Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 11 · Kapitel 2
§ 1
Als Gesandter stehe ich heut’ vor euch, um eine ebenso gerechte als nützliche und zeitgemäße Sache zu vertreten. Bevollmächtigt hat mich dazu Niemand anders als die Schaar unserer Bettler, freilich nicht durch Worte, nicht durch Abstimmung oder gemeinsamen Beschluß, sondern nur durch ihre höchst traurige, mitleiderregende äussere Erscheinung. Als ich nämlich über den Markt und durch die engen Straßen ging, um zu eurer Versammlung zu eilen, sah ich mitten im Wege eine Menge von Bettlern liegen; die Einen waren der Hände, andere der Augen beraubt, wieder andere mit unheilbaren Geschwüren und Wunden über und über bedeckt; und gerade die Glieder sah ich zur Schau gestellt, die wegen ihres kranken Zustandes am meisten der schützenden Hülle bedurft hätten. Da glaubte ich mich denn einer großen Härte schuldig zu machen, wenn ich nicht von diesem Anliegen zu euch reden würde, zumal da ausser den eben erwähnten Wahrnehmungen auch noch die Jahreszeit mich nöthigt, diesen Gegenstand zu behandeln. Denn ob es schon allezeit Noth thut, vom Almosengeben zu reden, weil ja auch wir vieler Almosen von unserm Schöpfer bedürfen, so ist es doch bei dieser bittern Kälte ganz besonders nothwendig.
Im Sommer gewährt nämlich den Armen das milde Wetter schon eine große Erleichterung. Dann ersetzen ihnen 241 die Strahlen der Sonne eine warme Kleidung, so daß die Blöße der Gesundheit nicht schadet; dann ist es ungefährlich, auf dem Boden zu schlafen und unter freiem Himmel zu übernachten; dann können sie Schuhe, einen Trunk Wein und eine reichlichere Nahrung eher entbehren und lassen sich am Brunnenwasser, an geringen Gemüsen und an einigen getrockneten Körnern genügen: so ist es die milde Jahreszeit, die ihnen in der einfachsten Weise ihren Tisch bestellt. Noch ein anderer Umstand bietet ihnen dann nicht weniger Erleichterung: sie finden ohne Mühe Beschäftigung; denn dann besonders bedürfen die Bauunternehmer, die Landleute und Schiffer ihrer Hilfe; und was für die Reichen ihre Äcker, Häuser und andere Einnahmsquellen sind, Das sind für sie die Kräfte ihres Leibes. Ihre Einnahmen kommen nur von der Arbeit ihrer Hände und sonst nirgends her. Daher haben sie also im Sommer einige Erleichterung. Im Winter aber haben sie schwer und nach allen Seiten zu kämpfen. Dann sind sie doppelt geplagt: denn von innen quält sie der Hunger, und von aussen macht die Kälte ihre Glieder tödtlich starr. Daher müssen sie reichlichere Nahrung, wärmere Kleidung, ein Unterkommen, eine Lagerstätte, Schuhe und manches Andere haben. Und was das Schlimmste ist, sie bekommen auch nicht leicht Beschäftigung, weil die Jahreszeit den Arbeiten nicht günstig ist. Da nun also ihre Bedürfnisse größer sind als sonst und ihnen überdieß die Gelegenheit zur Arbeit mangelt, weil Niemand diese armen Leute dingt oder in Dienst nimmt, wohlan, so thue denn die milde Hand barmherziger Christen, was die Arbeitsherren nicht leisten! Indem ich mich nun aber meines Auftrags entledige, soll mir helfen der heilige Paulus, der wahre Beschützer und Versorger der Dürftigen. Denn der heilige Paulus hat sich dieses Werkes gar sehr und so wie kein Zweiter angenommen. Darum hat er auch, als er sich mit Petrus in die Menge der neuen Christen theilte, die Sorge um die Armen nicht mit ihm getheilt. Denn er sagt: „Sie gaben mir und Barnabas den Handschlag der Gemeinschaft, damit wir uns an die Heiden [wendeten], 242 sie selber aber an die Beschneidung,“ und dann fügt er hinzu: „Nur daß wir der Armen eingedenk seien, was ich auch wirklich zu thun mich beeifert habe.“ Überall in seinen Briefen bringt er denn auch die Rede auf das Almosengeben, und es ist gar kein Brief zu finden, der diese Mahnung nicht enthielte. Denn er wußte sehr wohl, was dieses gute Werk für eine Kraft besitzt. Es ist zu bewundern, wie er mit dieser Lehre seinen übrigen Mahnungen und Rathschlägen gleichsam die Krone aufsetzt. Das thut er auch an der Stelle, die ich jetzt erklären will. Er hat zuvor von der Auferstehung geredet, und nach allen andern Zurechtweisungen und Anordnungen schließt er mit der Lehre vom Almosengeben. „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft,“ sagt er, „wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr! Je am ersten Wochentage möge Jeder von euch u. s. w.“
