Wenngleich noch Manche denselben nicht direkt und absolut für unecht erklären, so glaubte ich ihn doch unter die unechten Schriften des hl. Clemens Romanus einreihen zu müssen, weil fast Alle, welche von diesem Briefe erwähnen, so namentlich Eusebius, Hieronymus und Photius, bezeugen, daß er von den Alten nicht anerkannt worden sei. Ich sagte auch „der sogenannte„, weil er erstens nicht die Form eines Briefes hat, zweitens weil er entweder vor dem „ersten“ Briefe an die Corinthier verfaßt sein müßte oder gar nicht an die Corinthier gerichtet sein konnte, da in dem doch bedeutenden uns erhaltenen Stücke von dem zu Corinth herr- 99 schenden Schisma, welches die Veranlassung zu dem „ersten“ Briefe des Clemens an die Corinthier war, gar keine Ermahnung gemacht wird. Möhlerhält es für nicht unwahrscheinlich, daß dieser sogenannte Brief ein Bruchstück einer jener von den sogen. Clementinen verschiedenen Homilien sei, welche nach dem Zeugnisse des Anastasius, Patriarchen von Antiochien, dem Clemens Romanus unterschoben wurden. Der Versuch Hagemannsaber, demselben den Charaktereines Briefes zu vindiciren, und zwar eines cyclischen, der, sowie der Brief des Clemens an die Corinthier, in den Kirchen vorgelesen worden sei, ferner daß er derselbe sei, den Epiphanius als antiebionitisch anführt, daß er früher mit dem „Hirten des Hermas“ verbunden, später von diesem getrennt und in seiner Isolirung als unbedeutend nicht so beachtet worden sei, muß als eine mehr willkürliche denn wahrscheinliche Hypothese bezeichnet werden.
Daß der hl. Clemens die sogen. „Canones und Constitutionen der Apostel“ nicht redigirt habe, geht aus der sicher bewiesenen, viel späteren Entstehung derselben hervor
Da es heut zu Tage als literarisches Curiosum gilt, dem hl. Clemens die Autorschaft der Homilien und Recognitio- 100 nen vindiciren zu wollen, so ist es überflüssig, die fremde zwar spätere Hand zu beweisen, welche überdieß Inhalt und Tendenz dieser Schriften unverkennbar verrathen. Aus der Masse der verschiedenartigen kritischen Auffassungen über die Person des Verfassers, Tendenz, Zeit u. s. w. der Abfassung, das Verhältniß der beiden Schriften zu einander sollen hier die neuesten und durch ihre Begründung sich als die wahrscheinlichsten erweisenden, daher auch allgemeinsten Ansichten wiedergegeben werden. Zur besseren Würdigung derselben aber ist es nothwendig, vorher mit dem historischen und didactischen Inhalte der beiden Schriften bekannt zu werden.
Den Homilien, auch vorzugsweise Clementinen genannt, sind drei Prologe vorausgesandt: 1) ein Brief des Apostels Petrus an Jacobus, worin er denselben beschwört, nach dem Vorgange des Moses, der den Offenbarungs-Inhalt nur 70 bewährten Männern überliefert habe, auch die von ihm übersandten Lehren keinem Heiden, auch nicht einem Jeden von seinem Volke, sondern nur wenigen erprobten Männern anzuvertrauen, damit dieselben nicht wie die Schriften des alten Testamentes durch Fälschungen und unrichtige Auslegungen verunstaltet werden; 2) ein Bericht 101 Beschwörung für Diejenigen, welche das Buch (des Petrus) erhalten, genannt, nachwelchem Jacobus, der Bitte des Petrus willfahrend, die Priester versammelt und ihnen die Beschwörungsformel vorschreibt, welche Jene sagen müssen, die in Zukunft das ihm von Petrus zugeschickte Lehrbuch erhalten sollen; 3) ein Brief des Clemens an Jacobus, worin diesem Clemens den Tod des Petrus, seine Einsetzung durch denselben als Bischof von Rom meldet und endlich des ihm von Petrus gewordenen Auftrages hauptsächlichsten Inhalt seiner (des Petrus) auf den verschiedenen Reisen gehaltenen Lehrvorträge dem Jacobus zu berichten, erwähnt. Hieran schließt sich unmittelbar die Mittheilung derselben in den zwanzigHomilien an, die gleichfalls in Form eines Briefes von Clemens verfaßt und überschrieben sind: Clemens’ Auszug der Reisepredigten des Petrus; deren Inhalt ist (mit Ausnahme des darin entwickelten Lehrbegriffes, welcher der bessern Übersicht wegen getrennt dargestellt wird) folgender:
Clemens, ein römischer Bürger, lebt in Folge seiner ernsten und düstern Gemüthsstimmung als Jüngling rein und mäßig; vergebens sucht er auf die stets in seinem innern wiederkehrende Frage: ob es ein Leben nach dem Tode gebe, in den Schulen der Philosophen befriedigende Aufklärung; schon will er nach Ägypten reisen, um sich daselbst bei einem Necromanten durch einen zum Leben zurückgerufenen Todten über die Unsterblichkeit der Seele belehren zu lassen, was ihm jedoch ein Freund als sündhaft und schädlich abräth. Da faßt er auf die in Rom von einem Manne geschehene bestimmte Verkündigung, der Sohn Gottes sei in Judäa erschienen und verheisse Jedem das ewige Le- 102 ben, der den Willen des Vaters thue, den Entschluß, nach Judäa zu reisen (hom. I. 1—8.). Allein durch ungünstige Winde wird Clemens nach Alerandrien verschlagen, wo er den Barnabas hört und kennen lernt; dieser reiset nach einigen Tagen nach Judäa ab, Clemens ihm später nach und wird in Cäsarea-Stratonis von Barnabas bei Petrus eingeführt; diesem offenbarte er seine Zweifel, wird von ihm in den Grundlehren des Christenthums belehrt und beschließt, von der Wahrheit derselben überzeugt, beständig bei Petrus zu bleiben, der ihm auch mittheilt, daß er morgen mit dem Magier Simon disputiren werde (hom. I. 17—21.) Am folgenden Morgen setzt Petrus den Unterricht des Clmens fort; dieser erfährt sodann von Aquila und Nicetas, zwei angenommenen Kindern der Syrophönicierin Justa (derselben, deren Tochter Christus von einer schweren Krankheit geheilt hatte), welche, mit Simon zusammen erzogen und Anfangs befreundet, später zur christlichen Religion bekehrt wurden und jetzt zu den beständigen Begleitern Petrus gehörten (hom. II. 1—21), über den Magier Simon Folgendes: Simon sei aus Gitthä in Samarien gebürtig seine Eltern seien Antonius und Rachel gewesen. Jn Alexandrien habe er die Magie gelernt, sei dann der bewährteste von den 30 Schülern Johannes des Täufers gewesen, nach dessen Tode er sich durch List zu deren Meister gemacht habe; hierauf habe er sich mit der Helena vermählt, die er für die Allmutter, die Substanz und Weisheit ausgegeben wie er sich selbst für eine Incarnation der höchsten Kraft gehalten wissen wollte; durch seine mit Hilfe der Magie gewirkten Wunder gewann er sehr viele Anhänger; da er endlich sogar einen Mord beging, trennten fich Aquila und Nicetas von ihm. Es folgt eine Belehrung, welche Petrus dem Clemens über Simon und sein Verhältniß zu diesem ertheilt (hom. II. 22—34), während welcher Zachäus mit der Nachricht kommt, daß Simon die Disputation auf den folgenden Tag verschoben habe; unterdessen theilt Petrus dem Clemens den Gegenstand der Disputation mit und stärkt ihn für dieselbe (hom. II. 35—53). Am folgenden Morgen 103 wird Petrus von Clemens und den Übrigen im Gebete gefunden, die gestrige Unterredung fortgesetzt, bis Zachäus meldet, daß Alles zur Disputation bereitet sei, zu welcher Petrus sich durch ein Gebet stärket, welchem der noch nicht getaufte Clemens nicht beiwohnen darf. Die Disputation dauert drei volle Tage; Simon wird überwunden und flieht am vierten Morgen nach Tyrus in Phönizien, wohin ihm Petrus nach einiger Zeit nachfolgt, nachdem er zuvor den Zachäus zum Bischof von Cäsarea eingesetzt, Viele getauft und den Clemens, Aquila und Nicetas nach Tyrus vorausgeschickt hatte, um von ihnen über das Treiben des Magiers Bericht zu erhalten (hom. III. 1—73). Diese kehren nach dem Befehle des Petrus in Tyrus bei Berenice, der Tochter ihrer Adoptivmutter Justa, ein und erfahren von dieser, daß Simon wegen seiner vielen und großen Wunder vom Volke für einen Gott gehalten werde und er seine Gegner bei Gelegenheit eines von ihm gegebenen Gastmahles mit mancherlei Krankheiten behaftet habe; daher mögen sie vor der Ankunft des Petrus Nichts gegen Simon unterneh^ (hom. IV. 1—6). Am folgenden Morgen aber erhalten sie die unerwartete Nachricht, daß Simon plötzlich von Tyrus nach Sidon abgereist sei und von seinen Schülern nur den alexandrinischen Grammatiker Apion, den Astrologen Annubion und den Epicuräer Athenodorus zurückgelassen habe, was sie sogleich dem Petrus berichten. In der Stadt begegnen sie hierauf jene früher erwähnten Schüler des Simon, von denen Apion mit Clemens, den er von Rom her kannte, ein Gespräch anknüpft. Dasselbe wird bald auf religiöse Gegenstände gelenkt und in den Gärten eines reichen Freundes von Apion fortgesetzt; in demselben erklärt Clemens den Unterschied zwischen Gewohnheit und Wahreit und führt durch, daß das Heidenthum in seinen verschiedenen Gestaltungen eine Religion der Unsittlichkeit sei. (hom. IV. 6—25). Dieß beweist Clemens bei der am folgenden Tage fortgesetzten Unterredung, welcher Apion, angeblich krank, nicht beiwohnte, durch einen bestimmten Fall seinen eigenen Erlebnissen. Als er nämlich zu Rom 104 in Folge seiner düstern Gemüthsstimmung krank geworden, besuchte ihn Apion, dem er auf die Frage nach der Ursache der Krankheit, weil er den wahren Grund der Krankheit dem Manne, welcher das Judenthum auf das heftigste haßten, nicht sagen mochte, eine leidenschaftliche Liebe für ein Mädchen angab. Sein Anerbieten, Clemens durch magische Mittel in ihren Besitz zu setzen, entschieden abweisend, willigte er in seinen Vorschlag ein, sie brieflich zu überreden, sich ihm hinzugeben. Noch in derselben Nacht verfaßte Apio eine Schrift „das Lob der Unzucht" und übergab sie Clemens zur Besorgung an das Mädchen. Diesen Brief theilte nun Clemens den Anwesenden mit, in welchem Apion jenes Mädchen mit Hinweis auf das Beispiel und den Willen der Götter auffordert, sich ohne Bedenken den Lüsten hinzugeben; hierauf liest Clemens jenes Schreiben vor, welches er unter dem Namen jenes erdichteten Mädchens als Antwort verfaßt und dem Apion gegeben hatte, in dem dasselbe mit Abscheu jene Aufforderung zurückweist, jene vermeintlichen Götter Magier und Tyrannen nennt und sagt, sie habe von einem Juden gelernt, was Gott wohlgefällig sei. Dadurch wird Apion in seinem Hasse gegen die Juden bestärkt, verließ aber, nachdem ihm Clemens die Wahrheit entdeckt hatte, sogleich Rom, und heute sehe ihn Clemens seither zum ersten Mal; darauf gehen Alle nach Apions Haus und setzen daselbst das Gespräch über das Heidenthum fort (hom. V. 1—30). Am nächsten Tage sucht Apion, dem seine Genossen die Erzählung des Clemens mitgetheilt hatten, das Heidenthum zu vertheidigen, indem er vorgibt, jene Schandthaten der Götter seien nur Mythen, deren wahrer Sinn nur durch allegorische Deutung aufgeschlossen werde, die er und später auch Clemens ausführt; aber auch diese Ansicht verwirft Clemens und erklärt die Dämonen für die Urheber des Götzendienstes. Während Clemens noch redet, kommt Petrus von Cäsarea an. Apion mit Annubion und Athenodorus entfernen sich, die Übrigen gehen ihm entgegen und erzählen ihm das Vorgefallene, worauf Petrus den Clemens wegen seiner Reden und Thaten belobt (hom. VI. 1—26). Die wenigen Tage 105 seines Aufenthaltes in Tyrus benützt Petrus zur Belehrung des Volkes in den Hauptlehren des Christenthums; Viele werden belehrt und getauft; nachdem Petrus einen seiner Begleiter zum Bischofe eingesetzt, eilt er dem Simon nach Sidon nach (hom. VII. 1—5). Jener aber flieht vor Petrus von Sidon nach Berytus, von wo Petrus, nachdem er gleichfalls in wenigen Tagen Viele bekehrt und kirchliche Anordnungen getroffen hat, dem Magier nach Berytus folgt (hom. 7, 5—8). Daselbst will Simon ein gerade bei der Ankunft entstandenes Erdbeben benutzen, um das Volk gegen ihn zu hetzen. Petrus aber überredet das Volk, den Simon zu meiden, worauf dieser mit seinem Anhang aus der Stad hinausgetrieben wird. Petrus kündigt sich als den Schüler des wahren Propheten an, heilt durch sein Gebet sehr viele Kranke und gewinnt viele Anhänger; von Berytus eilt er nach wenigen Tagen nach Byblus, und da er hier den Magier nicht mehr trifft, folgt er ihm sogleich nach Tripolis (hom. VII. 9—12). Eine große Menge aus Tyrus, Berytus und Byblus folgt dem Petrus nach Tripolis, wo er mit seinen engeren Freunden im Hause des Maroon einkehrt. Hier nun entwickelt Petruse um den schädlichen Einfluß des Simon zu vertilgen, seine Lehre von der Schändlichkeit des Heidenthums und fordert zur Verehrung des e i n e n Gottes auf, wodurch allein sie hienieden vor dem Einflüsse der Dämonen, jenseits vor den ewigen Strafen verschont bleiben würden; drei Monate setzt Petrus seine Predigten in Tripolis fort, während welcher er alle Kranke heilt und Viele für seine Lehre gewinnt (hom. X. 1—26; XI. 1—34); gegen das Ende dieser Zeit erfolgt die Taufe des Clemens. Nachdem Petrus das Volk nochmals vor Irrlehren gewarnt, schickt er einige seiner Anhänger nach Antiochien in Syrien voraus, setzt den Maroon zum Bischofe ein, erwählt Priester und Diakonen und reist dann selbst Antiochien (hom. XI. 35, 36). Am ersten Tage gelangen sie nach Orthosia; von hier schickt Petrus den Aquila und Nicetas mit einigen Anderen nach Laodicea und verspricht, ihnen in zwei oder drei Tagen nachkommen zu wol- 106 len; hierauf begibt er sich nach Antaradus. Eine zufällige Äusserung des Clemens veranlaßt Petrus, diesen um seine Familienverhältnisse zu fragen, worauf ihm Clemens Folgendes erzählt: Meine Eltern, Faustus und Matthidia, der kaiserlichen Familie verwandt, hatten ausser mir noch zwei ältere Söhne, Faustinus und Faustinianus. Gleich nach meiner Geburt mußte meine Mutter, wie mir mein Vater später mittheilte, Rom mit meinen beiden älteren Brüdern auf zehn Jahre verlassen und nach Athen gehen. Als aber mein Vater lange gar Nichts von ihnen vernahm und endlich erfuhr, daß sie gar nicht in Athen angekommen waren, enschloß er sich, selbst auf Reisen zu gehen und sie aufzusuchen. Seit dieser Zeit — ich war damals zwölf Jahre alt — habe ich nie wieder Etwas weder von meinem Vater noch meiner Mutter und meinen Brüdern gehört, höchst wahrscheinlich sind sie alle längst gestorben, da bereits zwanzig Jahre seit der Abreise meines Vaters verflossen sind (hom. XII. 4—11). Auf die Bitten einiger Begleiter unternimmt Petrus am folgenden Tage einen Ausflug nach der Insel Aradus; während die Übrigen sich entfernen, um die Merkwürdigkeiten der Insel zu besehen, bleibt Petrus zurück und knüpft mit einer alten Frau, die am Wege bettelt, ein Gespräch an; diese, um ihre Schicksale befragt, erzählt, daß sie früher in glänzenden Verhältnissen gelebt, ihr Mann dem kaiserlichen Hause verwandt gewesen und sie drei Söhne gehabt habe. Wegen sündhafter Nachstellungen von Seite des Bruders ihres Mannes habe sie beschlossen, auf längere Zeit die Heimath zu verlassen und zu diesem Ende ein Traumgesicht vorgegeben. So sei sie mit ihren beiden ältesten Söhnen von Rom abgereist, um nach Athen zu gehen, habe aber Schiffbruch gelitten, in welchem sie allein gerettet und auf diese Insel verschlagen worden sei. Hier von einer Frau, deren Mann auf einer Seereise ertrunken sei, freundlich aufgenommen, habe sie lange Zeit