken setzen; und wenn sie von dannen gehen, werden sie über menschliche Größe so denken, wie sich geziemt, und werden durch die Macht der Thatsachen gelernt haben, was die heilige Schrift in diesen Worten lehrt: „Alles Fleisch ist Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie die Blume des Grases. Es dorret das Gras, und die Blume fällt ab;“ und was sie an einer andern Stelle lehrt: „Schnell wie Gras vergehen sie und schwinden hin wie grünend Kraut. Seine Tage sind wie Rauch;“ und ähnlich lauten viele andere Stellen.
Der Arme aber wird nach diesem Anblick sein Loos nicht mehr gering achten und über seine Armuth nicht mehr klagen. Nein, er wird sogar seiner Armuth Dank wissen, weil sie ihm eine Freistätte ist, ein Hafen, der gegen tosende Fluthen sichert, und eine feste Burg; und vielmal würde er, wenn er zu wählen hätte, lieber arm bleiben, wie er ist, als für eine kurze Frist alle Reichthümer annehmen und dann später seines Lebens nicht mehr sicher sein. Seht ihr’s nun? Ist es nicht ein großer Gewinn für Reiche und Arme, für Hochgestellte und Geringe, für Sklaven und Freie, daß dieser Mann hier seine Zuflucht gesucht und gefunden hat? Seht ihr’s nun? Hat nicht ein Jeder an diesem Anblick eine wahre Arznei, die er von hier mitnimmt, und die für sich allein im Stande ist, ihn zu heilen?
436Habe ich eure leidenschaftliche Aufwallung besänftigt? euren Zorn ausgetrieben? eurer Unmenschlichkeit Einhalt gethan? euch zum Mitleid bewegt? Ja, so scheint es mir. Das sagen mir eure Mienen und die Ströme von Thränen. Ist nun der Stein gutes und fruchtbares Erdreich geworden, wohlan, so laßt uns auch hervorbringen die Frucht der Erbarmung und, die Ähre des Mitleids darhaltend, vor dem Kaiser niederfallen oder vielmehr den menschenfreundlichen Gott anflehen, daß er sänftige des Kaisers Zorn und erweiche sein Herz, auf daß er uns vollkommene Erhörung gewähren wolle. Es hat sich nämlich seit dem [gestrigen] Tage, wo dieser Mann hier am Altare seine Zuflucht suchte, schon Vieles geändert. Der Kaiser vernahm, daß der Unglückliche sich an diese Freistätte geflüchtet hatte; aber die Soldaten, voll Zorn über sein Vergehen, forderten in Gegenwart des Kaisers seinen Tod. Da hat ihnen der Kaiser lange und eindringlich zugeredet, um den Grimm der wilden Krieger zu besänftigen. Er verlangte von ihnen, sie sollten sich nicht bloß der Frevel, sondern auch der etwaigen Verdienste des unglücklichen Mannes erinnern, und indem er aus seinem Dank für die letztern kein Hehl machte, ließ er wegen der Beleidigungen im Gedanken an die menschliche Schwachheit Nachsicht und Verzeihung walten. Als sie aber von Neuem und mit heftigerm Ungestüm Rache für die beleidigte Majestät des Kaisers forderten, schreiend, stampfend, auf seinem Tod bestehend, die Lanzen schwingend: da ergoß sich aus seinen mildesten Augen ein Strom von Thränen; er erinnerte sie an den heiligen Altar, bei dem der Flüchtling Schutz gesucht, und so besänftigte er ihren Zorn.
§ 5
Was an uns ist, laßt uns denn auch dazu thun! Denn wenn ihr, obgleich euch dieser Mann Nichts zu Leide gethan hat, eine solche Wuth zur Schau tragt, während der schwer beleidigte Kaiser das erlittene Unrecht vergessen will, habt ihr dann wohl selbst Verzeihung [von Gott dem Herrn] verdient? Wie werdet ihr dann nach diesem Schauspiel 437 den heiligen Geheimnissen nahen können? Wie werdet ihr jenes Gebet sprechen können, in dem wir sagen müssen: „Vergib uns, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“? Könnt ihr so beten, wenn ihr für eure Schuldner Strafe fordert? Er hat, sagt ihr, schweres Unrecht begangen, große Beleidigungen zugefügt. Ich leugne es nicht. Aber es ist jetzt nicht die Zeit des Gerichtes, sondern des Mitleids, nicht der Rechenschaft, sondern der Menschenfreundlichkeit, nicht der peinlichen Untersuchung, sondern der Verzeihung, nicht des Strafurtheils, sondern der Erbarmung und Liebe. Daß sich also Niemand mehr von Zorn und Unwillen beherrschen lasse! Flehen wir lieber zum gütigen Gott, er möge ihm die Lebensfrist verlängern und ihn dem angedrohten Tode entreissen, auf daß er seine Sünden wieder gut mache! Laßt uns dann gemeinsam vor den huldvollen Kaiser hintreten, mit der Bitte, daß er zu Gunsten der Kirche und des Altars, um dieses heiligen Tisches willen diesem einen Manne das Leben schenke. Wenn wir Das thun, dann wird der Kaiser uns willfahren und überdieß auch Gott der Herr noch vor dem Kaiser unsern Entschluß billigen; ja er wird uns für diese Liebe zu unserm Mitmenschen reichlich belohnen. Denn wie er sich von dem hartherzigen, erbarmungslosen Menschen voll Abscheu hinwegwendet, so kommt er dem mitleidigen, barmherzigen liebevoll entgegen. Wenn ein solcher schon zu den Gerechten gehört, wird der Herr ihm eine noch glänzendere Krone bereiten; und gehört er zu den Sündern, so wird ihm der Herr — zum Lohn für die Barmherzigkeit gegen den Mitknecht — seine Sünden verzeihen. Denn er sagt: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.“ Das ist es, was er immer und allenthalben in der heiligen Schrift von uns fordert, und das ist die Bedingung, an die er auch die Nachlassung der Sünden knüpft. Dadurch werden auch wir ihn gnädig stimmen, dadurch unsere Vergehungen büßen 438 und der Kirche zur Zierde gereichen. Dann wird uns, wie ich eben sagte, auch der menschenfreundliche Kaiser loben, das ganze Volk wird uns Beifall zollen, bis zu den Enden der Welt wird man die Menschenfreundlichkeit und Milde dieser Stadt bewundern, und allenthalben auf Erden, wo man Das von uns hört, wird man unser Lob verkünden.
Auf daß wir nun dieser so großen Güter und Gnaden theilhaft werden, laßt uns auf die Kniee fallen, beten und flehen! Laßt uns der Gefahr entreissen den Gefangenen, den Flüchtling, den Flehenden, damit wir auch den Lohn im andern Leben empfangen mögen, durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem da ist Herrlichkeit und Macht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.
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