Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 12 · Kapitel 2
§ 1
Habt ihr nun gesehen die Macht des Herrn? gesehen seine Liebe? seine Macht, welche die Erde erschüttert, seine Liebe, welche ihren Zusammensturz aufgehalten hat? Doch 264 nein: Beides zeugt von seiner Macht und auch von seiner Liebe. Denn auch die Erschütterung der Erde zeugt von seiner Liebe, — er hat die Erde erschüttert und wieder befestigt, — und daß er die schwankende, die schon einstürzen wollte, wieder aufgerichtet hat, auch Das ist ein Beweis für seine Macht.
Das Erdbeben ist nun vorüber, die Furcht aber bleibe! Die Erschütterung hat aufgehört, die Frömmigkeit verlasse uns nicht mehr! Drei Tage lang haben wir gebetet; unser Eifer lasse nicht nach! Denn wegen unserer Leichtfertigkeit, deßwegen ist das Erdbeben über uns gekommen. Wir waren nachlässig, dadurch haben wir uns das Erdbeben zugezogen; wir sind eifrig geworden, und dadurch sind wir dem Zorn entgangen. Laßt uns nicht wieder nachlässig werden, auf daß wir nicht wieder Zorn und Strafe auf uns laden. Denn „Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.“
Habt ihr nun gesehen, wie wenig Bestand das Geschlecht der Menschen hat? Während des Erdbebens dachte ich bei mir selbst: Wo sind nun die Räubereien? und Habgier, Herrschsucht, Hochmuth, Anmaßung, Bedrückung, Ausbeutung der Armen, Übermuth der Reichen, Gewaltthätigkeit der Vornehmen, freche Drohungen, Befürchtungen — wo ist Das alles hingekommen? Ein Augenblick — und Das alles war, leichter als Spinngewebe, zerrissen, Alles war dahin, Wehklagen erfüllte die Stadt, Alle eilten zur Kirche. So erwäget denn, wie es uns ergangen sein würde, wenn es Gott gefallen hätte, Alles zu zerstören. Das sage ich, damit die Furcht vor diesem Schicksal unablässig in euren Herzen lebendig bleibe und euch alle aufrecht halte. Der Herr hat die Erde erschüttert, aber nicht zerstört. Wenn er sie zerstören wollte, hätte er sie nicht er- 265 schüttert. Aber weil er Das nicht wollte, hat er das Erdbeben wie einen Herold vorausgeschickt, um allen Menschen seinen Zorn zu verkünden, damit wir, durch die Furcht gebessert, dem Vollzug des ganzen Strafgerichtes entgehen möchten. So hat der Herr es vor Zeiten auch in einem fernen Lande gemacht. „Noch drei Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.“ Warum zerstörst du die Stadt denn nicht? Du drohst ihr den Untergang; warum geht sie nicht unter? Weil ich sie nicht zerstören will, darum drohe ich. Wie ist Das zu verstehen? Damit ich nicht thun muß, was ich verkündige, darum soll das Wort vorauseilen und die That verhindern. „Noch drei Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.“ Damals sprach der Prophet, jetzt lassen die Mauern ihre Stimme ertönen.
Das sage ich aber, und Das werde ich unaufhörlich sowohl den Armen als den Reichen sagen: Erkennet, wie mächtig Gottes Zorn, wie für ihn Alles leicht und ohne Mühe in’s Werk zu setzen ist. Darum laßt uns endlich einmal auf unsern Sündenwegen einhalten! Er hat in einem kurzen Augenblick jedes Herz und Gemüth erzittern gemacht, hat die Grundfesten der Seele erschüttert. So gedenken wir denn auch einmal jenes furchtbaren Tages, wo es sich nicht um einen Augenblick handelt, sondern eine endlose Ewigkeit bevorsteht. Denken wir an die Ströme von Flammen, den drohenden Zorn, das Herbeischleppen zum Gericht durch Mächte der Geisterwelt, denken wir an den schrecklichen Thron des Richters, an das unbestechliche Gericht; erwägen wir, daß uns dann eines Jeden Werke klar vor Augen stehen, und daß Niemand helfen kann, kein Nachbar, kein redefertiger Anwalt, kein Angehöriger, kein Bruder, kein Vater, keine Mutter, kein Gastfreund — Niemand! 266 Sagt an, was wollen wir dann beginnen? Ich setze in Furcht, um euer Heil zu wirken; ich schärfe meine Rede wie ein Messer, damit sie für Jeden, der es nöthig hat, zur Heilung seiner Seelenwunden dient. Sagte ich nicht immer — wie ich auch jetzt sage und nie aufhören werde zu sagen —: Wie lange klebt ihr noch an dieser Welt? Zu Allen rede ich, doch ganz vorzüglich zu Denen, die an einer Seelenkrankheit leiden, und die auf meine Worte nicht achten. Aber nützlich sind diese Ermahnungen für Jedermann, für die Kranken, damit sie genesen, und für die Gesunden, damit sie nicht erkranken. Wie lange wird noch das Geld euer Eins und Alles sein? wie lange der Reichthum? wie lange die stattlichen Häuser? wie lange die wilde Gier nach thierischer Lust? Seht, das Erdbeben ist gekommen — was hat der Reichthum geholfen? Mit dem Besitzer ist zugleich seine Habe, das Haus ist sammt seinem Erbauer zu Grunde gegangen; beide haben Ruhe gefunden. Für Alle ist die Stadt zum Grabe geworden, zum plötzlichen Grabe, das nicht von der Hand des Todtengräbers, sondern durch die Gewalt des Schicksals hergerichtet ist. Wo ist der Reichthum hingekommen? wohin die Räubereien? die Habsucht? Seht ihr, daß Das alles weniger Bestand hat als das Gewebe einer Spinne?
§ 2
Doch man wird mir sagen: Was nützen deine Worte? Sie nützen, wenn nur irgend Jemand mich anhört. Ich thue das Meinige. Der Säemann säet. Der Säemann ging aus, um zu säen, und Einiges fiel auf den Weg, Anderes auf den Felsen, Anderes in die Dornen, Anderes auf das gute Land. Drei Theile gingen verloren, ein Theil ward erhalten — und der Säemann ließ nicht ab, sein Feld zu bebauen. Weil ein Theil erhalten blieb, hörte er nicht auf, den Acker zu bearbeiten. Nun aber ist es doch ganz unmöglich, daß mir aus dem Samen, den ich unter eine 267 solche Menge von Zuhörern ausstreue, gar keine Ähren erwachsen sollten. Wenn nicht Alle hören, wird doch vielleicht die Hälfte hören; wenn nicht die Hälfte, doch der dritte Theil; wenn nicht der dritte, doch der zehnte Theil; und wenn auch nicht der zehnte Theil, nun wohl, wenn auch nur Einer aus der ganzen Menge auf mich hören will, so höre er! Denn es ist nichts Geringes, wenn auch nur ein einziges Schaf gerettet wird. Hat nicht jener gute Hirt die neun und neunzig Schafe verlassen, um dem einen, das sich verirrt hatte, nachzueilen? Ich verachte keinen Menschen. Ist es auch nur ein einziger — es ist ein Mensch, d. h. ein Wesen, das Gott dem Herrn ausserordentlich lieb und theuer ist. Ist es auch ein Sklave, ich halte ihn nicht für verachtenswerth. Denn ich suche an einem Menschen nicht Würde und Ansehen, sondern Tugend. Er sei Gebieter oder Sklave — ich suche nur seine Seele. Ist es auch nur ein einziger, es ist ein Mensch, um dessentwillen der Himmel ausgespannt ist, für den die Sonne scheint, der Mond seine Bahn geht, die Luft ausgegossen ist, die Quellen sprudeln, das Meer sich ausdehnt, die Propheten gesendet sind, das Gesetz gegeben ist. Ich brauche nicht Alles aufzuzählen; sage ich nur gleich: für den der eingeborne Sohn Gottes Mensch geworden ist. Mein Herr und Gebieter hat sich für den Menschen hinschlachten lassen, sein Blut vergossen — und ich soll einen Menschen verachten dürfen? Wie könnte ich dann Nachsicht zu erwarten haben? Habt ihr nicht gehört, wie der Herr mit der Samariterin redete und zwar ein sehr langes Gespräch führte? Er hat sie nicht verachtet, obgleich sie eine Samariterin war; weil sie eine Seele hatte, darum hat er sich um sie bemüht. Er hat sie nicht gering geschätzt, obgleich sie eine Buhlerin war; weil sie zum Heile gelangen sollte und Glauben zeigte, darum hatte sie sich seiner großen und liebevollen Sorgfalt zu erfreuen. Übrigens werde ich nicht 268 aufhören zu reden, wenn auch Keiner auf mich hört. Ich hin Arzt — ich biete Arzneien an; ich bin Lehrer — ich habe die Weisung, zu ermahnen. Denn der Herr sagt: „Zum Wächter habe ich dich dem Hause Israel gegeben.“ Bessere ich Niemand? Nun was liegt daran? Mein Lohn ist mir sicher. Doch ich übertreibe. Denn es ist ganz unmöglich, daß bei einer solchen Menge Niemand sollte gebessert werden.
