270 § 1. Wie können wir nun das Wesen der Stimme feststellen? Die Grammatiker zwar und die Philosophen definieren die Stimme als die vom Hauche erschütterte Luft [verberatum aerem definiunt], wovon der Begriff „verba“ [Wörter] stamme. Das ist offenbar falsch.
§ 2. Denn die Stimme entsteht nicht außerhalb des Mundes, sondern innerhalb desselben, und es ist daher jene Ansicht wahrscheinlicher, daß der zusammengepreßte Hauch, wenn er an die Kehle anstößt, den Stimmlaut hervorrufe, gleichwie wenn man in eine offene, an die Lippen gehaltene Röhre den Atem hineinbläst. Indem nun dieser, vom hohlen Grunde reflektiert, den entgegenkommenden Hauch trifft [Schallwellen], hierauf nach außen dringt und in den tönenden Hauch übergeht, entsteht der Laut.
§ 3. Ob dies wahr ist, mag der göttliche Meister selbst entscheiden. Denn die Stimme scheint nicht im Munde, sondern tief drinnen zu entstehen. Endlich kann auch bei geschlossenem Munde aus der Nase einigermaßen ein Laut dringen.
§ 4. Ferner wird auch durch unser größtmögliches Schnaufen kein Ton hervorgebracht; dagegen kommt durch einen leichten, nicht gepreßten Hauch ein solcher zustande, so oft wir nur wollen. Es ist also noch nicht erforscht, wie die Stimme entsteht und was sie eigentlich ist.
§ 5. Glaube aber nicht, daß ich mich jetzt auf den 271 akademischen [d. h. skeptischen] Standpunkt stelle, da ja eben nicht alles unbegreiflich ist. Denn wie man zugestehen muß, daß man vieles nicht weiß, was Gott den Menschen verborgen wissen wollte, so muß man zugestehen, daß es vieles gibt, was mit den Sinnen und der Vernunft doch begriffen werden kann.
§ 6. Doch darüber werden wir gegen die Weltweisen noch besonders handeln. Laßt uns nun zum Ende eilen!