„Nicht ihr habt mich erwählt“, sagt er, „sondern ich habe euch erwählt“. Das ist jene unaussprechliche Gnade. Was waren wir denn, als wir Christus noch nicht erwählt hatten und ihn darum nicht liebten? Denn 931 wer ihn nicht erwählt hat, wie soll der ihn lieben? War etwa schon in uns, was im Psalme gesungen wird: „Ich habe es erwählt, im Hause Gottes zu sein, mehr als in den Zelten der Sünder zu wohnen“? Gewiß nicht. Was waren wir also, wenn nicht Ungerechte und Verlorene? Wir hatten ja noch nicht an ihn geglaubt, daß er uns darum erwählte; denn wenn er bereits Glaubende erwählte, dann hat er bereits Erwählte erwählt. Warum also sagt er: „Nicht ihr habt mich erwählt“, außer weil seine Barmherzigkeit uns zuvorgekommen ist? Da zeigt sich ganz gewiß als nichtig die Vernünftelei jener, welche das Vorauswissen Gottes gegen die Gnade Gottes verteidigen und behaupten, wir seien deshalb vor Grundlegung der Welt auserwählt worden, weil Gott vorherwußte, daß wir gut sein werden, nicht daß er selbst uns gut machen werde. So spricht der nicht, welcher sagt: „Nicht ihr habt mich erwählt“. Denn wenn er uns deshalb erwählt hätte, weil er vorhergewußt hatte, daß wir gut seien, so hätte er zugleich vorhergewußt, daß wir ihn zuerst erwählen würden. Denn sonst könnten wir nicht gut sein, man müßte denn etwa nur den für gut erklären, der das Gute nicht erwählt hat. Was erwählte er also in denjenigen, die nicht gut waren? Sie sind ja nicht erwählt worden, weil sie gut waren, indem sie ja nicht gut sein könnten, wenn sie nicht erwählt worden wären. Sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade, wenn wir behaupten, es seien Verdienste vorausgegangen. Das ist eben Gnadenwohl, worüber der Apostel sagt: „So nun sind auch in dieser Zeit die Überreste durch Gnadenwahl selig geworden“. Darum fügt er bei: „Wenn aber aus Gnade, dann nicht mehr aus den Werken; sonst ist Gnade nicht mehr Gnade“. Höre, Undankbarer, höre: „Nicht ihr habt mich erwählt, 932 sondern ich habe euch erwählt“. Du kannst nicht sagen: Ich bin deshalb erwählt worden, weil ich schon glaubte. Denn wenn du an ihn glaubtest, so hattest du ihn schon erwählt. Aber höre: „Nicht ihr habt mich erwählt“. Du kannst nicht sagen: Bevor ich glaubte, wirkte ich schon Gutes, darum bin ich erwählt worden. Denn was gibt es denn für ein gutes Werk vor dem Glauben, da doch der Apostel sagt: „Alles, was nicht aus dem Glauben ist, ist Sünde“. Was werden wir also sagen, wenn wir hören: „Nicht ihr habt mich erwählt“, außer daß wir böse waren und erwählt wurden, damit wir gut wären durch die Gnade desjenigen, der uns erwählt? Denn es ist nicht Gnade, wenn Verdienste vorhergegangen sind; es* ist* aber Gnade; diese also fand nicht, sondern bewirkte Verdienste.