Siehe da die Weisheit des Apostels, wie er diese Mahnung gerade an der rechten Stelle anzubringen weiß! Nachdem er nämlich des künftigen Gerichtes, jenes schrecklichen Tribunals gedacht hat und der Herrlichkeit, mit der die Guten sollen bekleidet werden, und des ewigen Lebens, da bringt er die Rede auf das Almosen, damit die Zuhörer, getröstet und gehoben durch jene frohe Hoffnung, zugleich aber geschreckt durch die Furcht vor dem Gerichte und mit fröhlichem Herzen die für sie bestimmte Seligkeit erwartend, diese Ermahnungen mit willigerm Gemüthe aufnehmen. Denn wenn man in Betreff der Auferstehung und der Unsterblichkeit recht Bescheid weiß und ein richtiges Urtheil hat, und wenn man seinen Sinn ganz auf das ewige Leben dort oben gestellt hat, dann hält man das Zeitliche, Reichthum und Vermögen, Gold und Silber, schöne Kleider, kostbare Speisen, wohlbesetzte Tafeln und dergleichen für Nichts. Wer aber Dieß alles für Nichts hält, der wird 243 sich eher zu der Sorge für die Armen verstehen. Darum hat Paulus zuerst die Herzen der Zuhörer durch die Lehre von der Auferstehung in die rechte Stimmung versetzt und dann jene Ermahnung angeschlossen. Und er sagt nicht: was die Sammlung für die Bettler oder für die Armen betrifft, sondern: für die Heiligen. Das sollte eine Lehre sein, daß man auch die Armen, wenn sie fromm sind, mit Bewunderung anzusehen und sich von den Reichen, wenn sie die Tugend verachten, mit Abscheu hinwegzuwenden hat. So hat nämlich auch Paulus es nicht gescheut, einen Kaiser, der ein Feind Gottes war, als einen Unheiligen und Verbrecher zu bezeichnen und Bettler Heilige zu nennen, wenn sie demüthig und guten Willens waren. Den Nero nennt er Geheimniß der Bosheit, indem er sagt: „Das Geheimniß der Bosheit ist schon wirksam;“ diese Armen aber, die nicht einmal satt zu essen hatten und von erbetteltem Brode lebten, die nennt er Heilige. Zugleich gibt er den Gebern in versteckter Weise noch eine andere Lehre: sie sollten wegen dieses Auftrages nicht hochmüthig werden und sich nicht überheben, als ob es geringe und verächtliche Leute wären, denen sie ihre Gaben reichten; sie sollten vielmehr wohl wissen und sich überzeugt halten, daß Diejenigen, welche eines Antheils in ihren Nöthen werth befunden würden, eben dadurch einer großen Ehre theilhaftig würden.
§ 2
Es ist aber auch der Mühe werth, zu untersuchen, wer diese Heiligen waren. Paulus gedenkt ihrer nicht bloß an dieser, sondern auch an einer andern Stelle, wo er sagt: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um zu dienen den Heiligen.“ Auch Lukas erwähnt dieselben Heiligen in der Apostelgeschichte, wo von einer bevorstehenden großen Hungersnoth die Rede ist: „Die Jünger aber, so wie Jeglicher bei Mitteln war, beschloßen zu senden an die Armen unter den 244 Heiligen in Jerusalem.“ Hierher gehört auch die Stelle, die ich schon eben angefühlt habe: „Nur daß wir der Armen eingedenk seien, was ich auch wirklich zu thun mich beeifert habe.“ Wir haben zwar getheilt, will er sagen, so daß mir die Heiden, dem Petrus die Juden zufallen; aber dabei sind wir beiderseits übereingekommen, daß in Betreff der Sorge für die Armen diese Theilung nicht gelten soll. Wenn sie nämlich predigten, dann predigte Petrus den Juden, Paulus den Heiden; wenn es sich aber um Unterstützung der Armen handelte, dann sorgte nicht der Eine bloß für die Armen aus dem Judenthum, der Andere bloß für die aus dem Heidenthum, sondern es nahm sich Jeder von ihnen auch der Armen aus dem Judenthum sehr eifrig an. Darum sagt also Paulus: „Nur, daß wir der Armen eingedenk seien, was ich auch wirklich zu thun mich beeifert habe.“ Welches sind nun diese Armen, von denen hier die Rede ist? die er auch im Briefe an die Römer und im Briefe an die Galater erwähnt, und für die er die Wohlthätigkeit der Mazedonier anruft? Es sind die Armen jüdischer Abstammung, die in Jerusalem wohnten. Warum aber legt er gerade für sie eine so große Fürsorge an der Tag? Waren denn nicht ganz ohne Zweifel in allen Städten Dürftige und Bettler? Warum schickt er die Almosen gerade an sie, und warum ruft er alle Christen zu ihrer Hilfe auf? Das war nicht grundlos, nicht zufällig, war keine Parteilichkeit, sondern durchaus heilsam und den Umständen entsprechend. Doch ich muß ein wenig weiter ausholen.