Jetzt aber folgen die Vorwände und Entschuldigungen gleichgiltiger Zuhörer: Ich höre [das Wort Gottes] jeden Tag, sagt man; aber die Werke folgen nicht. Fahre nur fort zu hören, wenn auch noch die Werke fehlen; denn aus dem Hören ergeben sich auch die Werke. Wenn auch die Werke fehlen, so schämst du dich doch wegen deiner Sünden; wenn auch die Werke fehlen, so änderst du doch deine Gesinnung, so stehst du doch nicht an, dieses Fehlen zu beklagen und zu verurtheilen. Woher diese Klage und Verurtheilung? Das ist die Frucht meiner Worte. Wenn du sagst: „Weh nur! ich höre, aber ich thue nicht darnach“ — dann ist dieses „Weh mir“ schon ein Vorbote der Bekehrung. Du hast gesündigt? Nun, hast du deine Sünden auch beweint? Dann hast du sie getilgt. Denn es heißt: „Zähle deine Missethaten auf, du zuerst, damit du gerechtfertigt werdest.“ Wenn du dich betrübst, wenn du traurig wirst, dann gereicht dir diese Trauer zum Heile, nicht als ob sie an sich etwas Heilsames wäre, sondern wegen der großen Liebe, die der Herr gegen uns Menschen hegt. Wer gesündigt hat, Dem gewährt die Trauer nicht geringen Trost. Denn so sagte der Herr: „Ich sah, daß es [das Volk] traurig ward, sich grämte, und ich heilte seine Schmerzen.“ O wie ist doch unsere Herr so unsäglich 269 liebreich, so unbeschreiblich gütig! „Es trauerte, und ich heilte es.“ Ist denn die Trauer etwas Großes? Das freilich nicht; aber ich habe, sagt er, von seiner Trauer Veranlassung genommen, es zu heilen.
Habt ihr nun gesehen, wie er in einem kurzen Augenblicke Alles zu Stande gebracht hat? So gedenket denn immerdar an das Erdbeben von jenem Abend. Alle Andern waren damals wegen des Erdbebens, ich aber war wegen seiner Ursache in Furcht und Angst. Habt ihr verstanden, was ich sage? Die Andern fürchteten den Zusammensturz der Stadt und ihren eigenen Tod; ich aber fürchtete den Zorn des Herrn. Denn das Sterben ist so schlimm nicht; aber schlimm ist es, wenn man Gott den Herrn erzürnt hat. Darum war ich nicht wegen des Erdbebens, sondern wegen seiner Ursache in Furcht und Angst. Die Ursache des Erdbebens ist der Zorn Gottes, die Ursache dieses Zornes aber sind unsere Sünden. Fürchte nie die Strafe, sondern fürchte die Sünde, welche die Strafe gebiert. Die Stadt erbebt! Nun, was thut’s? Daß nur deine Seele nicht wanke! Wenn wir Kranke und Verwundete sehen, dann beklagen wir nicht Die, welche geheilt werden, sondern die unheilbaren. Was Krankheiten und Wunden sind, Dasselbe sind die Sünden; was ärztliche Behandlung, was Operationen und Arzneien sind, Das ist die Züchtigung.
§ 3
Habt ihr verstanden, was ich sage? Merket auf, denn ich will euch echte Weisheit lehren. Warum beklagen wir doch die Gezüchtigten, aber nicht die Sünder? Die Strafe ist weniger schlimm als die Sünde; denn die Sünde ist die Ursache der Strafe. Gesetzt, ein Mensch hat ein böses Geschwür, aus welchem Eiter fließt und Würmer am Leibe herabkriechen, und er vernachlässigt das Geschwür und seine Fäulniß; ein Anderer dagegen, der an demselben Übel leidet, läßt sich von einem kundigen Arzte behandeln, läßt sich Brennen und Schneiden gefallen, nimmt bittere 270 Arzneien, — sag’ an, wenn du Das siehst, welchen von den Beiden wirst du beklagen? Den Kranken, dem die ärztliche Pflege mangelt, oder denjenigen, der sich ärztlich behandeln läßt? Offenbar denjenigen, dem die Pflege fehlt. Nun denke dir zwei Sünder; der eine leidet Strafe, der andere nicht. Dann sage ja nicht so: Dieser Mensch hat Glück; denn er ist reich, er begeht Raub an Waisen, Unterdrückung an Wittwen, und dennoch trifft ihn keine Krankheit; bei aller seiner Ungerechtigkeit ist er ein höchst angesehener, ein vielgeehrter und einflußreicher Mann; er wird von den gewöhnlichen Widerwärtigkeiten des menschlichen Lebens in keiner Weise heimgesucht, hat Nichts von Bedrängnissen, von Fiebern und sonstigen Krankheiten zu leiden; es umgibt ihn eine ganze Schaar von Söhnen und Töchtern, und seine alten Tage bringen ihm nur Freude und Annehmlichkeit. Nein — halte ihn nicht für glücklich; gerade diesen Menschen sollst du am allermeisten beklagen, weil er krank ist und nicht geheilt wird. Wie Das zu verstehen ist, will ich jetzt sagen. Wenn Jemand die Wassersucht hat und sein Körper in Folge eines äusserst schlimmen Milzleidens schon ganz aufgeschwollen ist, und wenn dieser Mensch, anstatt sich schleunigst an den Arzt zu wenden, sich vielmehr dem Genusse kühler Getränke hingibt, einen ausgesucht guten und seinen Tisch führt, täglich dem Trunke fröhnt, von Aufwärtern stets umgeben ist, wenn er solchergestalt der Krankheit Nahrung zuführt, — sag an, wirst du diesen Menschen glücklich preisen, oder wirst du ihn bedauern? Wenn aber ein anderer Wassersüchtiger sich ärztlich behandeln läßt, sich einer Hungerkur unterzieht, sich große Entbehrungen auflegt, fortwährend bittere Arzneien nimmt, die zwar sehr unangenehm sind, aber auf dem Wege der Bitterkeit zur Gesundheit führen, — wirst du diesen nicht eher für glücklich halten? Du bist einverstanden; denn der eine ist krank und wird nicht geheilt, der andere ist krank und wird doch wenigstens ärztlich behandelt. Die Kur ist recht lästig, allerdings; aber am Ende zeigt sich der Vortheil. So geht es in diesem Leben. Doch laßt uns jetzt 271 statt vom Leibe von der Seele reden, statt von Krankheiten jetzt von Sünden, statt von bittern Arzneien jetzt von Gottes Strafen und Gerichten! Was nämlich die Arzneien, was Schneiden und Brennen von Seiten des Arztes, Das sind die Züchtigungen von Seiten Gottes. Wie durch brennen manchmal das Umsichgreifen der Krankheit gehemmt, wie durch Schneiden das faule Fleisch entfernt wird, wie Beides zwar schmerzt, aber auch heilsam ist, so sind Hunger und Seuchen und überhaupt alle scheinbaren Übel gleichsam Eisen und Feuer für die Seele und müssen ebenso wie es auf dem Gebiete des leiblichen Lebens geht — das Umsichgreifen der Seelenkrankheiten hindern und zur sittlichen Besserung dienen.
Ich nehme an, da sind zwei Unzüchtige — denkt an das eben ausgeführte Gleichniß! also zwei Unzüchtige; der eine ist reich, der andere arm. Welcher von beiden hat die die meiste Hoffnung, zum Heile zu gelangen? Offenbar der Arme; Das werdet ihr zugeben. Sage also nicht: Der Reiche fröhnt der Wollust und ist dabei ein reicher Mann; darum halte ich ihn für glücklich. Du müßtest ihn eher für glücklich halten, wenn er bei seinem unzüchtigen Leben von Armuth und Hunger zu leiden hätte; denn dann wäre die Armuth seine Zuchtmeisterin, wenn auch gegen seinen Willen. Wenn du siehst, daß es einem schlechten Menschen gut geht, dann beweine ihn; denn sein Elend ist ein doppeltes: eine Krankheit, die unheilbar ist. Wenn du siehst, daß es einem schlechten Menschen übel geht, dann tröste [ihn?], nicht allein, weil er gebessert wird, sondern auch, weil er jetzt viele Sündenschulden abträgt.
