Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 1 · Kapitel 2
§ 1
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10 Wie der Chor seinen Meister, die Schiffsmannschaft ihren Steuermann, nicht minder wünscht auch diese Priesterschaar heute ihren gemeinsamen Vater, ihren Bischof bei sich zu sehen. Während aber ein Chor und ein Schiff durch die Abwesenheit seines Oberhauptes an Sicherheit und Ordnung oft nicht wenig verliert, ist Das bei uns ganz anders. Denn unser Bischof ist, wenn auch nicht dem Leibe nach, doch im Geiste bei uns gegenwärtig; er ist in dieser Stunde hier in unserer Mitte, ob er gleich zu Hause bleiben muß, so wie auch wir bei ihm sind, ob wir gleich hier stehen. Das bewirkt die Macht der Liebe. Ihr ist es eigen, die Liebenden zusammenzuführen, zu vereinigen, auch wenn diese durch weite Entfernung von einander getrennt bleiben. Denn wenn einer von unsern Lieben in einem fernen Lande weilt und durch das weite Meer von uns geschieden ist, dann sehen wir ihn trotzdem alle Tage mit den Augen des Geistes; und umgekehrt, wenn ein Mensch, der uns zuwider ist, ganz nahe bei uns steht, sehen wir ihn nicht, — so scheint es wenigstens oft. Die räumliche Entfernung kann also nicht schaden, wenn nur die Liebe nicht fehlt; im andern Falle kann aber auch die räumliche Nähe Nichts helfen. Als wir gestern den heiligen Paulus priesen, da habt ihr euch dermaßen gefreut, als hättet ihr ihn hier in unserer Versammlung gesehen; und doch ruht sein Leib in der Kaiserstadt Rom und seine Seele in den Händen Gottes; denn „die Seelen der Gerechten sind in der Hand des Herrn, und die Qual berührt sie nicht.“ Gleich 11 wohl hat die Macht der Liebe ihn vor eure Augen gestellt. Ich hatte nun zwar vor, auch heute wieder denselben Gegenstand [Lob des heiligen Paulus] zu behandeln; allein ich finde es dringend nothwendig, daß ich eilends zu einem andern übergehe, daß ich nämlich über die Sünden rede, die heute von der ganzen Stadt begangen worden. Denn wer das Lob des heiligen Paulus hören will, der muß zuvor Nacheiferer seiner Tugenden und muß solcher Predigten werth sein. — Da nun unser Vater nicht anwesend ist, wohlan, so will ich auf sein Gebet vertrauen und in diesem Vertrauen die Unterweisung beginnen. Wie er für uns betet, so hat einst Moses während einer Schlacht betend die Arme ausgestreckt und eben dadurch den Seinigen Hilfe geleistet und den Feinden Schrecken eingejagt. Durch sein Gebet hat er nicht weniger, ja noch mehr als die kämpfenden Krieger [durch ihre Tapferkeit] zur Entscheidung der Schlacht beigetragen, obgleich er nicht bei ihnen war dem Leibe nach. Wie nämlich die Macht der Liebe, so wird auch die Wirksamkeit des Gebetes durch räumliche Entfernung nicht gehemmt, und wie die Liebe die Getrennten vereinigt, so vermag auch das Gebet aus der Ferne sehr großen Nutzen zu stiften. Gehen wir daher muthig in den Kampf! Denn auch bei uns wüthet ein Krieg. Es sind nicht die Amalekiter, wie in jener Zeit, die einen Angriff unternommen, es sind überhaupt keine Barbaren, die uns überfallen haben, — Teufel sind es, die auf dem Markte ihren Aufzug halten. Denn diese nächtlichen Teufelsfeste, diese Schande und Lästerreden, diese nächtlichen Tänze, diese ganze lächerliche Komödie, das sind die Feinde, die unsere Stadt belagert 12 und besetzt halten, und sie sind schlimmer als irgend ein anderer Feind. Deßwegen wäre es geboten, sich zu demüthigen, sich zu betrüben, sich zu schämen; und Das müßten sowohl die Schuldigen selbst —nämlich wegen ihrer Sünden, als auch die Unschuldigen — nämlich wegen der Schamlosigkeit, die sie heute an ihren Brüdern sehen. Aber in Wirklichkeit ist es anders: unsere Stadt ist ganz ausnehmend fröhlich, ist herrlich geschmückt und bekränzt, und der Marktplatz hat sich heute prunkvoll geziert wie ein putzsüchtiges, verschwenderisches Weib, ist mit goldenem Geschmeide behangen, mit kostbaren Kleidern und Schuhen und andern dergleichen Sachen ausgestattet, und unter den Handwerkern und Künstlern sucht jeder Einzelne durch Schaustellung seiner Arbeiten die Genossen zu überflügeln. Doch ist dieser Wetteifer, wenn er auch von einem kindischen Unverstand einer niedrigen, kleinlich denkenden Seele zeugt, gleichwohl ohne allzu schlimme Folgen; es sind eben nur unnütze Bemühungen, die Nichts als Spott und Gelächter einbringen. Denn wenn du schmücken willst, dann schmücke nicht deinen Laden, sondern deine Seele, nicht den Markt, sondern das Herz, damit die Engel dich bewundern die Erzengel deine Bemühungen mit Wohlgefallen betrachten und der Herr der Engel dir mit seinen Gütern und Gnaden vergelte. Diese Schaustellung aber, deren man sich jetzt befleissigt, bewirkt nur, daß man von den Einen verlacht, von den Andern beneidet wird: verlacht von Denen, die auf Höheres denken, heftig beneidet von Denen, die an derselben Schwachheit leiden.