Als das Reich der Juden schon zertrümmert war und bereits jenes Wort sich erfüllte, das sie bei der Kreuzigung Jesu ausriefen, sich selbst das Urtheil sprechend: Wir haben keinen König, als den Kaiser,“ da waren sie allerdings in Verfassung und Gesetzen nicht selbstständig, wie sie 245 vordem gewesen waren, aber auch nicht in förmlicher Knechtschaft gehalten, wie sie jetzt sind. Sie nahmen vielmehr die Stellung von Bundesgenossen ein und hatten zwar den Kaisern ihre Steuern zu zahlen und die von diesen gesendeten Statthalter anzuerkennen, brachten aber auch vielfach ihre eigenen Gesetze in Anwendung und bestraften die bei ihnen vorkommenden Vergehen nach dem alten, von den Vätern überkommenen Rechte. Daß sie den Römern Abgaben entrichteten, geht aus den bekannten Worten jener Versucher hervor, die den Herrn fragten: „Meister, ist es erlaubt, dem Kaiser Zins zu geben, oder nicht?“— (als der Herr sich auch die Zinsmünze zeigen ließ und sprach: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“) Auch berichtet Lukas, daß der Tempel seine Obersten und Befehlshaber hatte. Daß also die Juden den Römern unterworfen waren, Das geht hieraus zur Genüge hervor. Daß die Juden aber auch ihre eigenen Gesetze in Anwendung brachten, ergibt sich aus folgenden Thatsachen. Sie haben den Stephanus gesteinigt, ohne ihn vor [das römische] Gericht gestellt zu haben; sie haben den Jakobus, den Bruder des Herrn, getödtet; sie haben den Herrn selbst gekreuzigt, obgleich der Richter zu seinen Gunsten urtheilte und ihn von allen Punkten der Anklage frei sprach. Darum wusch er sich auch die Hände und sprach: „Ich bin unschuldig an diesem Blute. “ Und als er sich dann von ihnen sehr gedrängt sah, da enthielt er sich des Richterspruchs und trat zurück; die Juden aber brauchten eigene mächtiger Weise Gewalt und verübten Das alles, was darauf gefolgt ist. Auch den Paulus haben sie manchmal geplagt. Weil sie also eine eigene Gerichtsbarkeit hatten, daher kam es, daß Diejenigen von ihnen, welche den Glauben annahmen, mehr als alle andern Christen zu leiden hatten. Denn die übrigen Gemeinwesen hatten ihre Gesetze, Gerichte und Obrigkeiten, welche dafür sorgten, daß 246 die Heiden die zum Christenthum Bekehrten nicht eigenmächtig tödten, steinigen oder sonst auf ähnliche Weise quälen konnten; und wenn Einer darauf ertappt wurde, wie er gegen den Spruch des Richters so Etwas verübte, dann wurde er selbst bestraft. Bei den Juden aber konnte man sich dergleichen Vergehen ganz frei und ungehindert erlauben. Darum hatten die Christen unter den Juden am allermeisten zu leiden; sie waren gleichsam zwischen Wölfen eingesperrt und hatten Niemand, der sie befreite. So wurde z. B. auch Paulus oftmals von den Juden gegeißelt. Höret nur, er sagt es uns selbst: „Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Streiche weniger einen erhalten, dreimal bin ich mit Ruthen geschlagen, einmal gesteinigt worden.“ Daß überhaupt das eben Gesagte nicht bloß meine Ansicht ist, Das ergibt sich aus folgenden Worten Pauli im Hebräerbriefe: „Gedenkt wieder der frühern Tage, in welchen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden, großen Leidenskampf bestanden habet, indem ihr einerseits durch Beschimpfungen und Bedrängnisse ein Schauspiel, andererseits aber Genossen der also Leidenden geworden seid. Denn auch den Raubeures Besitzthums habt ihr mit Freude hingenommen, wohl wissend, daß ihr einen bessern Besitz habet im Himmel und einen bleibenden.“ Auch wo er den Thessalonichern Ermahnungen gibt, führt er ihnen diese Christen vor Augen: „Denn ihr seid, Brüder, Nachahmer geworden der Kirchen Gottes, welche in Judäa sind, weil auch ihr Ähnliches erlitten habt von den eigenen Stammgenossen, so wie auch sie von den Juden.“ Weil sie also am härtesten zu leiden hatten, weil sie nicht nur unbarmherzig behandelt, sondern auch ihrer ganzen Habe beraubt, hinweggeschleppt, vertrieben, überall verjagt wurden, darum war es ganz in der Ordnung, daß er die Christen überall für sie um Hilfe 247 anrief. So sind sie es denn auch, deren Unterstützung er an unserer Stelle den Korinthern an’s Herz legt, indem er sagt: „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft, — wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr!“
§ 3
Wer also diese Heiligen sind, und weßhalb er für sie ganz vorzüglich besorgt ist, Das habe ich nun genugsam erörtert. Jetzt aber ist zu untersuchen, warum er die Galater erwähnt. Warum sagt er nicht so: „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft, machet es also: je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend“ u. s. w.? Warum erinnert er nach den Worten: „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft“, an die Galater, indem er fortfährt: „Wie ich angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr“? Warum thut er Das, und warum erwähnt er nicht eine Stadt oder zwei oder drei Städte, sondern ein ganzes Volk? Damit die Angeredeten zum Geben williger, und damit die Belobung der Andern ihnen ein Sporn zur Nacheiferung wurde. Dann gibt er auch näher hin das Verfahren an, das er angeordnet hat. „Je am ersten Wochentage,“ sagt er, „lege ein Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend, was ihn leicht ankömmt, damit nicht, wenn ich gekommen sein werde, erst dann Sammlungen veranstaltet werden.