gelebt; jetzt aber, da sowohl jene erkrankt, als auch sie selbst an beiden Händen gelähmt und zur Arbeit unfähig sei, müsse sie durch Betteln ihr Leben fristen (hom. XII. 12—18). So ergibt 107 sich, daß sie Matthidia, die todtgeglaubte Mutter des Clemens, sei, und es erfolgt die erste Scene des Wiedererkennens. Auf die Bitte der Matthidia gibt Petrus ihrer Wohlthäterin, wie ihr selbst, die Gesundheit wieder. Noch an demselben Tage segeln Petrus, Clemens, Matthidia mit den übrigen Begleitern nach Antaradus zurück. Petrus knüpft an die Bitte der Matthidia verschiedene Belehrungen (hom. XII. 19—33). Von Antaradus geht die Reise weiter über Balanäa, Palkus, Gabala nach Laodicea, wo sie mit Aquila und Nicetas wieder zusammentreffen. Beide sind, wie sich jetzt offenbart, die vermeintlich bei jenem Schiffbruch ertrunkenen Brüder des Clemens, Faustinus und Faustinianus. Sie waren in der Nacht, in welcher das Schiff scheiterte, von Seeräubern gefangen genommen und als Sclaven an eine Frau, Namens Justa, verkauft, von ihr aber an Kindes statt angenommen worden. Jetzt ist es sehnlichster Wunsch der Mutter, sogleich getauft zu werden, welchen aber Petrus erst dann erfüllen zu dürfen erklärt, wenn sie sich dazu durch ein eintägiges, gerade aus diesem Grunde übernommenes Fasten vorbereitet habe (hom. XIII. 1—12); den noch übrigen Theil des Tages redet Petrus über die Tugend der Keuschheit (hom. XIIl. 13—21). Ganz früh am folgenden Tage findet die Taufe der Matthidia im Meere statt. Während die drei Söhne ihre Mutter nach Haus begleiten, hält sich Petrus noch länger auf, da ein alter Mann, der von fern die ganze Taufhandlung mit angesehen hatte, zu ihm herarntritt; Mitleiden, sagt er zu Petrus, habe ihn ergriffen, als er sie nach der Taufe habe beten sehen, da es keinen Gott, keine Vorsehung gebe, sondern Alles einer eisernen Nothwendigkeit unterliege. Aus dem weiteren Gespräche erkennt Petrus, daß es Faustus, der Vater des Clemens, sei. So erfolgt die dritte Scene des Wiedererkennens (hom. XIV. 1—10). Nach der ersten Freude des Wiedersehens kommt Gespräch auf die Behauptung des Faustus, daß Alles nach einem unabänderlichen Fatum geschehe, zurück. Da aber weder Faustus noch Petrus in den mathematischen und astrologischen Kenntnissen bewandert sind, so erbietet sich 108 Clemens, mit dem astrologischen Annubion im Beisein seines Vaters zu disputiren, sobald sie nach Antiochien, wo jener mit Simon sich aufhalte, gekommen wären (hom. XIV. 11, 12). Der folgende Tag vergeht mit religiösen Unterredungen, in welchen Petrus besonders dem Faustus die Existenz einer göttlichen Vorsehung durch den Hinweis auf sein eigenes wunderbares Schicksal zu beweisen sucht, wodurch auch Faustus, wenngleich noch nicht überzeugt, so doch mächtig erschüttert wird (hom. XV. 1—11). Schon will Petrus am folgenden Tage vor dem versammelten Volke in Gegenwart des Faustus die Lehren der wahren Religion zusammenhängend entwickeln, als er die unerwartete Nachricht erhält, daß Simon mit Athenodorus und einigen Anderen von Antiochia angekommen sei. Schon tritt auch Simon selbst in die Versammlung herein und sucht den Faustus von Petrus abwendig zu machen. So beginnt denn eine heftige Disputation, die drei Tage dauert; von einer Behauptung wird Simon zur andern zurückgedrängt, dreimal gibt er fremde Ansichten für die seinigen aus, immer wird er sogleich widerlegt, seine wahre Überzeugung wird endlich von Petrus aufgedeckt (hom. XVIII. 12) und auch diese in ihrer Nichtigkeit gezeigt (hom. XVI. — hom. XVIIl. 20). Nun will Simon Nichts mehr von Petrus hören, da diesen Nichts bewegen könne, Etwas zu glauben, was gegen den Weltschöpfer gesagt sei, und ist im Begriffe, sich zu entfernen; Petrus aber ruft ihn zurück und beweist, daß man den Schöpfer, selbst wenn er ein schlechtes Wesen wäre, lieben müsse, und da Simon Dieß nicht thue, sei er ein Diener der Bosheit, ohne es zu wissen. So ist nun Simon ganz überwunden; doch nochmals versucht er Petrus in die Enge zu treiben durch die Frage, woher das Böse entstanden sei; aber auch da muß Simon weichen, worauf Petrus mit seinen Begleitern ein Privatgespräch über den Teufel hält (hom. XVIII. 21 — hom. XX. 11) . Unterdessen sind Apion 109 und Annubion auch angekommen, und Faustus geht, den Apion zu besuchen, wird aber von Simon verwandelt und kehrt mit dem Gesichte des Simon zurück; diese Verwandlung benützt Petrus gegen Simon, indem er dem Faustus verspricht, ihn wieder zu heilen, wenn er nach Antiochien,.vo Simon viele Anhänger gewann, gehen und daselbst unter der Gestalt des Simon Alles, was dieser gegen Petrus vorgebracht, reumüthig widerrufen wolle; Dieß geschieht auch, und nachdem diese List des Petrus den besten Erfolg mit sich gebracht, ordnet Petrus die in Laodicea gegründete Gemeinde und reist ebenfalls nach Antiochia ab (hom. XX. 11—23).
In diesem Rahmen der wahrhaft romantischen Erzählungen von dem Leben des Clemens ist auf eine überaus geschickte und sinnreiche Weisel in Disputationen, öffentlichen Vorträgen und Privatgesprächen das Lehrsystem des Pseudo-Clemens stückweise eingefaßt, das nun aus der Hülle gelöst und organisch geordnet zur Darstellung kommen soll; doch dürfen wir nicht erwarten, daß dasselbe ein einheitliches, klar logisch durchgeführtes System sei, vielmehr begegnen uns in dem Clementinischen Lehrgebäude häufig genug einander widersprechende Anschauungen, da einerseits in demselben zwei entgegengesetzte Interessen, das metaphysische oder gnostische und das ethische oder praktische, abwechselnd in den Vordergrund treten und andererseits viele Consequenzen des Princips theils ganz unterdrückt, theils wenigstens 110 abgeschwächt sind, hingegen so Manches unmotivirt, nach den Grundanschauungen unerklärt und unerklärbar dasteht.
Das Ziel des Menschenlebens, davon geht Pseudo-Clemens in seiner Darstellung aus, ist: das höchste Gut zu erlangen (II. 5); hiezu aber bedarf es einer Erkenntniß des Wesens der Dinge und der Wesenheit Gottes, d. h. überhaupt einer Erkenntniß der Wahrheit; diese aber kann der Mensch nicht durch sich selbst erlangen, einmal schon aus dem Grunde nicht, weil er sie schon kennen müßte, um sie als Wahrheit zu erkennen; denn würde er sie auch finden, so würde er, weil er sie nicht kennt, doch an ihr vorüber gehen, als ob sie es nicht wäre (II. 6); sodann ist Jeder geneigt, das für wahr zu halten, was ihm angenehm ist, daher dem Einen Dieß, dem andern Jenes als wahr erscheint (II. 8), wie Dieß die Philosophen der Griechen und Barbaren durch ihre verschiedenen Systeme beweisen (II. 7); alles Dieß mußte Clemens selbst an sich erfahren. Weil nun für den Menschen absolut unmöglich ist, durch sich selbst zur Erkenntniß der Wahrheit, vermittelst dieser aber durch ein Gott wohlgefälliges Leben zum höchsten Gute zu gelangen, ist eine Offenbarung Gottes nothwendig.
Gott hat sich ursprünglich in der Schöpfung geoffenbart, diese Uroffenbarung ist durch die Sünde verdunkelt (I. 18), deßhalb bedarf es einer fortgehenden Offenbarung; diese nun wird einzig und allein vermittelt durch den wahren Propheten (II. 12 und anderwärts); diesen zu finden ist demnach von der höchsten Wichtigkeit, aber ist nicht schwer, denn Gott, der für Alle sorgt, hat die Entdeckung desselben durch solche Merkmale des wahren Propheten leicht gemacht, daß weder Barbaren noch Griechen unvermögend sind, zu finden (II. 9); diese Merkmale nun sind folgende:
der wahre Prophet hat den Geist Gottes beständig und Etwas, was den innerstenKern seiner Persönlichkeit ausmacht, durch den er, ohne unterrichtet zu sein, die göttlichen Wahrheiten weiß (II. 10);
hat der wahre Prophet ein klares Bewußtsein von Dem, was er verkündigt, und verkündiget daher auch Alles klar und bestimmt, 111 wie Adam (III. 26) und Christus (III. 15);
der Prophet der Wahrheit ist allwissend, d. h. er weiß zu jeder Zeit Alles, das Vergangene, das Gegenwärtige, das Zukünftige (II. 6) und zwar Alles auf das allergenaueste, auch die Gedanken eines Jeden; die Wahrheit zu sagen, ist so sehr seine Natur, daß es ihm unmöglich ist zu lügen (II. 6, 14) gerade so, wie
seine Unsündlichkeit nicht bloß darin besteht, baß er keine Sünde begeht, sondern daß er nicht einmal sündigen kann (lI. 6, III. 11, 17). Solcher wahrer Propheten gibt es sieben: Adam, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jacob, Moses, denen sich zuletzt noch Jesus anschließt; diese sind die sieben Säulen der Welt (XVI. 14), welche als Söhne des künftigen Reiches in diese Welt nach einander kommen (II. 15), oder es ist vielmehr ein und derselbe wahre Prophet, der von Anfang an, die Namen und Gestalten wechselnd, die Welt durchläuft, bis er mit Gottes Erbarmen gesalbt auf ewig Ruhe haben wird (III. 20). Alle diese Männer haben Nichts selbst aufgeschrieben, sondern in mündlicher Überlieferung sollte das Gesetz fortgepflanzt werden (III. 47) und die Wahrheit sich als Geheimlehre von Geschlecht zu Geschlecht in ihrer Reinheit erhalten, damit sie nicht der Verspottung preisgegeben werde (II. 11, 12); hat sich nun gleichwohl auf diese Weise die Wahrheit von Anfang an bis auf Christus als Geheimlehre fortgepflanzt, so war die Zahl Derer, welche an derselben Theil hatten, stets, auch unter den Juden, eine sehr geringe; die Wahrheit zum Gemeingut Aller zu machen erschien der göttliche Geist zuletzt in Jesu (III. 19, XI 29). Mit ihm schließt die Reihe der wahren Propheten, die Apostel sind keineswegs Propheten, sondern nur des Propheten Schüler (XVIII. 7), zur authentischen Vermittlung der Wahrheit einzig durch den persönlichen Umgang mit Jesus und durch dessen lebendiges Wort der Mittheilung und Belehrung befähigt (XVII. 13—20); ebenso müssen alle Diejenigen, welche als Lehrer auftreten wollen, durch persönlichen Umgang mit den Aposteln dazu befähigt sein (Xl. 35); auf diese Weise wird die Wahrheit, mündlich geoffenbart, durch die ununterbrochene Reihe der Bischöfe, der Nachfolger der 112 Apostel, in voller Reinheit erhalten und den Menschen vermittelt (Brief des Clemens an Jacobus 19). Von der wahren oder männlichen Prophetie unterscheiden die Clementinen die falsche oder weibliche, die Prophetie des Irrthums, der Lüge, deren Princip Eva ist, sowie Adam das der wahren Prophetie ist; die Eigenthümlichkeit der falschen Propheten besteht darin, daß ihnen nur in einzelnen Momenten Offenbarungen zu Theil werden (III. 13), daher in der Unklarheit und Dunkelheit der Aussprüche, in mannigfachen Widersprüchen, Verheißungen irdischen Glückes und Anreizungen zum Götzendienst (III. 13, 14, 23 ff.); daß unter diesen falschen Propheten vor Allem die Propheten des alten Bundes zu verstehen seien, geht aus III. 53 hervor, wo zum Beweise, daß die weiblichen Propheten nicht zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen seien, der Ausspruch Christi: „Viele Propheten und Könige sehnten sich zu sehen, was ihr sehet" u. s. w. (Matth. 13, 17) angeführt wird und aus III. 38. — Hat nun der Einzelne nach diesen Merkmalen den wahren Propheten oder dessen Schüler erkannt, was ebenso leicht als untrüglich geschehen kann, dann ist es seine Pflicht, dessen Verkündigung sich mit unbedingtem Vertrauen hinzugeben, ohne das Einzelne zu prüfen, selbst wenn es der Vernunft entgegen zu sein scheinen sollte (l. I9, Il. 11); ist aber so durch diesen Anschluß an die durch den wahrern Propheten vermittelte Offenbarung die Wahrheit, welche in ihrer Totalität dem Menschen keimähnlich innewohnt, einmal enthüllt, dann erkennt der Mensch selbst die Wahrheit (I. 19), welche er zuerst auf bloße Auctorität angenommen hat, und das Wahre sprudelt aus ihm hervor aus dem innewohnenden reinen Sinn (XVII. 17). Nachdem wir bisher den Weg kennen gelernt, der nach den Clementinen den Menschen zur Erkenntniß der Wahrheit fuhrt, haben wir nun diese selbst, wie sie der wahre Prophet als Träger der göttlichen Offenbarung ankündiget, zu betrachten.
Wie der wahre Prophet immer als derselbe wiederkehrt, so ist auch die von ihm geoffenbarte Religion dieselbe stets (XVIII. 3), 113 es gibt keinen Fortschritt, sondern nur ein stetes Wiederkehren derselben e i n e n Religion, der Uroffenbarung in Adam (III. 10); der reine Mosaismus und das Christenthum sind identisch; Christus unterscheidet sich von den früheren Erscheinungen der wahren Propheten nur dadurch, daß er die bisher auf das jüdische Volk beschränkte Offenbarung nunmehr Allen, Juden und Heiden, verkündiget (I. 11), und ferner dadurch, daß nach seiner Lehre zu beurteilen ist, was vom Mosaistnus alt, echt und rein, daher zu behalten sei, da ja Christus gekommen ist, das Gesetz zu erfüllen, nicht aufzulösen, daher Alles, was er vom alten Testamente abschaffte, nicht das Reine und Ursprüngliche, sondern nur das durch spätere Verfälschungen und Entllungen dazu Gekommene sein kann (III. 51). Das dem reinen Mosaismus und dem Christenthum gemeinsame Grunddogma aber ist die Lehre von dem einen Gott, dem Weltschöpfer (II. 12, 45, III. 37 u. v. a.); während das Dasein Gottes überhaupt nur nebenbei gegen die Annahme eines eisernen Fatums oder eines blinden Zufalls gelehrt (IV. 12, 13, XIV. 4) und aus der weisen Anordnung des Weltganzen (VI. 19) und aus der oft wunderbaren Leitung der Menschen (XV, 4) bewiesen wird, betont Pseudo-Clemens keine Lehre so sehr und so oft, als die von der Einheit Gottes, stellt er überall, wo der Inhalt des Christentums kurz angegeben wird (z. B. XIII. 4), als das Erste Wir verehren einen Gott, ja nennt er als das Wesentliche der wahren Religion nur die Verehrung eines Gottes, des Weltschöpfers (XII. 23). Dieses Grunddogma vertheidigt er aber gegen den heidnischen Polytheismus, gegen die gnostische Trennung des höchsten Gottes vom Welt-Schöpfer und gegen die Behauptung der Gottheit Christi. Die Nichtigkeit des Polytheismus zeigt er durch den Nachweis, daß die Götter Menschen und zwar gottlose Menschen und Magier gewesen seien, welche der Volksglaube nach ihrem Tode zu Göttern erhoben habe (V. 23, VI. 21); dazu hätten das Menschengeschlecht die Dämonen verleitet (IV. 12, VI. 18), welche auch in Gestalt der Götzenbilder den Menschen 114 erscheinen, um göttlicher Ehre und der Opfer theilhaftig zu werden (lX. 14, 15). So wie daher der Polytheismus ein Dämonencultus sei, der seine tiefste Wurzel in der Schlechtigkeit der Menschen hat, die zur Beschönigung der eigenen Laster eine Mehrheit von schlechten Göttern einführten (IV. 12), so führt er auch zur Unsittlichkeit und ist namentlich vom nachtheiligsten Einfluß, wenn jene schändlichen Göttermythen schon dem kindlichen Alter mitgetheilt werden (IV. 12). Ebenso ist es Lüge, einen höchsten Gott anzuerkennen, daneben aber noch an mehrere andere Götter als unsern Herrn zu glauben (X. 14). Angenommen endlich auch, jene Erzählungen von dem Leben und den Thaten der Götter seien nur Fabeln, in welchen die Philosophen die von ihnen entdeckte Wahrheit eingekleidet hätten, sind sie doch, weil vielfach Ärgerniß verursachend, als Ausfluß der Lüge zu verwerfen (II. 7).
