Wir haben nun, wie ich hoffe, standgehalten gegen sämtliche uns aufgebürdete Beschuldigungen, welche das Blut der Christen fordern könnten. Wir haben dargelegt alles, was wir sind, dargelegt auch, wodurch 158 wir beweisen können, daß es sich in Wirklichkeit so verhält, wie wir es dargelegt haben, nämlich durch die. Glaubwürdigkeit und das Altertum der Hl. Schriften, sowie durch das Geständnis der geistigen Mächte. Sollte einer auftreten und es wagen, uns zu widerlegen, nicht durch gekünstelte Worte, sondern auf dieselbe Weise, wie wir den Beweis geliefert haben, so wird er durch die Wahrheit zu Boden geworfen, allerdings vorausgesetzt, daß unsere Wahrheit jedermann zur Kenntnis gebracht wird. Vorläufig hält die Hartgläubigkeit, wenn sie 159 davon überführt wird, daß unsere Genossenschaft etwas Gutes ist, was ja schon durch den täglichen Umgang und durch den Verkehr sich kundgemacht hat, dieselbe keineswegs für eine göttliche Sache, sondern höchstens für eine Art Philosophie. Zu eben denselben Tugenden, sagt man, bekennen sich und ermahnen auch die Philosophen, zur Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Geduld, Mäßigkeit und Keuschheit. Wenn wir also mit ihnen hinsichtlich unserer Lehre verglichen werden, warum werden wir nicht sofort auch in Bezug auf Erlaubtheit und Freiheit der Lehre ihnen gleichgestellt? Oder warum werden jene als unseresgleichen nicht auch zu den Leistungen gedrängt, deren Unterlassung uns Gefahr bringt? Wer zwingt denn einen Philosophen, zu opfern oder zu schwören oder mitten am Tage zwecklos Lampen zur Schau zu stellen? Weit entfernt davon suchen sie vielmehr öffentlich eure Götter zu vernichten und klagen in ihren Schriften eure öffentlichen Religionsgebräuche als Aberglauben an – und ihr lobt sie. Sehr viele kläffen auch gegen die Fürsten – und ihr seht ruhig zu; ja sie bringen es eher zu Ehrenstandbildern und Jahrgehältern, als daß sie zu den wilden Tieren verdammt würden. Natürlich! Sie führen ja auch nicht den Beinamen Christen, sondern Philosophen.
Diesen Namen Philosoph fliehen die Dämonen nicht. Warum auch, da die Philosophen die Dämonen den Göttern für gleich halten. Eine der Redensarten des Sokrates lautet: „Wenn das Dämonium es erlaubt.“ 160 Derselbe Sokrates aber, der etwas von der Wahrheit erkannt hatte, als er das Dasein der Götter leugnete, befahl doch bei seinem Ende, dem Äskulap als Opfer einen Truthahn zu schlachten, vermutlich aber nur, um dessen Vater zu ehren, da ja Apollo den Sokrates als den weisesten aller Menschen gepriesen hatte. Dieser unbesonnene Apollo! Ein Weisheitszeugnis stellte er einem Manne aus, der das Dasein der Götter leugnete. Wer die Wahrheit aus Überzeugung vertritt, stößt in dem Grade an, als diese selbst den Haß entzündet; derjenige aber, welcher sie verfälscht und nachäfft, befestigt sich gerade dadurch am meisten in der Gunst der Verfolger der Wahrheit. Dieselbe Wahrheit, welche die Philosophen, um mit ihr Spott zu treiben und sie zu verfälschen, in theatralischer Weise affektieren und durch ihr Affektieren fälschen, weil sie nur von Ruhmsucht geleitet sind, dieselbe Wahrheit suchen die Christen mit Notwendigkeit und treten für sie ein mit voller Kraft, weil sie für ihr Heil besorgt sind. Daher haben wir weder in Bezug auf Wissen, noch in Bezug auf Sittenzucht, wie ihr meint, unseresgleichen. Denn was hat Thaies, jener Begründer der Physik, dem Krösus, der nach der Gottheit forschte, Gewisses zu antworten gewußt, nachdem er ihn mit der erbetenen Bedenkzeit so oft hingehalten hatte. Jeder beliebige christliche Handwerker aber hat Gott bereits gefunden, tut ihn kund und besiegelt in der Folge alles, was man in Bezug auf Gott fragen kann, durch die Tat, während Plato behauptet, daß man den Werkmeister des Weltalls nicht leicht finden und, wenn man ihn gefunden habe, nur schwer allen verkünden könne.
