Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 14 · Kapitel 2
§ 1
Seitdem wir die Feier des heiligen Pfingstfestes begangen haben, sind noch nicht sieben Tage verflossen, und nunmehr begegnet uns ein Chor von Blutzeugen. Ein Chor — doch richtiger würde ich sie einem Heer in Schlachtordnung vergleichen, das den Heerschaaren der Engel, die der Patriarch Jakob gesehen, in keiner Weise nachsteht, sondern wetteifernd zur Seite steht und vollständig gleichkommt. Denn Martyrer und Engel unterscheiden sich nur dem Namen nach; die wesentlichsten Vorzüge sind ihnen gemeinsam. Die Engel bewohnen den Himmel, auch die Martyrer; die Engel erfreuen sich der Unsterblichkeit und einer ewigen Jugend, ganz Dasselbe wird auch den Martyrern zu Theil. Doch — die Engel sind ja überdieß rein geistiger Natur! Nun, was liegt daran? Wenn die heiligen Martyrer auch mit einem Leibe umkleidet sind, so ist dieser Leib unsterblich. Und zudem, auch ehe der Zustand der Unsterblichkeit eintritt, ist der Tod Christi dem menscheichen Leibe eine schönere Zierde als selbst die Unsterblichkeit. So herrlich schmücken nicht den Himmel seine zahllosen Sterne, als den Leib der Martyrer das strahlende Blut aus ihren Wunden. Es ist also eben der Tod, dem sie ihre Vorzüge verdanken, und wegen ihres Todes sogleich als Sieger gekrönt haben sie den Kampfeslohn schon vor der Verklärung des Leibes erhalten. Von der gemeinsamen 390 Natur aller Menschen sagt David: „Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt, hast ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.“ Aber auch dieses Wenige, das uns fehlte, hat uns Christus verliehen, indem er unter uns erschien und durch seinen Tod den Tod zu nichte machte. Doch Das will ich jetzt nicht betonen; ich sage vielmehr: selbst der Tod, an und für sich ein Verlust, ein Schaden, ist nun zum Gewinn geworden. Denn wären jene Heiligen nicht sterblich, so würden sie nicht Martyrer geworden sein; gäbe es keinen Tod, so gäbe es auch keine Siegeskrone; gäbe es kein Sterben, so gäbe es kein Martyrium. Gäbe es keinen Tod, so hätte Paulus nicht sagen können: „Täglich sterbe ich, bei eurem Ruhme, welchen ich habe in Christo Jesu.“ Gäbe es keinen Tod und keine Leiden, die zum Tode führen, dann hätte derselbe heilige Paulus nicht sagen können: „Ich freue mich in meinen Leiden für euch, und ich ersetze, was mangelt an den Bedrängnissen Christi, in meinem Fleische.“ Darum laßt uns nicht betrübt sein, daß wir sterblich sind; laßt uns vielmehr Dank sagen, weil uns eben dadurch, daß wir dem Tode unterworfen sind, auch die Pforte zum Martertode geöffnet ist. In dem Untergang des leiblichen Lebens haben wir die Bedingung, unter der wir den Siegeslohn erringen können; da bietet sich uns die Gelegenheit zum Kampfe. Seht ihr die Weisheit Gottes, wie er das größte Übel, in welchem das menschliche Elend seinen höchsten Grad erreicht, das der Teufel in die Welt gebracht hat, den Tod nämlich, zu unserer Ehre und Herrlichkeit wendet, indem er durch den Tod die tapfern Kämpfer, die Martyrer, zum Sieg und Siegeslohn hinführt? Doch wie? sollen wir nun dem Teufel danken für den Tod? Das sei ferne. Denn wenn der Tod Glück bringt, so ist Das nicht aus die Absichten des Teufels, sondern auf den gnadenvollen Rathschluß der göttlichen Weisheit zurückzuführen. Der Teufel hat 391 Tod in die Welt gebracht, um Unheil anzurichten und den Menschen, indem er sie zur Erde zurückführte, alle Hoffnung auf Heil und Rettung abzuschneiden; Christus aber hat denselben Tod gleichsam in die Hand genommen und umgewandelt und uns durch ihn wieder zum Himmel hinaufgeführt.