Gegen die Gnostiker, welche als den Weltschöpfer ein von dem höchsten und guten Gott getrenntes Wesen annahmen, erklärt und beweist Pseudo-Clemens an unzählig vielen Stellen (besonders in der XVIII. Hom.), daß der höchste Gott auch der Weltschöpfer sei, legt (XVIII. 22) dem Petrus sogar folgende Worte in den Mund: „Wäre auch der Weltschöpfer ein schlechtes, ja ein unvergleichlich schlechtes Wesen, so würde ich dennoch nicht ablassen, ihn allein zu verehren und seinen Willen zu erfüllen, da ja der Mensch nur ihm allein sein Dasein verdankt, also mit ihm durch die engsten und natürlichsten Bande verbunden ist.„ Endlich vertheidigen die Clementinen die Monarchie Gottes auch gegen die Behauptung der Gottheit Christi (XVI. 15 sf.) Ebenso wenig, als ihnen Christus ein gewöhnlicher Mensch ist, wird er von ihnen Gott genannt; denn alle jene großen Vorzüge, welche sie ihm zuerkennen, seine übernatürliche Entstehung (III. 17, 20) seine Allwissenheit und Unsündlichkeit, hat er mit allen übrigen wahren Propheten gemeinsam, deßgleichen die Benennung „Sohn Gottes“; gerade diese Benennung benützt Pseudo-Clemens (XVI. 15) zum Beweise gegen die Gottheit Christi, indem er also deducirt: dem Vater komme das Ungezeugtsein, 115 dem Sohne das Gezeugtsein zu; nun könne aber nur, wer in Allem einem Andern ähnlich sei, mit demselben Namen wie Dieser benannt werden, daher dem Sohne der Name „Gott„ nicht beigelegt werden dürfe; an derselben Stelle läßt er ferner den Petrus direct lehren: „Unser Herr hat weder das Dasein mehrerer Götter behauptet noch sich selbst genannt, sondern pries den glücklich, der ihn Sohn Gottes genannt hatte.“ Nachdem so die der Einheit Gottes entgegenstehenden Irrthümer widerlegt sind, werden auch als direkte Beweise für dieselbe angeführt: der Begriff „Gott„; zum Begriffe „Gott“ gehört, daß er Alles geschaffen, folglich kann Nichts, was ausser Gott da ist, da Alles geschaffen ist, mit Dem, der es geschaffen, verglichen werden X. 19, 20); ferner, daß er das allervollkommenste Wesen (X. 19), sodann, daß er unendlich ist; in dem Begriffe Unendlichkeit aber liegt es, daß es zwei unendliche Wesen nicht geben kann (XVI. 17); als zweiter Beweis gilt die weise Einrichtung der ganzen Welt, die Eintracht und Ordnung, welche überall herrscht und nothwendig voraussetzt, daß nur ein höchstes Wesen existirt; endlich beweist er die Einheit Gottes aus den „echten„ Stellen des alten Testamentes (III. 57, XV. 7). Über die Natur und Eigenchaften Gottes lehrt Pseudo-Clemens, vorzüglich vom ethischen Interesse geleitet: „Gott hat eine Gestalt, weil er die erste und einzige Schönheit ist, auch alle Glieder, nicht des Gebrauches wegen — da sein ganzes Wesen Gehör, Wahrnehmung, Bewegung, Thätigkeit, Wirksamkeit ist —, sondern des Menschen wegen hat er die schönste Gestalt, damit, die reinen Herzens sind, ihn sehen und sich freuen können für das, was sie erduldet“ (XVII. 7).
Dichtet er so, um die Menschen zur möglichst großen Liebe Gottes zu bewegen, Gott eine menschenähnliche Gestalt an, so weist er andererseits den hieraus etwa folgenden Einwurf von der Endlichkeit und Begrenzung des göttlichen Wesens zurück, indem er sagt (XVII. 8): Gott könne trotzdem seine Gegenwart und Wirksamkeit in’s Unendliche ausdehnen, gleich der Sonne, welche, obgleich von Luft umgeben, diese dennoch erleuchtet, 116 erwärmt, durchdringt; er stellte sich nämlich Gott als das glänzendste Lichtwesen vor, gegen das selbst die Sonne Fisterniß ist (XVII. 7); eben deßhalb ist er auch unsichtbar (XI. 4, XVII. 7, 16). nur dem Sohne kommt die unmittelbare Anschauung des Vaters zu, den Frommen erst dann, wenn sie bei der Auferstehung der Todten, in Lichtnaturen verwandelt, den Engeln gleich sein werden (XVII. 16). Von den Eigenschaften Gottes hebt er besonders die Gerechtigkeit und Güte hervor, deren Einheit und Verbindung in Gott er gegen die gnostische Trennung der Gerechtigkeit, als dem Weltschöpfer, und der Güte, als dem höchsten Gut zukommend, auf das nachdrücklichste behauptet (IV. 13, IX. 19, XVIII. 1—4); trotzdem und obgleich auch im ethischen Interesse die Gerechtigkeit Gottes höchst wichtig ist, scheint ihm doch vom spekulativen Standpunkte ein Widerspruch zwischen beiden zu sein, den er dadurch auszugleichen sucht, daß er die Ausübung der Strafgerechtigkeit dem Teufel (der linken Hand Gottes) zuschreibt. Neben diesen zwei Eigenschaften Gottes erscheint vom praktischen Interesse aus noch als die wichtigste die Allwissenheit Gottes, der Alles offenbar ist, nicht bloß unsere auch noch so verborgen begangenen Handlungen, sondern auch unsere verborgensten Gedanken (I. 11, II. 49, 50, III. 43, XVI. 13, VIII. 19, X. 13). Ausserdem erwähnen die Clementinen die Allmacht (III. 32 — 34, VII. 8, IX. 19), die höchste Weisheit (III. 34, 35), die Unermeßlichkeit (XVI. 17), die Allgegenwart (XVII. 8) und die Ewigkeit Gottes (II, 45). Daß neben diesem starren Monotheismus, der die Gottheit Christi direct leugnet, die christliche Trinitätslehre keinen Platz haben konnte, ist selbstverständlich; wir finden zwar in den Clementinen die Ausdrücke „Sohn Gottes" und „göttlicher Geist“, allein diesem sind nicht etwa Bezeichnungen der zweiten und dritten göttlichen Person, sondern der von Anfang an mit Gott aufs innigste — wie die Seele mit dem Leibe — verbundenen, dann bei der Schöpfung und Offenbarung aus Gott hervortretenden „Weisheit“; diese nun, sofern sie aus Gott heraustritt, als das wirkende Princip der Schöpfung und Offen- 117 barung heißt: „Sohn Gottes” (XVIII. 6), speciell aber nur als Medium der göttlichen Offenbarung: „göttlicher Geist“; obgleich hier durchaus keine gleichmäßige Benennung beibehalten und häufig auch dem „göttlichen Geiste” die Schöpfung zugeschrieben wird (XI. 22); ebenso wenig bleibt sich Pseudo-Clemens bezüglich der Auffassung der „Weisheit" gleich, da er sie bald als eine selbstständige Persönlichkeit (III. 19, XVI. 15), bald als eine unpersönliche, einmal von Gott ausgehende. dann wieder in Gott zurückkehrende Kraft darstellt (XIV. 12); wollten wir aber auch auf die ersteren Stellen mehr Gewicht legen, so haben wir schon früher gesehen, daß die Clementinen ihrem „Sohne Gottes“ eben deßhalb, weil er Sohn, d.i. gezeugt ist, die Gottheit absprechen; von einem Festhalten der dritten göttlichen Person in den Clementinen kaun aber schon gar nicht die Rede sein, da sie, wenngleich an manchen Stellen (III. 72, XI. 26) den hl. Geist und die höhere Natur in Christo auseinander haltend, doch an vielen anderen Stellen beide identifiziren. Welchen Sinn die bei der Taufe erwähnte „dreimalselige Anrufung" (IX. 19, 23; XIII. 4) oder gar die (XI. 26) ausdrücklich angegebene Form der Taufe, sowie die förmliche Doxologie (III. 72) haben soll, ist nicht zu bestimmen, wenn man sie nicht für unbewußte Beibehaltung christlicher Gebetsformeln halten will.
Die Lehre der Clementinen von der Schöpfung hängt mit ihrer Erklärung des Ursprungs des Bösen zuammen oder vielmehr hängt von dieser ab. Während Pseudo-Clemens in der Lehre von Gott bei dem starren Monotheismus des Judenthums beharrte, steht er in der von der Schöpfung auf halbem Wege, zwischen Christenthum und Gnosticismus gleichsam vermittelnd. Daß er diesen die Existenz einer ausser und neben Gott von Ewigkeit bestehenden Materie und deren durch einen Gott verschiedenen Weltbildner, Demiurg, geschehenen Gestaltung zur Welt verworfen und die Identität des Weltschöpfers mit dem einen höchsten Gott auf das eindringlichste gelehrt, wurde schon erwähnt; aber ebensoweit ist er der christlichen Lehre über die Schöpfung aus Nichts 118 entfernt, indem er die Welt, welche Gott aus Liebe zu den Menschen und wegen des Menschen erschaffen hat (III. 36), aus der Materie, welche bisher als eine Substanz in Got existirte, entstehen läßt. Als nämlich Gott die Welt schaffen wollte, ließ er die Materie aus sich emaniren; mit dieser Emanation aber wurde sie zwei- und vierfach gespalten in das Warme und Kalte, das Feuchte und Trockene; aus diesen vier Elementen formte Gott sodann die Welt in ihrer jetzigen Gestalt (XIX. 12, 13; III. 33); aus der Mischung der vier entgegengesetzten Substanzen sind demnach alle Dinge hervorgebracht; darin ist es auch begründet, daß das Gesetz des Universums — in physischer wie ethischer Hinsicht — das Gesetz des Gegensatzes oder der Syzygien ist. Gott selbst, welcher der Eine ist, hat Alles zweifach und gegensätzlich gespalten: Himmel und Erde, Tag und Nachts Licht und Feuer, Sonne und Mond, Leben und Tod (II. 15); während in dieser ersten Reihe der Syzygien das Große, Männliche vorangeht, ist in der zweiten Reihe der Syzygien die Ordnung eine umgekehrte (II. 16), hier geht das Kleine, Weibliche voran: Cain und Abel, Ismael und Isaak, Esau und Jakob, Aaron und Moses, Johannes der Täufer und Christus, Simon der Magier und Petrus; nur Adam und Eva machen eine Ausnahme und folgen der erstern Ordnung, nach welcher das Bessere dem Schlechteren vorangeht.
Die Beachtung dieses Syzygiengesetzes ist namentlich für die Unterscheidung der wahren und falschen Prophetie nach den Clementinen durchaus nothwendig (II. 15, III. 16). Den Ursprung des Bösen erklärt Pseudo-Clemens auf folgende Weise: Die von Ewigkeit her in Gott ruhende, aus Gott emanirte Materie ist beseelt (IX. 12), daher ihr auch eine gewisse Selbstthätigkeit zukommt (XI. 10); sie ist das, wenn auch nicht an sich Böse, doch die Keime des Bösen Enthaltende; aus ihren vier Grundstoffen entnahm der Teufel seine Bosheit (XIX. 12, 13); durch die Vermischung des Menschen mit derselben in Folge der Abstammung von Adam und Eva liegt in ihm der Keim des Bösen, die Möglichkeit des Sündigens (III. 27). Dem hienach nicht unbegründeten Vor- 119 wurfe, als leite er den Ursprung des Bösen aus Gott her, widerspricht er an vielen Stellen, wo er theils erklärt, das Böse sei nicht von Gott, sondern aus dem freien Willen der sich mischenden Grundstoffe, freilich nicht ohne den Willen Gottes, entstanden (XIX. 12, 13), theils direct das zurückführen des Bösen auf Gott eine Blasphemie nennt (XI. 8). Demnach erscheint das Böse in den Clementinen nothwendig gegründet in dem Gesetze der Syzygien, d. h. in dem Gesetze für alles creatürliche Dasein, sich in Gegensätzen zu entwickeln; Gott allein ist die Einheit, Alles, was ausser ihm da ist, zerfällt in Gegensätze, von der höchsten Stufe des creatürlichen Daseins, der Weisheit, der rechten Hand Gottes, welcher seine linke Hand, der Teufel, gegenübersteht, angefangen bis zu den niedrigsten Regionen hinab; nur durch das Bestehen und Mischen dieser Gegensätze konnte sich das creatürliche Leben entwickeln und vermehren, denn das Einfache ist auch das Unlebendige, Todte (XIX. 12).
Stellen die Clementinen so einerseits das Böse als eine naturnothwendige Folge der Eigenschaft des Creatürlichen hin, so behaupten sie anderseits, daß das Böse nur als ein Act der Freiheit auszufassen sei (XI. 8) und gerathen mithin in einen grellen Widerspruch mit sich. Ebenso wenig konsequent ist ihre Charakterisirung des Bösen; der Teufel, welcher als Fürst dieser Welt, als Führer der bösen Geister (VIII. 20, 21) dargestellt und Christus, dem Herrscher über die zukünftige Welt, entgegengestellt wird, liebt Gott nicht weniger als Christus (III. 5), erscheint nicht als stets böse, sondern oft nur als gerecht, da er in seiner Wirksamkeit von Gottes Willen, der ihm nur über die Bösen verliehen (XIX. 12), abhängig, das Strafgericht, dessen Ausübung Gottes unwürdig sei, an Gottes Statt über die Bösen hält (IX, 9; XV. 7). Um die Anschauung der Clementinen über die Sünde kennen zu lernen, müssen wir ihre Lehre von der Erschaffung des Menschen, dessen Natur, dem Eintritte der Sünde in das Menschengeschlecht und dem Falle der Engel betrachten. Der erste Mensch Adam ist unmittelbar von Gott geschaffen 120 (III. 17, 20) und von diesem als der Träger der göttlichen Uroffenbarung, als der erste wahre Prophet (oder die erste Erscheinungsform des einen wahren Propheten) mit der Weisheit oder dem göttlichen Geiste erfüllt; als solchem kommen ihm daher alle oben angeführten Eigenschaften des wahren Propheten zu, die Erzählung der Genesis vom Sündenfalle ist demnach unwahr (III. 21); da Adam nicht nur nicht sündigte, sondern auch nicht sündigen konnte, so müßte er auch von allen Schmerzen, von allen Übeln frei sein, da diese erst nach der Sünde eingedrungen sind (X. 4); ebenso konnte es nicht seine Schuld sein, daß er starb, vielmehr ist der Tod Naturnothwendigkeit und von Anfang an den den Menschen bestimmt (III. 24). Mit Adam bildet Eva die erste Syzygie; diese ist aus Adam hervorgegangen, wie die Weisheit aus Gott emanirt ist, und steht viel niedriger (XVI. 12); sie ist, wie schon früher erwähnt, das Princip der weiblichen oder falschen Prophetie. Der Mensch ist Herr der ganzen Schöpfung, die nur seinetwegen besteht (III. 36), und zwar deßhalb, weil er die Gestalt Gottes hat; er ist „nach dem Bilde und der Ähnlichkeit Gottes geschaffen" (X. 6, XI. 4) und verstehen die Clementinen unter dem ersteren, daß der Leib des Menschen die Gestalt Gottes hat, unter der Ähnlichkeit (ὁμοιότης, ὁμοίωσις) aber den Hauch oder Geist Gottes, mit welchem die Seele des Menschen gleichsam umkleidet ist (XVI. 16); vermöge der Abstammung von Adam, in dem der göttliche Geist wohnte, haben alle Menschen ebenso Theil an dem Geiste Gottes, wie ihnen durch ihre Abstammung von Eva auch das andere Princip, das weibliche, sinnliche, schwache, dem Ιrrthume und der Sünde unterworfene, die animalische Seele, welche der Weltseele verwandt ist, innewohnt, durch welches der in den wahren Propheten ungetrübt wohnende Geist Gottes geschwächt und verdunkelt wird (III. 27, IX. 12).