Achte genau auf meine Worte! Viele Menschen werden auf Erden gestraft — und in der andern Welt verurtheilt, andere nur hier, wieder andere nur dort. Diese meine Lehre haltet fest! Denn diese Wahrheit, recht verstanden und erwogen, wird euch viele verwirrende Gedanken benehmen. Jetzt wollen wir aber, wenn es euch 272 recht ist, zuerst von einem Manne reden, der in der andere Welt gezüchtigt wird und hier ein recht üppiges Leben geführt hat. Die Reichen und nicht minder die Armen mögen wohl auf meine Worte achten! Denn für die Einen sowohl als für die Andern sind diese Lehren von großem Nutzen. Daß übrigens Viele sowohl hier als im andern Leben bestraft werden, Das sagt uns Christus selbst. Höret seine Worte: „In welche Stadt aber oder Wohnung ihr hineingeht … während ihr hineingeht in das Haus, grüßet es, sprechend: Friede diesem Hause. Und so nun jenes Haus würdig ist, komme euer Friede auf dasselbe; wenn es aber nicht würdig ist, wende euer Friede sich auf euch zurück. Und wer immer euch nicht aufnimmt noch auch euren Worten Gehör gibt, aus der Stadt gehet hinweg und schüttelt den Staub ab von euren Füßen! Wahrlich, ich sage euch, erträglicher wird es sein dem Lande von Sodoma und Gomorrha am Gerichtstage, als jener Stadt. In welche Stadt aber oder Wohnung ihr hineingeht, erkundete wer in ihr würdig sei, und dort bleibet, bis ihr fortgeht.“ Daraus geht hervor, daß die Bewohner von Sodoma und Gomorrha nicht bloß auf Erden dem Strafgericht verfallen sind, sondern auch jenseits gezüchtigt werden. Denn wenn der Herr sagt: erträglicher wird es dem Lande von Sodoma sein als Diesen, so deutet er damit an, daß auch die Sodomiter gestraft, aber nicht so hart wie Jene gestraft werden.
§ 4
Andere wiederum werden nur hier auf Erden gestraft, wie z. B. der Unzüchtige [in Korinth]. Der heilige Paulus schreibt nämlich folgendermaßen an die Korinther: „Überhaupt hört man unter euch von Unzucht und solche Unzucht, wie sie nicht einmal bei den Heiden genannt wird, so daß Einer das Weib seines Vaters hat. Und ihr seid aufgeblasen und hattet nicht vielmehr Leidwesen, damit fortgeschafft werde aus eurer Mitte Der, welcher dieses 273 Werk verübt hat! Denn ich meinerseits, zwar abwesend dem Leibe, doch anwesend dem Geiste nach, habe entschieden, als ob anwesend, Den, welcher Dieses also verübt hat, — im Namen unseres Herrn Jesus Christus, nachdem ihr vereinigt seid und mein Geist, zu übergeben einen Solchen dem Satan zum Verderben des Fleisches, damit der Geist errettet werde an dem Tage unseres Herrn Jesus.“ Siehst du, wie dieser Mensch hier auf Erden, aber nicht in der andern Welt gestraft wird? Weil er nämlich dem Leibe nach hier gestraft wird, wird er in der andern Welt nicht gestraft.Nun will ich euch den Mann zeigen, der hier auf Erden geschwelgt hat, jenseits aber gestraft wird. „Es war ein reicher“ … Aber wartet das Ende ab, wenn ihr auch den ganzen Verlauf der Erzählung schon im Voraus wisset! Daß ihr gleich, wenn ich anfange, den Samen des Wortes auszustreuen, auch schon die reifen Ähren pflücket, Das gereicht allerdings mir zur Ehre und euch zum Lobe. Die wiederholte und unermüdliche Anhörung der Predigt hat euch wirklich Lehrern gleich gemacht. Aber weil auch viele Fremde mit euch gekommen sind, mäßigt eure Eile und wartet geduldig auf die Nachhinkenden! Denn die Kirche ist wie ein Leib; sie hat Augen und hat ein Haupt. Wenn nun z. B. die Ferse durch einen Dorn verwundet ist, dann wendet sich das Auge nach unten, weil es ein Glied des Leibes ist, und es sagt nicht: weil ich oben meine Stelle habe, verachte ich das Glied, das unten ist; sondern es wendet sich nach unten und steigt von seiner Höhe herab — und doch, was ist geringer als die Ferse und edler als das Auge. Aber das Mitleiden gleicht die Ungleichheit aus, und die Liebe bringt Alles in die rechte Ordnung. So nimm dir denn das Auge zum Vorbild! Wenn du leicht und schnell auffassest, wenn du zum Hören und Verstehen 274 gut angelegt bist, und wenn dein Bruder dagegen dem hier verkündeten Worte nicht so leicht folgen kann, dann neige sich dein Auge herab zur Ferse! Es trage Mitleid mit dem lahmen Gliede, damit nicht um deiner raschen Auffassung und seiner Langsamkeit willen an ihm das Wort Gottes spurlos vorübergehe! Mißbrauche deinen Scharfsinn nicht zu seinem Nachtheil, sondern danke Gott für die Gabe des leichtern Verständnisses. Du bist reich? — Das freut mich, freut mich sehr, aber Jener ist noch arm. Laß ihn nicht wegen deines Reichthums arm bleiben! Ihn quält ein Dorn, der Dorn des Zweifels und der Rathlosigkeit; steige herab zu ihm und ziehe den Dorn heraus!
Was sagt der Herr also? Es war ein reicher Mann, — reich dem Namen nach, nicht in Wirklichkeit. Es war ein reicher Mann, der sich in Purpur kleidete, seinen Tisch mit kostbaren Speisen besetzte, Wein aus bekränzten Bechern trank und Tag für Tag Gastgelage hielt. Es war aber ein Anderer, der war arm, mit Namen Lazarus. Wo ist denn der Name des Reichen? Nirgends; er ist ein Mensch ohne Namen. Wie groß war doch sein Reichthum! und sein Name ist nicht zu finden. Welcher Art ist denn dieser Reichthum? Da siehst du einen Baum, der im Schmuck der Blätter prangt, aber keine Früchte trägt; eine Eiche, die hoch in die Lüfte ragt und mit ihren Früchten nur unvernünftige Thiere speis’t; einen Menschen, aber ohne wahrhaft menschliche Früchte. Denn wo Reichthum sich mit Raublust paart, da sehe ich einen Wolf und nicht einen Menschen; wo Reichthum mit roher Wildheit, da sehe ich einen Löwen und nicht einen Menschen; er hat den Adel der menschlichen Natur durch die Gemeinheit der Sünde zerstört.
Es war ein reicher Mann, der sich täglich in Purpur kleidete, — aber seine Seele war voll Spinngewebe; er duftete von Salben, aber sein Inneres war voll Gestank; er setzte seine Speisen auf, fütterte Schmarotzer und 275 Schmeichler, mästete seinen Leib — den Knecht, aber es störte ihn nicht, daß seine Seele, die Gebieterin, vor Hunger zu Schanden ging. Bekränzt war sein Haus, übertüncht die Wohnstätte des Lasters, aber seine Seele vergraben in Trunkenheit. Dieser reiche Mann führte also einen kostbaren Tisch, trank Wein aus bekränzten Bechern und bewirthete Schmarotzer und Schmeichler — diese nichtswürdigen Menschen, diese Augenweide des Satans, diese Wölfe, die manchen Reichen einfangen und zum Sklaven machen, die um Anfüllung ihres Bauches sein Verderben kaufen, die den Reichthum verunehren, indem sie ehren und schmeicheln. Man geht nicht fehl, wenn man sie Wölfe schilt. Der Reiche ist das Schaf, das sie umzingeln; indem sie ihn durch Lob erheben, durch Schmeichelreden aufblähen, machen sie es ihm unmöglich, seine Sündenwunden auch nur zu gewahren. Sie verblenden seinen Verstand und verschlimmern die Fäulniß seiner Seele. Wenn aber das Schicksal sich wendet, dann sind die Freunde entflohen, und wir, die herben Tadler, wir sind dann die Mitleidigen. Sie aber, diese hohlen Larven, sind verschwunden — und Das geschieht auch heutzutage gar nicht selten.
§ 5
Jener Reiche also war ein Mensch, der stets feile Lobredner und Possenreisser bewirthete, sein Haus zum Theater machte, seine Gäste in Wein berauschte und alle Tage herrlich und in Freuden lebte. Es war aber ein Anderer mit Namen Lazarus, voll Geschwüren, der saß an der Thür des Reichen und begehrte — Brosamen. Also dicht an der Quelle — und verschmachtend! hart am Wohlleben — und verhungernd! Wo lag er hingestreckt? Nicht draussen, nicht auf der Straße, nicht auf der Gasse, nicht mitten aus dem Markte, sondern an der Thür des Reichen, wo dieser nothwendig aus und eingehen mußte. Er sollte nicht sagen können: Ich habe ihn nicht gesehen, ich bin vorübergegangen, und meine Augen sahen ihn nicht. Am Eingange deines Hauses liegt er — die Perle im Koth, — und du siehst ihn nicht? Der Arzt an deiner Thür — 276 warum lässest du dich nicht heilen? Der Steuermann im sichern Hafen — warum leidest du Schiffbruch? Du bewirthest Schmarotzer — warum bewirthest du keine Armen? So ging es, so geht es aber auch noch heute. Denn darum ist es aufgeschrieben, damit die spätern Geschlechter aus diesen Ereignissen lernen und nicht das gleiche Schicksal haben. — Der Arme lag also an der Thür, der Arme draussen, der Reiche drinnen. Sein Leib war bedeckt mit Geschwüren — ein kostbarer Schatz, aussen Dornen, innen Perlen. Denn was schadete ihm die Krankheit des Leibes, da seine Seele sich blühender Gesundheit erfreute? Hört es, ihr Armen, auf daß ihr euch nicht zu sehr quält und nicht verzagt! Hört es, ihr Reichen, damit ihr euch bekehret von euren Sünden! Seht hier das Bild der Armuth und des Reichthums, der rohen Hartherzigkeit und der stillen Geduld, des heldenmüthigen Duldens und der unersättlichen Habgier! Diese zwei Bilder sind uns vor Augen gestellt, damit wir einen Armen nicht für elend halten, wenn wir ihn mit Geschwüren bedeckt und ganz verachtet sehen, und damit wir einen Reichen nicht glücklich preisen, wenn wir ihn von Glanz und Pracht umgeben sehen.
