§ 1. Am Körper gibt es vieles, dessen Wesen und Bedeutung nur der Schöpfer kennt.
§ 2. Oder glaubt jemand es dartun zu können, 268 welchen Nutzen, welchen Zweck jene durchsichtige Haut hat, womit der Bauch wie mit einem Netze umspannt und geschützt ist?
§ 3. Wozu das ganz gleiche Nierenpaar [renes]? Varro behauptet, sie hießen so, weil von ihnen die Bäche [rivi] der abscheulichen Flüssigkeit ihren Ursprung hätten. Das verhält sich nicht so, da sie nämlich zu beiden Seiten des Rückgrates rücklings zusammenhängen und von den Eingeweiden getrennt sind.
§ 4. Was ist es mit der Milz? Was mit der Leber? Beide Eingeweide scheinen aus geronnenem Blute entstanden zu sein. Wie steht es mit der bitteren Galle? Wozu dient das Herz? Wir müßten uns denn der Ansicht jener anschließen, welche den 269 Zornesaffekt in die Galle, die Furcht ins Herz, die Fröhlichkeit in die Milz verlegen.
§ 5. Den Zweck der Leber aber will man darin finden, daß sie durch ihr Aufliegen und Erwärmen die Speisen im Magen zur Verdauung bringe; einige glauben, daß die Wollust in der Leber ihren Sitz habe.
§ 6. Vorerst kann der menschliche Verstand das Wesen dieser Organe nicht begreifen, da deren Verrichtungen verborgen sind und deren Verwendung nicht vor die Augen tritt. Nach dem Obigen würden die sanftmütigen Tiere überhaupt keine Galle besitzen oder viel weniger als die wilden, die furchtsamen mehr Herz, die geilen mehr Leber, die mutwilligen mehr Milz.
§ 7. So wie wir also merken, daß wir mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit der Nase riechen, so würden wir natürlich auch merken, daß wir mit der Galle zürnen, mit der Leber begehren, mit der Milz uns freuen.
§ 8. Da wir aber durchaus nicht merken, woher jene Gefühle kommen, so kann es sein, daß sie sonstwo herkommen, und daß diese Eingeweide einen ganz anderen Zweck, den wir nicht im geringsten ahnen, haben. Indes können wir die Behauptung dieser Leute nicht als falsch erweisen. Aber alles, was die Erregungen des Geistes und der Seele anbelangt, ist so dunkel und hehr, daß die Erkenntnis hiervon außer dem Bereiche des menschlichen Verstandes liegt.
§ 9. Das aber ist gewiß, daß so viele Dinge, so viele Organe die eine Aufgabe haben: nämlich die Existenz der Seele im Leibe zu ermöglichen. Die besondere Aufgabe eines jeden Organes jedoch, wer kann sie kennen als der Künstler, der allein sein Werk versteht?