§ 2
Doch, wie gesagt, dieser Wetteifer ist so sehr nicht zu tadeln. Aber Das, was heute von so Vielen in den Weinschenken um die Wette getrieben wird, Das betrübt mich am meisten; denn da werden Ausschweifungen und auch Sünden gegen den Glauben in großer Menge verübt. Da sündigt man gegen Glaube und Religion, indem man Tagwählerei und Zeichendeuterei treibt und der Meinung 13 ist, wenn man den Anfang dieses Monats unter Freuden und Vergnügungen hinbringe, dann werde es auch das ganze Jahr so gehen. Da wird durch Ausschweifung gesündigt, indem gegen Morgen Weiber und Männer in der ausgelassensten Weise volle Becher ungemischten Weines leeren. Solche Dinge sind eures christlichen Glaubens unwürdig, sei es, daß ihr sie selber thut, oder daß ihr sie Andern, euren Knechten, Freunden und Nachbarn hingehen laßt. Hast du nie gehört, was Paulus sagt? „Tage nehmt ihr in Acht und Monde und Zeiten und Jahre! Ich bin in Sorge, daß ich nicht etwa vergeblich gearbeitet habe für euch!“ Übrigens ist es auch eine Thorheit sonder Gleichen, wenn ihr darum von dem ganzen Jahre Glück und Heil erwartet, weil ein einziger Tag glücklich verlaufen ist; und nicht bloß höchst thöricht, sondern auch eine Wirkung des Teufels ist dieses Urtheil, welches uns verleitet, daß wir unser Schicksal nicht von der eigenen Thätigkeit, von dem eigenen guten Willen, sondern von dem Verlaufe bestimmter Jahrestage abhängig wähnen. Das Jahr wird von Anfang bis zu Ende ein glückliches für dich sein, nicht wenn du am Neumondstage der Trunkenheit fröhnst, sondern wenn du an diesem Tage und an jedem andern thust, was Gott wohlgefällt. Ein Tag unterscheidet sich nicht vom andern; jeder Tag ist ein guter oder ein böser nicht seiner Natur nach, sondern je nach unserm Eifer oder unserer Nachläßigkeit im Guten. Wenn du Gerechtigkeit übest, ist dir der Tag zum Heile; wenn du Sünde thust, ist es 14 für dich ein böser Tag, ein Tag der Strafe. Wenn du so denkst und gesinnt bist und dich also jeden Tag des Gebetes und der Wohlthätigkeit befleissigst, dann wird das ganze Jahr für dich ein glückliches sein; wenn du aber die Übung der Tugend vernachläßigst, und dafür dein Wohlergehen den Anfängen der Monate und den Nummern der Tage anvertraust, dann wird dir Alles fehlen, was dir wahrhaft gut ist. Das hat der Teufel sehr wohl gewußt, und um uns nun von dem mühevollen Streben nach Tugend abzubringen, um den guten Willen in unsern Herzen zu ertödten, hat er diesen Wahn aufgebracht, daß man Glück und Unglück der natürlichen Beschaffenheit der Tage zuschreibt. Denn wer sich überredet hat, daß für ihn der eine Tag ein böser, der andere ein guter sei, der wird sich weder am bösen noch am guten Tage guter Werke befleissen. Am bösen Tage wird er denken, wegen des Verhängnisses, das auf diesem Tage liege, sei Alles nutzlos und vergeblich, und am guten Tage, wegen des Glückes, das dieser Tag bringe, werde ihm seine Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit keinen Schaden bringen. So wird er jedes Mal sein Seelenheil preisgeben und wird in seiner Trägheit und Sündhaftigkeit verharren, um sich nicht an dem einen Tage vergeblich, an dem andern überflüssiger Weise abzumühen. Da ihr Das nun wißt, sollt ihr euch den Ränken des Teufels entziehen, sollt dieses verkehrte Urtheil aufgeben, keine Tagwählerei treiben, nicht den einen Tag hassen und den andern lieben. Denn nicht bloß um uns in Gleichgiltigkeit zu versenken, sondern auch um den Werken Gottes eine Makel anzuheften, hat der böse Feind diese List in’s Werk gesetzt, und so sucht er uns in den Abgrund der Gottlosigkeit und zugleich der Nachlässigkeit herabzuziehen. Wir aber müssen vor ihm fliehen und wohl wissen, daß es nichts Böses gibt als nur die Sünde, und nichts Gutes als nur die Tugend und das Streben, Gott in allen Dingen wohlgefällig zu sein. Nicht Trunkenheit, sondern Herzensgebet macht fröhlich, nicht der Wein, sondern die erbauende Rede. Jener bewirkt stürmische Aufregung, diese bringt heitere 15 Ruhe; jener erzeugt Verwirrung, diese vertreibt die Unruhe; jener umnachtet den Geist, diese hellt den verfinsterten auf; jener bringt neuen Verdruß, diese treibt den vorhandenen aus.