Gibt sich der Mensch nun der Sünde hin, dann entweicht der Geist Gottes; die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott ist verlierbar, während das Bild Gottes, das am Leibe des Menschen ausgeprägt ist, ein unverlierbares Eigenthum der menschlichen Natur 121 ist (X. 6, 7, XI. 4). Daraus folgt einmal, daß zwischen Adam, Christus und den übrigen Menschen (wenigstens den frommen) kein wesentlicher, sondern nur ein gradueller Unterschied besteht, ferner, daß es ganz consequent ist, wenn die Clementinen nur den Frommen Ewigkeit beilegen, da die animalische Seele, welche durch die Sünde der Gottähnlichkeit beraubt wird, als mit der Weltseele verwandt, an sich sterblich ist (III. 20, XVI. 10, an welch’ letzterer Stelle Bild mit Ähnlichkeit verwechselt ist), die Bösen aber zwar eine Zeit in jenem Leben fortbestehen lassen, um gerechte Strafe zu erhalten, dann aber vernichtet werden lassen (III. 6); damit stehen andere Stellen im grellen Widerspruch, wo von ewigen Strafen die Rede ist (IX. 9 u. a.) und direct gesagt wird, daß auch die Seelen der Gottlosen ewig seien (XI. 11). Jedenfalls lehren die Clementinen dem zu Folge wenigstens in den Frommen eine gewisse Trichotomie, da sie dieselben aus dem Körper, der animalischen Seele und dem Geiste Gottes zusammengesetzt erklären, während von diesen drei Theilen bei den Bösen der dritte, bei den wahren Propheten der zweite Theil fehlt. Da in den Clementinen auf diese Weise der Sündenfall mit seinen Folgen, wie die Bibel ihn erzählt, bestimmt geleugnet wurde, mußte das Eintreten der Sünde in die Menschenwelt auf eine andere Weise dargestellt werden. Konnte der erste Mensch Adam nicht sündigen, so war in seinen Nachkommen durch die Abstammung von Eva die Möglichkeit des Sündigens schon enthalten; sie konnten, da sie an der Natur des Adam und Eva gleichen Theil hatten, aus freiem Willen und eigener Kraft das Gute thun, wie das Böse (III. 27), und wirklich lebten auch die Menschen eine Zeit lang der durch Adam vermittelten Offenbarung gemäß, daher glücklich und im Überflüsse an allen Gütern (VIII. 10). Aber gerade dieser Überfluß machte sie undankbar gegen Gott, und so fielen sie ab von dem ihnen von Adam gegebenen Gesetze und von dem Glauben an Gott (VIII. 11). Erzürnt über den Undank der Menschen gegen Gott wollten die Engel der untersten Region sie beschämen und als strafwürdig darstellen durch ein in mensch- 122 lichen Körpern rein geführtes Leben; in diesen aber erwachten mit der Annahme eines menschlichen Körpers zugleich menschliche Begierden, sie vermischten sich mit den Weibern und wurden dadurch unfähig, sch wieder zum Himmel zu erheben. Aus dieser Vermischung mit den Weibern sind die Giganten entstanden, viel größer als die andern Menschen, aber kleiner als die Engel. Diese haben in ihrer bestialischen Rohheit zuerst Thierfleisch, dann Menschenfleisch gegessen („denn es ist kein großer Schritt vom Genusse des Thierfleisches zu dem des Menschenfleisches"); die übrigen Menschen folgten ihrem Beispiele, und so mehrten sich die Sünden und Laster. Deßhalb schickte Gott die Sündfluth, in der allein Noah mit seinen drei Söhnen und deren Frauen gerettet wurde (XIII. 12—17).
Die Seelen der umgekommenen Giganten, viel größer als die Menschenseelen, erhielten nun als ein neues Geschlecht mit den gefallenen Engeln einen neuen Namen, den der Dämonen, zugleich aber ein Gesetz, welches ihre Macht auf die einschränkte, welche sich mit freiem Willen ihnen hingeben, sei es durch Anbetung, durch dargebrachte Opfer, durch Blutvergießen und ähnliche Thaten (XIII. 18, 19); dagegen sollten sie den Frommen die schuldige Ehre erweisen, ja ihren Befehlen gehorsam sein und auf ihr Geheiß auch Andere, welcher sie sich bemächtigt haben würden, verlassen (IX. 19, X. 25). Sie haben ein beständiges Verlangen nach Befriedigung ihrer sinnlichen Lüste, was ihnen als geistigen Wesen nur durch Vermittlung der Menschen möglich ist (IX 10); deßhalb suchen sie auf alle mögliche Weise die Menschen in ihre Gewalt zu bringen, indem sie die Leidenschaften der Menschen benützen, die verschiedensten Gestalten annehmen und bald im Schlafe erscheinen, die Menschen erschrecken, Orakel geben, Opfer verlangen, ja in Gestalt der Götzenbilder auftreten (IX. 13, 14, 15). Hier möge die Lehre der Clementinen über die Engel einen Platz finden. Konnten sie schon Gott sich nicht als rein geistiges Wesen denken, so war Dieß ebenso wenig bezüglich der von Gott geschaffenen (III. 33) Engel der Fall; auch diese sind Lichtnaturen (XIII. 13, 18, XVII. 16) 123 bestimmter Gestalt und zwar einer weit größeren als die menschliche (VIII. 15); werden sie auch „unkörperlich (XVII. 16) genannt, so soll damit nur gesagt sein, daß sie nicht den grob sinnlichen Leib des Menschen haben. Diesen nehmen sie an, wenn sie den Menschen erscheinen sollen, da ihre eigentliche Lichtnatur von diesen nicht gesehen werden kann. Sie erfreuen sich der höchsten Seligkeit im Anschauen Gottes, wenn sie gleich Gott nicht in derselben Weise schauen wie der Sohn; sie sind dazu da, Gottes Befehle auszurichten (XVII. 16, VIII. 18); an Allem, was auf der Erde vorgeht, nehmen sie Theil; so freuen sie sich z.B. über den Tag der Taufe (XIV. 8). Es existiren unter ihnen verschiedene Rangordnungen, die auch räumlich getrennt sind und zwar so, daß, einer je höhern Stufe sie angehören, sie desto mehr von der Erde entfernt sind (VIII. 12). Die Kenntniß ihrer Namen ist von großer Bedeutung (III. 36). Als sittliche Wesen sind sie mit Freiheit ausgerüstet und können daher auch sündigen, wie Dieß ihr früher geschilderter Sündenfall zeigte. — Zur Lehre der Clementinen über die Sünde zurückkehrend, erübriget uns zunächst ihre Ansichten über die Folgen der in das Menschengeschlecht eingetretenen Sünde zu hören. Diese zeigten sich theils in der äusseren Natur, theils in ihrem Einflüsse auf die Natur des Menschen. Was zunächst die äussere Natur betrifft, so ward die reine Luft durch das viele vergossene Blut verpestet und mit Krankheitsstoff angefüllt, so daß die Menschen früh starben; die verunreinigte Erde brachte damals zuerst giftige und schädliche Thiere hervor, kurz Alles neigte sich zum Schlechteren (VIII. 17). Freilich wurde Dieß theilweise durch die Sündfluth aufgehoben, aber nur theilweise, da ja nach derselben dieselben Ursachen dieselben Wirkungen herbeiführen mußten; die Natur zürnt gleichsam dem sündigen Menschen (XI. 10).
Auf die Natur des Menschen hatte das durch das Gigantengeschlecht verursachte Überhandnehmen der Sünde höchstens die Wirkung, daß die Neigung zur Sünde stärker wurde; aber indem einestheils Pseudo-Clemens den Menschen einen Sclaven der Sünde nennt (IV. 23), betont er anderntheils viel 124 öfter und starker, daß der Mensch jederzeit die gleiche Freiheit zum Guten wie zum Bösen habe, daß seine geistigen Anlagen wesentlich dieselben geblieben seien, und behauptet sogar (VIII. 5): „Weder Mosis noch Jesu Gegenwart wäre nothwendig gewesen, wenn die Menschen von selbst den Willen gehabt hätten, so gesinnt zu sein, wie es der Vernunft gemäß ist„; und (XI. 3): „Glaubt mir, wenn ihr wollt, könnt ihr euch ganz und gar bessern;“ in diesen Worten wird als Folge der Sünde wohl die Nothwendigkeit neuer Offenbarungen zugegeben, um die durch die Sünde verdunkelte Erkenntniß wieder herzustellen, aber von einer Schwächung der moralischen Kräfte weiß Pseudo-Clemens Nichts. Diese Auffassung von den Folgen der Sünde hängt auf das innigste mit seiner Vorstellung von dem Wesen derselben zusammen. Wie die Sünde nur der aus der Materie genommenen animalischen Seele des Menschen entspringt, so wird auch diese durch die wirkliche Sünde berührt, der dem Menschen innewohnende Geist Gottes bleibt von derselben unbefleckt, ja er ist einer Befleckung geradezu unfähig; eben deßhalb steht es auch immer in der Macht des Menschen, sich der Sünde zu entziehen und dem Guten zuzuwenden. Die Sünde ist demnach nicht ein habitueller Zustand des Menschen, sondern nur eine einzelne Handlung desselben, daher auch die Erbsünde, abgesehen davon, daß sie Adam nicht begehen konnte, im Systeme der Clementinen unmöglich ist. Mit dieser Darstellung über das Wesen der Sünde mußte die eigentliche Bedeutung des neuen Bundes fallen; Christus ist nach den Clementinen nicht der Mittler und Erlöser von Schuld und Strafe, sondern nur der wahre Prophet, welcher die durch die Sünde verdunkelte Offenbarung Gottes dem Menschengeschlechte in reiner und gewisser Form wieder verkündete; mehr brauchte er auch nicht zu leisten; von seinem Erlösungstode ist nur einmal und da ganz nebensächlich die Rede (III. 19); das Verdienst und Werk Christi besteht in der Verkündigung der Wahrheit, nicht aber in der Vermittlung einer rechtfertigenden und heiligmachenden Gnade und dadurch eines neuen geistigen Lebens; von einer Sün- 125 denvergebung durch die Erlösungsgnade Christi weiß Pseudo-Clemens gar Nichts, ja er lehrt ausdrücklich, daß die durch die Sünde eingetretenen Übel nothwendig seien, damit Diejenigen, welche sich von ihrem sündhaften Leben zu Gott bekehren, durch die Ertragung von zeitlichen Übeln die begangenen Sünden abbüßen können, weil sie sonst die ewigen Strafen erleiden müßten (III. 6, XI. 16, XII. 11); deßhalb sagt er (VIII. 11), daß nach dem Eintreten der Sünde das Glück als etwas Schädliches verdrängt, dagegen das Unglück und die Leiden als etwas Heilsames eingeführt worden seien. Was hätte übrigens der Mittlertod Christi, der nicht Gott war, dem Menschen nützen können? Hieraus wird es zugleich noch deutlicher, daß die Clementinen Judenthum und Christenthum identifiziren konnten und mußten; allerdings nimmt der Verfasser nicht Alles von jenem auf, sondern nur das von Christus Bestätigte, den „ursprünglichen reinen Mosaismus“, anderseits wieder werden mehrere echt christliche Institutionen adoptirt; indem so mit der größten Inconsequenz und Willkürlichkeit das Eine verworfen, das Andere beibehalten wird, entsteht ein gar seltsames Gemenge von jüdischen und christlichen Kulthandlungen.
Ein abermaliger Grund, warum die Clementinen weder das Kreuzesopfer noch das Meßopfer anerkennen, erscheint in ihrer absoluten Verabscheuung aller Opfer; die jüdischen Opfer sind eine gräuliche Entstellung des reinen Mosaismus, da Opfer Gott höchst mißfällig, nur von den Dämonen eingeführt und das Charakteristische des heidnischen Gottesdienstes sind (IX. 7, 14); so sehr verabscheuungswürdig sind die Opfer, daß der Gläubige sich auch von Opfermahlzeiten, ja auch von den durch diese verunreinigten Heiden fern halten muß (XIII. 4). Von der Beschneidung ist in den Homilien selbst nirgends, nur in der „Beschwörung des Jacobus" einmal die Rede, wo ihr eine große Bedeutung beigelegt wird; desto mehr wird in den Homilien die Nothwendigkeit der Taufe zur Erlangung der Seligkeit betont (VIII^ 22, 23, XI. 25, 27, XIII. 13, 20, 21); wenngleich wegen der Ungewißheit der Lebensdauer der Empfang der Taufe nicht verschoben werden soll 126 (XI. 27), so muß demselben eine Zeit der Vorbereitung, deren Dauer sich nach dem sittlichen Zustande des Katechumenen richtet (bei Clemens dauerte sie 3 Monate, bei dessen Mutter nur 1 Tag), und ein wenigstens eintägiges, gerade deßwegen übernommenes Fasten vorhergehen (XIII. 9); sie muß nach dem Auftrage Christi im fließenden Wasser und auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes gespendet werden (IX. 19, XXI. 26); die Nothwendigkeit der Taufe (auch für die Gerechten) erscheint gewiß nicht als Consequenz des ganzen Systems, sondern wird (XI. 27) durch das ausdrückliche Gebot Gottes begründet; dennoch schreibt Pseudo-Clemens der Taufe einen Einfluß auf den Menschen zu, indem durch sie die Folge der aus sinnlicher Lust hervorgegangenen Geburt, die Neigung zur Sünde aufgehoben, ja sogar die Vergebung der früher begangenen Sünden ertheilt wird (XI. 26, VIII. 22); diese Wirkung derTaufe aber führt er nicht auf die durch Christus erworbene Gnaden sondern auf eine mystische Wirkung des Wassers zurück (XI. 24, 26). Der Eucharistie wird nur zweimal ganz flüchtig erwähnt (XI. 36, XIV. 1); an der zweiten Stelle wird ihr Genuß mit Salz erwähnt. Zum Bekenntnisse der Sünden fordert (im Begleitschreiben des Clemens 15. c.) Petrus die Gläubigen auf, damit sie durch dasselbe Erleichterung in der Krankheit erhalten. Die Ordination von Bischöfen, Priestern und Diakonen wird mehrmals erzählt; die Bischofsweihe an Clemens (Brief desselben c. 2) und Zachäus (III. 72) durch Händeaufiegung und Gebet vollzogen. Schließung von Ehen zu vermitteln, wird als hauptsächliche Pflicht den Priestern auferlegt (Brief des Clemens c. 7, III. 68.) Noch mehr nähert sich Pseudo-Clemens dem Christenthume in der Lehre von der Kirche. Nur in der Kirche ist Heil; denn die Kirche ist einem Schiffe gleich, welches im heftigsten Sturme Menschen von den verschiedensten Gegenden trägt, dessen Herr Gott ist, zu dessen Lenker von Gott Christus eingesetzt ist, der durch seinen sichtbaren Stellvertreter, den Bischof (III. 66), die Einzelnen zu Gott führt (III. 70).
Soll aber das Schiff der Kirche 127 sicher in den Hafen einlaufen, so muß auf demselben Einheit und Ordnung sein, d. h. die Kirche muß eine wohlgegliederte Verfassung unter einem sichtbaren Oberhaupte haben; dieses sichtbare Oberhaupt der Kirche, „Herr und Bischof der hl. Kirche„ (Brief des Petrus an Jacobus in der Aufschrift), Herr und Bischof der Bischöfe, welcher die Fürsorge über die heilige Kirche der Hebräer in Jerusalem und alle Kirchen, welche durch die allwaltende Vorsehung Gottes so herrlich begründet sind (Brief des Clemens in der Aufschrift), ist Jacobus, der Bruder des Herrn; lag die Be- 128 fähigung der Apostel zu ihrem Amte in dem persönlichen Umgänge mit Christus, so war eben Jacobus als „Bruder des Herrn“ vor allen übrigen Aposteln besonders befähigt und berufen und daher naturgemäß ihr Oberhaupt. Dieß war er überdieß auch als Bischof von Jerusalem, welches als der Mittelpunkt des Mosaismus und der Hauptschauplatz der denselben reinigenden Lehrthätigkeit Christi den Clementinen als Mittelpunkt der Kirche gilt; dem Jacobus muß Petrus jährlich einen schriftlichen Bericht über seine Predigten und seine Thätigkeit schicken (I. 20), mit Jacobus müssen nach Petri Erklärung alle wahren Verkündiger der göttlichen Lehre übereinstimmen (XI. 35), bei Jacobus in Jerusalem sollen die Lehren Petri aufbewahrt und vor Verfälschung gesichert werden (Brief des Petrus an Jacobus). Jacobus kann und soll daher für die Reinerhaltung der Lehre in der ganzen Kirche sorgen. Pflicht der übrigen Bischöfe ist es, in den ihrer Leitung anvertrauten Kirchen vor Allem über die Lehre zu wachen; damit sie aber ungehindert und mit ganzer Seele dem Lehramte obliegen können, ist es ihnen verboten, sich mit irdischen Geschäften zu befassen (Brief des Clemens c. 5). Die ihnen übertragene Binde- und Lösegewalt (Brief des Clemens c. 2) sollen sie aber nicht zu tyrannischer Herrschaft mißbrauchen, sondern ihre Heerde mit Milde und Sorgfalt bewachen, wie ein Vater die Beleidigten schützen, wie ein Arzt die Kranken besuchen (III. 64).