“ Also am ersten Wochentage — darunter versteht er den Sonntag. Warum bestimmt er gerade diesen Tag für die Sammlungen? Warum sagt er nicht: am zweiten oder am dritten Wochentag oder am Samstag? Nicht zufällig, nicht ohne Grund. Er wollte sich auch durch die Wahl des Tages ein Mittel schaffen, um die Geber willfähriger zu machen. Und es kommt wirklich bei allen Dingen viel darauf an, daß sie zur gelegenen Zeit geschehen. Aber ihr denkt vielleicht: was bietet denn der Sonntag, um Jemand zum Almosengeben willig zu machen? Dazu trägt schon die Enthaltung von aller Arbeit an diesem Tage bei und die fröhlichere Stimmung, die aus der Ruhe und Erholung 248 hervorgeht, am allermeisten aber die Erinnerung, daß uns an diesem Tage zahllose Wohlthaten zu Theil geworden sind. Denn an diesem Tage ist der Tod zu nichte gemacht, der Fluch hinweggenommen, die Sünde getilgt, das Höllenthor zerschmettert, der Teufel gefesselt, der lange, lange Krieg beendigt, das Menschengeschlecht mit Gott versöhnt und zu der frühern oder vielmehr zu einer weit höhern Würde erhoben worden, und an diesem Tage hat die Sonne — o wunderbarer, staunenswerther Anblick! — einen unsterblich gewordenen Menschen gesehen. Das alles und Ähnliches will Paulus von uns beherzigt wissen; darum bestimmt er den Tag, darum unterstützt er seine Aufforderung durch die Wahl dieses Tages und ruft gleichsam einem Jeden zu: Bedenke doch, o Mensch, wie groß und zahlreich die Gnaden sind, die du an diesem Tage empfangen hast, wie groß das Verderben, dem du an diesem Tage bist entrissen worden; bedenke, was du früher gewesen, und was du darnach geworden bist. Wenn nun aber viele Leute ihren Geburtstag, viele gewesene Sklaven überdieß den Tag ihrer Freilassung mit besonderer Auszeichnung begehen, wenn Jene zur Verherrlichung des Tages Gastmähler veranstalten, Diese auch Geschenke vertheilen: dann müssen wir den Sonntag noch weit mehr ehren; denn diesen Tag kann man mit guten Grund den Geburtstag des ganzen Menschengeschlechtes nennen. Wir waren verloren und sind wieder gefunden, waren todt und sind zu neuem Leben erweckt, waren Feinde und sind versöhnt worden. Darum ziemt es sich auch, daß wir diesen Tag in wahrhaft christlicher Weise ehren, nicht durch Gastgelage und Weingenuß, nicht durch Trunkenheit und Tänze, sondern durch reichliche Spenden an unsere mittellosen Brüder. Indem ich Das sage, will ich nicht euer Lob, sondern, daß ihr darnach thut. Denn ihr müßt nicht glauben, daß jene Worte nur an die Korinther gerichtet waren; nein, sie gelten auch uns und Allen, die nach uns kommen werden. Thun wir denn auch, was Paulus angeordnet hat: Jeder lege des Sonntags Geld für Gott den Herrn zurück. Das macht 249 euch zur Regel, zur unabänderlichen Gewohnheit; dann haben wir keine Ermahnung und Aneiferung mehr nothwendig; denn besser als mahnende Worte vermag eine durch die Zeit erstarkte Gewohnheit so ein gutes Werk zu Stande zu bringen. Wenn wir uns Das zum Gesetze machen, des Sonntags Etwas zur Unterstützung der Armen zurückzulegen, dann werden wir selbst in Zeiten großer Noth dieser Regel nicht untreu werden.
Nach den Worten: „Je am ersten Wochentage“ fährt Paulus fort: „lege Jeder von euch“ u. s. w. Nicht zu den Reichen allein rede ich, will er sagen, sondern auch zu den Armen; nicht zu den Freien allein, sondern auch zu den Knechten; nicht zu den Männern allein, sondern auch zu den Weibern; Keiner sei von dieser Abgabe frei, Keiner gehe dieses Gewinnes verlustig, Jeder ohne Ausnahme gebe seinen Beitrag. Denn auch die Armuth ist für die Entrichtung einer solchen Gabe kein Hinderniß. Wenn du noch so arm bist, ärmer bist du nicht als jene Wittwe, die sich ihrer ganzen Habe entäussert hat. Wenn du noch so dürftig bist, dürftiger bist du nicht als jenes sidonische Weib, das nur eine Hand voll Mehl besaß und trotzdem nicht zögerte, dem Propheten mitzutheilen. Diese Frau sah ihren Vorrath erschöpft, sah ihre Kinder rings umherstehen, sah die Hungersnoth hereinbrechen, — und gleichwohl hat sie den Propheten mit großer Bereitwilligkeit aufgenommen.
Warum sagt aber Paulus weiter: „Jeder lege bei sich zurück, aufsparend“? Weil Mancher sich vielleicht sehr geschämt hätte, mit einer geringen Gabe heranzukommen; darum sagt er: Verwahre, lege zurück, und wenn die vielen einzelnen Beiträge das Wenige zu einem Viel gemacht haben, dann tritt damit hervor! Und dann redet er hier nicht einfach von Sammeln, sondern von Aufsparen, eigent- 250 ich von Ansammlung eines Schatzes. Daraus sollen wir lernen, daß dieser Beitrag ein Schatz, diese Auslage ein Gewinn ist. Ja, es ist sogar ein ganz unvergleichlich werthvoller Schatz. Denn ein Schatz von Erdengütern kann angefochten und vermindert werden und hat schon manchmal den Besitzer unglücklich gemacht; aber ganz anders verhält es sich mit dem Schatz im Himmel: der kann nie verbraucht, nie angefochten werden und gereicht Allen zum Heile, die ihn besitzen oder davon empfangen. Denn an diesem Schatze zehrt nicht die Länge der Zeit; er ist der Mißgunst nicht unterworfen, ist solchen feindlichen Angriffen überhaupt unerreichbar; und er bringt Denen, die ihn sammeln, unendlichen Segen.
§ 4
Folgen wir also, und thun auch wir deßgleichen! In unserem Hause sei von nun an ausser unserer eigenen auch eine heilige Kasse, auf daß auch unser Besitzthum dadurch wohl verwahrt sei! Denn wie das in den kaiserlichen Schatzkammern hinterlegte Geld eines Bürgers um des kaiserlichen Geldes willen ebenfalls ganz sicher aufgehoben ist, ebenso wird auch in deinem Hause das Armengeld, das du des Sonntags zurücklegst, zur Sicherung deines eigenen Geldes dienen. So ist es also der heilige Paulus, der dich dein eigenes Vermögen gut verwalten lehrt! — Was soll ich noch sagen? Das, was du einmal zusammengelegt haben wirst, Das wird dir auch wieder zur Veranlassung und zum kräftigen Antrieb werden, noch mehr zurückzulegen. Denn wenn du mit dieser schönen Gewohnheit nur einmal einen Anfang gemacht hast, dann wirst du dich schon dadurch, auch ohne Nachhilfe eines Andern, auch zur Fortsetzung angespornt fühlen. So sei denn eines Jeden Haus 251 wie eine Kirche, nämlich ein Aufbewahrungsort für heilige Schätze! Mit diesen Häusern sind die Schatzkammern hier in der Kirche zu vergleichen. Wo das Armengeld liegt, da haben die Teufel keinen Zutritt. Durch dieses Armengeld sind die Häuser besser beschirmt als durch Schild, Speer und andere Waffen, als durch Stärke des Leibes, als durch Schaaren von Soldaten.
