Laßt uns den Blick des Geistes anstrengen und mit der Hilfe des Herrn Gott suchen! Ein Wort des göttlichen Liedes lautet: „Suchet Gott, und eure Seele wird leben“. Suchen wir ihn, damit er gefunden werde; suchen wir ihn auch, wenn er gefunden ist. Um gesucht zu werden, bevor er gefunden ist, ist er verborgen; um gesucht zu werden, nachdem er gefunden ist, ist er unermeßlich. Darum heißt es anderswo: „Suchet sein Antlitz immerdar!“ Denn er sättigt den Suchenden, soweit er ihn faßt, und macht den Findenden fassungsfähiger, damit er aufs neue erfüllt zu werden trachte, sobald er mehr zu fassen angefangen hat. Es heißt also nicht so: „Suchet sein Antlitz immerdar!“ wie von einigen: „Immer lernen sie und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen sie nie“, sondern vielmehr so wie jener sagt: „Wenn der Mensch am Ende ist, fängt er wieder an“, bis wir zu jenem Leben gelangen, wo wir so erfüllt sind, daß wir nicht mehr fassungsfähiger werden, weil wir so vollendet sein werden, daß wir nicht mehr fortschreiten. Denn dort wird uns gezeigt werden, was uns genügt. Hier aber sollen wir immer suchen, und die Frucht des Findens sei nicht das Ende des Suchens. Denn nicht muß man deshalb nicht immer suchen, weil man bloß hier suchen muß, sondern wir sagen, man müsse hier darum immer suchen, damit 831 wir nicht hier einmal das Suchen aufgeben zu dürfen meinen. Denn auch die, von welchen es heißt: „Sie lernen immer und gelangen niemals zur Erkenntnis der Wahrheit“, lernen* hier* sicherlich immer; wenn sie aber aus diesem Leben geschieden sind, werden sie nicht mehr lernen, sondern den Lohn für ihren Irrtum empfangen. So nämlich heißt es: „Sie lernen immer und gelangen niemals zur Erkenntnis der Wahrheit“, wie wenn es heißen würde: Sie wandeln immer und gelangen niemals zum Wege. Wir aber wollen immer auf dem Wege wandeln, bis wir dorthin kommen, wohin der Weg führt; wir wollen nirgends auf demselben zurückbleiben, bis er uns dorthin führt, wo wir bleiben sollen; und so streben wir durch Suchen und gelangen wir durch Finden zu etwas, und gehen suchend und findend zu dem, was noch übrig ist, hinüber, bis dort das Suchen aufhört, wo für die Vollkommenheit kein Streben noch Fortschritt übrig ist. Diese Vorbemerkung, Geliebteste, soll eure Liebe aufmerksam gemacht haben für die Rede des Herrn, die er vor dem Leiden an die Jünger hielt; denn sie ist tief, und gewiß, wo der Erklärer sich große Mühe geben muß, da darf der Zuhörer nicht lässig sein.