Denn es gibt Nichts, was in so hohem Grade Zufriedenheit und Fröhlichkeit zu erzeugen pflegt, als die Grundsätze des Christenthums, die Verachtung der gegenwärtigen und das angestrengte Streben nach den zukünftigen Gütern, dann die Überzeugung von dem Unbestande alles Irdischen: des Reichthums, der weltlichen Gewalt, der Ehrenstellen, des stattlichen Gefolges. Wenn du dich zu dieser Gesinnung zu erheben vermagst, dann kannst du die Reichen sehen, ohne von Neid gequält zu werden, kannst selbst in Armuth gerathen, ohne dich durch die äusserste Dürftigkeit niedergedrückt zu fühlen. Dann wird jeder Tag für dich ein Fest sein. Denn der Christ soll nicht bloß in gewissen Monaten, nicht bloß an Neumondstagen oder an Sonntagen feiern, sondern während seines ganzen Lebens so feiern, wie es sich für ihn geziemt. Und was ist Das für eine Feier? Hören wir den heiligen Paulus! „Lasset uns festfeiern, nicht im alten Sauerteig und nicht im Sauerteig der Bosheit und Argheit, sondern im Ungesäuerten der Aufrichtigkeit und Wahrheit.“ Wenn du also ein reines Gewissen hast, dann ist dir jeder Tag ein Fest; denn allezeit erquicken dich die seligsten Hoffnungen und erfreut dich die Erwartung der zukünftigen Herrlichkeit. Und umgekehrt: wenn du keine herzliche Freundschaft mit Gott dem Herrn unterhältst, wenn du dich vieler Sünden schuldig gemacht hast, dann wirst du trotz zahlloser Feste und Festaufzüge um Nichts besser daran sein, als wer in tiefer Trauer ist. Denn was hilft mir der Glanz eines festlichen Tages, wenn meine Seele durch die Nacht des bösen Gewissens 16 verfinstert ist? — Also wenn du von den Neumondstagen einen wahren Nutzen erzielen willst, dann mache es so: Sieh auf das verflossene Jahr, und danke dem Herrn, daß er dich diese Reihe von Jahren hat erleben lassen. Dann erwecke in deiner Seele einen heftigen Schmerz, indem du der entschwundenen Lebenszeit gedenkest und zu dir selber sagst: Die Tage verrinnen und eilen vorüber, die Jahre endigen eins um das andere, einen großen Theil des Lebensweges haben wir schon zurückgelegt. Was haben wir nun Gutes gethan? Werden wir nicht von aller Gerechtigkeit entblößt, alles Guten baar sein, wenn wir von hinnen scheiden müssen? Das Gericht steht vor der Thür, zum Greisenalter eilt schon raschen Schrittes unser Leben.
§ 3
Das sind die Gedanken und Erwägungen, zu denen der Neumondstag und der Ablauf des Jahres uns veranlassen sollen. Des Gerichtstages sollen wir gedenken, damit Niemand zu uns sagen könne, was einst der Prophet zu den Juden gesagt hat: Es entschwanden ihre Tage in Nichtigkeit, ihre Jahre in Eile.“Dieses immerwährende Fest, von dem ich sprach, das den Umlauf des Jahres nicht abwartet, das an keinen Tag gebunden ist, kann der Arme und der Reiche gleichermaßen begehen. Denn da bedarf es keines Geldes und keiner Schätze, sondern nur einer tugendhaften Gesinnung. Du hast vielleicht kein Geld? Aber du hast die Furcht Gottes, und Das ist ein Schatz, der dich reicher macht als alles Gold der Welt, der auf Niemand übergehen, der niemals verbraucht, niemals erschöpft werden kann. Sieh den Himmel an, sieh den Himmel des Himmels, die Erde, das Meer, die Luft, die verschiedenen Arten der Thiere, die vielfältigen Gewächse, das ganze Geschlecht der Menschen; denke an die Engel, die Erzengel, die Heerschaaren des Himmels, 17 und dann erinnere dich, daß Dieß alles deinem Herrn gehört. Wie kann denn der Knecht eines so reichen Herrn arm sein, wenn sein Herr ihm gewogen ist?