Möge es denn Keiner von euch tadeln, wenn ich die große Schaar der heiligen Martyrer, die doch nur eine ist, mit so entgegengesetzten Namen benenne, indem ich sie als Festchor und zugleich als Kriegsheer bezeichne. Denn so sehr diese Worte zu einander im Gegensatz stehen, hier sind sie beide zutreffend. Oder sind nicht die heiligen Martyrer den Todesqualen mit einer Freude entgegengegangen, als ob sie zu einem fröhlichen Feste eilten? Und haben sie nicht andererseits die ganze Tapferkeit, den ganzen Heldenmuth braver Krieger bewährt, und haben sie nicht in der That die Feinde besiegt? Was ihr da seht, Das gleicht allerdings, rein natürlich betrachtet, einem Kriege, einem Kampfe, einer mörderischen Schlacht; aber nach seinem wahren und tiefern Sinne ist es wie ein fröhlicher Tanz, ein heiteres Gastmahl, ein schönes Fest, es ist die größte Freude und Wonne. Soll ich euch erklären, wie es schrecklicher ist als die Schrecken des Krieges? Die Leiden der Märtyrer meine ich. Worin bestehen denn die Schrecken des Krieges? Die feindlichen Heere, von beiden Seiten eingeschlossen, stehen sich gegenüber; die blanken Waffenrüstungen glänzen und werfen ihre Strahlen über die Erde hin; nun werden von allen Seiten ganze Wolken von Pfeilen entsendet, die den Himmel verdunkeln durch ihre Menge; Bäche von Blut strömen über die Erde, und allenthalben liegen die Leichen umher wie Ähren auf dem Erntefeld; so werden die Krieger, einer vom andern, hingeschlachtet. Nun wohlan, jetzt will ich euch von diesem Schlachtfeld auf den Kampf- 392 platz der Martyrer führen. Auch da stehen sich zwei kämpfende Parteien gegenüber: hier die Martyrer, dort die Tyrannen. Die Tyrannen aber sind wohlbewaffnet, die Martyrer kämpfen unbewaffnet, unbedeckt; und doch — bei ihnen ist der Sieg, und nicht auf Seiten der Bewaffneten. Wer sollte da nicht staunen? Man schlägt sie mit Geißeln — und die da schlagen, werden besiegt; man legt sie in Bande — und die von Banden frei sind, werden besiegt; man wirft sie in’s Feuer — und die das Feuer schüren, werden besiegt; man schlägt sie todt — und sterbend siegen sie über ihre Mörder. Seht ihr wohl? Was hier geschieht, ist noch furchtbarer als die Schrecknisse des Krieges. Denn so furchtbar der Krieg ist, so untersteht er doch den Gesetzen der Natur; hier aber werden die Gesetze der Natur und wird der gewöhnliche Lauf der Dinge vollständig überwunden. Daraus sollt ihr ersehen, daß es eine Wirkung der göttlichen Gnade ist, was sie geleistet haben. Kann man uns wohl irgend Etwas aufweisen, wobei so sehr alles Recht und Gesetz unter die Füße getreten wird, wie bei diesem Kampf, bei diesem Ringen? Im Kriege sind doch beide Parteien mit Waffen versehen, hier aber nicht: hier sind die einen jeglicher Rüstung baar, die andern wohlbewaffnet. In der Schlacht ist es doch beiden Parteien gestattet, die Hände zum Kampfe zu erheben; hier aber sind die einen gefesselt, während die andern mit unbeschränkter Freiheit und nach Belieben darauf losschlagen. Denn für ihren Theil haben sich die Richter nach den Eingebungen tyrannischer Willkür das Unrecht thun genommen, den Martyrern aber, den gerechten, das Unrecht leiden zugewiesen. Das ist ihre Art, mit den Heiligen den Kampf zu führen; und dennoch — Sieger bleiben sie nicht; als Besiegte müssen sie nach diesem ungleichen Kampfe zurückweichen. Man führt einen Soldaten in die Schlacht, bricht die Spitze von seiner Lanze, zieht ihm seinen Panzer aus und weiset ihn an, so ohne Schutz- und Trutz-Waffen zu kämpfen; und dieser Krieger, von vielen