55Damit wir aber die Zeugnisse, die wir anführten, indem wir sie vom Standpunkt der Widersacher gegen die Wahrheit als Gegeninstanzen aus der Hl. Schrift zusammenstellten, während sie von ihnen [in Wirklichkeit] nur falsch verstanden werden, — nicht einfachso unerklärt hinausgehen lassen, so wollen wir von einem jeden Sinn und Bedeutung angeben, weswegen die anthropopathische Redeweise angewendet ist; nochmals werden wir nach Besprechung des Ausdruckes “mein Gott” und “euer Gott” viel darüber sagen, so daß jeder, der seinen Verstand bei der Sache hat, schon auf Grund des ganzen Gedankenganges erkennen kann, daß mit gutem Grund gesagt ist: “Er ist ein Mensch, und wer wird ihn erkennen?” In einer und derselben Stelle deutet uns die göttliche Schrift beides an, das Sichtbare und das Unsichtbare. Wegen des Sichtbaren sei wohlberechtigt das Wort: “mein Gott”, wegen des Unsichtbaren aber sei gesagt: “mein Vater”, so daß also auch nicht eine der beiden Wendungen der Vernunft widerspreche. Denn wie sollte er, wenn er ein Mensch war, nicht 56erkannt werden? War er aber kein Mensch, warum wurde er dann Mensch genannt? Denn unweigerlich wird jedermann, der von Menschen abstammt, von Menschen erkannt, von der Mutter, von den Verwandten, von den Angehörigen, von Nachbarn, von den Hausgenossen oder Mitbürgern. Allerdings kann das genannte Wort sich nicht an einem bloßen Menschen erfüllen, erfüllt sich aber an dem Gott-Logos und Sohne Gottes, wenn gesagt wird: “Mensch ist er”; [er ist es] in Wahrheit. Das andere Wort aber: “Wer wird ihn erkennen?” [dies erfüllt sich,] weil er Gott ist; deswegen ist er Mensch unter Menschen und ist Gott, unerkennbar den Menschen wegen seines unbegreiflichen Wesens. Ein Mensch aber ist er, aus Maria in Wahrheit ohne Zutun eines Mannes geboren. — “Und die Jungfrau wird empfangen.” Der Prophet verkündet das in der Zukunft Kommende: “Und die Jungfrau wird empfangen.” Zukünftig war ja dies: Sie wird einen Sohn gebären. Wenn nun aber als Jungfrau, so geht der Eintritt der Mutterschaft nicht von einem Manne aus, weil schon vor dieser Zeit zu Achaz gesagt worden ist: “Begehre für dich ein Zeichen nach der Tiefe oder nach der Höhe.” Der aber sagt demutsvoll: ,;Ferne sei es, daß ich begehre und versuche den Herrn, meinen Gott“, womit er es ablehnt, ein Zeichen sich zu erbitten. Weil er aber keines erbittet, so gewährt sofort deren zwei Gott, der große Gabenspender für die Menschen; denn er sendet von der Höhe den Logos aus eigener Entschließung zugleich mit der eigenen Entschließung des Logos selbst, aus der Tiefe aber bereitet er das Fleisch [= die menschliche Natur für die Menschwerdung] aus eigenem Gnadenwillen zusammen [stimmend] mit dem Logos selbst. Sagt er doch darauf:”Und man 57wird seinen Namen nennen Emmanuel." Er sagte nämlich nicht: ich werde ihn nennen, sondern: sie werden nennen. Denn den Menschen allerdings wurde der bei ihnen unbekannte Gott geoffenbart. Aber er nimmt die Bezeichnung nicht als eine neue Prägung. Denn er sagte nicht: “ich werde seinen Namen Emmanuel nennen”, sondern: “sie werden ihn nennen”.