Die Tagwählerei ist ein Ausfluß heidnischen Wahns und hat Nichts mit der christlichen Wahrheit zu schaffen. Dein Name ist eingetragen in das Verzeichniß der Himmelsbürger, du hast dich den Engeln zugesellt, und seitdem gehörst du zur himmlischen Gemeinde. Das Licht, das dort leuchtet, wandelt sich nie in Finsterniß, nie geht dort der Tag in nächtliches Dunkel über, der Tag und das Licht dauert für und für. Dahin laßt uns unablässig schauen! Denn Paulus sagt: „Was droben ist, suchet, wo Christus ist zur Rechten Gottes sitzend.“ Mit dieser Welt, wo die Sonne auf und untergeht, die Zeiten und die Tage stetig wechseln, hast du Nichts gemein. Wenn du tugendhaft lebst, dann wird für dich die Nacht zum Tage, wie auch umgekehrt den Prassern, den Trunkenbolden und Wollüstlingen der Tag sich in nächtliche Finsterniß wandelt — nicht als ob für sie die Sonne verlöschte, sondern weil ihr Geist umnachtet ist durch das Laster der Unmäßigkeit. Solche Tage leidenschaftlich lieben, an ihnen sich mehr als sonst dem Vergnügen hingeben, auf dem Markte Laternen anzünden und Kränze winden — das sind kindische Thorheiten. Du hast dich doch von diesen Schwächen losgesagt, du zählst zu den Männern und bist sogar unter die Himmelsbürger gerechnet. Anstatt auf dem Markte ein sichtbares Licht anzuzünden, entzünde ein übersinnliches Licht in deiner Seele. Denn so sagt der Herr: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, auf daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen, der in den Himmeln ist.“ Dieses Licht wird dir großen Lohn einbringen. Anstatt deine Hausthür zu bekränzen, befleisse dich eines solchen Wandels, daß einst die Hand des Erlösers deinem Haupte die Krone der 18 Gerechtigkeit aufsetze. Nichts geschehe vergeblich, Nichts in Gleichgültigkeit. So gebietet uns Paulus, Alles zur Ehre Gottes zu thun: „Ihr möget essen oder trinken,“ sagt er, „thut Alles zur Ehre Gottes.“
Wie ist es denn möglich, sagt man, zur Ehre Gottes zu essen und zu trinken? Lade einen Armen zu Tische, mache dadurch Christum zu deinem Tischgenossen, dann wirst du zur Ehre Gottes essen und trinken. Aber nicht allein Das, sondern auch alles Andere will der Apostel zur Ehre Gottes gethan wissen, z. B. ausgehen und zu Hause bleiben — Beides um Gottes willen. Wie kann man denn Beides um Gottes willen thun? Wenn du in die Kirche gehst, wenn du am Gebete und am christlichen Unterrichte Theil nimmst, dann ist dein Ausgang zur Ehre Gottes. Ein anderes Mal kannst du zur Ehre Gottes zu Hause bleiben. Wie Das denn? Wenn du hörst, wie draussen in dem wilden, zügellosen Lärm die Teufel ihren Aufzug halten, wenn nichtswürdige, zuchtlose Menschen sich auf den Strassen drängen, dann bleibe zu Hause, halte dich fern von dieser Unordnung — und du bist zur Ehre Gottes zu Hause geblieben.
Zur Ehre Gottes kann man nicht bloß daheim bleiben, und ausgehen, sondern auch loben und tadeln. Wie kann man denn Jemand zur Ehre Gottes loben oder heruntersetzen? Manchmal sitzt ihr in eurer Werkstätte, und seht dann schlechte, nichtswürdige Menschen vorübergehen, die in ihrer Aufgeblasenheit hochmüthig um sich her sehen, einen ganzen Schwarm von Schmarotzern und Speichelleckern hinter sich haben, kostbare Kleider tragen, mit vielem Prunk umgeben sind — Menschen, die in ihrer Habsucht Jedermanns Gut an sich reissen. Wenn dann Einer sagt: Ist Das nicht ein beneidenswerther, ein glücklicher Mann? — 19 so fahr’ ihn an, schilt, stopf’ ihm den Mund, bedauere und beklage den Vorübergehenden: das heißt tadeln um Gottes Willen. Ein solcher Tadel ist für deine Kameraden eine Unterweisung in der christlichen Tugend und Weisheit, eine Mahnung, nicht so übermäßig an den Dingen dieser Welt zu hängen. Zu Demjenigen, der solche Worte geredet hat, sollst du sagen: Warum ist dieser Mensch denn glücklich? Weil er einen goldgezäumten Gaul hat, der Bewunderung erregt? weil er viele Sklaven besitzt, einen prächtigen Rock trägt und alle Tage beinahe erstickt in Unmäßigkeit und Wollust? Deßwegen ist er gerade zu bedauern, zu beklagen, unendlich zu beweinen. Ich sehe, daß ihr an ihm selbst Nichts zu loben findet, und nur lobt, was um ihn und neben ihm ist und nicht zu seiner Person gehört, z. B. seine Pferde, Zügel, Kleider. Nein, einen elendern Menschen gibt es nicht. Sein Pferd und der Zügel seines Pferdes, die Schönheit seiner Kleider, die Wohlgestalt seiner Sklaven wird bewundert — er selbst geht vorüber und wird nicht gelobt. Niemand kann ärmer sein als dieser Mensch, der nichts Gutes und Schönes recht zu eigen hat, Nichts, was er aus dieser Welt mitnehmen kann, und sich nur allein mit fremden Federn schmückt. Denn der Schmuck und Reichthum, der wahrhaft unser eigen ist, besteht nicht in Kleidern, Rossen oder Sklaven, sondern in der Tugend des Herzens, im Reichthum an guten Werken, in der Freundschaft mit Gott.