Schlägen getroffen, durch viele Hiebe verwundet, mit tausend Wunden bedeckt, 393 behauptet das Schlachtfeld und richtet ein Siegeszeichen auf! Das ist genau die Geschichte des Kampfes unserer Martyrer. Denn auch sie werden ohne Waffen, die Hände auf dem Rücken gefesselt, in den Kampf geführt, werden von allen Seiten geschlagen und zerfleischt — und ihre Feinde unterliegen! Sie aber, obgleich die Wunden empfangend, richten das Zeichen des Sieges über den Teufel auf. Wie der Diamant, wenn man darauf schlägt, den Schlägen nicht nachgibt, von seiner Härte Nichts verliert und noch eher das Eisen bricht, mit dem er geschlagen wird: so haben auch die Seelen dieser Heiligen trotz aller Todesqualen Nichts gelitten, haben die Kräfte ihrer Peiniger erschöpft, und diese mußten, nach vielen und unerträglichen Hieben schmählich besiegt, mit Schimpf und Schande das Schlachtfeld räumen. Denn sie, die heiligen Martyrer, wurden in den Block gespannt, ihre Seiten zerfleischt und mit tiefen Furchen durchzogen, als ob nicht ein lebendiger Leib zerrissen, sondern ein Ackerland umgepflügt würde. Da sah man ihren Leib an den Hüften unnatürlich ausgespannt, ihre Seiten geöffnet, ihre Brüste zerrissen. Und noch weiter trieb die blutdürstigen Ungeheuer ihre wahnsinnige Wuth. Sie nahmen diese Heiligen von dem Marterholz herab, um sie über glühende Kohlen, auf eine eiserne Leiter auszustrecken, und jetzt konnte man ein noch entsetzlicheres Schauspiel sehen als zuvor: man sah Tropfen zweifacher Art herunter träufeln, Tropfen von dem Blut, das aus ihren Wunden floß, und von dem Fleische, das zerschmolz. Die heiligen Martyrer aber lagen über der Kohlengluth wie auf Rosen; so voll Freude sahen sie zu, was an ihnen geschah.
§ 2
Wenn ihr übrigens von jener eisernen Leiter höret, dann gedenket an jene andere, nur im Geiste zu schauende 394 Leiter, die der Patriarch Jakob von der Erde bis zum Himmel aufgerichtet sah. Auf dieser Leiter steigen Engel herunter, auf der andern steigen Martyrer hinauf; aber auf beiden stand der Herr. Die heiligen Martyrer hatten die Schmerzen nicht ertragen können, wenn sie sich nicht auf diese Leiter gestützt hätten. Auf jener Leiter steigen als die Engel hinauf und hinunter; daß auf dieser die Martyrer hinaufsteigen, Das leuchtet Jedem ein. Was ist der Grund? Daß die Engel wegen Derjenigen, die das Heil erlangen sollen, zu Dienstleistungen ausgesandt werden, die Martyrer aber gleich siegreichen Streitern, von den Mühen des Kampfes befreit, nunmehr hinweggehen, um sich dem Kampfrichter vorzustellen.
Laßt uns Das nun aber nicht gedankenlos anhören. Wenn wir hören, daß sie mit ihren zerfleischten Leibern über glühenden Kohlen lagen, dann laßt uns einmal bedenken, wie wir uns geberden, wenn uns nur ein Fieber ergriffen hat. Dann scheint uns das Leben unerträglich, wir verlieren die Fassung, zürnen voll Ungeduld wie kleine Kinder und meinen eine Hitze zu fühlen, so arg wie das Höllenfeuer. Die heiligen Martyrer aber waren nicht etwa vom Fieber geplagt, sondern von wirklichen Feuerflammen rings umgeben, und die Funken sprühten bis in ihre Wunden, und das war in den Wunden ein neuer Schmerz, schärfer als der Biß des wildesten Raubthiers. Aber die heiligen Martyrer, als wären sie Männer von Erz und Stahl, als sahen sie alle diese Peinen nur fremden Leibern zugefügt, verharrten mit jener Festigkeit, mit jenem Heldenmuth, der sich für sie ziemte, bei ihrem Bekenntniß. Unbezwingbar blieben sie trotz aller Qualen: ein leuchtender Beweis für ihren Heldenmuth und für Gottes mächtige Gnade.