Kehren wir zum Gleichniß zurück! Wenn Zweifel dich quälen und verwirren, und dein Nachdenken an den Erfahrungen dieses Lebens scheitert, dann eile zum Hafen, d. h. laß dir Trost spenden durch diese Erzählung! Denk’ an Lazarus, der verachtet ward; denk’ an den Reichen, der gute Tage hatte und im Überfluß schwelgte, und dann soll dich Nichts, was im Leben vorkommt, in Verwirrung setzen. Wenn du hier genau zusiehst, sorgfältig erwägst, dann werden die Wogen nicht über dir zusammenschlagen. Du mußt nur scharf unterscheiden und die Dinge nach ihrem wahren und eigentlichen Wesen beurtheilen; dann wird dein Schifflein nicht scheitern. Was soll es denn, wenn du mir sagst: Mein Leib wird hart bedrängt!? Daß nur deine Seele keinen Schaden leide. Oder du sagst: „Dieser und Jener ist reich und ist doch ein Bösewicht.“ 277 Nun, was thut’s? Seine Bosheit siehst du freilich nicht aber du darfst den Menschen nicht nach seinen äussern Verhältnissen, sondern nur nach seinem innern Werthe schätzen. Wenn du einen Baum siehst, achtest du dann auf die Blätter oder auf die Früchte? Wende Das auf die Menschen an: wenn du einen Menschen siehst, prüfe nicht sein äusseres, sondern sein Inneres, achte auf die Frucht, nicht auf die Blätter! Er könnte vielleicht für einen veredelten Ölbaum gelten, da er doch ein wilder ist, für einen Menschen gelten, während er ein Wolf ist. Beurtheile ihn nicht nach seiner Natur, sondern nach seinem Charakter, nicht nach dem äussern Ansehen, sondern nach der Gesinnung, und nicht bloß nach der Gesinnung, sondern erkundige dich auch nach seinem Lebenswandel! Wenn er die Armen liebt, ist er ein Mensch; wenn er Nichts thut als Geschäfte machen, ein Eichbaum [d. h. leer an Früchten]; wenn er leidenschaftlich und gewaltthätig ist, ein Löwe; wenn raubgierig, ein Wolf, und wenn hinterlistig, eine Schlange. Und dann sprich: Ich suche einen Menschen; warum zeigt sich mir statt eines Menschen ein Thier? Erkenne also, was die Tugend am Menschen ist, und laß dich nicht verwirren! — Es lag also Lazarus an der Thür, mit Geschwüren bedeckt, abgezehrt von Hunger; die Hunde aber kamen und leckten seine Wunden. Die Hunde, menschenfreundlicher als der Mensch, leckten seine Wunden, entfernten den Eiter, reinigten sie von Schmutz. Lazarus lag da wie das Gold im Feuerofen und wurde immer mehr erprobt. Er sagte nicht, wie so viele Arme sagen: Heißt Das göttliche Vorsehung? Also kümmert sich Gott um das Schicksal der Menschen? Ich lebe rechtschaffen und bin arm, und der da lebt in Lastern und ist reich? So oder ähnlich dachte er nicht; er unterwarf sich den unbegreiflichen Rathschlüssen der göttlichen Liebe, seine Seele läuternd, in den Leiden standhaft ausdauernd, Geduld und Ergebung bewährend. Sein Leib lag hilflos im Staube; aber inzwischen eilte die Seele, beflügelt durch die Entschiedenheit des guten Willens, den Kampfpreis zu er- 278 ringen und, von den Schmerzen befreit, mit Freude erfüllt zu werden. Er sagte nicht: die Schmarotzer haben Überfluß, und ich werde der Brosamen nicht werth gehalten! Nein, er machte es anders: er dankte Gott und verherrlichte ihn.
Es geschah, daß sie starben. Der Reiche starb und wurde begraben. Auch Lazarus ging hinüber — ich möchte nicht sagen, daß er starb. Denn der Tod des Reichen war allerdings ein wahres Sterben und Begrabenwerden; der Tod des Armen dagegen war ein Hinübergehen, ein Übergang zum Bessern; er eilte aus dem Kampfe zu den Siegespreisen, aus dem hohen Meere in den Hafen, aus der Schlacht zum Triumph, von Muhe und Schweiß zur Krönung. Beide kamen dorthin, wo die Wahrheit ganz allein regiert. Das Theaterspiel war zu Ende, die Masken verschwanden.
Hier auf Erden geht es nämlich wie in einem Schauspiel. Ihr seht im Theater mitten am Tage auf lauter Täuschung beruhende Darstellungen. Viele Schauspieler treten ein und führen ein Stück auf. Sie haben ihr Angesicht mit einer Maske verhüllt, und so erzählen sie die alten Sagen und melden von alten Geschichten. Da wird nun der Eine zum Gelehrten und ist es nicht, ein Anderer zum König und ist es nicht; er hat vom König nur den Schein, indem er den König darstellt. Ein Anderer wird zum Arzt und versteht nicht einmal ein Stück Holz richtig zu behandeln; er ist eben nur nach Art der Ärzte gekleidet. Ein Anderer wird zum Sklaven, obgleich er zu 279 den Freien gehört, ein Anderer zum Lehrer, obgleich er nicht einmal die Buchstaben kennt. Sie alle sind Nichts von Dem, was sie scheinen, und was sie sind. Das scheinen sie nicht. Jener erscheint als Arzt und ist es nicht; der Zweite erscheint als Gelehrter, weil er nach Art der Gelehrten Haar und Bart trägt; der Dritte erscheint als Soldat, indem er äusserlich einem Soldaten ähnlich sieht. Das Maskengesicht täuscht; aber es kann den Charakter und die Stellung des Menschen, deren Wirklichkeit es widerspricht, nicht zur Lüge machen. So lange nun die Zuschauer da sitzen, so lange die Unterhaltung dauert, so lange sind auch die Masken in Geltung. Wenn aber der Abend kommt, wenn das Spiel zu Ende ist und Alles nach Hause geht, dann werden die Masken bei Seite gelegt; und der im Theater ein König war, Der wird jetzt vielleicht als Kupferschmied erfunden. Die Masken sind abgelegt, die Täuschung ist vorüber, die Wahrheit tritt zu Tage. Der im Schauspiel ein freier Mann war, Den findet man draussen als Sklaven wieder. Denn, wie ich schon sagte, dort galt die Täuschung, hier gilt die Wahrheit. Der Abend kam, das Schauspiel war zu Ende, die Wahrheit trat zu Tage.
So geht es auch am Ende dieses Lebens. Das gegenwärtige Leben ist wie ein Theater; Armuth und Reichthum, Herrschaft und Dienstbarkeit u. dgl., überhaupt die Schicksale dieses Lebens sind nur Schein. Einst wird aber dieser Tag vorüber sein, und kommen wird jene furchtbare Nacht — oder vielmehr jener Tag; denn eine Nacht ist es für die Sünder, ein Tag für die Gerechten —. Dann ist das Spiel zu Ende, die Masken sind abgelegt, und geprüft wird ein Jeder und seine Werke: nicht ein Jeder und seine Reichthümer, oder ein Jeder und sein Amt, oder ein Jeder und seine Ehre, oder ein Jeder und seine Gewalt, sondern: ein Jeder und seine Werke. Geprüft werden also Fürsten und Könige, Weiber und Männer. Dann wird nach dem Lebenswandel und nach den guten Werken gefragt, nicht, ob man hohe Würden bekleidet, ob man in Armuth und 280 niedrigem Stande gelebt, ob man eine verächtliche und tyrannische Behandlung erfahren hat. Zeige mir Werke vor, heißt es dann; wenn du auch ein Sklave bist — sie seien edler als beim Freien; wenn du auch ein Weib bist, sie seien mannhafter als beim Manne. Wenn die Masken einmal abgelegt sind, dann stellt sich heraus, wer arm und wer reich ist. Und wie man bei uns manchmal nach dem Schlusse des Theaters, wenn man von einem erhöhten Platze herab den Gelehrten, aus dem Schauspiel draussen als Kupferschmied wieder sieht, seine Verwunderung äussert und sagt: Ei, war der da nicht im Theater ein Gelehrter? und hier sehe ich jetzt, daß er ein Kupferschmied ist! War Jener nicht im Theater ein König? und nun sehe ich, daß er ein ganz geringer Mann ist! — so wird es auch einst in der andern Welt gehen.