Den zweiten Platz nehmen die Presbyter ein; diesen liegt es im Allgemeinen ob, für die Vollziehung der vom Bischofe 129 gegebenen Befehle Sorge zu tragen (III. 67); insbesondere aber sollen sie für die frühzeitige Verehelichung der Jünglinge sorgen (Brief des Clemens c. 7, III. 68); auch ältere Leute sollen sie bewegen, in den Ehestand zu treten, um so Fleischessünden zu verhindern; ausserdem sollen sie die Streitigkeiten der Gläubigen unter einander beizulegen suchen (Brief des Clemens c. 10, III. 67). Die dritte Stelle kommt den Diakonen zu; diese haben gleichsam als die Augen des Bischofs die Aufsicht über den sittlichen Zustand der Gemeinde, sollen sehen, wer nahe daran sei zu sündigen, und sich über die betreffenden Heilmittel beim Bischofe Rath erholen, ferner die Kranken aufsuchen und der Gemeinde melden, damit die Gläubigen jene besuchen und unterstützen können; endlich haben die Diakonen die Abgaben der Gemeinde für die Geistlichen zu sammeln (Brief des Clemens c. 12, III. 67). Ob unter den Katecheten in den Clementinen eine eigene Stufe der Kleriker zu verstehen sei, bleibt zweifelhaft; denn bei der Ordination des Zachäus werden die Rechte und Pflichten der Bischöfe, Priester und Diakonen von Petrus erklärt, dann wieder den Gläubigen aufgetragen (III. 71), die Priester, Katecheten und Diakonen zu ehren; bei der Ordination des Clemens aber sagt Petrus zwar, daß die Katecheten unbescholten und wohl unterrichtet sein müssen, und scheint so, nachdem er vorher über das Amt des Bischofes, der Priester und Diakonen einzeln gesprochen, einen eigenen Stand der Katecheten anzudeuten, macht aber die Sache dadurch wieder undeutlich, daß er den Clemens, den er zum Bischofe bestellt hatte, zu den Katecheten zählt (Brief des Clemens e. 13); so also könnte Katechet möglicher Weise auch eine allgemeine Bezeichnung für die das Lehramt ausübenden Geistlichen sein, mögen sie nun im Ordo des Episkopates, Presbyterates oder Diakonates stehen. Dem ganzen Stande der Kleriker stehen die Laien entgegen, die auf dem Schiffe der Kirche die Passagiere vorstellen (Brief des Clemens c. 5); ihnen wird von Petrus vor Allem unbedingter Gehorsam und Achtung gegen den Clerus und insbesondere gegen den Bischof eingeschärft, da von diesem innigen und festen An- 130 schlusse an den Bischof ihr ewiges Heil abhängt; jede dem Bischofe zugefügte Beleidigung trifft Christus selbst. Jeder soll den öffentlichen, gemeinsamen Gottesdienst möglichst eifrig besuchen, weil er durch Fernhaltung von demselben Gefahr läuft, zu Grunde zu gehen; für den Unterhalt der Geistlichen haben die Laien durch verhältnißmäßige Beiträge zu sorgen, da es jenen verboten ist, sich um Irdisches zu kümmern, und wird (III. 71) eigens der Vorwurf zurückgewiesen, als ob auf diese Weise das Wort Gottes verkauft würde (Brief des Clemens c. 5, 17, III. 66, 70, 71). Ein eigenthümlicher, wesentlicher Unterschied zwischen Klerus und Laien liegt nach den Clementinen ferner darin, daß nur die Geistlichen die ganze, reine Erkenntniß der Wahrheit, die ja eine Geheimlehre ist, besitzen; weil das Christenthum und der (reine) Mosaismus identisch sind, ist es zur Seligkeit genügend, die eine oder die andere Religion zu kennen; aber eine höhere Gnosis hat der, welcher beiden in ihrer Einheit erkennt, ein Solcher ist „reich in Gott" (VIII. 7); diese höhere Gnosis nun kommt nur den Lehrern des Volkes zu (Brief des Petrus), die Erkenntniß vieler Wahrheiten, z. B. daß im alten Testamente Wahres mit Falschem vorliegt, eignet sich nicht für die Menge; deßhalb ist es nicht nur erlaubt, sondern auch Pflicht der Kleriker, solche Lehren nicht vorzutragen, ja die Unwahrheit zu reden, wo die Wahrheit dem Volke nachtheilig sein würde (II. 39, VII. 9). —
Von den heiligen Büchern des A.T. kennen die Clementinen nur den Pentateuch, aber auch diesem wird keine göttliche Auctorität zuerkannt; wie die wahren Propheten überhaupt nur mündlich gelehrt und Nichts geschrieben haben, so auch Moses; der Pentateuch ist daher nicht von Moses (schon deßhalb, weil in jenem der Tod des Moses berichtet ist; III. 47), sondern erst 500 Jahre später aufgeschrieben und im Tempel gefunden worden; nach eben so vielen Jahren wurde die Schrift verbrannt, und obgleich sie abermals hergestellt wurde, so hat sie doch noch öfter dasselbe Schicksal erfahren; immer wurde sie zwar auf’s Neue hergestellt, aber jedesmal mehr ver- 131 fälscht (II. 38, III. 47). Diese Verfälschungen rühren zwar vom Teufel her, Gott aber hat sie aus guten Gründen zugegeben, damit sich die Gesinnung des Menschen offen darlege (II. 38, III. 4, 5); denn da Jeder auf diese Weise in der Schrift finden kann, was er will, so offenbaret sich durch das, was er darin findet, seine Gesinnung (III. 5, 10, XVI. 10). Solcher unechter Stellen gibt es hauptsächlich zwei Arten; die erste umfaßt jene Stellen, welche etwas Unwürdiges von Gott aussagen (II. 40—45), die zweite jene, in welchen von Adam und den übrigen Gerechten des A. T. Anstößiges berichtet wird (II. 52, III. 43); nur jene Stellen sind echt, welche mit der Schöpfung der Welt und mit der Lehre Christi übereinstimmen (III. 42, 51). Nach der Theorie der Clementinen über die Fortpflanzung der Offenbarung ist es leicht erklärlich, daß in denselben von den hl. Schriften des N. T. nirgends die Rede ist; zwar werden aus ihnen viele Stellen angeführt (besonders aus den drei ersten Evangelien), aber sie erscheinen eben nur als mündliche Aussprüche Christi, keineswegs sind sie als Schrifttexte zitirt. — Endlich nehmen die Clementinen aus dem A. T. die häufigen Waschungen herüber, die wegen der innigen Wechselwirkung zwischen äusserer und innerer Reinheit dringend empfohlen, für besondere Fälle sogar zur Pflicht gemacht werden (VII. 8, IX. 23, 29, XI. 28. 30, 33). Bei der innigen Verbindung zwischen Dogmatik und Moral ist es selbstverständlich, daß das Moralsystem der Clementinen ihrem Lehrsystem entspricht; so wenig Pseudo-Clemens auf der alttestamentlichen Pflichtenlehre stehen bleibt, ebenso wenig kann er sich zu der Höhe der christlichen Sittenlehre erheben, während ihn zugleich seine falsche Gnosis, insbesondere seine Lehre von der Schöpfung und der Materie zu einseitiger falscher Ascese führte. An der Spitze der Tugenden steht die Liebe zu Gott und besonders die Gottesfurcht, vor Allem als die kräftigsten Mittel zur Vollbringung guter Werke und zur Vermeidung der Sünde (XII. 13, XVII. 11, 12); doch wäre es ungerecht, zu behaupten, daß die Liebe zu Gott nur als Mittel befohlen 132 wird, da sich auch einzelne sehr schöne Stellen über dieselbe finden, z.B. XVII. 7, 10.
Je mehr nun der Mensch zur Liebe und Dankbarkeit gegen Gott verpflichtet ist, ein desto schwereres Verbrechen ist der Undank und Mangel an Liebe zu Gott (XI. 23); deßhalb ist auch der Götzendienst eine unendlich schwere, ja die schwerste Sünde. Aus der Liebe und Furcht Gottes muß die allgemeine Menschenliebe hervorgehen, da man durch dieselbe Gott selbst ehrt (XI. 4, XVII. 7); sie besteht aus Mitleid und Liebe zum Nächsten d. h. zu allen Menschen, Guten und Bösen, Freunden und Feinden (XII. 26); Jeder soll den Nächsten lieben wie sich selbst und ihm das thun, was er für sich selbst wünscht (XII. 32); geht hierin Pseudo-Clemens weit über die Forderungen des jüdischen Sittengesetzes hinaus, so kann er doch die reine und echte christliche Feindesliebe nicht erfassen; eine solche Forderung, die so sehr der menschlichen Natur widerstrebt, konnte wohl Christus stellen, nicht aber Pseudo-Clemens, der von einer Gnade und einem Beistande Gottes Nichts wußte und den Menschen auf seine natürlichen Kräfte anwies. Daher schwächt er das Gebot Christi über die Feindesliebe also ab: „Hasset die nicht, welche zu hassen unrecht ist„ (VIII. 23) und: „Der Gerechte versucht auch seine Feinde zu lieben“ (XI. 20, XII. 32); durch die Vorstellung, daß unsere Feinde dadurch, daß sie uns Gelegenheit geben, Böses zu ertragen und so unsere Sünden abzubüßen, eigentlich auch unsere Freunde sind, sucht er das Wohlwollen gegen Jene zu erwecken, und wenn man nur, durch die Furcht vor Gott angetrieben, zuerst Werke des Mitleids gegen sie übe, so geselle sich von selbst später die Liebe hinzu (XII. 33). Eine vorzügliche Stelle nimmt auch die Tugend der Keuschheit ein; wie die Unkeuschheit eine der schrecklichsten Sünden ist, da durch dieselbe der Geist Gottes im Menschen befleckt wird und darum selbst der Mord nicht so schrecklich ist (III. 68), so ist die Keuschheit eine der größten Tugenden (XIII. 15—21); wie Unzucht und Ehebruch eng mit der heidnischen Vielgötterei verbunden sind (V. 10—26), so hängt mit der Erkenntniß und Ver- 133 ehrung e i n e s Gottes nothwendig die Keuschheit zusammen (V. 27); daraus, sowie deßhalb, weil er die dem natürlichen Menschen unfaßbare und ohne Gottes besondere Gnade unmögliche jungfräuliche Keuschheit nicht kannte, erklären sich die so häufigen Ermahnungen an die Priester, das frühzeitige Verheiraten der Jünglinge, sowie auch das Wiederehelichen selbst betagter Verwittweter mit allem Eifer zu besorgen (III. 68, V. 25). Schön und treffend ist die Schilderung von der Würde und Verdienstlichkeit des Ehestandes und von den Pflichten der Eheleute (XIII. 15—18). Daß diese Anschauung über die Ehe mit seiner Lehre über die Materie im Widerspruche stehe, scheint der Verfasser wohl gefühlt zu haben und sucht er daher denselben dadurch zu beseitigen, daß er (III. 26) den Ehestand als durch den wahren Propheten gesetzlich anerkannt erklärt.
Sehen wir nun, zu welchen Verirrungen die pseudo-clementinische Lehre von der Materie auf sittlichem Gebiete führte! Ist die Materie, wenn nicht absolut bösartig, doch dem göttlichen Wesen so wenig entsprechend, daß sie die Keime des Bösen enthält, ist der Herrscher derselben der Teufel, dann ist consequent jede Berührung derselben sündig und bringt den Menschen mit dem Teufel und seinen Dämonen in Verbindung; daher ist das Irdische von denen zu fliehen, welche Christo angehören, und das Streben des Menschen muß auf Entsinnlichung gerichtet sein. Diese ascetische Richtung, die, einem falschen Grunde entsprossen, auch nothwendig falsche Conseqenzen mit sich bringt, zeigt sich zuerst in dem Dringen auf die größte Mäßigkeitund Einfachheit in Speise und Trank; denn da die ungöttliche Weltseele, welche die ganze Materie und somit auch alle Speisen durchdringt, durch die Nahrung mit der Seele des Menschen vereinigt und die gröberen Theile der Nahrung im Körper wie ein Gift zurückbleiben (IX. 12) und so der fett gemachte Körper die Seele zu unerlaubten Lüsten hinzieht (VIII. 8), da auch die Dämonen selbst mit den Speisen in den Körper eindringen (IX. 9), dürften Diejenigen, welche dem künftigen Reiche angehören, durchaus Nichts von dem Irdischen 134 als das Ihrige betrachten, ja sie dürften gar Nichts genießen, wen nicht ein freiwilliger Tod unerlaubt wäre, daher nur der Genuß des Nothdürftigsten, „des Brodes und Wassern gestattet ist (XV. 7). Ferner wird, da „aller Besitz Sünde ist„ (XV. 9), die größte Armuth empfohlen und das Mittheilen zur Pflicht gemacht (III. 69, XII. 32), doch, „da Nacktheit unanständig ist,“ der Gebrauch der nothwendigsten Kleidungsstücke gestattet (XV. 7); zugleich wird aber auch gesagt, daß nicht jeder Arme Gott wohlgefällig sei, sondern nur der, welcher nicht mehr zu haben wünscht und sonst unbescholten lebt (XV. 10). Aus der Vorstellung von der verunreinigenden Wirkung der Materie erklärt sich auch das schon früher erwähnte dringende Empfehlen der äusseren Reinlichkeit. — Gleichwie aber nicht Alle die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle und Erhabenheit erkennen, so sind auch nicht Alle zur strengen und vollständigen Erfüllung des Sittengesetzes verpflichtet; der höheren Gnosis, welche die Geistlichen und insbesondere der Bischof besitzt, muß auch ein gleicher Standpunkt der Sittlichkeit entsprechen. So darf sich wohl das Volk, nicht aber der Bischof mit irdischen Dingen befassen; er muß vor allen Anderen das Ideal der Tugend darstellen, während für das Volk eine niedere Stufe hinreichend ist (Brief des Clemens c. 5, XI. 36). So genügt für die Menge die Enthaltung vom Opferfleische, etwas besonders Verdienstliches aber ist die Enthaltung von allem Fleische; so ist die Beschneidung nicht absolut nothwendig zur Seligkeit, wohl aber hat sie ein besonderes Verdienst. Der höheren Stufen der Erkenntniß und Vollkommenheit entspricht ein höherer Grad der Seligkeit in jenem Leben, daher den Bischöfen, sofern sie ihr Amt treu verwalten, vor Allen eine höhere Seligkeit zu Theil werden wird (III. 67, Brief des Clemens c. 4). 135
Der geschichtliche Theil der Recognitionen ist dem der Clementinen so ähnlich, daß es überflüssig ist, die höchst unbedeutenden Unterschiede näher anzugeben; zu erwähnen wäre höchstens, daß in den Recognitionen der Vater des Clemens nicht Faustus, sondern Faustinianus heißt, den Namen Faustus aber der in den Clementinen Faustinianus benannte Bruder des Clemens trägt; ferner wird (über die Homilien hinaus) am Schlusse von dem großen Erfolge der Predigt des Petrus in Antiochia, der Errichtung seiner Cathedrale daselbst und endlich von der durch Petrus vollzogenen Taufe des Vaters Faustinianus berichtet. Desto größer ist die dogmatische Verschiedenheit beider Schriften; wenn nämlich das ganze System der Clementinen auf der Behauptung derIdentität des wahren Juden- und Christenthums ruht, so mußte die Abweichung der Recognitionen in dieser Lehre auch mannigfache andere mit sich führen; die Recognitionen erkennen im Judenthume eine Vorbereitung auf das Christenthum und geben als die Bedeutung des letzteren an, das zu erfüllen, was an den Institutionen des Moses fehlte (I. 36, 39, 40); als Unterschied des Christenthums vom Judenthume wird (I. 43) der Glaube an Jesum Christum als an den erschienenen Messias bezeichnet. Wenn also die Clementinen behaupten, daß es 136 für die Juden zur Seligkeit genüge, dem Moses zu glauben, so erklart der Verfasser der Recognitionen (IV. 5), daß der Glaube an Christum auch für den Juden absolut nothwendig sei, und erkennt fehr wohl, daß nur wenige Juden an Christum glauben, die meisten feindselig gegen ihn gesinnt sind (V. 11).
