Ihr habt, Brüder, die vorgelegte Frage vernommen; ihr sehet ja wohl, wie tiefgründig sie ist, aber wir antworten, wie wir können. „Sie konnten nicht glauben“, weil es der Prophet vorhergesagt hat; der Prophet aber hat es vorhergesagt, weil Gott diese Tatsache vorhergewußt hat. Wenn ich aber gefragt werde, warum sie nicht konnten, so antworte ich sofort: Weil sie nicht wollten; denn ihren bösen Willen hat ja eben Gott vorausgesehen, und durch den Propheten hat ihn* der* vorausverkündet, dem das Zukünftige nicht verborgen bleiben kann. Aber, sagst du, der Prophet nennt einen andern Grund, nicht den, der von ihrem Willen hergenommen ist. Welchen Grund gibt der Prophet an? „Gott gab ihnen den Geist der Betäubung, Augen, daß sie nicht sehen, und Ohren, daß sie nicht hören, und er verblendete ihre Augen und verhärtete ihr Herz.“ Auch dies, sage ich, hat ihr Wille verdient. Denn so verblendet, so verhärtet Gott, daß er verläßt und nicht hilft, was er durch ein verborgenes, aber keineswegs ungerechtes Gericht tun kann. Das muß der gläubigfromme Sinn der Gottesfürchtigen als unerschütterliche und unangreifbare Wahrheit unbedingt festhalten, wie auch der Apostel, da er dieselbe schwierige Frage behandelte, sprach: „Was werden wir nun sagen? Ist etwa eine Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!“ Wenn 773 also von Gott jede Ungerechtigkeit fernbleiben muß, so handelt er barmherzig, wenn er hilft, und gerecht, wenn er nicht hilft, weil er alles nicht mit Übereilung, sondern mit wohlüberlegtem Urteil tut. Wenn nun aber schon die Urteile der Heiligen gerecht sind, um wieviel mehr die des heiligenden und rechtfertigenden Gottes? Gerecht also sind sie, aber verborgen. Wenn darum dergleichen Fragen vorgebracht werden, warum der eine so, der andere so; warum dieser durch Verlassung Gottes verblendet, jener mit Hilfe Gottes erleuchtet wird, so wollen wir uns kein Urteil über das Urteil eines solchen Richters anmaßen, sondern zitternd mit dem Apostel ausrufen: „O Tiefe des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte, und wie unbegreiflich seine Wege!“ Darum heißt es im Psalme: „Deine Gerichte sind ein großer Abgrund!“