Nachdem nun Paulus gesagt hat, von wem und auf welche Weise dieses Geld zusammenzubringen ist, gibt er das Wieviel dem freien Belieben der Spender anheim. Er sagt nicht: trage so und so viel bei; dann hätte man vielleicht sein Gebot lästig gefunden, Manche hätten sich mit ihrer Armuth entschuldigt, und die Armen hätten gesagt: Wenn wir aber nicht dazu im Stande sind? Darum soll nach seiner Absicht das Vermögen und der gute Wille des Einzelnen für die Größe des Beitrags maßgebend sein. „Jeder von euch“, sagt er, „lege bei sich zurück, aufsparend, was ihn leicht ankömmt.“ Es heißt nicht: was er kann, oder: was sich vorfindet, sondern: was ihn leicht ankömmt — eine Andeutung, daß ihm auch die Gnade und Gunst des Himmels dabei zu Hilfe kommen werde. Paulus sah nämlich gar sehr darauf, daß mit großer Bereitwilligkeit, nicht darauf allein, daß überhaupt den Armen Geldspenden gereicht würden. So hat auch Gott der Herr, indem er das Almosengeben zur Pflicht machte, nicht bloß die Sättigung der Armen, sondern auch den Nutzen der Geber beabsichtigt und hat dieses Gebot noch mehr um der Spender als um der Armen willen gegeben. Hätte er nur den Vortheil der Armen im Auge, dann würde er auch nur das Darreichen der Gabe, nicht aber überdieß die freudige Bereitwilligkeit zum Geben verlangen. Nun siehst du aber den Apostel unermüdlich gerade darüber seine Vorschriften geben, daß man gern, daß man fröhlichen Herzens mittheilen soll. So sagt er einmal: „Nicht aus Betrübniß oder aus Nöthigung; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb,“ also 252 ohne Weiteres einen Geber, sondern den, der mit Freuden gibt. Und wiederum an einer andern Stelle: „Wer spendet, [spende] in Einfalt, wer vorsteht, [stehe vor] mit Eifer, wer Erbarmen übt, [übe es] mit Freudigkeit.“ Wenn man freudigen Herzens gibt, so daß man sich dabei weniger als Spender, denn als Empfänger betrachtet, so ist Das gleichsam ein neues Almosen. Damit man also recht bereitwillig gebe, darum sucht der heilige Paulus auf alle mögliche Weise sein Gebot leicht zu machen. Seht nur, wie viele Mittel er anwendet, um dieser Pflicht das Unangenehme, Lästige zu benehmen! Erstens verlangt er die Gabe nicht von Einem oder Zweien oder Dreien, sondern von der ganzen Stadt. Denn eine Sammlung ist ja nichts Anderes als das Einsammeln der von Allen geleisteten Beiträge. Zweitens erinnert er an die Würde der Empfänger, die er nicht Bettler, sondern Heilige nennt. Drittens verweis’t er auf das Beispiel Anderer, die bereits so gethan haben: „Wie ich angeordnet habe,“ sagt er, „bei den Kirchen Galatiens.“ Ferner verlegt er die Entrichtung der Gabe gerade auf den passendsten Tag: „Je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend“ u. s. w. Fünftens will er die Almosen nicht auf einmal gegeben wissen, sondern nach und nach, in kleinen Beträgen. Es ist ja keineswegs einerlei, ob er das Ganze an einem Tage zu spenden gebietet oder aber auf so viele Tage vertheilen läßt: denn im letztern Falle ist die Auslage dem Geber so zu sagen gar nicht fühlbar. Sechstens bestimmt er die Größe der Gabe nicht, sondern überläßt Das dem guten Willen der Geber und deutet dabei an, daß Dieß [d. i. sowohl die Gabe als der gute Wille] ein Geschenk Gottes ist. Beides liegt nämlich in den Worten: „Was ihn leicht ankömmt.“ Noch ein siebentes Mittel fügt er hinzu, indem er sagt: „Damit nicht, wenn ich gekommen sein werde, erst 253 dann Sammlungen veranstaltet werden.“ Diese Worte mußten sie nämlich einerseits zum Geben drängen, insofern sie seine Ankunft zu erwarten hatten, und andererseits ermuthigen, insofern er ihnen für die Sammlungen noch eine lange Frist gewährt. Allein auch Das war ihm nicht genug; er fügte sogar noch ein achtes Mittel hinzu. Worin besteht das denn? Er sagt: „Wenn ich aber anwesend bin, will ich Die, so ihr begutachten werdet, mit Schreiben [von mir] absenden, um eure Liebesgabe zu überbringen; und wenn es werth ist, daß auch ich gehe, werden sie mit mir gehen.“ Sieh doch diesen heiligen, hochgesinnten Mann! wie ausserordentlich demüthig, wie besorgt und liebreich er ist! Er will nicht, er gibt nicht zu, daß er selbst nach seinem eigenen Gutdünken die Überbringer des Geldes bestimmen soll; er gibt vielmehr den Korinthiern diese Wahl anheim. So hält er es denn nicht für ein Unrecht, wenn diese Boten durch den Willensbeschluß der Korinthier und nicht des Paulus bestimmt würden. Das Gegentheil, daß nämlich er die Boten auswählen sollte, während Jene die Beisteuer lieferten, schien ihm nicht in der Ordnung zu sein. Darum überläßt er ihnen die Wahl, und dadurch beweis’t er nicht nur seine Demuth, sondern räumt er auch jede Veranlassung, jeden Schatten eines ungerechten Verdachtes aus dem Wege. Denn war er gleich reiner als die Strahlen der Sonne und erhaben über jeden Argwohn, so suchte er nichts desto weniger sogar weit über seine Schuldigkeit hinaus der Schwachen zu schonen und falschem Verdachte zu entgehen. Darum sagt er: „Wenn ich anwesend bin, werde ich Die, so ihr begutachten werdet, mit Schreiben absenden, um eure Liebesgabe zu überbringen.“ Was sagst du da? Willst du denn nicht hinreisen, um das Geld in Empfang zu nehmen? Dieses Geschäft willst du Andern überlassen? So sollten sie nicht denken; dieser Gedanke sollte ihren Eifer nicht lähmen. Seht, wie er auch Das wieder zu verhüten weiß. Er sagt nicht einfach so: die ihr begutachten werdet, die werde ich absenden, — sondern wie sagt er? „die werde ich mit Schreiben von mir absenden,“ 254 d. h. wenn auch nicht dem Leibe nach, werde ich doch durch mein Geschriebenes dabei sein und mit ihnen an dieser Gesandtschaft Theil nehmen.