§ 6
Ich will Das nicht weiter ausführen, um nicht durch Weitläufigkeit meine Zuhörer zu verwirren; ich will aber jetzt das trügerische Spiel dieses Lebens an zwei Personen zeigen. Zwei Personen habe ich besprochen; von ihnen bin ich ausgegangen, um euch den rechten Weg zu eigen und euch die rechten Mittel an die Hand zu geben. Ich habe euren Ausblick durch die Schilderung des gegenwärtigen Lebens erweitert, so daß ihr alle den wahren Unterschied zwischen den Dingen dieser Welt zu beurtheilen wisset. Also zwei Personen: die eine spielt die Rolle des Reichen, die andere die des Armen; Lazarus die Rolle des Armen, der reiche Prasser die Rolle des Reichen. Nur ihre Rollen fielen in’s Auge, nicht das Wesen und die Wahrheit. Beide schieden aus diesem Leben, der Reiche und auch der Arme. Den Lazarus nahmen die Engel in Empfang: nach den Hunden — die Engel, nach der Schwelle des Reichen — Abrahams Schooß, nach Hunger und Entbehrung — endlose Seligkeit, nach aller Trübsal — unverlierbare Ruhe! Der Reiche aber kam aus dem Reichthum in die Armuth, von der reich besetzten Tafel in Strafe und Züchtigung, aus der Ruhe und Erquickung in uner- 281 trägliche Qualen. Seht da, wie es geht! Sie gingen hinüber, und das Schauspiel war zu Ende. Die Masken verschwanden, und das wahre Angesicht kam zum Vorschein. Beide gingen hinüber, und der Reiche, in Flammen gepeinigt, sah den Lazarus im Schooße Abrahams, sah ihn glücklich, im Genusse überströmender Freude. Und er sprach zu ihm [zu Abraham]: „Vater Abraham, schicke Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche, um meine Zunge zu kühlen, weil ich Pein leide in dieser Flamme.“ Was sagte Abraham darauf? „Kind, du hast dein Gutes zurückerhalten, und Lazarus sein Böses; und nun wird Dieser getröstet, du aber leidest Pein. Übrigens aber ist auch eine Kluft zwischen uns und euch befestigt, damit, wenn Einer von hier dorthin zu euch hinübergehen möchte, er es nicht kann.“ Habet Acht, denn die Erwägung dieser Worte ist sehr heilsam. Diese Betrachtung schreckt, aber läutert, schmerzt, aber bessert. Nehmet an, was ich sage. In seinen Qualen erhob der Reiche die Augen und sah den Lazarus. Sonderbar! Tag für Tag lag er an deiner Thür; ein über das andere Mal gingest du dort ein und aus — und du sahest ihn nicht; und jetzt, wo du im Feuerofen liegst, jetzt siehst du ihn aus weiter Ferne. Als du noch reich warest, und als es bei dir stand, ihn zu sehen, da wolltest du ihn nicht sehen — wie kommt es doch, daß du jetzt so scharf siehst? Lag er nicht an deiner Thür? Wie kam es, daß du ihn nicht sahest? Als er in deiner Nähe war, sahest du ihn nicht, und jetzt siehst du ihn aus weiter Ferne, trotz der großen Kluft, die euch trennt!
Und wie spricht der Reiche? Er nennt den Abraham Vater. Wie kannst du ihn Vater nennen, da du doch von 282 seiner Gastfreiheit so weit entfernt warst? Er nennt ihn Vater, und ihn nennt Abraham: Kind. Die Anrede bestätigt die Verwandtschaft, doch nirgends findet er Schutz und Beistand. Der Anrede weigert sich Abraham nicht, damit wir einsehen, daß die Familie, die Abstammung uns kein Heil bringt. Nicht der Ruhm der Vorfahren adelt, sondern ein tugendhaftes Leben. Sage mir nicht: mein Vater war Konsul. Was geht Das mich an? Darnach frage ich nicht. Sage mir nicht: mein Vater war Konsul. Wenn du auch den Apostel Paulus zum Vater und heilige Märtyrer zu Brüdern hättest, aber ihrem Tugendbeispiele nicht folgtest, dann würde dir die Verwandtschaft Nichts nützen, nein sie würde dir schaden, dich verdammen. Meine Mutter, sagt ein Anderer, ist sehr wohlthätig. Was nützt dir Das, wenn du hartherzig bist? Deine Verkehrtheit wird durch ihre Nächstenliebe sogar noch schuldbarer! Denn was sagte Johannes der Täufer zum jüdischen Volke? „Bringet würdige Frucht der Buße. Und wähnet nicht, sagen zu dürfen: Zum Vater haben wir den Abraham!“ Du hast einen Ahn von hohem Ansehen? Wenn du ihm nacheiferst, ist es dein Vortheil; wenn nicht, wird der hochberühmte Mann dein Ankläger, weil du, obgleich auf vorzüglichem Stamme gewachsen, eine bittere Frucht geworden bist. Daß du nur Niemand wegen seines tugendhaften Verwandten glücklich preisest, wenn er dessen Tugend nicht nachahmt! Du hast eine heilige Mutter? Ist für dein Heil nicht entscheidend. Du hast eine böse Mutter? Auch Das entscheidet nicht. Die Frömmigkeit der einen hilft dir Nichts, wenn du ihrem Tugendbeispiel nicht nachfolgst; die Laster der andern schaden dir nicht, wenn du dich bekehrest. Ja, wie es sogar schuldbarer ist, wenn man von Anfang an ein gutes Vorbild hatte und ihm gleichwohl im Guten nicht gefolgt ist, so verdient es auch ein größeres Lob, wenn man eine lasterhafte Mutter hatte und trotzdem ihre Schlechtigkeit nicht nachgeahmt hat, 283 sondern vielmehr, obgleich einer bittern Wurzel entstammend, eine süße Frucht geworden ist. Nicht Ahnenruhm, sondern Tugend wird von uns verlangt. Je nachdem ein Mensch sich aufführt, nenne ich ihn einen Vornehmen, wenn er auch vielleicht Sklave ist, und nenne ihn einen Sklaven in Ketten, obgleich er vielleicht ein vornehmer Herr ist. Für mich ist auch ein Mann von Stand ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn seine Seele in Banden liegt. Denn wer ist eigentlich ein Sklave? Wer Sünde thut! Was man sonst gewöhnlich Sklaverei nennt, beruht nur auf äussern Umständen; aber diese Sklaverei beruht auf Niedrigkeit der Gesinnung — und daher ist die Sklaverei überhaupt zuerst entstanden.
§ 7
Vor Alters gab es keine Sklaven; denn als Gott den Menschen bildete, erschuf er ihn nicht als Sklaven, sondern als freien Mann. Er erschuf Adam und Eva, und Beide waren frei. Woher denn nun die Sklaverei? Das Menschengeschlecht ging in die Irre, überschritt das Maß der Leidenschaft und verfiel in vollständige Zuchtlosigkeit. Nun höre, wie die Sklaverei entstand. Es trat eine gewaltige Überschwemmung ein, gleichsam ein Schiffbruch für alle Völker. Es öffneten sich die Schleusen des Himmels, aus den Abgründen ergoßen sich die Fluthen, bald war Alles vom Wasser bedeckt. Die Natur schien sich wieder in ihre Elemente aufzulösen. Nirgends sah man mehr Land, Alles war ein Meer — und sein Quell der Zorn Gottes. Überall Wasserfluthen, Alles ein Meer, selbst die hoch empor ragenden Berge waren von diesem Meere bedeckt. Man sah nur Himmel und Wasser. Das Menschengeschlecht war zu Grunde gegangen; nur ein Fünklein von unserm Geschlechte lebte noch: es war Noe, gleichsam ein Fünklein mitten auf dem Meere; aber es erlosch nicht. Bei ihm waren die Erstlinge des [neuen] 284 Menschengeschlechts, Weib und Kinder, auch die Taube, der Rabe und das Andere, wie euch bekannt ist. Alles war in der Arche, und die Arche fuhr über das Wasser daher, mitten durch die tobenden Fluthen, und sie scheiterte nicht, denn der Herr der Welt war ihr Steuermann. Nicht das Holz, aus dem sie gezimmert war, sondern die mächtige Hand Gottes hat sie erhalten. Und sieh, wie wunderbar! Als die Erde gleichsam abgewaschen, als die Übelthäter vertilgt waren, als