Mit der Auffassung des A. T. als Vorbereitung auf das Christenthum fiel einerseits die Gleichstellung des Moses mit Christus, andererseits die dem Moses gegebene ganz singuläre Stellung unter den Propheten des A. T.; während nemlich die Clementinen nur den Moses als wahren Propheten anerkennen, welcher die Wahrheit nur mündlich wenigen Würdigen mitgetheilt habe, so daß sie selbst im Pentateuch schon vielfach entstellt erscheint, die übrigen Bücher des A. T., weil von falschen Propheten ausgehend, ganz zu verwerfen seien, nehmen die Recognitionen (II. 48) die Mittheilung göttlicher Offenbarungen auch an die übrigen Propheten des A. T. an und legen mithin allenSchriften des A.T. ein gleiches Ansehen bei; die in denselben sowie im Pentateuch vorkommenden scheinbaren Widersprüche und Abirrungen führen sie nicht auf einen vom Teufel und den falschen Propheten herrührenden Ursprung zurück; vielmehr suchen die Recognitionen dieselben durch Erklärungen zu beseitigen; so behaupten die Clementinen, daß alle jene Stellen des Pentateuch verfälscht seien, in welchen die jüdischen Opfer vorgeschrieben werden; die Recognitionen leugnen Dieß und sagen, daß die Opfer zwar von Moses angeordnet waren und daher von Juden gebracht werden mußten, daß sie aber jetzt, nach Erscheinen Christi, ihre Bedeutung verloren und deßhalb Gott nicht mehr wohlgefällig seien (I. 36, 64). Ferner stimmen zwar die Recognitionen mit den Clementinen darin überein, daß auch sie zugeben, in den Schriften des A. T. sei öfter von mehreren Göttern die Rede, halten solche Stellen aber mit ihnen nicht für verfälscht, sondern erklären, daß in der hl. Schrift der Name Gott in dreifacher Deutung gebraucht werde, zuerst im eigentlichen Sinne, dann wird auch der von Gott Gesandte Gott genannt, nicht als 137 ob er wirklich Gott wäre, sondern wegen der Würde des Sendenden und um ihm größere Auctorität beizulegen; endlich heissen auch heilige Menschen „Götter der Gottlosen,„ weil sie über Leben und Tod derselben Gewalt haben. Im Allgemeinen ist die Ansicht der Clementinen, daß in der Schrift Wahres und Falsches vorliege, von den Recognitionen dahin abgeändert, daß die Schrift nicht ganz und allgemein verständlich die Wahrheit enthalte und daher die Gefahr des Mißverständnisses entstehe; denn gehe man mit vorgefaßten Meinungen an das Lesen derselben, so finde man gar leicht jene durch dieselbe bestätiget; diese Gefahr ist aber „durch die mit dem Menschen heranwachsende Sünde“ so groß, daß es sehr schwer, ja unmöglich ist, die Schrift ohne einen Ausleger zu verstehen; das rechte Verständniß der Schrift aber habe sich durch die mündliche Tradition fortgepflanzt; ist also nach den Clementinen die mündliche Geheim-Tradition die einzige Quelle der Wahrheit, so erscheint sie bei den Recognitionen als die einzig echte und verläßliche Quelle zur richtigen Erklärung der in allen Schriften des A. T. unklar niedergelegten Offenbarung (I. 21, II. 45, 55, X. 42). —
Mit der Anerkennung des A. T. als Vorbereitung auf das Christenthum hieng ferner die höhere Stellung, welche die Recogitionen Christo ertheilen, eng zusammen; nicht nur wissen diese von einer Identificirung Christi mit Adam ….. Moses Nichts, sondern opponiren auch gegen eine Gleichsetzung Christi mit Moses und den anderen Propheten, indem es (I. 59) heißt: „Wir nennen nicht Jesum allein dem Moses gleich, sondern größer; auch nicht Deßhalb muß man Jesu glauben, weil von ihm die Propheten geweissagt haben, sondern vielmehr muß man den Propheten glauben, daß sie wahrhaft Propheten sind, weil Christus von ihnen Zeugniß ablegt." Christus steht soviel höher als Moses und die Propheten, daß selbst Johannes der Täufer, der größer ist als alle Propheten, soviel hinter ihm zurücksteht, als der Vorläufer hinter dem, welchem er als Vorläufer dient (I. 60). Doch setzen die Recognitionen 137 Christum in innige Verbindung mit den Patriarchen und Propheten des A. T., da es Christus ist, welcher von Anfang an durch die einzelnen Zeiträume die Offenbarungen durch jene vermittelte (I. 33, 34, II. 48). So vom Anfange her vorzugsweise der wahre Prophet, erschien endlich Christus selbst auf Erden, weil es unmöglich war, die Übel der Menschen durch einen Anderen zu heilen (I. 51, 36), wurde aber, weil er in verdemüthigter Gestalt unter den Mensche wandelte (I. 49), von den meisten Juden nicht als Messia erkannt (I. 50). Er litt und starb (I. 4l), stand aber wi eder auf von den Todten (I. 42), regiert beständig seine Kirche und wird einst wiederkommen, Gericht zu halten über alle Menschen (I. 49, II. 42). So wird in den Recognitionen Christo eine viel höhere Würde, seinem Werk eine viel wichtigere Bedeutung zuerkannt. Christus ist nicht bloß der wahre Prophet, der dieselbe Offenbarung wie Adam …. Moses verkündigte, er steht nicht nur als Prophet viel höher als sie, deren Lehrthätigkeit er ergänzte, er war auch allein im Stande, die Wurzel des im Menschengeschlechte eingetretenen Übels zu heilen; sein Sühnopfer am Kreuze wird viel mehr betont, seine Auferstehung von den Todten nur in den Recognitionen; das Gerichthalten wird in den Clementinen Gott, hier Christo zugetheilt; überhaupt ist in den Recognitionen weit öfter von Christo die Rede als in den Homilien, und Manches, was in diesen Gott zugeschrieben wird, legen sie Christo bei.
Indem so die Recognitionen einestheils, ich möchte sagen im practischen Theile, Christo eine sehr hohe, ja göttliche Würde zuerkennen, stimmen sie doch anderentheils, so sagen, in den spekulativen, theoretischen Partien, mit den Clementinen in der Leugnung seiner Gottheit überein, wo sie sich unter Anderem (I. 69) dagegen verwahren, als ob sie zwei unerschaffene Götter lehrten, daß der Eine in zwei getrennt sei, sondern sie nennen den Sohn Gottes den eingeborenen; der Sohn hat demnach einen Anfang seines Daseins, er ist nicht ewig wie der Vater, sondern nur der Erstgeborne unter allen Geschöpfen (III. 8); er ist aber 139 weder aus dem Wesen des Vaters noch aus irgend etwas Anderem, sondern aus Nichts geschaffen (III. 9). Ebenso theilen sie mit den Homilien die Ansicht, daß der Sohn das Medium der Schöpfung gewesen sei (III. 10, IX. 3), weichen aber wieder darin von jenen ab, daß sie behaupten, der heilige Geist sei durch den Sohn geschaffen worden (III. 11), während die Homilien so wenig klare Vorstellungen über denselben haben, daß sie ihn an vielen Stellen mit dem Sohne identificiren; einer solchen Identification widersprechen die Recognitionen ausdrücklich (III. 11). Die Verschiedenheit beider Schriften über die Würde und das Werk Christi brachte auch Unterschiede in der Anthropologie und in der Lehre über die Sünde mit sich. Die Homilien lehren, daß die Seele des Menschen von Natur aus sterblich sei und deßhalb die Gottlosen nach einer bestimmten Zeit vernichtet werden, die Recognitionen aber behaupten bestimmt auch die Ewigkeit der Bösen (V. 28). Wichtiger noch sind ihre Differenzen hinsichtlich des Ursprunges der Sünde. Die Homilien erklären die Stellen des A. T., welche vom Sündenfalle reden, für verfälscht, und zwar deßhalb, weil sie, Adam mit Christus identificirend, jenen von aller Sünden ja von der Möglichkeit des Sündigens freisprechen mußten; die Recognitionen aber, welche Adam und Christus nicht nur nicht identificiren, sondern auch diesen hoch über jenen erheben, haben keinen Grund, den Sündenfall Adams zu leugnen; zwar wird der Sündenfall nicht direct erwähnt, allein daß die Geschichte vom Sündenfalle im eigentlichen Sinne festgehalten wird, ist aus II. 44, 45, am deutlichsten aus V. 17, ersichtlich, wo es heißt: „Jene (die Schlange nemlich) ist für ihre Bosheit vom Anfange her verurtheilt, Erde zu essen wegen Desjenigen, welcher, der Erde entnommen, durch sie wieder in Erde aufgelöst wird." Hieraus erhellt zugleich, daß die Recognitionen den Tod als Folge der Sünde betrachten, wogegen die Homilien ihn als vom Anfange an bestimmte Naturnothwendigkeit ansehen. Auch sonst stellen die Recognitionen die Folgen der Sünde als so bedeutend < 140>dar, daß sie durch keinen Andern als Christus beseitigt werden konnten (I. 51), nur durch Christus Rettung möglich ist (I. 63), während die Homilien auch nach der Sünde dem Menschen die gleiche Freiheit zum Guten wie zum Bösen zuerkennen und die Nothwendigkeit der Erscheinung des Moses und Christus in Abrede stellen.
Dennoch sind auch die Recognitionen von pelagianistischen Ansichten nicht ganz frei, da an mehreren Stellen das Bewußtsein der Sündhaftigkeit und die Anerkennung, daß nur in Christo Heil zu finden sei, mehr zurücktritt und dem Menschen öfter die Kraft beigelegt wird, durch sich selbst ein heiliges Leb zuführen.— Auch sind die extravaganten ascetischen Forderungen der Clementinen in den Recognitionen bedeutend gemildert (I. 12, VII. 24, VIII. 36, 48). Unbedeutender sind folgende Abweichungen. In Betreff der Natur Gottes haben die Recognitionen wohl geistigere Vorstellungen, da sie die Behauptung der Homilien, daß Gott eine Lichtnatur sei, dem Magier beilegen (II. 61). Ebenso theilen sie auch nicht die Ansicht der letzteren, daß bei der Auferstehung die Körper in Lichtnatur verwandelt werden würden, sondern lehren (III. 26) eine eigentliche Auferstehung des Körpers. Nicht nur, wie die Clementinen behaupten, die Taufe, sondern auch das Abendmahl ist zur Seligkeit nothwendig (I. 63). In der Lehre von den Dämonen weichen die Recognitionen von den Clementinen dadurch ab, daß sie nicht wie diese die Dämonen aus der Vermischung von Engeln mit menschlichen Weibern herleiten (I. 29); wenn ferner die Homilien die Astrologie, weil von den Dämonen herrührend, verwerfen, erklären die Recognitionen (I. 32) dieselbe als etwas Erlaubtes, ja als ein Mittel, zur Erkenntniß Gottes zu gelangen; endlich unterscheiden sie zwischen wahren und falschen (heidnischen) Philosophen (VIII. 53), während die Homilien alle Philosophie für etwas Verwerfliches halten. 141
Nachdem nun der Inhalt der Homilien und Recognitiontn vorliegt, ist es leichter, sich ein begründetes Urtheil über die Entstehung derselben zu bilden. Daß ihr Verfasser der heilige Clemens nicht sein könne, ist längst von Allen anerkannt und allein schon aus dem Inhalte derselben gewiß, sowie dieser auch anzeigt, daß wir den Autor nicht unter den Gläubigen, sondern unter den Häretikern suchen müssen. Was zunächst den Ursprung der Homilien betrifft, geht gegenwärtig die allgemeinere und durch mehrfache gründliche Untersuchungen fast sichergestellte Meinung dahin, daß sie einem Ebioniten, der von den Essenern und zwar von deren höchster (vierter) Classe, den Elkesaiten, die theosophischen Lehren annahm, verfaßt seien; er kämpft gegen die falsche Gnosis und setzt dieser die wahre Gnosis entgegen und beabsichtigt zugleich durch die Identificirung oder Vermischung des (reinen) Judenthums und Christenthums die Annahme seines Systems als Weltreligion; wenngleich in den Homilien nur Simon Magus von Petrus bekämpft wird (Apion und die Anderen gehören als Heiden nicht hierher), so ist bei genauerer Betrachtung Jener nicht als einzelne Person oder Vertreter seines Systems, sondern als Repräsentant mehrerer Irrlehren und gnostischen Richtungen anzusehen; vor Allem und ganz besonders werden in Simon Marcionitische Principien angefochten, namentlich dessen Lehre von einem guten Gott des N. B. und einem gerechten Gott des A. B., welch’ letzteren er zugleich für den Demiurgen erklärte; daß Marcion nicht genannt werden durfte, ist selbstverständlich; Dieß gibt uns zugleich Anhaltspunkte für die Bestimmung der Entstehungszeit, welche man allgemein in die Jahre 150—160 verlegt.
Weniger einig ist man über den Entstehungsort der Homilien; von den zwei zuletzt angenommenen Vermuthungen ist jene, welche (Ost)Syrien als Vaterland derselben angibt, viel begründeter als die andere, welche die Homilien in Rom entstehen <142>läßt. — Die Homilien werden zuerst erwähnt von dem Verfasser der Athanasianischen Synopsisund sodann von dem Patriachen von Coustantinopel Nicephorus in seiner Chronographie; Beide führen nicht viel mehr als den bloßen Namen an, ein größerer Abschnitt wird uns zuerst vorgelegt von Nicon, einem palästinensischen Mönche, in seinem um das J. 1060 verfaßten „Pandekte der Erklärungen der göttlichen Gebote des Herrn," welcher mit hom. XII. 25—28 übereinstimmt; überhaupt erlangten die Homilien in ihrer ersten Gestalt wenig Ansehen und Verbreitung und wurden bald von Umarbeitungen derselben verdrängt; diese sind es auch, nicht die ursprünglichen Homilien, welche von den übrigen Kirchenschriftstellern angeführt werden; auch scheint der so lange vermißte Schluß der Homilien (von der Hälfte des 14. Cap. der 19. Hom. an) schon zeitlich abgetrennt worden zu sein, da bereits Ruffinus in seiner Vorrede zu der Übersetzung der Recognitionen sagt, daß der Schluß der Recognitionen in der anderen Ausgabe (damit sind natürlich die Homilien gemeint) nicht enthalten sei.
Eine solche Umarbeitung der Homilien sind die Recognitionen; daß sie zu jenen in naher Verwandtschaft stehen war von Anfang an wegen ihrer großen Ähnlichkeit im Ganzen und stellenweisen Übereinstimmung gewiß; aber über dieselbe wurden die verschiedensten Ansichten ausgesprochen, indem die Einen die Recognitionen für die ursprüngliche, die Homilien für die umgearbeitete Schrift hielten, die Anderen behaupteten, beide Schriften seien von einander unabhängige Bearbeitungen einer dritten Grundschrift durch 143 verschiedene Verfasser, Einige die Clementinen zwar für die Urschrift, aber die Recognitionen für eine von demselben Verfasser veränderte Ausgabe jener erklärten; erst durch die gründlicheren Untersuchungen späterer Zeit hat sich die schon früher von Vielen getheilte Meinung Bahn gebrochen und fast allgemeine Annahme gefunden, daß die Recognitionen eine von fremder Hand vorgenommene Umarbeitung der Homilien seien, woneben noch immer von Einzelnen die Mitbenützung einer gemeinsamen Grundschrift behauptet wird; für diese Ansicht sprechen folgende gewichtige Gründe: 1) die hohe Einheit und Originalität der Homilien in der äusseren Anlage und dem inneren Organismus; 2) finden sich in den Recognitionen Stellen, in welchen Ansichten, die ihrem Systeme entgegengesetzt, dagegen den Clementinen eigen sind, bestimmt ausgesprochen werden, deren Vorhandensein also nur unter der Voraussetzung erklärlich ist, daß deren Verfasser die Homilien benützt hat (solche sind z. B. I. 47, II. 72, IV. 14); 3) ist es unverkennbar, daß die Recognitionen an manchen Stellen (II. 48, 61 u. a.) die Ansichten der Clementinen berücksichtigen oder geradezu bekämpfen; endlich 4) verräth es die Nachhülfe einer späteren, bessernden Hand, daß die evangelischen Citate, die sich in den Homilien freier bewegen, in den Reconitionen auf unsere canonischen Evangelien zurückgeführt sind. So wenig sich der Verfasser der Clementinen ermitteln läßt, ebenso wenig der der Recognitionen; daß er von jenem verschieden gewesen ist, zeigt die bedeutende, ja in manchen wichtigen Punkten wesentliche Verschiedenheit im Lehrbegriffe; nur einer Richtung nach kann derselbe näher dahin bezeichnet werden, daß er, wie der Autor der Homilien, zwar auch ein Monarchianer, aber in Folge seiner Christologie anderer Färbung gewesen und auf der Mittelstufe zwischen Artemonitismus und Arianismus gestanden sei.
Da nun Artemon gegen das Ende des 2. Jahrhundertes seine Irrlehre 144 verbreitete, da ferner nach IX. 27 damals alle freigeborenen Unterthanen der Römer das römische Bürgerrecht hatten, diese Bestimmung aber von Kaiser Caracalla herrührt, andererseits Origenes in seinem vor dem J. 231 zu Alexandria verfaßten Commentar zur Genesis eine lange Stelle aus den Recognitionen anführt, so können wir die Entstehung mit ziemlicher Bestimmtheit zwischen die Jahre 212 bis 230 annehmen; dagegen läßt sich über den Ort der Abfassung keine hinreichend motivirte Vermuthung aufstellen. — Wir besitzen die Recognitionen, welche, wie die Homilien, jedenfalls in griechischer Sprache verfaßt waren, nur mehr in einer lateinischen Version, welche der Priester Ruffinus von Aquileja auf die Bitten des hl. Gaudentius, Bischofes von Brescia (nicht Brixen), um das J. 420 verfaßt und diesem selbst gewidmet hat; bis auf die wenigen von jenem selbst eingestandenen Veränderungen und Auslassungen war die Übersetzung jedenfalls getreuer, als man es von Ruffinus gewöhnt ist; übrigens blieb sie nicht die einzige, denn au der hl. Paulinus, Bischof von Nola, gedenkt in einem Brief an Ruffinus eigener Bemühungen, den Clemens zu übersetzen, wenigstens ist der Abschnitt III. 2—11 mit Bestimmtheit aus einer anderen Übersetzung geflossen, da ja dieß gerade jene Stellen sind, welche Ruffinus wegen ihr Unverständlichkeit übergangen zu haben gesteht.