Habt ihr wohl schon zur Morgenzeit die Sonne aufgehen 395 und ihren goldenen Glanz ausstrahlen sehen? So waren auch die Leiber dieser Heiligen, rings umflossen von Strömen Blutes wie von goldenen Strahlen, in denen ihr Leib noch weit heller erglänzte als der Himmel im Sonnenlicht. Beim Anblick dieses Blutes freuten sich die Engel, schauderten die bösen Geister, erbebte selbst der Fürst der Hölle. Denn was sie sahen, Das war nicht gewöhnliches Blut, sondern Blut voll des Heiles und der Heiligkeit, Blut, das den Himmel verdiente und unaufhörlich die edlen Pflanzen in der Kirche Gottes tränkte. Der Teufel sah das Blut und schauderte; denn er gedachte jenes andern Blutes, das der Herr selbst vergossen hatte. Wegen dieses Blutes floß auch das Blut der Märtyrer; denn seitdem die Seite des Herrn durchbohrt worden, hat man noch Tausende gesehen, die sich freudig die Seiten durchstechen ließen.
Wer sollte sich auch nicht mit großer Freude zu diesen Kämpfen rüsten, in der Erwartung, am Leiden des Herrn Theil zu nehmen und Christo in seinem Tode verähnlicht zu werden? Dieser Lohn ist schon genug, diese Ehre fast zu groß, dieser Entgelt mehr, als der Kampf verdient, selbst dem Himmelreiche vorzuziehen. Es schaudere uns also nicht, wenn wir hören, daß Dieser und Jener ein Blutzeuge geworden; aber es schaudere uns, wenn wir hören, daß Dieser oder Jener schwach geworden, abgefallen ist, während ihm ein so herrlicher Kampfeslohn in naher Aussicht stand.
Wollt ihr nun auch hören, was auf diese Leiden folgt? Das freilich können keine menschlichen Worte schildern. Denn „kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz ist es aufgestiegen, was Gott Denen bereitet hat, die ihn lieben.“ Nun aber hat Niemand ihn so geliebt als eben die heiligen Martyrer. Indessen, daß 396 die Größe des hinterlegten Lohnes jedes Wort und jeden Gedanken übersteigt, Das soll für mich kein Grund sein davon zu schweigen. So wie ich davon zu reden und ihr zu hören versteht, will ich versuchen, euch eine schwache Darstellung der Seligkeit zu geben, in welche sie dort oben eingegangen sind. Vollständig und genau werden ja nur Diejenigen sie erkennen, die selbst zu ihrem Genusse gelangen. Nur für einen kurzen Augenblick haben die Martyrer jene schrecklichen und unerträglichen Peinen zu erdulden; dann gehen sie, von den Leiden erlös’t, in den Himmel ein. Vor ihnen schreiten Engel einher, Erzengel geben ihnen das Ehrengeleit; denn die schämen sich ihrer Mitknechte nicht und wären sogar bereit, für sie alles Mögliche zu thun, weil auch diese sich zu allen Leiden bereit gezeigt haben für Christus, ihren Herrn. Wenn sie dann hinaufsteigen in den Himmel, dann eilen alle heiligen Engel zusammen. Habt ihr noch nicht gesehen, wie das Volk von allen Seiten zusammenströmt, wenn fremde Ringkämpfer in der Stadt angekommen sind? wie man einen Kreis um sie her bildet und die Stärke und Wohlgestalt ihrer Glieder betrachtet? Noch viel eher und