§ 4
Bei Montfaucon c. V.
Ein anderes Mal siehst du einen Bettler vorüber gehen, einen Menschen aus dem niedrigsten Stande, ganz verachtet, der aber in seiner Armuth ein tugendhaftes Leben führt. Wenn ihn dann deine Kameraden für einen recht bedauernswerthen Mann ausgeben, dann lobe ihn, so wird das Lob des vorübergehenden Bettlers zugleich eine Mahnung und Ermunterung zu einem frommen, tugendhaften Lebens 20 wandel sein. Wenn sie sagen: das ist doch ein höchst elender und beklagenswerther Mensch — dann sage du: Nein, es ist der allerglücklichste, weil er Gott zum Freunde hat, ein tugendhaftes Leben führt und in seinem guten Gewissen einen unerschöpflichen Reichthum besitzt. Daß er kein Geld hat, was schadet ihm Das? Wird er doch einst die himmlischen Güter und Freuden erben. Wenn du solche Erwägungen vorbringst, wenn du so deine Genossen und andere Leute unterweisest, dann lobst und tadelst du zur Ehre Gottes, und wirst einst für Beides reichlich belohnt werden.
Indem ich euch dazu ermahne und anleite, rede ich fürwahr nicht leichthin, nicht ohne guten Grund. Nein, es ist so, wie ich sagte: Wer so gesinnt ist, Dem ist von Gott dem Herrn ein großer Lohn hinterlegt, und solche Urtheile werden wirklich als Verdienst angerechnet. Höret nur, wie über die Menschen, welche sich so verhalten, der Prophet redet, und wie er es unter die guten Werke rechnet, wenn man die Gottesfürchtigen preist, die Gottlosen verachtet! An jener Stelle spricht er davon, wie Derjenige beschaffen sein müsse, der im heiligen Zelte wohne, er müsse nämlich untadelig sein, Gerechtigkeit üben, unschuldig sein, und nachdem er also die übrigen Tugenden aufgezählt hat, die man besitzen muß, um von Gott geehrt zu werden, nachdem er gesagt hat: „Der Täuschung nicht auf seiner Zunge hegt, der seinem Nächsten nichts Übles thut,“ setzt er hinzu: „In seinen Augen ist der Bösewicht Nichts werth; die aber den Herrn fürchten, preis’t er.“ Da habt ihr den Beweis, daß es etwas Verdienstliches ist, wenn man die Gottlosen verachtet, die Gottesfürchtigen aber lobt und selig preist. An einer andern Stelle lehrt er ganz dasselbe mit den Worten: „Bei mir sind aber hoch in Ehren, o Gott, deine Freunde, gar sehr gekräftigt ist ihre Herrschaft.“ Wer von Gott 21 gelobt wird, Den sollst du nicht tadeln — er lobt den Gerechten, auch wenn er ein Bettler ist. Wer von Gott verabscheut wird, den sollst du nicht loben — er verabscheut den Bösewicht, auch wenn er noch so reich ist. Wenn du aber lobst, und wenn du tadelst, thue Beides so, wie Gott es will.
Man kann auch sogar schelten zur Ehre Gottes. Und wie denn? Wir sind oft ungehalten über unsere Dienstboten. Wie können wir nun um Gottes willen schelten? Wenn du siehst, daß Einer dem Trunke fröhnt, oder stiehlt, sei es nun ein Dienstbote oder Freund oder Angehöriger, oder daß er in’s Theater läuft, sein Seelenheil vernachläßigt, daß er schwört, falsch schwört, Lügen redet, dann werde ungehalten, strafe, weise zurecht, bessere — und Das alles hast du um Gottes willen gethan. Wenn du aber merkst, daß er sich gegen dich verfehlt, daß er in deinem Dienste Etwas versieht, dann verzeihe — und du hast um Gottes willen verziehen. Aber in Wirklichkeit machen Viele es mit ihren Freunden und Dienstboten gerade umgekehrt. Wenn man sich nämlich gegen ihre Person verfehlt, dann werden sie scharfe, unnachsichtige Richter; | wenn man aber Gott den Herrn beleidigt und die Seele zu Grunde richtet, Das rechnen sie für | Nichts. — Wieder ein anderes: Mußt du dir Freunde suchen? Thue es, aber um Gottes willen. Oder du mußt dir Jemand zum Feinde machen? Auch Das geschehe nur um Gottes willen. Wie können wir uns denn um Gottes willen Freunde und Feinde machen? Wenn wir uns nicht um solche Freundschaften bemühen, die uns Geldgewinn, Gastgelage und Menschengunst in Aussicht stellen; wenn wir vielmehr solchen Freunden nachspüren und uns anschließen, die es verstehen, in unserer Seele die Ordnung herzustellen, uns zur Pflichterfüllung anzutreiben, uns für unsere Sünden zu schelten, für Vergehungen ernstliche Vorstellungen zu machen, uns auszurichten, wenn wir gestrauchelt sind, und die durch Gebet und gute Lehren uns helfen, Gott dem Herrn näher zu kommen. So kann man um 22 Gottes willen sich auch Jemand zum Feinde machen. Wenn du merkst, daß ein nichtswürdiger Mensch, ein Mensch ohne Zucht und voll Bosheit, ein Mensch von schlechten Grundsätzen, dich zum Falle bringt, deiner Seele schadet, dann verlaß ihn, wende dich eilends von ihm ab. Das hat Christus befohlen mit den Worten: „Wenn dein rechtes Auge dich ärgert, reiß es aus und wirf es von dir.“ Es ist also sein Gebot, daß wir solche Freunde, die unser Seelenheil gefährden, um jeden Preis aufgeben und verlaufen, wären sie uns auch so lieb wie unsere Augen, und noch so nothwendig in unsern irdischen Angelegenheiten.