der Aufruhr der Elemente sich gelegt hatte, als die Gipfel der Berge wieder sichtbar wurden: da blieb die Arche stehen, und Noe entsandte die Taube. Das hatte eine geheimnißvolle Bedeutung, es war ein Vorbild des Zukünftigen: in der Arche war vorgebildet die Kirche, in Noe Christus, in der Taube der heilige Geist, in dem Blatte des Ölbaumes die Liebe Gottes zu den Menschen. Ein sanftes, den Menschen anhängliches Wesen, eine Taube wurde ausgesandt und verließ die Arche. Das war ein Vorbild; später folgte die Erfüllung, die Wahrheit. Nun aber seht, wie die Wahrheit über das Vorbild weit hinausgeht. So wie die Arche inmitten des Meeres ihre Insassen rettete, so rettet die Kirche Alle, die in die Irre gegangen sind. Während aber Jenen die Arche nur das Leben rettete, leistet die Kirche weit mehr. Das meine ich so: die Arche hat vernunftlose Geschöpfe aufgenommen, gerettet — und diese blieben, was sie waren; wenn aber die Kirche Menschen aufnimmt, deren Vernunft in den Leidenschaften untergegangen ist, dann werden Diese von ihr nicht bloß gerettet, sondern auch umgewandelt. Die Arche hat einen Raben aufgenommen und hat ihn als Raben entlassen; die Kirche dagegen nimmt Raben auf und entläßt sie als Tauben; sie nimmt Wölfe auf und entläßt sie als Lämmer. Denn wenn hier ein raubgieriger, habsüchtiger Mensch eintritt und dann den göttlichen Aussprüchen und Lehren zuhört, so ändert er seinen Sinn und wird aus dem Wolfe ein Lamm. Er war ein Wolf, der fremdes Gut raubt; er ist ein Lamm geworden, das seine eigene Wolle hergibt. — Die Arche also stand, die Thür öffnete sich. 285 Noe ist aus dem allgemeinen Schiffbruch gerettet hervorgegangen. Er sieht die Erde verödet; der Schlamm ist zum Grabe geworden, in dem Menschen und Thiere begraben sind. Da liegen die Leichen von Pferden, von Menschen, von allem Vieh verschüttet durcheinander. Noe sieht das entsetzliche Trauerspiel, sieht die ganze Erde voll Elend, und es erfaßt ihn ein unsäglicher Schmerz. Alles ist zu Grunde gegangen. Kein Mensch, kein Stück Vieh, Nichts, was ausser der Arche geblieben, ist gerettet. Über der leeren Erde sieht er nur den Himmel ausgespannt. Von Kummer überwältigt, von Gram ganz übermannt fängt er an, Wein zu trinken, und überläßt sich dann dem Schlafe, um die Wunde seines Herzens zu heilen. Er überlieferte sich also dem Schlaf wie einem Arzte, um das Schreckliche zu vergessen, das geschehen war, und lag nun auf seinem Bette. Er war ja eben ein alter Mann, den nach dem Weingenuß der Schlaf überwältigt hatte. Es geziemt sich, daß wir diesen gerechten Mann entschuldigen: nicht Trunksucht, nicht blinde Leidenschaft hat ihn verleitet, sondern er suchte durch Wein und Schlaf seinen Gram zu lindern. So sagt auch Salomon. „Gebet Wein den Trauernden und berauschenden Trank den Bekümmerten!“ Was anders thun manche Leute z. B. nach einer Begräbnißfeier, wenn sie Weib oder Kind verloren haben? oder wenn überhaupt ein Kummer sie drückt, die Trauer übermächtig wird oder das Gewissen sich mit Gewalt geltend macht? Dann werden Freunde eingeladen, ein reichliches Gastmahl wird veranstaltet und ungemischter Wein zur Linderung der Schmerzen dem Traurigen gegeben. Ähnlich ging es auch damals bei diesem alten Manne. Von seiner Trauer überwältigt gebrauchte er den Wein wie eine Arznei, und nach dem Weingenuß überließ er sich dem Schlaf. Jetzt sollt ihr auch hören, woher die Sklaverei kommt. Über eine kleine Weile trat 286 sein Sohn herein, jener Verfluchte — es war sein Sohn der Abstammung nach, nicht der Gesinnung nach; ich wiederhole: den Adel macht nicht der Ruhm der Vorfahren, sondern ein tugendhafter Wandel; — der Sohn also trat herein und sah die Blöße seines Vaters. Er hätte ihn zudecken und seine Blöße verhüllen sollen, aus Ehrfurcht vor seinem Alter, vor seinem Kummer und seinem herben Schicksal, und weil es überdieß sein Vater war; aber er ging hinaus, machte die Sache kund und machte sie sogar noch ärger durch übertriebene Darstellung. Die andern Brüder aber nahmen einen Mantel, und rücklings, um nicht zu sehen, was Jener ausgeschwatzt hatte — gingen sie hinzu und bedeckten ihren Vater. Als der Vater nun aufgestanden war und Alles erfahren hatte, da hub er an zu reden: „Verflucht sei Chanaan, ein Knecht sei er seinen Brüdern!“ Was er da sagte, ist so zu verstehen; du wirst Sklave sein, weil du die Schande deines Vaters kund gemacht hast. Seht ihr nun, daß die Sklaverei von der Sünde kommt, und daß die Bosheit sie in die Welt gebracht hat? Soll ich euch nun auch zeigen, wie aus der Knechtschaft die Freiheit hervorgeht? Es war ein entlaufener Sklave, Onesimus mit Namen, ein ganz verachteter Mensch; der kam auf seiner Flucht zum heiligen Paulus, erhielt die Taufe, wurde rein gewaschen von seinen Sünden und saß nun zu den Füßen des Apostels. An seinen Herrn aber schrieb der heilige Paulus: „Onesimus, der dir voreinst unnütz war, jetzt aber sowohl dir als mir sehr nützlich ist, nimm ihn auf wie mich selbst“ — was war nämlich geschehen? — „den ich“, sagt er, „in meinen Banden gezeugt habe.“
§ 8
Siehst du seinen Adel? Siehst du, wie die Tugend frei macht? Sklave und freier Mann — Das sind nur Namen. Was heißt Sklave? Es ist ein leerer Name 287 Wie viele Herren liegen trunken auf ihrem Bette, während Sklaven ihnen nüchtern zur Seite stehen! Wen soll ich da nun einen Sklaven nennen, den Nüchternen oder den Trunkenen? den Sklaven eines Menschen oder den Knecht einer Leidenschaft? Jener ist ein Sklave den äussern Verhältnissen nach, Dieser trägt sein Sklaventhum im Innern mit sich umher. Das sage ich, und Das werde ich nie aufhören zu sagen, damit ihr euch in euren Ansichten und Grundsätzen durch das wahre Wesen der Dinge bestimmen und nicht durch das Urtheil der Menge täuschen lasset; damit ihr wisset, was die Worte: Sklave, arm, gering, glücklich. Leidenschaft — im Grunde bedeuten. Denn wenn ihr Das recht genau zu beurtheilen wisset, wird euch Nichts verwirren können.
Damit wir uns aber nicht durch zu ausführliche Nebenbemerkungen allzu weit von unserm Gegenstand entfernen, laßt uns wieder auf ihn zurückkommen! Der Reiche war also nun arm geworden; doch genau genommen war er schon arm, da er noch ein reicher Mann war. Denn was hilft es dem Menschen, Fremdes zu besitzen, wenn er sein Eigenes nicht besitzt? Was hilft es ihm, Geld zu haben, wenn er keine Tugend hat? Weßhalb nimmst du Fremdes und verdirbst dein Eigenes? Ich habe, sagt Dieser, einen reichlich tragenden Acker. Was soll Das? Du hast aber nicht eine Seele, die reiche Früchte trägt! Ich habe Sklaven — du hast aber keine Tugend; ich habe Kleider — du hast aber keine Frömmigkeit. Fremdes hast du, dein Eigenes hast du nicht. Denn wenn Jemand ein Kleinod bei dir hinterlegt, kann ich dich deßhalb reich nennen? Nein. Warum nicht? Weil Das, was du hast, fremdes Gut ist. Alle jene Güter, die ich eben aufzählte, sind bei dir nur hinterlegt — ja, wären sie nur weiter Nichts als hinterlegte Güter und nicht auch Ursache schärferer Züchtigung!