Im übrigen, wenn wir nun zum Wettstreit herausfordern in Betreff der Keuschheit, so lese ich da einen Teil der Sentenz Athens gegen Sokrates: als ein Verderber der Jünglinge wird er erklärt. Der Christ 161 vertauscht zum geschlechtlichen. Verkehr nicht einmal seine Frau gegen eine andere. Ich kenne auch die Phryne, die Buhlerin des Diogenes, wie sie mit ihm zusammenliegend in Wollust schwelgte, und ich höre, daß ein gewisser Speusippus aus der Schule des Plato beim Ehebruch den Tod fand. Ein Christ ist Mann nur für seine Frau allein. Dadurch, daß Demokrit sich selbst blendete, weil er die Weiber nicht ohne Begierlichkeit anblicken konnte, und sich ärgerte, wenn er sie nicht besitzen konnte, gestand er selbst durch seine Selbstzüchtigung seine Unenthaltsamkeit ein. Aber der Christ behält seine Augen und sieht doch die Frauen nicht an; er ist der Lust gegenüber geistig blind.
Wenn ich mich über die Tüchtigkeit des Charakters auslassen soll, siehe, so ist das nur Stolz anderer Art, wenn Diogenes mit kotigen Füßen die stolzen Sofas des Plato zertritt. Der Christ zeigt hochfahrende Verachtung nicht einmal gegen einen Armen. Wenn ich über die Freiheit von politischem Ehrgeiz streiten soll, siehe, so sind da Pythagoras, der zu Thurii, und Zeno, der zu Priene nach der Alleinherrschaft strebte: – der Christ aber begehrt nicht einmal die Ädilenwürde, Wenn ich in Bezug auf Gleichmut der Seele mich messen soll, so hat Lykurg sich den Hungertod gewünscht, weil die Lazedämonier seine Gesetze verbessert hatten – der Christ aber dankt, selbst wenn er verurteilt worden ist. Wenn ich die Redlichkeit in Vergleich stellen soll, 162 Anaxagoras verweigerte seinen Gastfreunden das ihm anvertraute Gut – der Christ aber gilt allgemein auch bei den außer seiner Gemeinschaft Stehenden als ehrlich. Wenn ich für die schlichte Geradheit der Gesinnung einstehen soll, Aristoteles hat seinen Freund Her-mias auf schimpfliche Weise von seiner Stelle verdrängt – der Christ fügt auch nicht einmal seinem Feinde Schaden zu. Derselbe Aristoteles schmeichelte dem Alexander, den er vielmehr hätte leiten sollen, auf ebenso unziemliche Weise, als Plato sich bei Dionysius des Wohllebens halber einzuschmeicheln suchte. Ari-stippus schwelgt im Purpur unter dem äußeren Schein großer Sittenstrenge, und Hippias wird getötet, während er dem Staate Gefahren bereitet. Dergleichen hat kein Christ je unternommen, noch nicht einmal für die Seinigen, wenn sie durch jede Art Grausamkeit auseinandergesprengt wurden.