Wenn du an einer Zusammenkunft Theil nimmst und dich in weitläufigen Reden ergehst, thue auch Das um Gottes willen, und wenn du schweigst, dann schweige um Gottes willen. Wie kann man denn um Gottes willen an einer Zusammenkunft Theil nehmen? Wenn du in der Gesellschaft mit Andern nicht von weltlichen Dingen, nicht von solchen Angelegenheiten redest, die uns ganz gleichgiltig sein sollen, die uns Nichts angehen, sondern von den Wahrheiten der christlichen Lehre, von der Hölle und vom Himmelreich. Aber nicht von allerlei überflüssigen und unnützen Dingen, z. B.: Wer hat das Amt erhalten? Wer ist abgesetzt worden? Warum ist Dieser bestraft worden? Wodurch hat Jener seinen Gewinn gemacht und sein Vermögen gemehrt? Was hat Dieser bei seinem Ableben Jenem hinterlassen? Wodurch ist Dieser um die Erbschaft gekommen, der doch erwartet hatte, unter den Erben in erster Reihe zu stehen? Und so gibt es noch manches Andere. Laßt uns doch nicht von solchen Dingen reden, und auch nicht zugeben, daß Andere davon reden. Laßt uns vielmehr erforschen, was wir thun und reden müssen, um Gott zu gefallen.
23Auch schweigen kannst du um Gottes willen: wenn du nämlich beleidigt, geschmäht und aus mancherlei Weise gequält wirst, und Das alles edelmüthig erträgst, und gegen den Beleidiger kein verletzendes Wort ausstößt.
Aber nicht allein loben und tadeln, daheim bleiben und ausgehen, reden und schweigen, sondern auch trauern und weinen, sich freuen und fröhlich sein kann man zur Ehre Gottes. Wenn du nämlich siehst, daß dein Bruder sich vergeht, oder daß du selbst in eine Sünde gefallen bist, und wenn du darüber seufzest und trauerst, so bringt dein Schmerz dir Heil, das niemals zu bereuen ist, wie Paulus sagt: „Denn die Gott gemäße Trauer wirkt unbereutes Heil.“ Wenn du ferner siehst, daß ein anderer in Ehren ist, dann werde nicht mißgünstig, sondern danke Gott dem Herrn, daß er deinen Bruder auszeichnet; danke ihm dafür ebenso wie für die Wohlthaten, welche er dir erweis’t, und für diese Freude wird dir großer Lohn.
§ 5
Montfaucon c. VI.
Wer könnte auch wohl mehr zu beklagen sein als ein neidischer Mensch? Während es ihm frei steht, sich über das Glück seiner Mitmenschen zu freuen, und aus dieser Freude überdieß noch Gewinn zu erzielen, zieht er vor, sich zu betrüben, und sich für den Verdruß auch noch Strafen, unerträgliche Züchtigungen von Gott zuzuziehen.
Allein ich habe gar nicht nöthig, hier von Lob und Tadel, von Traurigkeit und Freude zu reden; kann uns doch selbst die geringste und unbedeutendste Handlung sehr großen Nutzen bringen, wenn wir sie um Gottes willen verrichten. Kann wohl Etwas geringfügiger sein, als wenn man sich das Haar schneidet? Und selbst Das kann man um Gottes willen thun. Wenn du nämlich dein Haar 24 nicht zierlich zu ordnen, dein Angesicht nicht zu schmücken suchst, wenn du dich nicht aufputzest zur Bethörung und Verführung derer, die dich sehen, sondern dabei ganz einfach und kunstlos zu Werke gehst, und nur Das thust, was eben nöthig ist: dann hast du es um Gottes willen gethan und wirst ganz gewiß deinen Lohn erhalten, weil du eine verkehrte Begierde niedergehalten und ein unberechtigtes Verlangen nach Auszeichnung unterdrückt hast. Denn wenn Derjenige, der um Gottes willen nur einen Becher kalten Wassers reicht, das Himmelreich erlangen soll, wie großen Lohnes wird sich einst Derjenige freuen können, der Alles um Gottes willen thut?