freudiger werden bei der Ankunft dieser Helden der Tugend im Himmel die Engel zusammeneilen und alle himmlischen Geister von allen Seiten sich herandrängen, um ihre Wunden zu betrachten. Mit inniger Freude nehmen sie die Martyrer bei der Hand und heissen sie willkommen als tapfere Helden, die aus Kriegen und Schlachten nach vielen Siegen und Trophäen heimkehren, führen sie alsdann mit großem Geleite zum König des Himmels, zu jenem Thron voll großer Herrlichkeit, dorthin, wo auch die Cherubim und Seraphim ihre Stelle haben. Wenn dort die Martyrer angekommen sind und Denjenigen, der auf dem Throne sitzt, angebetet haben, dann wird ihnen noch mehr Liebe und Freundlichkeit von dem Herrn erwiesen als von den Mitknechten. Denn er nimmt sie nicht als Knechte auf, — obgleich auch Das schon eine große und ganz unvergleichliche Ehre wäre, — sondern als seine lieben Freunde. Er 397 hat ja gesagt: „Ihr seid meine Freunde.“ Und Das ist nicht zu verwundern; denn er hat auch gesagt: „Eine grössere Liebe als diese hat Niemand, daß Einer sein Leben hingebe für seine Freunde.“ Weil sie also die allergrößte Liebe gegen ihn an den Tag gelegt, reicht er ihnen freundlich die Hand, und jetzt sollen sie sich freuen der himmlischen Herrlichkeit, sollen sich anschließen den Chören der Engel und einstimmen in ihre geheimnisvollen Lieder. Zu diesen Chören zählten sie ja auch schon während ihres leiblichen Lebens, so oft sie an den heiligen Geheimnissen Theilnahmen, indem sie mit den Cherubim zum Preise des Herrn das Dreimalheilig sangen — ihr, die ihr zu den Eingeweihten gehört, ihr wisset darum —; um so weniger darf es euch wundern, daß sie nunmehr, wo sie ihre Sangesgenossen im Himmel gefunden haben, mit großer Zuversicht an diesem Lobgesange Theil nehmen.
Habt ihr nun nicht vorhin nur mit Schaudern an den Martertod gedacht? Und seid ihr nicht jetzt von Sehnsucht nach dem Martertod erfüllt? Schmerzt es euch nicht, daß man zum Martertode keine Gelegenheit hat? Wir wollen uns wenigstens fleissig üben für die Zeit, wo der Martertod wieder in Aussicht steht. Die Martyrer haben das Lehen gering geachtet — verachte du wenigstens die Genüsse dieses Lebens! Sie haben bereitwillig ihren Leib in das Feuer werfen lassen — wirf du dein Geld den Armen in die Hände! Sie sind über glühende Kohlen gegangen — lösche du die Flamme der Leidenschaft! Ist Das beschwerlich? Aber auch vortheilhaft. Sieh nicht auf die gegenwärtige Last, sondern auf den zukünftigen Nutzen; nicht auf die Bitterkeiten, die du jetzt verkostest, sondern auf das Glück, das du zu hoffen hast; nicht auf die Leiden, sondern auf den Kampfpreis; nicht auf die Beschwerden, sondern auf die Krone; nicht auf den Schweiß, sondern auf 398 Lohn; nicht auf die Schmerzen, sondern auf die Vergeltung; nicht auf das Feuer, das dich brennt, sondern auf die königliche Würde, die dich erwartet; nicht auf die Henker, die um dich her stehen, sondern auf Christus, der dich krönen wird!