Als nun der Reiche den Lazarus sah, sprach er: „Vater Abraham, erbarme dich meiner!“ So spricht ja ein 288 Armer, ein Flehender, ein Bettler! ! „Vater Abraham, erbarme dich meiner!“ Was willst du? „Schicke Lazarus!“ Den Lazarus, an dem du tausendmal vorüber gelaufen bist, den du nicht einmal sehen mochtest, Den willst du jetzt zu deiner Rettung geschickt haben? „Schicke Lazarus!“ Wo sind denn nun deine Zechbrüder? deine Schmarotzer und Schmeichler? Wo ist dein Dünkel, dein Hochmuth? Wo ist dein vergrabenes Gold? Wo sind deine Kleider, von Motten benagt? Wo ist das Silber, das Gold, auf das du so viel gehalten hast? Wo ist dein Prunk, dein genußreiches Leben? Es waren nur Blätter; der Winter kam, und alle sind verdorrt. Es war ein Traum; der Tag brach an, und geschwunden ist der Traum. Es war ein Schatten; die Wahrheit erschien, und der Schatten ist entflohen „Schicke Lazarus!“ Warum sieht er denn nicht einen andern Gerechten? warum nicht den Noe, Jakob, Lot, Isaak, sondern den Abraham? Weil Abraham gastfrei war und die vorübergehenden Wanderer in sein Zelt nöthigte. Seine liebevolle Sorgfalt für Fremde war also eine neue Anklage für die Hartherzigkeit des Reichen. „Schicke Lazarus!“ Wenn wir Das hören, meine Theuern, können wir dann noch ohne Furcht einen Armen sehen und an ihm vorübereilen? Dann könnten sich einst statt des einen Lazarus viele Ankläger gegen uns erheben. „Schicke Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche, um meine Zunge zu kühlen, weil ich Pein leide in dieser Flamme.“ Mit welchem Maße ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. Du gabst keinen Bissen, du erhältst keinen Tropfen. „Schicke Lazarus, daß er mit der Fingerspitze meine Zunge benetze, weil ich Pein leide in dieser Flamme.“ Was sagt Abraham zu ihm? „Kind, du hast dein Gutes in deinem Leben zurück erhalten, und ebenso Lazarus sein Böses; und nun wird Dieser hier getröstet, du aber leidest 289 Pein.“ Er sagt hier wieder nicht: du hast erhalten, sondern: du hast zurück- erhalten. Daß er dieses Wörtchen hinzufügt, Das macht keinen kleinen Unterschied. Ich habe euch schon oft gesagt: wir müssen [in der heiligen Schrift] sogar dem Sinne der einzelnen Silben nachforschen. Durchforschet die Schrift, heißt es; denn ein Jota, ein Strichlein gibt manchmal Stoss zum Nachdenken. Ich will euch zeigen, daß auch die Beifügung eines einzigen Buchstabens für den Sinn von großer Bedeutung ist. Der oft erwähnte Patriarch Abraham hieß vordem Abram. Und Gott sprach zu ihm: „Dein Name wird nicht sein Abram, sondern Abraam.“ Er fügte ein a hinzu, und machte ihn zum Vater vieler Völker. Seht, die Hinzufügung eines einzigen Buchstabens zeigte seine neue große Würde. Geht also nicht achtlos über dergleichen hinweg. Abraham sagte nicht: du hast dein Gutes erhalten, sondern: zurück- erhalten. Wer Etwas zurückerhält, Der erhält eben zurück, was man ihm schuldig ist. Gebet Acht, was ich sage. Ein Anderes ist: Etwas erhalten, ein Anderes: Etwas zurückerhalten. Man erhält zurück, was man schon hatte; man erhält oft, was man nicht besaß. Du hast dein Gutes zurückerhalten, und Lazarus sein Böses; — siehe, der Reiche hat sein Gutes und Lazarus sein Böses zurückerhalten. Das alles habe ich mit Rücksicht auf Diejenigen gesagt, welche auf Erden gezüchtigt werden, jenseits aber nicht, und auf Die, welche hier im Überfluß schwelgen, jenseits aber gezüchtigt werden. Habt denn Acht, was ich sage. Du hast dein Gutes zurückerhalten, und Lazarus sein Böses, nämlich was man euch schuldig war, was euch von Rechts wegen gebührte. Merkt auf die Frage, um die es sich handelt; denn ich komme jetzt an Ort und Stelle; laßt mich, ich werde das Gewebe schon vollenden. Werdet aber doch nicht schon unruhig und un- 290 geduldig, sondern wenn ich so Etwas erkläre, dann wartet die Lösung ab! Denn ich möchte gern euer geistiges Auge schärfen; ich möchte, daß ihr euch bei der Betrachtung der heiligen Schrift nicht immer auf der Oberfläche haltet, sondern auch in ihre Tiefen herabsteigt. Diese Tiefe ist wie ein Meeresgrund, auf dem man keine Stürme zu fürchten hat, wo man sich immer vollkommener Ruhe und Sicherheit erfreut. Je tiefer du hinabsteigst, desto größere Sicherheit wirst du finden. Da ist kein wildes Wogengebrause, da findest du nur heilsame Gedanken, auf’s Schönste geordnet. Also: „Du hast dein Gutes zurückerhalten, und Lazarus sein Böses; und nun wird er getröstet, du aber leidest Pein.“ Eine wichtige Frage! Ich sagte eben, daß man nur Das zurückerhält, was man zu fordern hat. Wenn nun Lazarus gerecht war — was er wirklich war, wie seine Aufnahme in den Schooß Abrahams, ferner die Siegeskrone, die Kampfpreise, die Ruhe, die Freuden, auch seine Geduld und Starkmuth beweisen— , und wenn ferner der Reiche ein großer Sünder war, ein nichtswürdiger, hartherziger Mensch, der seinen Sinn nur auf Wollust und Trunkenheit gestellt hatte, der alle Tage die kostbarsten Speisen genoß, der so sehr ausschweifend und zuchtlos lebte —: warum sagt gleichwohl Abraham zu ihm: du hast zurück- erhalten? Hatte er denn so Etwas zu fordern, der reiche, schwelgerische, grausame Mensch? Was gebührte ihm denn? Warum sagte Abraham nicht: du hast erhalten, sondern: du hast zurück- erhalten?
§ 9
Achtet auf meine Worte! Was er zu fordern hatte, Das waren Strafen, Züchtigungen und Peinen. Warum sagte nun Abraham nicht: du hast erhalten, sondern: du hast zurückerhalten dein Gutes — er meinte in diesem Erdenleben — und Lazarus sein Böses? Strengt euren Verstand an; wir steigen in die Tiefe des Sinnes der heiligen Schrift hinab. Von allen Menschen, die es gibt, sind die einen Sünder, die andern Gerechte. Nun beachtet aber, daß es auch unter den Gerechten einen Unterschied 291 gibt: der eine ist gerecht, der andere noch gerechter; der eine steht höher, der andere ist größer in der Tugend, und wie es viele Sterne gibt und ausserdem eine Sonne und einen Mond, ähnlich verhält es sich mit dem Unterschied zwischen den Gerechten. Denn „ein anderer ist Sonnenglanz, ein anderer Mondenglanz, ein anderer Sternenglanz.“ Die einen zeichnen sich durch ihren Glanz aus, die andern sind geringer. Wie mit den Himmelskörpern, ähnlich ist es mit den körperlichen Wesen auf Erden, mit den Thieren: da gibt es Hirsche, Hunde, Löwen und sonstige Raubthiere, Schlangen u. dgl. Ebenso sind auch Unterschiede in den Sünden. Von den Menschen also sind die einen Sünder, die andern Gerechte; aber auch unter den Gerechten ist wieder ein großer Unterschied, und ebenso ein großer, ein ganz unermeßlicher Unterschied unter den Sündern. Nun gebt Acht! Wenn Jemand gerecht, und zwar ganz ausserordentlich gerecht, und bis zur höchsten Höhe der Gerechtigkeit emporgestiegen, so daß er von Sünden ganz frei ist, dann kann er doch nicht frei sein von jeder Makel, wäre er auch noch so gerecht — denn er ist eben ein Mensch. „Denn wer wird sich rühmen, ein makelloses Herz zu haben? Wer wird sich zutrauen, rein von Sünde zu sein?“ Daher sind wir angewiesen, im Gebete zu sagen: „Vergib uns unsere Schulden,“ damit wir, die dieses Gebet stets zu verrichten gewohnt sind, unserer Strafbarkeit dabei gedenken. Wie sagte doch der Apostel Paulus? Zuvörderst erinnert euch seiner Vorzüge: er war das Gefäß der Auserwählung, der Tempel Gottes, er war der Mund, durch den Christus redete, die Leier, die vom Wehen des heiligen Geistes tönte, der Lehrmeister der ganzen Welt, der alle Länder und Meere durchwandert, das Dornengestrüpp der Sünde ausgerottet, den Samen der Frömmig- 292 keit ausgestreut hatte; er war mächtiger als Kaiser, einflußreicher als Geldkönige, stärker als Kriegsleute, weiser als Weisheitsbeflissene, beredter als Meister der Beredsamkeit; er war ein Mann, der Alles besaß, während er Nichts sein eigen nannte, der durch seinen Schatten die Gewalt des Todes brach, Krankheiten durch seine Kleider verjagte, der auch auf hohem Meere seine Siegeszeichen aufrichtete, der entrückt ward bis in den dritten Himmel und eintreten durfte in das Paradies, der endlich unerschrocken die Gottheit Christi verkündigte. Dieser Mann also hat gesagt: „Nichts bin ich mir bewußt, jedoch nicht darin bin ich gerechtfertigt.“ Er, der mit so vielen und so großen Tugenden ausgestattet war, er sagt: „Der mich aber richtet, ist der Herr.“ „Wer wird sich also rühmen, ein makelloses Herz zu haben? Oder wer wird sich zutrauen, rein von Sünde zu sein?“ Es kann also gar keinen Menschen ohne Fehler geben. Wie sagt man gewöhnlich? Dieser und Jener ist gerecht, wohlthätig, barmherzig gegen die Armen; aber er hat einen Fehler: er schilt ohne Grund, oder er ist etwas ehrgeizig u. dgl.; ich brauche ja nicht Alles aufzuzählen; Dieser ist mildthätig, aber häufig nicht enthaltsam, Jener enthaltsam, aber nicht wohlthätig. Der Eine wird wegen dieser, der andere wegen jener Tugend gelobt. Gesetzt, Dieser oder Jener ist gerecht, er übt sogar oft Gerechtigkeit und hat alle möglichen guten Eigenschaften; aber er ist stolz auf seine Gerechtigkeit: dann thut sein Stolz der Gerechtigkeit Abbruch. War der Pharisäer nicht gerecht, der zweimal in der Woche fastete? Wie sagte er? „Ich bin nicht wie die andern Menschen, wie Räuber und Habsüchtige.“ Es ist nicht selten, daß Jemand auf Grund seines reinen Gewissens stolz wird; dann geräth er durch seinen Hochmuth in den Schaden, dem er durch Enthaltung von Sünden entgangen war. Unmöglich kann also ein Mensch in jedem Betracht so gerecht sein, daß er rein von 293 jedem Fehler wäre; und andererseits kann auch kein Mensch so lasterhaft sein, daß er nicht etwas, wenn auch noch so wenig Gutes an sich hätte. Z. B.: Dieser und Jener raubt, betrügt, schädigt seine Mitmenschen; aber zuweilen gibt er Almosen, zuweilen übt er Enthaltsamkeit, zuweilen sagt er ein gutes Wort, zuweilen hilft er — wenn auch nur einem Menschen, zuweilen weint und trauert er über seine Sünden. Es gibt also weder einen Gerechten ohne Fehler noch einen Sünder, der alles Guten baar wäre. Kann es einen nichtswürdigern Menschen geben, als Achab war? Er war ein Räuber und Mörder; und dennoch, als er anfing zu trauern, da sprach Gott zu Elias: „Hast du gesehen, wie Achab sich betrübt hat?“ Hast du gesehen, wie sich in diesem Abgrund von Sünde ein gutes Werk, ein ganz kleines freilich, gefunden hat? — Wer war schlechter als Judas der Verräther, dieser Sklave der Habgier? Und dennoch hat auch Dieser später etwas Gutes gethan, war es auch noch so gering. Denn er sagte: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verrieth.“ Es ist also, wie ich sagte. Eine Lasterhaftigkeit von Natur, wobei die Tugend gar keinen Raum fände, gibt es nicht. Anders bei den Thieren. Das Schaf kann nie ein Raubthier werden; denn es ist zahm von Natur. Der Wolf kann nie ein zahmes Thier werden; denn er hat die Wildheit von Natur. Die Gesetze der Natur werden also nicht aufgehoben, nicht erschüttert; sie stehen unbeweglich fest. Bei mir, beim Menschen ist es nicht so. Ich kann wild und roh werden, wenn ich will, und auch sanftmüthig, wenn ich will; denn ich bin darin nicht gefesselt durch Gesetze der Natur, sondern ausgezeichnet durch Freiheit des Willens.
