„Ihr“, sagt er, „nennet mich Meister und Herr, und ihr habt recht; denn ich bin es.“ Ihr habt recht, weil ihr die Wahrheit sagt; ich bin ja das, was ihr sagt. Dem Menschen ist geboten: „Dein Mund soll dich nicht loben, sondern es lobe dich der Mund deines Nächsten“. Denn gefährlich ist das Selbstlob für den, der sich vor dem Stolze hüten muß. Jener aber, der über alles ist, erhebt sich, wie sehr er sich auch loben mag, nicht als der Hocherhabene, und nicht mit Recht kann Gott anmaßend genannt werden. Denn für uns ist es gut, ihn zu kennen, nicht für ihn; und niemand erkennt ihn, wenn der, der sich kennt, sich nicht selbst kundgibt. Wenn er also dadurch, daß er sich nicht lobt, gewissermaßen die Anmaßung vermeiden wollte, so würde er uns eine tiefere Einsicht verweigern. Und wenigstens, daß er sich* Meister* (Lehrer) nennt, würde niemand tadeln, auch wenn er ihn für nichts anderes als für einen Menschen hielte, weil er damit sich für das erklärt, wofür sich auch die Menschen in allen Künsten und Wissenschaften so sehr ohne alle Anmaßung erklären, daß sie Lehrmeister genannt werden. Daß er sich aber als* Herrn* seiner Jünger erklärt, da doch auch sie im Sinne der Welt freigeboren sind, wer möchte das an einem Menschen ertragen? Allein es spricht Gott. Da ist keine Erhebung bei solcher Erhabenheit, keine Lüge bei der Wahrheit; für uns ist es nützlich, jener Erhabenheit uns zu unterwerfen, für uns ist es nützlich, der Wahrheit zu dienen. Daß er sich den 807 Herrn nennt, ist für ihn kein Vergehen, aber für uns eine Wohltat. Man lobt die Worte eines profanen Schriftstellers, weil er gesagt hat: „Wie jede Anmaßung verhaßt ist, so ist die des Talents und Redners bei weitem am widerlichsten“, und doch sagt der nämliche, da er von seiner Beredsamkeit sprach: „Ich würde sie vollkommen nennen, wenn ich sie dafür hielte, und würde in der Wahrheit nicht den Vorwurf der Anmaßung fürchten“. Wenn also jener so beredte Mann in der Wahrheit keine Anmaßung fürchten würde, wie sollte die Wahrheit selbst eine Anmaßung fürchten? Es soll sich Herr nennen, wer Herr ist; es soll das Wahre sagen, der die Wahrheit ist, damit ich nicht im unklaren bleibe über das, was nützlich ist, indem er verschweigt, was er ist. Der selige Paulus, fürwahr nicht der eingeborene Sohn Gottes, sondern der Diener und Apostel des eingeborenen Sohnes Gottes, nicht die Wahrheit, sondern Teilnehmer an der Wahrheit, sagt frei und sicher: „Wenn ich mich auch rühmen wollte, ich würde nicht töricht handeln, denn ich sage die Wahrheit“. Denn nicht in sich selbst, sondern in der Wahrheit, die über ihm ist, würde er sich ebenso demütig wie wahrheitsgemäß rühmen, da er auch selbst gebot: „Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn“. So würde also keine Torheit fürchten der Liebhaber der Weisheit, wenn er sich rühmen wollte, und die Weisheit selbst sollte in ihrem Lobe eine Torheit fürchten? Es fürchtete der keine Anmaßung, der sagte: „Im Herrn soll meine Seele Lob finden“, und in ihrem Lobe sollte eine Anmaßung finden die Macht des Herrn, in welcher die Seele des Dieners ihr Lob hat? „Ihr“, sagt er, „nennt mich Meister und Herr, und ihr habt recht; denn ich bin es.“ Deshalb habt ihr recht, weil ich es bin; denn wenn ich nicht wäre, was ihr sagt, würdet ihr unrecht haben, auch wenn ihr mich loben würdet. Wie also sollte die Wahrheit in Abrede stellen, was die Jünger 808 der Wahrheit sagen? Wie sollte, was die sagen, die es wissen, sie selbst verneinen, von der sie es wissen? Wie soll die Quelle leugnen, was der daraus Trinkende verkündet? Wie soll das Licht verbergen, was der Sehende bekannt macht?