So kann man es auch selbst mit seinem Gang, mit seinen Blicken halten — Alles um Gottes willen! Wie kann man Das denn? Wenn du nicht zur Sünde hinläufst, wenn du dich nicht um fremde Schönheit kümmerst, wenn du beim Anblick eines Weibes deine Augen beherrschest und durch die Furcht Gottes in Schranken hältst: dann hast du es um Gottes willen gethan; wenn wir ferner keine kostbaren, keine weichlichen Kleider tragen, sondern nur solche, die zu unserer Bedeckung genügen. Sogar bis herab zu den Schuhen läßt sich diese Regel beobachten. Denn es sind jetzt manche Menschen in ihrer Weichlichkeit und Verschwendung so tief heruntergekommen, daß sie sogar ihre Schuhe schmücken und rundum verzieren, gerade wie Andere ihr Angesicht. Das zeugt von einer unreinen, verderbten Seele. Es scheint zwar geringfügig zu sein, aber es ist ein Zeichen, ein sicherer Beweis von großer Verkehrtheit bei Männern und Weibern. Man kann also selbst Schuhe um Gottes willen tragen, wenn man nämlich immer nur das Nothwendige im Auge behält und sich dadurch in seiner Wahl und seinem Gebrauche bestimmen läßt. Daß man ferner auch durch den Gang, durch die Kleidung Gott ver 25 herrlichen kann, das laßt euch mit den Worten eines weisen Mannes sagen: „Die Kleidung eines Mannes, das Lachen der Zähne und der Gang der Füße verräth, was an ihm ist.“ Wenn wir mit Bescheidenheit, Ernst und Würde auftreten, wenn wir in jeder Beziehung eine große Selbstbeherrschung an den Tag legen, dann wird auch selbst ein ungläubiger oder ein ganz zuchtloser Mensch, auch ein Schreier und Polterer, mag er sonst noch so wenig Gefühl haben, uns seine Bewunderung nicht versagen können. **Wenn wir ein Weib nehmen, soll auch Das um Gottes willen geschehen. Sehen wir nicht auf Vermögen, sondern auf edle Eigenschaften des Herzens, nicht auf Überfluß an Hab und Gut, nicht auf Adel der Familie, sondern aus tugendhaften Wandel, auf Sanftmuth und Bescheidenheit; die Frau soll uns durch das Leben geleiten, nicht in der Schenke Gesellschaft leisten.
Wozu soll ich Alles aufzählen? Nach Dem, was ich schon gesagt habe, können wir ja Alles durchgeben, was geschieht und was zu thun ist, und können Alles um Gottes willen thun. Wir sollen es machen wie die Handelsleute. Wenn solche auf ihren Seefahrten bei gewissen Städten vor Anker gehen, dann verlassen sie den Hafen nicht eher, und begeben sich nicht eher auf den Markt, als bis sie erfahren haben, daß an den dort verkäuflichen Waaren Etwas zu verdienen ist. So sollst auch du Nichts thun und Nichts reden, wenn es nicht einen Gewinn bei Gott dem Herrn für dich abwirft. Sage mir nicht: man kann nicht Alles um Gottes willen thun. Denn wenn du um Gottes willen Schuhe tragen, das Haar schneiden, Kleider anziehen, gehen, sehen, reden, an Gesellschaften Theil nehmen, ein und ausgehen, schelten, loben, tadeln, preisen, Freundschaft schliessen und Feindschaft anfangen kannst: bleibt dann noch Et 26 was übrig, was nicht zur Ehre Gottes geschehen kann, wenn wir nur wollen?
Es kann doch kaum ein Mensch tiefer stehen als ein Kerkermeister. Scheint es nicht wirklich, daß ein solcher das allerschlechteste Leben führt? Und doch kann sich Einer auch in diesem Stande, wofern er nur will, Verdienste erwerben, wenn er mit den Gefangenen schonend umgeht, wenn er sich der ungerecht Eingekerkerten besonders annimmt, wenn er fremdes Unglück nicht zu seinem Gewinne ausbeutet, wenn er allen Gefangenen Schutz und Zuflucht gewährt. Auf solche Weise ist jener Kerkermeister zur Zeit Pauli zum Heile gelangt. Daraus geht hervor, daß wir aus allen Dingen, wenn wir nur wollen, Nutzen ziehen können.
§ 6
Bei Montfoucon c. VII.