§ 5
Da nun der heilige Paulus, als ein Mann von so ausserordentlichem und allgemein anerkanntem Ansehen, auf diese Weise einer von allen Leuten zu erwartenden Ehre auszuweichen suchte und wenn wir dagegen schon ungeduldig und verdrießlich werden, daß etwa die Verteiler solcher Gelder nicht nach unserm Gutdünken, nicht nach unserer Wahl und Meinung bestimmt werden; wenn wir es fast als eine Beleidigung empfinden, daß Andere bei der Verwendung ihres eigenen Vermögens nicht nach unserm Sinne und mit unserer Gutheissung handeln, — sind wir dann auch nur des Schattens des heiligen Paulus oder seiner Schuhe werth? Dann sieh ferner, wie er sich stets gleich bleibt und sich keinen Augenblick vergißt. Er redet nämlich hier nicht von Ausrichten ihres Auftrags, nicht von Besorgen ihrer Almosen, sondern von Überbringung ihrer Liebesgaben (χάρις) Dadurch zeigt er, daß die Unterstützung der Armen, die Mildthätigkeit gegen Dürftige ebenso sehr und noch weit mehr ein Werk der Gnade ist, als die Auferweckung vom Tode, die Austreibung böser Geister, die Reinigung vom Aussatz. Aber obgleich ein Werk der Gnade, erfordert es auch von unserer Seite Eifer und Bereitwilligkeit, damit wir uns frei dazu entschließen und der Gnade würdig machen.
Daß er also Briefe mitschicken wollte, Das war das Eine, wodurch er die Korinthier ermuthigte; das Andere und Wichtigere war sein Versprechen, auch mit ihnen an 255 dieser Reise Theil zu nehmen. Denn er sagt: „Wenn es werth ist, daß auch ich gehe, werden sie auch mit mir gehen.“ Beachte auch hier seine Weisheit! Er hütet sich ebenso sehr, seine Begleitung zu versagen, als sie unbedingt zu versprechen; er läßt vielmehr auch darüber die Geber entscheiden und legt es in ihre Hand, ob er mitgehen wird oder nicht. Denn er gibt zu verstehen, daß er die Reise ganz gewiß unternehmen werde, wenn die Spenden reichlich ausfallen und groß genug sein werden, um ihn zu diesem Entschlusse zu vermögen. Das deuten nämlich die Worte an: „Wenn es werth ist“ u. s. w. Hätte er sich unbedingt dahin ausgesprochen, daß er die Reise nicht mitmachen werde, dann wären sie entmuthigt und dadurch saumseliger geworden; hätte er eine zweifelhafte Zusage, ein unbestimmtes Versprechen gegeben, dann würde er sie ebenfalls lässiger und gleichgiltiger gemacht haben. Das ist also der Grund, weßhalb er seine Begleitung weder unbedingt absagt noch zusagt und den Korinthiern die Entscheidung darüber anheimstellt, in den Worten: „Wenn es werth ist“ u. s. w. Als sie hörten, daß Paulus ihre Gaben überbringen würde, da gingen sie ohne Zweifel mit mehr Eifer und Bereitwilligkeit an’s Werk, damit die Spende in seine heiligen Hände gelegt und das Opfer von seinen Gebeten begleitet werden möchte.
Wenn nun aber die Korinthier, weil sie ihre Gaben an Paulus zur weitern Besorgung entrichteten, eben deßhalb williger und freudiger spendeten, — sagt an, dürfet ihr dann unschlüssig zaudern, die ihr Demjenigen spenden sollt, dessen Diener Paulus ist? unserm göttlichen Meister, der in der Person der Armen eure Almosen annimmt? Womit könntet ihr euch dann entschuldigen? Gewiß, wenn das Almosengeben nicht ein großes, allen Eifers würdiges Werk wäre, dann hätte der Mann, der mit der Sorge für den ganzen Erdkreis und für alle Kirchen unter der Sonne belastet war, sicherlich die Besorgung dieser Gelder nicht übernommen. Laßt denn auch uns Das recht bedenken und, 256 wenn wir geben sollen oder den Gebern zu Diensten sein sollen, nicht zaudern und nicht verdrießlich werden, als würde nun unser Vermögen verringert! Sieht man denn den Landmann. wenn er den Samen ausstreut und hinwirft, was er hat, sich darüber ärgern und betrüben? Glaubt er dabei einzubüßen und nicht vielmehr zu verdienen, zu gewinnen, obgleich seine Aussichten so sehr unsicher sind? Du hast aber, wenn du die Saat des Almosens ausstreust, nicht etwa Güter derselben Art, sondern weit höherer Art zu erwarten und legst dein Geld in die Hände Christi, — wer da zögere, kalt und starr bleibt, seine Armuth vorschützt der ist ein Thor!