§ 3
Das ist der kürzeste Weg, die leichteste Art und Weise, um zur Tugend zu gelangen: daß man nicht auf die Mühsale allein, sondern auch auf den spätern Lohn hinschaut, doch wiederum nicht auf diesen allein. Sollst du also Almosen geben, dann achte nicht darauf, daß es dich Geld kostet, sondern darauf, daß du dir durch das Almosen Gerechtigkeit sammelst, wie geschrieben steht: „Er streuet aus und gibt den Armen, seine Gerechtigkeit währet ewig.“ Achte nicht auf die Minderung deiner Güter, sondern auf die Mehrung deiner Verdienste! Wenn du fastest, dann denke nicht an die Beschwerde, die aus dem Fasten, sondern an die Erquickung, die aus dieser Beschwerde erwächst. Wenn du zur Nachtzeit betend wachest, dann denke nicht an die Mühsal, welche dir das Wachen verursacht, sondern an die frohe Zuversicht, womit dich das Gebet erfüllt. So thun ja auch die Krieger: sie sehen nicht auf die Wunden, sondern auf den Lohn; nicht auf das Gemetzel der Schlacht, sondern auf den künftigen Sieg; nicht auf die tödtlich getroffenen Kameraden, die hoffnungslos zur Erde fallen, sondern auf die Helden, die gekrönt werden. So fassen auch die Schiffer vor den tobenden Wogen den Hafen in’s Auge, vor dem Schiffbruch den Handelsgewinn, vor den Schrecken des Meeres die Reichthümer, die sie nach der Seefahrt zu besitzen gedenken. So sollst du es auch machen. Darum also denke: wenn du in tiefer Nacht, während die Menschen und Thiere allesammt im Schlafe liegen, während die vollkommenste Ruhe herrscht, wenn du alsdann ganz einsam wachest und voll großer Zuversicht mit dem Herrn 399 der ganzen Welt dich unterredest, Das ist wahrhaft etwas Großes und Schönes. Ist der Schlaf so süß? Nichts Süßeres gibt es als das Gebet. Wenn du so ganz allein mit ihm redest, wenn Niemand dich belästigt, Niemand dein Gebet stört: dann kannst du viel ausrichten. Selbst die nächtliche Stunde macht dein Gebet wirksamer, damit du in allen deinen Anliegen erhört werdest. Aber du wälzest dich in deinem weichen Bette und zögerst mit dem Aufstehen? Dann denke an die Martyrer, die heute auf der eisernen Leiter liegen; — und nicht ein weiches Bett, nein glühende Kohlen sind ihnen untergelegt.
Hier will ich schließen, auf daß ihr mit der frischen und lebendigen Erinnerung an diese Leiter nach Hause gehet und ihrer bei Tag und bei Nacht gedenket. Dann werden wir, wenn auch von tausend Banden umstrickt, uns aller Bande leicht entledigen und zum Gebete aufstehen können. Indem wir aber dieser Leiter unablässig gedenken, wollen wir nicht diese Marter allein, sondern auch die andern Qualen der Martyrer einzeichnen in die Tafeln unseres Herzens. Will man sein Haus recht schön machen, so schmückt man alle Wände mit anmuthigen Gemälden; also laßt auch uns in unserer Seele abbilden die Qualen der heiligen Martyrer! Jene andere Malerei ist unnütz, diese sehr einträglich. Und dazu bedarf es keines Geldes, keiner Auslagen, keiner Kunstfertigkeit; statt alles dessen ist nur Willigkeit, Wachsamkeit und eine hochherzige Gesinnung erforderlich. Wenn du so gesinnt bist, dann hast du für diese Malerei die beste und geschickteste Hand; damit male die Leiden der Martyrer! Malen wir also mit diesen Bildern unser Inneres aus, wie die Martyrer auf großen Pfannen und über der Kohlengluth liegen, wie sie kopfüber in den glühend heissen Kessel geworfen, wie sie in das Meer versenkt oder zerfleischt, gerädert, in einen jähen Abgrund hinabgestürzt werden, wie sie mit wilden Thieren kämpfen oder hinabgestoßen werden in die Verbrechergrube. So wollen wir jeden in unser Herz einzeichnen, wie er den Tod 400 gelitten hat, auf daß wir mit diesem mannigfachen Bilderschmuck die Wohnung unserer Seele recht schön machen und dadurch dem Himmelskönig eine angemessene Herberge bereiten. Denn wenn er solche Bilder in unsern Herzen sieht, dann wird er mit dem Vater kommen und Wohnung bei uns nehmen, mit dem heiligen Geiste. Dann wird unsere Seele hinfüro ein wahrer Königspalast sein; und in diese Seele, wo unaufhörlich das Andenken an die heiligen Martyrer wie ein großes Gemälde aufgerichtet ist und hellen Glanz ausstrahle wo der König der Welt, Gott selbst fortwährend seine Wohnung hat, in diese Seele wird fortan kein sündhafter Gedanke mehr eingehen können. Haben wir solchergestalt hier auf Erden Christum in uns aufgenommen, dann können auch wir nach unserm Hinscheiden von dieser Welt aufgenommen werden in die ewigen Wohnungen. Das möge uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Durch ihn und mit ihm sei Ehre dem Vater und zugleich dem heiligen und lebendigmachenden Geiste, in alle Ewigkeit. Amen.
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