Zu den Recognitionen gehört auch der den Homilien vorgesetzte Brief des Clemens an Jakobus, mit der einzigen Änderung am Schlusse, daß er die beiliegende Schrift nicht mit dem Titel der Homilien, sondern mit dem für die Recognitionen gleichfalls gebräuchlichen „Reisen des Petrus„ aufführt; freilich nahm Ruffinus denselben nicht in seine Übersetzung der Recognitionen auf, weil er ihn für nicht dazu gehörig und später als jene hielt; Dieß beweist aber Nichts gegen die Zusammengehörigkeit desselben mit dem Werke, da dem Ruffinus wohl ganz richtig der Brief für unecht, aber irriger Weise die Recognitionen für ein echtes, allerdings von Häretikern, besonders Eunomianern corrumpirtes Werk des hl. Clemens Romanus galt; wirklich war auch jenes Schreiben fast all- 145 gemein den Recognitionen nicht nur zu den Zeiten des Ruffinus, sondern anch des Photius vorangestellt; hingegen scheint der den Homilien beigegebene Brief des Petrus an Jacobus (und daher auch die Beschwörung des Jacobus) den Recognitionen nicht vorgesetzt worden zu sein. weil Ruffinus desselben gar nicht erwähnt und er auch in gar keiner organischen Verbindung mit denselben steht. Durch Ruffinus scheint auch der nachher gebräuchlichste Titel „Recognitionen des hl. Clemens“ in Aufnahme gekommen zu sein, der dem Werke jedenfalls mit Beziehung auf die darin geschilderten Wiedererkennungen des Clemens, seiner Eltern und Brüder und auch auf den Schluß, nach welchem Clemens den durch Simon veränderten, von Petrus hergestellten Vater ein zweites Mal wiedererkennt, gegeben wurde; der urprüngliche, vom Verfasser selbst der Schrift vorgesetzte Titel war „Reisen des Clemens„ (oder Petrus); Photius führt sie unter dem Titel „Thaten des Petrus“ an (Petrus„ wurde später in einigen Handschriften in „Clemens“ verwandelt); der Verfasser des opus imperfectum in Matthaeum citirt eine Stelle aus den Recognitionen unter dem Titel „Geschichte des Clemens“, ebenso Beda der Ehrwürdige; ferner kommt für sie, zwar nicht bei den Vätern, aber in einigen Handschriften die Bezeichnung „Disputation des Petrus mit Siimon dem Magier„ vor; endlich nennen einige Väter sie auch kurzweg das Buch und die Schrift des Clemens, woraus auf ihre weite Verbreitung und häufige Benützung geschlossen werden kann; daß die von Eusebius erwähnten „Unterredungen des Petrus und Apion“ mit den Recognitionen nicht identisch seien, erhellt schon daraus, daß zwar den Homilien (V. u. VI. ) eine Unterredung zwischen Clemens und Apion, in jenen aber weder zwischen Clemens und Apion noch zwischen Petrus und Apion enthalten ist; da aber dennoch Photius und Honorius von Autun jene Unterredungen als ein pseudoclementinisches Werk ansehen, so ist das Wahrscheinlichste, daß sie eine spätere Umarbeitung jenes Abschnittes der Homilien sind. 146
Ausser den Recognitionen besitzen wir noch zwei Überarbeitungen der Homilien in den zwei sogenannten clementinischen Epitomen; die erste derselben soll, wie Dressel meint, nach dem Concil von Nicäa entstanden sein; was ihre äussere Form betrifft, ist sie weder in Homilien noch Bücher, sondern in 179 Capitel eingetheilt; von diesen sind die ersten 140 in den Clementinen enthalten, mit denen die Epitome sehr häufig wörtlich übereinstimmt, während hingegen auch viele Abkürzungen, namentlich bedeutende Auslassungen vorkommen; so fehlt I. 19, 20, II. 19—21, 24, 33—53, III. 1—28, 32—37, 60—71, IV. 2 (z. Theile), 3, 5 und 6 (z. Th.), V. und VI., VII. 7, 8 (z. Th.) VIII. 5—7, 9—22, IX. 1—18, X. 1—18, 20—25, 26 (z. Th.), XI. 2—28, 30—34, XII. 2, 30—32, XIII. 13—21, XV. 6 (z. Th.), 7, 8 (z. Th.), XI. 5, XX. 10.
Es würde hier viel zu weitläufig sein, durch nähere Bezeichnung des Ausgelassenen die Tendenz des Compilators zu charakterisiren, falls man überhaupt eine solche bei ihm voraussetzen kann; zu sagen, da er die häretischen Stellen ausgemerzt habe und eine orthodoxe Überarbeitung geben wollte, geht nicht an, weil er von jenen noch genug stehen ließ, dagegen auch gar vieles Schöne und Wahre (so z. B. die herrliche Ansprache des Petrus bei der Ordination des Zachäus, auch die treffenden Ermahnungen desselben über die Keuschheit und die Pflicht der Eheleute) gestrichen hat. Cap. 141 und 142 enthält in Kürze das, was die Recognitionen über Petrus in Antiochien und die Taufe des Vaters Clemens’ (der aber hier, wie in den Homilien, Faustus heißt) erzählen; Cap. 143 wird noch weiter berichtet, daß des Clemens Eltern vom Kaiser Tiberius nach Rom zurückgerufen, daselbst von ihm mit Ehren und Reichthümern überhäuft worden und nach einem glück- 147 lichen und heiligen Lebenswandel im hohen Alter gestorben seien; nach Cap. 144 verweilt Clemens noch einige Zeit mit seinen Brüdern bei Petrus, der aber endlich nach seinen vielen Lehrreisen in Rom eintrifft und hier Viele, insbesondere viele edle Frauen, bekehrt; Cap. 145—147 enthalten in Kürze die im Briefe des Clemens an Jacobus berichtete Ordination des Clemens durch Petrus und dessen Befehl an Clemens, nach seinem Tode hierüber Jacobus zu benachrichtigen, welchem Auftrage er (Clemens) hiemit durch die Übersendung dieses Werkes nachkomme mit der Aufschrift: „Clemens’ Epitome von den Reisen und Predigten des Petrus„. Cap. 148 bildet den Übergang zu dem von Cap. 149—173 erzählten Martyrium des hl. Clemens, welches mit dem von Simeon Metaphrastes verfaßten „Martyriumn des hl. Clemens“ fast gleichlautend ist; der Schluß, Cap. 174—179, ist aus der dem Bischofe von Cherson, Ephraim, beigelegten Schrift „Über das an einem Knaben durch den hl. Erzmartyrer Clemens geschehene Wunder„ entnommen. Wer diese Epitome compilirt habe, ist unbekannt; wenn Cotelerius den Simeon Metaphrastes für den Verfasser hielt, so irrte er sich, da die zuletzt erwähnte Schrift über Wunder erst später entstanden ist. — Die zweite Epitome in 185 Cap. schließt sich in manchen Stellen mehr an die Homilien an, stimmt von Cap. 133—144 mit der 1. Epitome überein, weicht aber dann von ihr wieder ab, indem sie von Cap. 145—158 fast den Wortlaut des Briefes Clemens’ an Jacobus gibt (soweit er vor Pseudo-ldor existirte); Cap. 159 betitelt Clemens seine dem Jacobus übersandte Schrift: „Clemens’ Epitome der Predigten des Petrus auf seinen Reisen;“ Cap. 160 spricht diesem Werke des Clemens und diesem selbst großes Lob; Cap. 165—185 enthält das Martyrium des hl. Clemens mit dem obigen sehr ähnlich; das an dem Knaben geschehene Wun- 148 der aber wird hier nicht erzählt. Nach Dressel ist diese Epitome aus der ersten entstanden. — Endlich ist uns noch eine vom kirchlichen Standpunkte aus überarbeitete Recension der Clementinen, aber nur in einzelnen Bruchstücken erhalten; sie scheint sich namentlich weitläufiger über den heiligen Geist ausgebreitet und, da sie den Citaten nach nur im Orient bekannt war, auch dort vielleicht im 4. Jahrhunderte versaßt worden zu sein.
In der Pseudo-Isidorischen Sammlung sind dem hl. Clemens fünf Decretal-Briefe zugeschrieben, von denen die zwei ersten an den hl. Jacobus, den Bruder des Herrn und Bischof von Jerusalem, gerichtet sind und auch viel ältere Theile enthalten, die schon lange vor Pseudo-Isidor als Briefe des hl. Clemens (freilich unechte) bekannt waren. Die drei übrigen sind von Pseudo-Isidor selbst und zwar fast ganz aus den Recognitionen fabrizirt.
Dieser Brief zerfällt in zwei Theile; der erste, die ersten 19 Capitel (nach Hinschius) enthaltend, ist schon von Ruffinus aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und aufs der Synode zu Vaison im J. 442 citirt worden; auch der griechische Text dieses Stückes existirt noch. Dieser Theil, welcher das gute Drittel des ganzen Briefes ausmacht, war eigentlich nur ein Begleitschreiben zu den clementinischen Homilien und erscheint daher auch stets mit diesen verbunden. Der zweite Theil des Briefes aber ist 149 von Pseudo-Isidor aus einer Menge von unechten und echten Stücken, aus Decretalen vieler Päpste, aus Canonen, aus der Erklärung des Venantius Fortunatus über das apostolische Symbolum, aus einer Masse von Schrifttexten compilirt und daher nur lateinisch vorhanden. Als Veranlassung zu diesem Schreiben wird angegeben, daß Petrus den Clemens zu seinem Nachfolger bestimmt und ihm befohlen habe, nach seinem Tode den Jacobus hievon zu verständigen; dadurch allein schon erscheint dieser Brief als entschieden unecht, weil ja der hl. Jacobus lange vor Petrus (um das J. 63) gestorben ist. Dennoch ist derselbe, wenigstens in seinem 1. Theile, ein schönes Denkmal aus uralter Zeit (aus der 2. Hälfte des 2. Jahrh.) und enthält die herrlichsten Ermahnungen an Bischöfe, Priester und die anderen Diener Gottes zur gewissenhaften und eifrigen Amtsverwaltung, an die Gläubigen zum festen Anschluß und unverbrüchlichen Gehorsam gegen die Geistlichen, besonders gegen den Bischof. Dieß dürfte wohl auch eine genauere Inhaltsangabe (des ersten Theiles) rechtfertigen.
Clemens grüßt mit den Priestern, Diakonen und allen übrigen Brüdern Jacobus, den Bruder des Herrn, den Bischof der Bischöfe, den Leiter der hl. Kirche der Hebräer in Jerusalem wie auch aller Kirchen, welche allenthalben durch Gottes Vorsehung gegründet sind.
„Simon“, als Grundstein der Kirche vom Herrn „Petrus“ zubenannt, sprach, als er sein Ende herannahen fühlte, in der Mitte der Brüder stehend und mich bei der Hand ergreifend, in Gegenwart der ganzen Kirche Folgendes: Höret mich, o meine Brüder und Mitdiener (Christi), <s. 150>da, wie ich von meinem Herrn und Meister Jesus Christus, der mich gesandt hat, belehrt bin, der Tag meines Tod bevorstehet; (c. 1) „diesen Clemens ordinire ich euch zum Bischofe, dem allein ich den Stuhl meiner Predigt und meiner Lehre übergebe, weil er von Anfang bis zu Ende mein steter Begleiter gewesen und daher die Wahrheit meiner ganzen Predigt kennen gelernt hat, von dem ich vor Allen weiß, daß er Gott ehret, die Menschen liebt, daß er keusch, lernbegierig, mäßig, gütig, gerecht, geduldig sei und Unrecht auch von denen, welche in Gottes Wort unterrichtet werden, zu ertragen verstehe.” Deßhalb übertrage ich ihm die mir vom Herrn übertragene Gewalt, zu binden und zu lösen, auf daß Alles, was er aus Erden beschlossen hat, beschlossen sei auch im Himmel. Denn er wird binden, was zu binden ist, und lösen, was gelöst werden kann, wohl kennend die Richtschnur der Kirche. Ihn also höret, daß ihr wisset, daß „wer immer den Lehrer der Wahrheit betrübt, gegen Christus sündiget und Gott den Vater Aller erzürnt, weßhalb er auch des Lebens verlustig werden wird." Der Vorsteher aber muß ein Arzt sein und nicht wüthen wie ein wildes Thier. (c. 2.) Da nun Clemens inständig bittet, ihm diese Würde und Gewalt nicht zu übertragen, erwidert Petrus, daß er gerade wegen seiner Weigerung noch mehr diesen Platz verdiene, daß kein Anderer wegen des beständigen Verkehres mit ihm so tauglich zu seinem Nachfolger sei als er; ich weiß auch, sagt Petrus weiter, daß ich dir Verdruß und Beschwerde, Gefahr und Schmach von einem ungebildeten und ungelehrigen Volke auflade; du aber wirst sie, weil ich deine Standhaftigkeit und deinen Starkmuth kenne, ertragen in der Hoffnung auf die Krone, welche der Geduld beim Herrn bereitet wird. Auch mögest du mit mir erwägen, wann Christus deiner Dienste am meisten bedarf, ob jetzt, da der Feind gegen seine Braut 151 zum Kampfe sich rüstet, oder dereinst, wann Christus nach (vollendetem) Siege triumphiren und keines Dienstes mehr bedürfen wird? Darum übernimm gerne zur Rettung Derjenigen, welche durch uns bei Gott Zuflucht nahmen, das Bischofsamt, über dessen rechte Verwaltung ich dich in Gegenwart Aller in Kürze unterrichten zu müssen glaube. (c. 3.) „Du nemlich sollst unbescholten leben und mit allem Eifer bemüht sein, alle irdischen Beschäftigungen abzuwerfen, daß du nicht Bürge werdest, nicht Anwalt bei Streitigkeiten, daß du in keine weltlichen Händel verwickelt werdest; denn nicht zum Richter oder Untersucher weltlicher Geschäfte will dich heute Christus ordiniren, damit du, nicht überwältiget von den irdischen Sorgen der Menschen, dem Worte Gottes dienen und die Guten von den Bösen unterscheiden könnest; solche Angelegenheiten mögen die Laien unter einander schlichten, und Niemand soll dich von jenen Arbeiten abhalten, die zum Heile Aller dienen.“ „Denn sowie es für dich ein Frevel wäre, mit Vernachlässigung des Wortes Gottes weltliche Sorgen auf dich zu nehmen, ebenso ist es auch für jeden Laien eine Sünde, wenn sie sich nicht gegenseitig auch in dem, was zum gewöhnlichen Lebensbedürfnisse gehört, getreulich unterstützen; dich aber sicher zu stellen bezüglich dessen, was dich nicht kümmern darf, sollen Alle in Gemeinschaft sich bemühen. Wenn aber etwa die Laien Dieß nicht von selbst erkennen, so müssen sie von den Diakonen belehrt werden, daß sie dir nur die Sorge für die Kirche überlassen dürfen;” denn mit weltlichen Sorgen beschäftiget würdest du dich betrügen und deine Zuhörer, weil du ihnen nicht die volle Wahrheit erklaren könntest, und so würdest du als Einer, der seine Pflicht versäumt, strafbar sein, deine Schüler aber würden wegen Unkenntniß zu Grunde gehen. Sie aber sollen deine 152 Worte mit aller Ehrfurcht aufnehmen, da sie wissen, daß du der Gesandte und Herold der Wahrheit bist, daß was du auf Erden bindest, auch im Himmel gebunden ist und, was du lösest, auch dort gelöst ist; denn, wie ich schon sagte, du wirst binden, was zu binden ist, und lösen, was gelöst werden darf; Dieß nun sei dir, dem Vorsteher, erinnert. (c. 4.) Die Priester aber sollen vor Allem für die Sittlichkeit sorgen und deßhalb die Jünglinge zur Verehelichung anhalten, damit durch das eheliche Band der Hitze des glühenden Alters vorgebeugt werde; aber auch die Älteren mögen sie nicht ausser Acht lassen, weil auch in Vielen derselben noch die Begierlichkeit herrscht, auf daß nicht das Gift der Unzucht gelegentlich sich in euch einschleiche. „Denn welche Sünde ist schwerer als der Ehebruch? Ihn trifft ja die zweitgrößte Strafe; die erste nemlich erleiden die, welche von Gott abfallen, wenn sie auch keusch gelebt hätten." Damit nun die Kirche als die Braut Christi rein und unbefleckt befunden und von ihrem Bräutigam mit Gnaden und Gabe beschenkt werde, darum sorget (ihr Priester) vor Allem für Keuschheit und Sittsamkeit. (c. 5.) Denn ein schweres Verbrechen vor Gott ist die Unzucht, von deren verschiedenen Arten der Ehebruch die erste ist. (c. 6.) Der Keusche aber wird auch menschenfreundlich und barmherzig sein, gleichwie der Ehebruch das verderblichste aller Laster ist. Liebet alle euere Brüder, sorget für die Waisen und Wittwen; den Gewerbunkundigen gebt andere den Lebensunterhalt verschaffende Beschäftigungen, die Gewerbetreibenden versorgt mit Arbeit. Zur Belebung der gegenseitigen Liebe haltet so oft als möglich gemeinsamen Tisch; vor Allem aber erweiset den Dürftigen alle Werke der