Mit Recht fragt man, wie es zu verstehen sei, wenn der Herr sagt: „Ich aber habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich vom Vater gehört habe, euch kundgetan habe“. Wer nämlich möchte zu behaupten oder zu glauben wagen, daß irgendein Mensch alles wisse, was der eingeborene Sohn vom Vater gehört hat, da ja mancher nicht einmal dies begreift, wie er vom Vater ein Wort hört, da er ja selbst das einzige Wort des Vaters ist? Und wie sagt er etwas später, aber noch in derselben Rede, die er nach dem Mahle vor dem Leiden an die Jünger hielt: „Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“? Auf welche Weise wollen wir nun verstehen, er habe den Jüngern alles kundgetan, was er vom Vater gehört hat, da er doch deshalb vieles nicht sagt, weil er weiß, daß sie es jetzt nicht tragen können? Allein er sagt ohne Zweifel von dem, was er tun wird, er habe es getan, er, der das Zukünftige schon getan hat. Wie er nämlich durch den Propheten sagt: „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt“; nicht: sie werden durchbohren, indem er gleichsam Vergangenes nennt und es doch als zukünftig voraussagt, so sagt er auch hier, er habe den Jüngern alles kundgetan, was er, wie er wohl weiß, in jener Vollendung des Wissens kundtun wird, von welcher der Apostel sagt: „Wenn aber kommen wird, was vollkommen ist, dann wird aufhören, was mangelhaft ist“. Dort nämlich sagt er: „Jetzt erkenne ich teilweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt bin, und jetzt (sehe ich) durch einen Spiegel im Rätsel, dann aber von 930 Angesicht zu Angesicht“. Denn wieder derselbe Apostel sagt, wir seien durch das Bad der Wiedergeburt selig geworden, obwohl er an einer andern Stelle sich dahin ausspricht: „In der Hoffnung sind wir selig geworden. Die Hoffnung aber, die geschaut wird, ist keine Hoffnung; denn was einer schaut, was hofft der noch? Wenn wir aber, was wir nicht schauen, hoffen, warten wir mit Geduld“. Darum sagt auch sein Mitapostel Petrus: „An den ihr jetzt, ohne ihn zu sehen, glaubet, und wenn ihr ihn sehet, werdet ihr frohlocken in unaussprechlicher und verherrlichter Freude, indem ihr als Lohn des Glaubens empfanget das Heil eurer Seelen“. Wenn also jetzt die Zeit des Glaubens ist, das Heil der Seelen aber der Lohn des Glaubens, wer möchte dann zweifeln, daß man im Glauben, der durch die Liebe wirksam ist, den Tag zubringen und am Ende des Tages den Lohn empfangen müsse, nicht bloß die Erlösung des Leibes, von welcher der Apostel Paulus spricht, sondern auch das Heil unserer Seelen, von welchem der Apostel Petrus redet? Denn das Glück beider Dinge hat hat man in dieser Zeit und in diesem sterblichen Leben mehr in der Hoffnung als im Besitze. Allein dies ist der Unterschied, daß unser äußerer Mensch, d. i. der Leib, noch aufgerieben wird, der innere aber, d. i. die Seele, bereits von Tag zu Tag erneuert wird. Wie wir also die Unsterblichkeit des Fleisches und das Heil unserer Seelen in der Zukunft erwarten, obwohl es von uns heißt, wir seien bereits durch den Empfang des Pfandes selig geworden, so müssen wir auch die Erkenntnis von allem, was der Eingeborene vom Vater gehört hat, in der Zukunft hoffen, obwohl Christus sprach, er habe dies bereits kundgetan.