Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 17 · Kapitel 2
§ 1
Was soll ich vorbringen? Was soll ich sagen? Gelobt sei Gott! Das war mein Wort, als ich euch verlassen mußte; und dieses Wort nehme ich jetzt wieder auf — doch nein, Das braucht es nicht; denn ich habe es auch draussen stets festgehalten. Ihr erinnert euch, daß ich euch den Job vor Augen stellte und sagte: „Der Name des Herrn sei gepriesen in Ewigkeit.“ Das war das Abschiedswort, welches ich euch zurückließ; dieses Wort des Dankes mache ich auch jetzt wieder zu dem meinigen. „Der Name des Herrn sei gepriesen in Ewigkeit.“ Die Schicksale ändern sich; im Lobe Gottes bleiben wir uns gleich. Ihn lobte ich, da ich vertrieben ward; ihn lobe ich auch jetzt, wo ich wieder zurückgekehrt bin. Die Schicksale ändere sich; aber ein und dasselbe Ziel haben die trüben und die heitern Tage: daß es gut stehe um den Acker [Gottes]. Gepriesen sei Gott, der meine Verbannung zuließ; gepriesen sei er wiederum, der mich zurückrief. Gepriesen sei Gott, der den Sturm zuließ; gepriesen sei Gott, der dem Sturme Halt gebot und heitere Tage folgen ließ. Das sage ich, um euch das Lob des Herrn zu lehren. Hast du Glück gehabt? Preise den Herrn, und das Glück wird von Dauer sein. Hast du Unglück gehabt? Preise den Herrn, und das Unglück nimmt ein Ende. So hat auch Job dem Herrn ge- 424 dankt, als er reich war, und ihn gepriesen, nachdem er arm geworden war. Als reicher Mann hat er sich an Niemand vergriffen, als armer hat er nicht gelästert. Die Zeiten änderten sich, seine Gesinnung blieb dieselbe. Seht den wackern Steuermann, den weder die Ruhe und Heiterkeit des Wetters saumselig macht noch der Orkan in die Tiefe versenkt! — Gott sei gepriesen! Das galt damals, als ich von euch getrennt ward; Das gilt jetzt, wo ich euch wieder gefunden habe. Denn das Eine wie das Andere verdanken wir seiner liebevollen Vorsehung. Getrennt war ich von euch dem Leibe nach, aber nicht getrennt von euren Herzen. Seht doch, was die Nachstellungen unserer Feinde zu Stande gebracht haben! Sie haben eure eifrige Liebe zu mir erhöht; ja es ist, als hätten sie einen Liebestrank vertheilt und mir tausend Herzen gewonnen. Denn vordem liebten mich die Meinigen, jetzt aber ehren mich auch die Juden. Sie hatten darauf gerechnet, mich den Meinigen zu entfremden; statt dessen haben sie Fremde für mich gewonnen. Aber ihnen danke ich nicht; nein ich danke dem Herrn, daß er ihre Bosheit zu unserer Ehre gewendet hat. So haben auch die Juden unsern Herrn gekreuzigt — und die Welt war gerettet; dafür danke ich aber nicht den Juden, sondern dem Gekreuzigten. Sie sollen die Werke des Herrn sehen: welchen Frieden und welche Ehre uns ihre Nachstellungen verschafft haben! Früher war nur die Kirche [mit Gläubigen] gefüllt; jetzt ist auch der Markt zur Kirche geworden: ich sehe Kopf an Kopf von da bis hierher. Niemand hat eure andächtige Versammlung unterbrochen; Alle in tiefem Schweigen, Alle voll Reue und Zerknirschung. Die Einen sangen Psalmen, die Andern priesen die Sänger glücklich. Heute ist Pferderennen; aber Niemand ist dabei, Alle sind zur Kirche geströmt. In der That, wie ein mächtiger Strom ist eure Menge geworden, und wie ein Brunnen eure Stimmen, die zum Himmel steigen und die Liebe zu eurem Vater beweisen. Prächtiger als ein Diadem schmücken mich eure Gebete, ihr Männer und Weiber insgesammt! Denn „in Christo Jesu ist nich 425 Mann noch Weib“. Wie soll ich erzählen die Macht des Herrn? Ihr wißt, wie wahr es allezeit ist, was ich jetzt sage: Wenn man die Anfechtung muthvoll aushält, wird man reiche Frucht ernten.
§ 2
Darum habe ich euch zu den Aposteln [d. h. in die Apostelkirche] gerufen: wir, die Verfolgten, sind zu den Vertriebenen gekommen. Wir hatten Nachstellungen zu erdulden, sie wurden vertrieben. Wir sind zu Timotheus, dem zweiten Paulus gekommen; wir sind zu den Leibern der Heiligen gekommen, die Christi Wunden getragen haben. Du wirst nie eine Anfechtung fürchten, wenn du nur von hochherziger Gesinnung bist. Auf diesem Wege sind alle Heiligen zu ihrer Krone gelangt. Der Leib litt unter schwerer Drangsal; doch größer war der ruhige Friede der Seele. Daß ich doch immer in Trübsal wäre! So freut sich ja auch der Hirte, wenn er sich für seine Schafe plagt. Was soll ich sagen? Wo soll ich den Samen [des göttlichen Wortes] ausstreuen? Ich sehe nirgends leeres Ackerland. Wo soll ich arbeiten? Ich sehe nirgends einen schutzbedürftigen Weinstock. Wo soll ich bauen? Der Tempel ist fertig. Die Netze reissen von der großen Zahl der Fische. Was soll ich thun? Ich sehe nirgends Arbeit. Darum halte ich meine Ermahnung nur zum Zeichen meiner aufrichtigen Liebe gegen euch, nicht aber, als ob ihr die Ermahnung nothwendig hättet. Allenthalben prangen reife 426 Ähren. So viele Schafe, und nirgends ein Wolf! So viele Ähren, und nirgends Dornen! So viele Weinstöcke, und nirgends ein Fuchs! Die reissenden Thiere sind in’s Meer gestürzt, die Wölfe entflohen. Wer hat sie verfolgt? Nicht ich, nicht der Hirt, sondern ihr, die Schafe! Wahrlich, Das sind Schafe von guter Art! Sie haben den Wolf verjagt, während der Hirt nicht zur Stelle war. O schöne Braut! sage ich lieber: o treue und keusche Braut! Sie hat die Ehebrecher verjagt, und Das in Abwesenheit des Bräutigams. O wie schön, wie keusch ist diese Braut! Sie zeigte ihre Schönheit unverschleiert und zeigte ihre Würde. Wodurch hast du denn die Ehebrecher verjagt? Durch die Liebe zum Bräutigam. Wodurch hast du die Ehebrecher verjagt? Durch ausserordentliche Treue und Keuschheit. Ich habe, spricht die Braut, keine Waffen, keinen Speer und Schild zur Hand genommen; ich habe ihnen meine Schönheit gezeigt, und sie konnten den Glanz nicht ertragen. Wo sind jetzt die Verführer? Begraben in Schmach und Schande. Und wo sind wir? In großer Freude. Der Kaiser ist mit uns; die Fürsten sind mit uns. Was soll ich vorbringen? was soll ich sagen? „Hinzufügen möge der Herr [zu seinem Segen] über euch und über eure Kinder“ und euren Eifer in seine Netze fangen. Hier wollen wir schließen, Dank sagend für Alles dem gütigen Gott, dem da Ehre ist in Ewigkeit. Amen.
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