758 Ich höre ihn oben sagen: „Es kommt die Stunde, daß der Menschensohn verherrlicht wird; wenn das Korn erstirbt, bringt es viele Frucht“. Ich höre: „Wer seine Seele haßt in dieser Welt, bewahrt sie für das ewige Leben“. Und ich darf mich nicht bloß verwundern, sondern ich muß nachahmen. Durch die nächsten Worte sodann: „Wer mir dient, folge mir nach; und wo ich bin, da wird auch mein Diener sein“, werde ich entflammt, die Welt zu verachten, und in meinen Augen ist der ganze, wenn auch noch soweit sich hinziehende Dunst dieses Lebens ein Nichts; gegen die Liebe zum Ewigen verliert alles Zeitliche für mich an Wert, und wiederum höre ich eben diesen meinen Herrn, der mich durch jene Worte aus meiner Schwachheit zu seiner Stärke hinriß, ich höre ihn sagen: „Jetzt ist meine Seele betrübt“. Was heißt dies? Wie kannst Du meiner Seele befehlen, Dir nachzufolgen, wenn ich sehe, wie Deine Seele betrübt wird? Wie soll ich ertragen, was meine so große Schwachheit als schwer empfindet? Welches Fundament soll ich suchen, wenn der Fels unterliegt? Aber es kommt mir vor, als hörte ich in meinen Gedanken den Herrn mir antworten und gewissermaßen sagen: Um so mehr sollst du mir nachfolgen, weil ich so ins Mittel trete, damit du aushaltest; du hast die an dich gerichtete Stimme meiner Stärke vernommen, höre nun in mir die Stimme deiner Schwachheit; ich flöße dir Kraft ein, daß du laufest, und halte dich nicht zurück, daß du eilest; aber ich nehme auf mich, was du fürchtest, und bereite dir einen Weg, worauf du gehen magst. O Herr, Mittler, Gott über uns, Mensch wegen uns, ich erkenne Deine Barmherzigkeit; denn indem Du, der Große, nach dem Willen Deiner Liebe betrübt wirst, tröstest Du viele in Deinem Leibe, welche durch die Nötigung ihrer Schwäche betrübt werden, damit sie nicht durch Verzweiflung umkommen.