Kann es wohl etwas Ärgeres geben als einen Todtschlag? Und doch ist es vorgekommen, daß selbst ein Todtschlag Dem, der ihn beging, zur Rechtfertigung diente. So groß ist das Verdienst, wenn man Etwas um Gottes willen thut. Wie konnte denn ein Todtschlag Rechtfertigung wirken? Vernehmet es. Um die Juden mit Gott dem Herrn zu verfeinden, und in der Hoffnung, ihnen nach der Entziehung des göttlichen Wohlgefallens eine Niederlage beizubringen, schickten die Madianiter aufgeputzte Dirnen vor das Lager, und es gelang ihnen, die Juden zu bethören, sie zur Unzucht und dann auch zum Götzendienste zu verführen. Das sah Phinees; er ergriff ein Schwert und durchbohrte zwei, die mit einander Unzucht trieben, gerade bei ihrem Verbrechen — und dadurch hemmte er den Zorn Gottes und wandte das Strafgericht ab. Seine That war ein Todtschlag, sein Verdienst aber die Rettung der ganzen Menge, die schon daran war, zu Grunde zu gehen. Darum 27 trug ihm diese That Rechtfertigung ein. Dieser Mord, weit entfernt, seine Hände zu beflecken, machte sie nur noch reiner. Wohl begreiflich: denn er that es ja nicht aus Haß gegen die beiden Erschlagenen, sondern um den Übrigen Schonung zu erwirken. Er tödtete zwei und rettete viele Taufende. Wie der Arzt ein faulendes Glied ausschneidet, um den ganzen sonst gesunden Leib zu retten, so hat auch er gethan. Darum sagt von ihm der Psalmist: „Da stellte Phinees sich hin und schaffte Sühne, und die Züchtigung hörte auf. Und es ward ihm zur Gerechtigkeit angerechnet von Geschlecht zu Geschlecht, auf ewig.“ Unsterblich bleibt also das Andenken an diese verdienstvolle That.
Ein Anderer hat Gott beleidigt durch sein Gebet; so schlimm ist es, wenn man Etwas nicht um Gottes willen thut. Ich meine den Pharisäer. Wie Phinees, nachdem er den Todtschlag begangen, [wegen seiner reinen Absicht] gelobt und ausgezeichnet wird: so hat der Pharisäer nicht durch das Beten, sondern durch die Gesinnung bei seinem Gebete gesündigt und Gott beleidigt. So kann also selbst ein Heilswerk, wenn es nicht um Gottes willen geschieht, großen Schaden bringen, wie andererseits ganz weltliche Beschäftigungen, wenn man ihnen um Gottes willen und in der Liebe zu Gott obliegt, von sehr großem Nutzen sind. Was ist schlimmer und ärger als ein Todtschlag? Und dennoch hat ein solcher den Mann, der ihn beging, gerecht gemacht. Wenn wir also sagen: Es ist nicht möglich, Alles verdienstlich zu machen, Alles um Gottes willen zu thun— wie wäre Das zu entschuldigen, da wir gefunden haben, daß ein Mann sich sogar durch Todtschlag Verdienst erworben hat?
Wofern wir nur recht Acht haben, können wir das ganze Leben hindurch dieses für unsere Seele so vortheilhafte Geschäft fortführen, auch beim Kaufen und Ver 28 kaufen: wenn wir z. B. beim Verkauf nicht mehr als den gesetzmäßigen Preis fordern, wenn wir die schlechten Zeiten und die Noth des Mitmenschen nicht ausbeuten, und unter solchen Umständen den Bedürftigen mittheilen. „Denn wer den Fruchtpreis in die Höhe treibt,“ heißt es, „der wird vom Volke verflucht.“
Doch wozu soll ich von allen Einzelheiten reden? Ich muß durch ein Gleichniß das Ganze zusammenfassen und anschaulich machen. Wie die Bauleute, wenn sie eine Mauer ausführen, von einem Ende zum andern die Meßschnur ausspannen, und ihren Bau so einrichten, daß an der ganzen Oberfläche keine Unebenheit zu entdecken ist: so sei unsere Meßschnur dieses Wort des Apostels: „Ihr möget essen oder trinken oder sonst Etwas thun, thut Alles zur Ehre Gottes.“ Ob wir also beten, fasten, schelten, verzeihen, loben, tadeln, ein und ausgehen, kaufen, verkaufen, reden, schweigen, oder irgend etwas Anderes thun, thun wir es zur Ehre Gottes, und was nicht zur Ehre Gottes ist, Das soll von uns gar nicht gethan und gesagt werden. Schreiben wir dieses Wort in unsere Seele ein, tragen wir es überall bei uns als einen kräftigen Stab, als Schutz und Waffe, als einen Schatz von unendlichem Werthe, damit wir, nachdem wir Alles zur Ehre Gottes gethan, geredet, betrieben haben, hier auf Erden und auch nach unserm Hinscheiden seiner Herrlichkeit theilhaftig werden. Denn er sagt ja: „Die mich verherrlichen, werde ich verherrlichen.“ Laßt uns denn nicht durch Worte allein, sondern auch durch die That ihn unaufhörlich verherrlichen, zugleich mit Christus, unserm Gott, denn ihm gebührt alle Herrlichkeit, Ehre und Anbetung, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.
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