Doch es wird vielleicht einer oder der andere einwerfen, daß auch aus unserer Mitte manche von der sittlichen Zucht und Regel abweichen. Ja sie hören aber auf, bei uns für Christen zu gelten, die genannten Philosophen hingegen behalten bei euch trotz solcher Handlungen den Namen und das Ansehen von Weisen. Was haben also schließlich miteinander der Philosoph und der Christ gemein, der Zögling Griechenlands und der Zögling des Himmels, der nur in Worten macht und der Taten vollbringt, der eitlem Ruhme und der dem Heile nachjagt, der Auferbauer und der Zerstörer der Irrtümer, der Verfälscher und der Wiederhersteller der Wahrheit, der Entwender und der Wächter derselben? 163
Hatten sie nämlich unsern Gott schlechthin gefunden, so behandelten sie die Lehre von ihm nicht, wie sie sie gefunden hatten, sondern so, daß sie auch über seine Beschaffenheit, seine Natur und seinen Wohnsitz Debatten anstellten. Die einen behaupten, er sei unkörperlich, die ändern, er sei körperlich, so einerseits die Platoniker, andererseits die Stoiker; andere, er bestehe aus Atomen, wieder andere, er bestehe aus Zahlen, so einerseits Epikur, andererseits Pythagoras. Einem anderen däuchte es, er bestehe aus Feuer, so Heraklit. Die Platoniker nahmen an, er bekümmere sich um die Dinge, da er sie gebildet habe und sie beeinflusse, die Epikureer dagegen, er sei müßig und unbeschäftigt und sozusagen ein Nichts in den menschlichen Angelegenheiten. Die Stoiker glauben, er befinde sich außerhalb der Welt und drehe wie ein Töpfer von draußen das Weltgebäude, die 166 Platoniker, er sei innerhalb der Welt und bleibe nach dem Beispiel des Steuermannes innerhalb dessen, was er regiere. So sind sie auch verschiedener Meinung in Betreff der Lehre von der Welt, ob sie geworden oder ungeworden sei, ob sie vergehen oder bleiben werde, sowie auch in Betreff der Beschaffenheit der Seele, von der die einen behaupten, sie sei göttlich und ewig, die ändern, sie löse sich wieder auf. Je nach semer Meinung machte jeder seine Zusätze und Umgestaltungen. Es ist auch nicht zu verwundern, wenn die alten Urkunden durch die Erfindungen der Philosophen verunstaltet wurden. Von ihrem Samen befruchtet hat man auch schon diese unsere noch so jungen schriftlichen Denkmäler durch allerlei eigene Meinungen in Anpassung an philosophische Lehrsätze verfälscht und den einen geraden Weg in viele krumme und in die Irre führende Pfade gespalten.
Dieses Umstandes habe ich deswegen gedacht, damit nicht jemand, dem die Mannigfaltigkeit unserer Genossenschaft bekannt geworden, meine, er könne auch in der Hinsicht uns mit den Philosophen gleichstellen, daß er aus der Mannigfaltigkeit den Mangel der Wahrheit erweist. Ohne Mühe aber weisen wir diejenigen, die das Unsrige verfälschen, mit der Rechtseinrede ab, daß nur jene die Regel der Wahrheit ist, die von Christus, durch seine Gefährten überliefert, herrührt, und daß diese abweichenden Ausleger als solche erfunden werden, die bedeutend später als jene sind. Alles, was gegen die Wahrheit aufgestellt wird, ist aus der Wahrheit selbst entnommen, indem die Geister 167 des Irrtums es sind, die eine solche Nebenbuhlerschaft bewirken. Von ihnen sind derartige Verfälschungen der heilbringenden Lehre heimlich ins Werk gesetzt, von ihnen auch gewisse Fabeln eulgegeben worden, welche vermöge ihrer Ähnlichkeit mit der Wahrheit den Glauben an letztere schwächen oder vielmehr durch diese Ähnlichkeit den Glauben für sich stehlen sollten, so daß manche meinen, den Christen sei deswegen nicht zu glauben, weil auch den Dichtern und Philosophen nicht zu glauben sei, oder wähnen, deshalb müsse man den Dichtern und Philosophen mehr glauben, weil man den Christen nicht glauben dürfe. Daher werden wir verlacht, wenn wir einen Gott predigen, der Gericht halten wird. In dieser Weise nehmen nämlich auch die Dichter und Philosophen ein Tribunal in der Unterwelt an. Und wenn wir mit der Hölle drohen, welche ein unterirdischer Behälter eines geheimnisvollen Feuers zum Zweck der Strafe ist, so werden wir tüchtig ausgelacht. So ist nämlich auch der Pyriphlegethon ein Strom für die Toten. Und wenn wir vom Paradies sprechen, einem Ort voll göttlicher Anmut, der für die Aufnahme der heiligen Seelen bestimmt und durch die bekannte Feuerzone gleichsam umfriedigt und der Kenntnis des gewöhnlichen Erdkreises entrückt ist, so haben die elyseischen Gefilde bereits den Glauben in Besitz genommen. Woher, frage ich, haben die Philosophen oder Dichter diese so verwandten Vorstellungen? Nur aus unsern Heilsgeheimnissen. Wenn dieselben aber aus unsern Heilsgeheimnissen als der ursprünglicheren Form 168 stammen, so sind unsere Lehren treuer und glaubwürdiger, deren Nachbildungen ja schon Glauben gefunden haben. Wenn sie aber dem eigenen Denken entstammen, dann würden unsere Heilsgeheimnisse damit sofort als Nachbildungen dieser späteren gelten müssen. Das aber gestattet die Natur der Dinge nicht. Denn niemals ist der Schatten früher als der Körper, das Abbild früher als das Original.