Konnte Gott nicht der Erde gebieten, lauteres Gold hervorzubringen? Der da gesagt hat: „Es sprosse die Erde Gras hervor!“ und der damit sofort die Pflanzen in’s Dasein rief, der konnte auch den Quellen und Flüssen gebieten, allenthalben Gold zu führen. Aber Das wollte er nicht. Er ließ vielmehr zu, daß manche Menschen bettelarm sind, und zwar sowohl zu ihrem als zu deinem Heile. Denn dem Armen ist es leichter als dem Reichen, tugendhaft zu leben, und andererseits gewährt dem Sünder die Unterstützung der Nothleidenden nicht geringen Trost. So sehr hat dem Herrn diese Sache am Herzen gelegen, daß er sich damals, als er bei uns erschienen. mit unserm Fleische bekleidet war und mit den Menschen verkehrte, in eigener Person der Verwaltung der Almosen hat unterziehen wollen. Dessen hat er sich nicht geglaubt schämen zu sollen. Er, der so viel Brod erschaffen hat, der durch das Gebot seiner Allmacht Alles hervorbringt, was er will, der im Stande ist, ganz Plötzlich unermeßliche Schätze zum Vorschein zu bringen, er hat Das gleichwohl nicht gethan: er wies vielmehr seine Jünger an, einen Beutel bei sich zu führen, die Gaben darin aufzuheben und die Armen davon zu unter- 257 stützen. Woraus geht Das hervor? Als er mit Judas andeutungsweise vom Verrathe sprach, da verstanden die Jünger das Wort nicht und meinten, heißt es, er habe dem Judas aufgetragen, den Armen Etwas zu gehen. „Er hatte nämlich den Geldbeutel,“ heißt es, „ und trug bei sich, was gegeben wurde.“
Ja, die Barmherzigkeit gilt bei Gott ungemein viel, nicht bloß seine Barmherzigkeit gegen uns, sondern auch unsere Barmherzigkeit, die wir nämlich den Mitknechten schuldig sind. Im alten sowohl als im neuen Bunde hat er darüber eine ganze Menge von Geboten gegeben, worin er uns befiehlt, in jeder Weise Nächstenliebe zu üben, durch Worte, durch Spenden, durch Werke. Diese Vorschrift wird von Moses unaufhörlich eingeschärft und in alle seine Gesetze verwebt; die Propheten, im Namen Gottes redend, rufen es laut: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer;“ alle Apostel thun und reden ganz in gleicher Weise. Laßt uns denn dieses gute Werk nicht vernachlässigen! Es sind ja nicht die Armen, die den meisten Nutzen davon haben, sondern wir selbst sind es, und was wir erhalten, ist mehr, als was wir geben.
§ 6
Das sage ich gerade jetzt nicht ohne Grund, sondern darum, weil man die Armen so oft einer scharfen Prüfung unterwirft, indem man sie über ihre Heimath, Lebensweise, sittliche Führung, Befähigung und Gesundheit ausforscht, indem man sie dann mit Vorwürfen überhäuft und über ihren körperlichen Zustand tausenderlei Erkundigungen einzieht. Daher kommt es denn, daß manche arme Leute sich so stellen, als wären sie mit körperlichen Fehlern behaftet; sie müssen den Gebrechlichen, den Krüppel spielen, um unser gefühlloses Herz zu erweichen! Wenn man den Vorwurf des Müßiggangs [worauf es bei jenen Erkundigungen 258 abgesehen ist] im Sommer gegen die armen Leute erhebt, so ist Das zwar hart, jedoch weniger hart; daß man aber sogar bei dieser winterlichen Kälte so hart und erbarmungslos richtet und mit den Unthätigen gar keine Nachsicht übt, — ist Das nicht ein Übermaß von Hartherzigkeit? Doch man sagt mir dagegen: Was hat denn Paulus den Thessalonichern für eine Regel begeben? „Wenn Einer nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen.“ Nun ja; Das sollst Du auch hören! Das sagt Paulus nicht bloß für die armen Leute, sondern auch für dich! Die Gebote des heiligen Paulus gelten nicht den Armen allein, sondern auch uns! Soll ich jetzt Etwas sagen, was euch hart und ärgerlich dünkt? Ich weiß, daß ihr darüber zürnen werdet; aber ich werde es dennoch sagen; denn ich sage es nicht, um zu verletzen, sondern um zu heilen. Wir werfen diesen Leuten ihren Müssiggang vor, der doch manchmal in der That verzeihlich ist; dagegen beschäftigen wir uns vielfach mit Dingen, die schlimmer sind, als Müßiggang nur sein kann. Nun ja, sagt man; ich habe Vermögen von meinen Eltern her. Wie? ist denn dieser Arme darum, weil er arm und von armen Leuten ist, weil er keine reichen Vorfahren hat, werth, daß er zu Grunde geht? Gerade deßhalb wäre er des Mitleids und der Barmherzigkeit der Vermögenden am meisten werth! Wenn du manchmal den ganzen Tag im Theater, in Gesellschaften und Zusammenkünften verbringst, die nicht den mindesten Nutzen bringen, wenn du dabei zahllose böse Reden führst, Das hältst du weder für Sünde noch für Müssiggang; und diesem armen, bejammernswerthen Menschen, der den ganzen Tag in Bitten und Flehen, in Thränen, in so elendem Zustande hinbringt, dem bist du ein gestrenger Richter, den nimmst du in’s Verhör, der soll dir Rechenschaft ablegen! Heißt Das denn menschlich verfahren? Und wenn du meinst: Was sollen wir denn dem Paulus erwidern? so wende Das nicht auf die Armen, sondern 259 auf dich selbst an. Übrigens aber lies nicht bloß jene strengen Drohworte, sondern auch die Worte der Nachsicht. Derselbe Mann, der gesagt hat: „Wenn Einer nicht arbeitet, soll er auch nicht essen,“ der hat hinzugefügt: „Ihr aber, Brüder, wollet nicht ermüden, wohlzuthun.“