Ich wiederhole, was ich eben sagte. Niemand ist so tugendhaft, daß ihm nicht kleine Makel ankleben, Niemand so lasterhaft, daß er nicht etwas, wenn auch nur ganz 294 wenig Gutes an sich hat. Weil nun Alles, Alles ohne Ausnahme vergolten wird — denn auch wenn ein Mörder, ein ausgemachter Bösewicht, ein Wucherer etwas Gutes thut, so bleibt ihm die Belohnung dafür nicht aus, und man muß nicht glauben, daß wegen seiner Laster das gute Werk nicht belohnt werde. Und andererseits: Wenn Jemand zahllos viele gute Werke thut und dann etwas Böses begeht, ist ihm die Vergeltung des Bösen sicher. Das prägt euch ein, Das behaltet, Das haltet recht fest. Weder gibt es einen tugendhaften Menschen ohne Sünde, noch einen lasterhaften ohne etwas Gutes. Das Nämliche wiederhole ich auf’s Neue, damit es bei euch Wurzel faßt, aufgeht und in die Tiefe eindringt. Denn der Teufel gibt euch allerlei Gedanken in den Sinn, um euch von der Wahrheit abzuleiten, um meine Worte erfolglos zu machen; darum suche ich sie euch tief einzuprägen. Wenn ihr sie hier ganz sicher erfaßt und behaltet, dann werdet ihr sie auch draussen nicht verlieren können. Wie ich einen Beutel mit Geld verschnüre und versiegle, damit auch in meiner Abwesenheit kein Dieb Etwas herausnehmen kann, so, meine Theuren, möchte ich es auch mit euch machen. Ich suche durch anhaltende Wiederholung dieser Wahrheiten eure Herzen gleichsam zu verschnüren, zu versiegeln und sicher zu stellen, damit euch diese Lehren nicht durch Leichtfertigkeit wieder verloren gehen, damit sie vielmehr recht gut bei euch aufgehoben seien und euch nicht bloß hier mit Ruhe und Frieden erfüllen, sondern auch draussen die innern Stürme fernhalten. Was ich also hier sage, sage ich nicht, um viele Worte zu machen, sondern aus herzlicher Sorgfalt, aus inniger Liebe und in dem Verlangen, euch zu belehren, damit meine Worte euch nicht wieder entfallen. Denn das Nämliche zu sagen ist mir nicht lästig, für euch aber das Sichere.“ Belehren will ich, nicht mit Worten prunken.Es gibt also keinen Gerechten, der ohne Sünde ist, keinen Sünder, der nichts Gutes an sich hat. Weil aber Beides vergolten wird, seht, wie es deßhalb geht. Der 295 Sünder erhält einen entsprechenden Lohn für seine guten Werke, wenn er irgend etwas Gutes, sei es auch noch so wenig, gethan hat; und der Gerechte erhält eine entsprechende Strafe für seine Fehler, wenn er irgend etwas Böses, sei es auch noch so wenig, gethan hat. Was geschieht nun? Wie macht es Gott der Herr? Er hat sowohl für das gegenwärtige als für das zukünftige Leben die Strafe, welche der Sünde gebührt, genau bestimmt. Wenn nun ein Gerechter etwas Böses thut und dann hier auf Erden Krankheit oder sonstige Strafen leiden muß, dann soll euch Das nicht verwirren. Dann sagt bei euch selbst: Dieser Gerechte hat einmal ein wenig Böses gethan, und nun wird es ihm hier vergolten, damit er in der andern Welt nicht gestraft wird. Wenn ihr dagegen einen Sünder, der stiehlt, betrügt und zahllose Verbrechen begeht, ein vergnügtes Leben führen seht, dann denket so: Der hat einmal etwas Gutes gethan, und nun erhält er hier Gutes zurück, damit er seinen Lohn nicht in der andern Welt verlangen kann. Wer also gerecht ist und hier auf Erden zu leiden hat, der empfängt darum hier die Vergeltung, damit er sich hier seiner Sünden entledigt und rein in der andern Welt ankommt. Und wer ein Sünder, mit Sünden ganz bedeckt, mit zahllosen unheilbaren Seelenkrankheiten behaftet, ein Räuber und Betrüger ist, der darf sich deßhalb hier guter Tage erfreuen, damit er seinen Lohn nicht dort verlangt. Weil nun gewiß auch Lazarus etwas Böses und der Reiche etwas Gutes an sich hatte, darum sagte Abraham: Hier suche Nichts! Du hast dein Gutes auf Erden zurückerhalten, und Lazarus sein Böses. Da seht ihr, es ist wohl begründet, was ich sage, ja es ist so; denn Abraham sagt: Du hast dein Gutes zurückerhalten. Was für Gutes? 296 Du hast etwas Gutes gethan — zurückerhalten hast du dafür Reichthum, Gesundheit, üppiges Leben, Macht und Ehre. Du hast keine Schuld mehr einzufordern; du hast dein Gutes zurückerhalten. Und Lazarus — hat er denn nichts Böses gethan? Ja freilich; Lazarus hat auch sein Böses zurückerhalten. Damals, als du das Gute zurückerhieltest, da erhielt Lazarus das Böse zurück. Darum wird er jetzt getröstet, du aber leidest Pein.
Seht ihr also einen Gerechten hier auf Erden Strafe leiden, so preist ihn glücklich, und denkt so: Entweder hat dieser Gerechte etwas Böses gethan und erhält es nun hier zurück und wird dort oben mit ganz reinem Herzen ankommen; oder er leidet über das Maß seiner Sünden hinaus, und Das wird ihm als Zuwachs zu seiner Gerechtigkeit angerechnet. Denn dort wird im Gerichte gerechnet; und Gott sagt zu dem Gerechten etwa so: Was du mir schuldest, ist so und so viel. Gesetzt, er hat ihm dafür zehn Obolen [ein entsprechendes Maß von Leiden] aufgelegt und bringt ihm diese zehn Obolen in Rechnung; wenn dann aber der Gerechte sechzig Obolen gezahlt hat, dann spricht Gott zu ihm: Die zehn Obolen rechne ich dir für deine Sünden an, und die fünfzig zur Gerechtigkeit. Damit ihr einseht, daß ihm der Überfluß zur Gerechtigkeit angerechnet wird, erinnert euch an Job. Job war ein gerechter Mann, untadelhaft, wahrhaft, gottesfürchtig, frei von allen bösen Werken; sein Leib aber wurde hier auf Erden gepeinigt, damit er dort oben Lohn verlangen konnte. Denn wie sprach Gott zu ihm? „Meinst du, ich habe dich anders heimgesucht, als daß du gerecht erscheinest?“
Laßt uns denn dieselbe Geduld an den Tag legen, wie die Gerechten! Laßt uns jene Ausdauer und Standhaftig- 297 keit beweisen, die ihren Tugenden würdig zur Seite steht! Dann werden wir auch die Güter und Freuden erhalten, welche den heiligen, den gottliebenden Seelen bereitet sind! Daß wir doch alle dieser Seligkeit theilhaft werden—durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem da ist die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.
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