Allein was hat man denn für eine scheinbar triftige Entschuldigung? Es ist hergelaufenes Gesindel, sagt man, es sind Auswärtige, Taugenichtse, die ihrer eigenen Heimath den Rücken gekehrt haben und in unserer Stadt zusammenströmen. Also darum zürnest du? So zerrupfest du den Ehrenkranz einer Stadt, die von Jedermann als eine Zufluchtsstätte angesehen und von den Fremden selbst der Vaterstadt vorgezogen wird? Ihr solltet stolz darauf sein, ihr solltet euch freuen, daß Jedermann sich ungesäumt an eure Mildthätigkeit um Hilfe wendet, daß man hier einen großen Stapelplatz voll milder Gaben zu finden hofft und diese unsere Stadt als eine Mutter aller Armen betrachtet. O wollet diesen guten Ruf doch nicht zerstören, diesen alten, von den Vätern ererbten Ruhm doch nicht beeinträchtigen. Denn auch vor Zeiten, als eine Hungersnoth das ganze Land bedrohte, haben die Bürger dieser Stadt den Bewohnern von Jerusalem, eben denjenigen, von welchen ich in dieser ganzen Rede gesprochen habe, durch die Hände des Barnabas und Saulus nicht geringe Almosen zugeschickt. Seht da! unsere Väter haben die Armen einer weit entfernten Gegend mit ihrem Gelde unterhalten und sind selbst zu ihnen hingeeilt, — haben wir nun wohl eine nachsichtige Beurtheilung verdient, haben wir eine Entschuldigung, wenn wir sogar die aus der Ferne zu uns geflüchteten Armen verstoßen, wenn wir so genaue Rechenschaft von ihnen verlangen, obgleich wir recht gut wissen, daß auf unserer Seele eine große Sündenschuld lastet? Wenn Gott mit uns so streng in’s Gericht geht, wie wir 260 mit den Armen, dann werden wir keine Verzeihung, Erbarmen finden. Es sind aber Worte des Herrn: „Mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet auch ihr gerichtet werden.“ Darum sei mild und freundlich gegen deinen Mitknecht, und entledige dich dadurch vieler Sünden. Übe Erbarmen, damit auch du ebenso gnädig gerichtet werdest. Warum bürdest du dir eine solche Last auf? Warum machst du so viele Umstände? Wenn Gott vorgeschrieben hätte, wir sollten der Lebensgeschichte der armen Leute nachforschen, Rechenschaft von ihnen verlangen, uns sorgfältig nach ihrer Führung erkundigen, würde dann nicht Mancher recht unzufrieden sein? Würde man nicht bei sich selber sagen: Was ist denn Das? Da hat uns Gott etwas recht Schweres aufgelegt!? Können wir denn anderer Leute Leben durchforschen? Wissen wir denn, was Dieser und Jener begangen hat? — Würde nicht manch Einer sich in solchen Klagen ergehen? Nun aber hat Gott uns mit allen diesen Umständlichkeiten verschont, er hat uns den vollen Lohn versprochen, mögen die Empfänger unserer Gaben Sünder oder Gerechte sein, — und wir sind es, die uns mit so großen Mühen belasten! Aber woher ist Das denn so klar, fragst du, daß wir unsern Lohn auf jeden Fall erhalten werden, mögen wir tugendhaften Leuten oder andern unsere Gaben reichen? Das geht aus folgenden Worten des Herrn selbst hervor: „Betet für Die, welche euch verfolgen und vergewaltigen, damit ihr ähnlich seid eurem Vater, der in den Himmeln ist, welcher seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.“ Wie also dein Herr seine Wohlthätigkeit gegen alle Menschen nicht einstellt, wie er dadurch seine große Liebe zu den Menschen zeigt, daß er die Strahlen der Sonne, den Regen, die Früchte der Erde zum Gemeingut aller Menschen macht, obgleich Tausende unter ihnen gegen ihn lästern, Tausende Unzucht treiben, stehlen, rauben, Gräber schänden und zahl- 261 lose Sünden begehen: so thue auch du, und wenn du Gelegenheit hast, Liebe und Erbarmen zu üben, dann mache nicht viele Umstände, sondern stehe den Armen bei, wehre ihrem Hunger, verscheuche ihren Kummer! Wenn wir vorher das Leben der Armen genau untersuchen wollen, dann werden wir uns nie eines Menschen erbarmen, wir werden durch einen solchen schlecht angebrachten Vorwitz stets in der Übung des Guten behindert sein, werden dafür ohne Lohn, ohne alle Hilfe bleiben und viele Mühe ganz vergebens, ganz nutzloser Weise auf uns nehmen. Darum ermahne ich euch, daß ihr doch aufhöret, euch so überflüssige Mühe zu machen. Spendet allen Bedürftigen, und zwar mit großer Freigebigkeit, damit auch wir am Tage des Gerichtes die Fülle des Erbarmens und der Liebe bei Gott finden mögen. Das werde uns allen zu Theil durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste eignet die Herrlichkeit, Macht und Ehre, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.
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