Barmherzigkeit. (c. 7.) „Haben einige von den Brüdern Streit unter einander, so soll er nicht vor dem weltlichen Richter, sondern vor den Priestern der Kirche entschieden wer- 153 den. (c. 8.) Über Alles fliehet die Habsucht, welche die Menschen aus Sucht nach zeitlichem Gewinne von den ewigen Gütern ausschließt; Maß und Gewicht sei immer gerecht; Geliehenes stellet ehrlich zurück. (c. 9.) Dieß und alles Andere werdet ihr gewissenhaft beobachten, wenn ihr ohne Unterlaß an das bevorstehende Gericht Gottes denket, welches uns der wahre Prophet angekündigt hat. (c. 10.) Darum sei von euch, als Schülern des wahren Propheten, ferne Zwietracht und Streit, stets herrsche Güte und Einfalt. Hat sich aber Neid oder ein anderes Übel in Eines Herz eingeschlichen, so schäme er sich nicht, dieß seinem Seelsorger zu bekennen, der ihn durch das Wort Gottes und heilsame Rathschläge heilen kann. (c. 11.) „Die Diakonen der Kirche aber seien gleichsam die Augen des Bischofes, umhergehend und mit Sittsamkeit musternd die Handlungen der ganzen Gemeinde und sorgfältig erforschend, ob nicht Jemand dem Falle und der Sünde nahe sei, damit sie hierüber an den Bischof berichten," damit der, welcher dem Falle nahe ist, vom Bischofe ermahnt und vor dem Sündenfalle bewahrt werde. Auch Diejenigen, welche selten zur Anhörung des göttlichen Wortes erscheinen, sollen sie ermahnen; denn durch die fleissige Anhörung des göttlichen Wortes wird das Herz nicht nur mit ewigem Gewinne bereichert, sondern auch in Ertragung der zeitlichen Sorgen erleichtert; aber auch die leiblich Kranken sollen sie aufsuchen und dieselben der Gemeinde bekannt machen, damit man sie besuchen und unterstützen könne; „auch über die Pflege der Fremden sollen sie dem Bischofe Bericht erstatten, sowie überhaupt Alles, was die Pflege und Sittlichkeit der Gemeinde betrifft, den Diakonen zu besorgen obliegt.Diejenigen, welche catechiziren d. h. die Ansänger unterrichten, müssen zuerst selbst unterrichtet sein, denn es handelt sich um Menschenseelen. (c. 12.) „Der, welcher ungebildete Seelen lehrt und leitet, muß sich 154 selbst und sein Wort nach der Fassungskraft der Zuhörer anpassen und daher selbst wohl unterrichtet, tadellos, reif und vorsichtig sein, wie ihr es an meinem Nachfolger Clemens erfahren werdet." Es wäre zu weitläufig, wollte ich alle Pflichten einzeln erwähnen; aber was ich vorzüglich von euch allen wünsche, ist, daß ihr die Eintracht bewahret, die allein euch einführen kann in den Hafen der Ruhe und in die Stadt des höchsten Königes, welche Friede genannt wird. (c. 13.) Denn das ganze Kirchenwesen ist einem großen Schiffe ähnlich, welches Leute aus verschiedenen Orten und Gegenden, die alle in die eine Stadt des mächtigen Königs ziehen wollen, durch ein sturmbewegtes Meer trägt. Als der Herr dieses Schiffes gelte euch Gott, und es bedeute Christus den Steuermann, der Lootse ist der Bischof, die Matrosen entsprechen den Priestern, die Bootsleute den Diakonen, die Schiffsrechner den Katecheten, den Passagieren die Gesammtheit der Brüder; der Abgrund des Meeres ist die Welt, die widrigen Winde sind die Versuchungen, Verfolgungen, Gefahren, die mancherlei Bedrängnisse; die Stürme vom Lande, welche aus Schluchten oder Thälern herwehen, entsprechen den Predigten der Irrlehrer und falschen Propheten; die Felsklippen und Risse den hochgestellten Richtern mit ihren schrecklichen Drohungen; die trügerischen Buchten und die Küsten voll Raubthiere gleichen den unvernünftigen und an der Wahrheit der Verheissungen zweifelnden Menschen; die Heuchler aber sollen den Seeräubern gleich geachtet werden; die gewaltigen Wirbelwinde und die in den Abgrund ziehende Charybdis und das Zerschellen am Felsen und das todbringende Untersinken, womit Anderem sind sie zu vergleichen, als mit der Sünde? Damit ihr nun, mit günstigem Winde segelnd, in den Hafen 155 der ersehnten Stadt gefahrlos einlaufet, betet so, daß ihr Erhörung verdienet; euere Gebete werden der Erhörung würdig, wenn sie durch gute Sitten und gute Werke unterstützt werden. Vor Allem aber sollen die Passagiere d. i. die Laien ein jeder mit Ruhe und Stillschweigen auf ihrem Platze sitzen bleiben, damit sie nicht etwa durch Unruhe und ungebührliches unnützes Umherlaufen die Schiffsleute an ihrer Arbeit hindern oder das Schiff durch ihre Unruhe das Gleichgewicht verliere und sinke. Die Schiffsrechner sollen an das Passagiergeld erinnern, die Diaconen Nichts, was Sorgfalt und Ordnung betrifft, verabsäumen, die Priester gleich den Matrosen alles zur Ausrüstung des Schiffes Nothwendige herrichten und, was Jeder zur bestimmten Zeit braucht, vorbereiten. Der Bischof soll als Lootse mit Wachsamkeit und Sorgfalt die Befehle Christi, des Steuermannes, beobachten. Der Herr und Erlöser, der Denker seiner Kirche, soll von Allen geliebt werden und dessen Befehlen und Anordnungen sich die ganze Kirche anvertrauen und fügen. Alle sollen auch unablässig bei Gott um eine günstige Fahrt bitten, damit die Schiffenden alle Trübsal und alle Gefahr überwinden, da sie auf dem tiefen Meere dieser Welt und des menschlichen Lebens segeln, auf welchem Hunger und Durst, Blöße und Krankheit zu erdulden, Nachstellungen und Fallstricke der Menschen zu überstehen sind; bald sehen sie, daß sie sich verstreuen, bald daß sie sich versammeln müssen, bald müssen sie sich, vom Schwindel erfaßt, erbrechen, wenn in Folge der verschieden Sünden und Verbrechen, wie bei einem Übelbefinden, Gallenergießung eintritt und sich aus den Herzen alle Bitterkeit der Sünde absondert, welche sich etwa dort durch unordentliche Lüste wie durch schädliche Speisen angesammelt hat; wenn er aber diese ganz ausgespieen und ausgeworfen hat, so wird er von der Beschwerde der großen Krankheit frei, so er nur nach dem Erbrechen nimmt, was Genesung dient. (c. 14.) Ihr alle aber wisset, daß der Bischof mehr als ihr alle arbeitet, weil Jeder nur seine Last trägt, der Bischof aber seine und die der Einzelnen. 156 Deßhalb, „o Clemens, da du weißt, daß du Allen nützen sollst, unterstütze und erleichtere, soviel du kannst, die Einzelnen, der du die Last und Sorge Aller trägst." Daher weiß ich auch, daß ich, indem ich dir dieses Amt übertrage, mehr eine Gunst empfange, als ich eine solche dir erweise. Aber sei vertrauensvoll und tapfer, in der Gewißheit, daß du den Lohn deiner Arbeit erhalten wirst, sobald du dieses Schiff unversehrt in den Hafen der Ruhe wirst eingeführt haben, wo du den Lohn für das Heil Aller empfangen wirst, wenn du hier für das Heil Aller gewacht hast. Daher, wenn dich auch viele von den Brüdern wegen deiner strengen Gerechtigkeit hassen sollten, wirst du deßhalb keinen Schaden leiden, sondern aus solchem Hasse wird dir die Liebe Gottes erwachsen. Deßhalb fliehe mit aller Sorgfalt das Lob der Sünder und die Liebe der Bösen und trachte vielmehr, daß du wegen der Handhabung der Gerechtigkeit und Ordnung von Christo gelobt zu werden verdienst. (c. 16.) Nachdem er Dieses und vieles Ähnliche gesprochen, wandte er seine Rede an das Volk. Aber auch ihr, theuerste Brüder und Mitdiener, gehorchet dem, welcher euch zur Verkündigung der Wahrheit vorgesetzt ist in Allem, wissend, daß, wer ihn betrübt, Christum nicht aufnimmt, welcher ihm die Lehrkanzel übergeben, und, wer Christum nicht aufnimmt, so gehalten werden wird, als ob er Gott den Vater nicht aufgenommen hätte; darum wird ein Solcher auch nicht Aufnahme finden im Himmelreiche. Deßhalb bemühet euch, bei jeder (kirchlichen) Versammlung zu erscheinen; erscheinet aber mit Liebe gegen Clemens, und damit ihr ihm leichter gehorchet, so seid auch unter einander einig. Manches aber müßt ihr von selbst erkennen, was er selbst wegen der Nachstellungen böser Menschen nicht so deutlich aussprechen kann, z. B. „wenn er Jemand ob seinem Handlungen Feind ist, so wartet nicht, daß er selbst es euch sage; Diesem dürft ihr nicht freundlich gesinnt sein, sondern 157 müßt es klug bemerken und ohne eine Aufforderung ihm (Clemens) willfahren, von dem aber euch abwenden, von dem ihr ihn sich abwenden sehet. (c. 17.) Selbst sprechen sollt ihr nicht mit denen, mit welchen er nicht redet, damit so jeder Schuldige, da er euer aller Freundschaft zu genießen wünscht, um so mehr sich beeile, mit dem Vorsteher Aller ausgesöhnt zu werden, und so zum Heile und zur Gesundheit zurückkehre, indem er wieder den Befehlen des Vorstehers Gehorsam leistet. Wäre aber Jemand mit Jenen Freund, mit welchen er selbst nicht redet, dann gehört er selbst zu denen, welche die Kirche Gottes zerstören wollen, dem Leibe nach zwar mit euch zu sein scheinen, dem Geiste und Sinne nach aber gegen euch sind; und ein solcher Feind ist viel schlechter als Jene, welche draussen und offene Feinde sind; denn dieser übt unter dem Scheine von Freundschaft Feindseliges aus und zerstreut und verwüstet die Kirche." Und nachdem er Dieses gesagt, legte er mir in Mitte der versammelten die Hände auf und nöthigte mich, da ich durch die übergroße Ehre erschöpft war, mich auf seinen Lehrstuhl zu setzen; und nachdem ich mich gesetzt hatte, sprach 158 er wieder Folgendes zu mir (c. 18): Ich bitte dich, o Clemens, vor allen Anwesenden, daß du nach meinem Tode an Jacobus, den Bruder des Herrn, berichtest über deine Bekehrung, über deine früheren Gesinnungen, wie du aber dann von Anfang bis zu Ende mein steter Begleiter und Zuhörer gewesen, was und wie du mich lehren gehört, und welches mein Ende in dieser Stadt gewesen sei; denn es wird ihm einen großen Trost gewähren, daß nach mir nicht ein Ungelehrter und Unwissender im Worte Gottes und Unerfahrener in der kirchlichen Ordnung meinen Sitz zu seinem und der Schüler Untergang erhalten hat. Deßhalb, mein Gebieter Jacobus, muß ich erfüllen, was er mir aufgetragen, und dir in Kürze über seine Predigten und Thaten berichten, obgleich ich dir hierüber schon früher einen größeren und ausführlicheren Bericht nach seinem Befehle übersendet habe unter dem von ihm selbst angegebenen Titel: Des Clemens Epitome der Reisepredigten des Petrus. (c. 19.) Nun aber will ich mit Gottes Hilfe, was er mir befohlen, zu erzählen heginnen.
Thut Buße, sagte er, und zwar aufrichtige Buße. Alle Christen aber müssen den Vater, Sohn und heiligen Geist, einen Gott und Herrn wahrhaft glauben und bekennen, ihn aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzen Kräften lieben und ihre Nächsten wie sich selbst; denn der Glaube und die Liebe sind das Fundament der ganzen Vollkommenheit; ohne Glaube aber wird Niemand Gott gefallen können. (c. 20.) Nun wird die Abfassung des Symbolums durch die Apostel vor ihrer Trennung erzählt und dessen Inhalt angegeben, der Name Symbolum durch „Zusammentragung" und „Urtheil" (da nach ihm die Rechtgläubigkeit 159 der Einzelnen zu beurtheilen ist) erklärt und nochmals die Nothwendigkeit des Glaubens betont, vor Allem an einen Gott, den Geber des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens. (c. 21.) Es folgt eine Erklärung der göttlichen Natur, der ewigen Zeugung des wesensgleichen Sohnes aus dem Vater und der Menschwerdung des Sohnes. Das Gebot der Liebe Gottes und des Nächsten ist das größte Gebot. (c. 22.) Die Liebe zum Nächsten umfaßt zweierlei: ihm nichts Böses zu thun und ihm Gutes zu erweisen. (c. 23.) Die Liebe Gottes aber schließt die Liebe zur Welt aus und erprobt sich in der Beobachtung der göttlichen Gebote und der Nächstenliebe. (c. 24.) Diejenigen, welche Anderen Unterrricht ertheilen sollen, müssen zuerst selbst wohl unterrichtet sein. (c. 25.) Insbesondere sollen die Priester besser als Alle unterrichtet sein, „welche das Salz der Erde und das Licht der Welt sein und durch den Glanz der guten Werke Gott den Vater verherrlichen sollen, von welchen der Herr sagt: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen u. s. w. (Matth. 5, 11—16) und wiederum: „Ihr seid das Salz der Erde." (c. 26.) Clemens berichtet, daß er nach Petrus Befehl an die einzelnen Städte, wohin Dieser es gethan, Männer, die gelehrt und klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben seien, schicke und schicken werde, so nach Gallien und Spanien, auch nach Germanien und Italien und zu den übrigen Völkern. (c. 27.) „In jenen Städten aber, in welchen einst bei den Heiden die obersten Priester und Gesetzeslehrer waren, sollen die Primaten oder Patriarchen eingesetzt werden, welche über die Urtheile der übrigen Bischöfe und über wichtigere Glaubensangelegenheiten zu entscheiden haben. (c. 28.) Jn solchen Städten aber, in welchen früher bei den Heiden deren Oberpriester waren, die Jenen unterstanden, befahl er (Petrus), Erzbischöfe einzusetzen; in den einzelnen übrigen Städten aber verordnete er, einzelne, nicht zwei, drei oder mehrere Bischöfe auf- 160 zustellen, welche nicht den Namen der Primaten oder Erzbischöfe oder Metropoliten, da sie keine Mutterstädte inne haben, sondern nur den Namen von Bischöfen tragen dürfen, weil auch unter den Aposteln kein gleicher Rang war, sondern Einer Allen vorstand." (c. 29.) Die Bischöfe, sagte er, vertreten nach der Lehre des Herrn die Stelle der Apostel, die Priester die der übrigen Jünger; wer aber Einen aus diesen ärgert, ziehe sich die schwerste Strafe zu. (c. 30.) „Mörder aber und Ehebrecher und alle Verbrecher und (an Rang) Unebenbürtige schloß er nach der Lehre des Herrn von der Anklage gegen Bischöfe aus und dürfe nur von Gleichgestellten gegen sie Etwas vorgebracht werden. Auch alle Ehrlosen und Jene, welche die weltlichen Gesetze als Vorsteher nicht anerkennen, sowie alle Laien ersuchte er von der Anklage derselben zurückzuweisen und befahl, daß Alle ihnen unterworfen seien. (c. 31.) Das Leben aller Priester, lehrte er, sei zu hoch erhaben und verschieden von dem der Weltmenschen und Laien und müßten Geistliche und Priester immer über Fleischliche und Laien stehen, weil es uns das Geringste sein soll, von Solchen beschuldigt oder gerichtet zu werden oder von einem menschlichen Gerichte. (c. 32.) Höhere können nie von Niederen angeklagt oder gerichtet werden, weil nicht bloß göttliche, sondern auch weltliche Gesetze Dieses verbieten." Derlei verwegene Verachter der göttlichen und heiligen Satzungen seien der Gemeinschaft unwürdig; solchen Frevel und Undank bestrafte und bestraft Gott auf eine furchtbare Weise. (c. 33.) Diese Strafe für seinen Hochmuth mußte auch Lucifer erfahren. (c. 34.) Erschreckliche Folgen und Strafen der Trunkenheit. (c. 35.) Kein Priester solle in eines anderen Parochie ohne dessen Erlaubniß Etwas verrichten, sondern alle dem Bischofe ungesäumt gehorchen. (c. 36.) Die Bischöfe sind die Schlüssel der Kirche und haben die Macht, den Himmel zu schließen 161 und zu öffnen. Niemand dürfe sie entfernen, ärgern oder beschuldigen; sie sind die Diener Gottes; der gesegnete Samen, die Freude und Ehre Gottes. (c. 37.) Nur Gott kann sie richten und entfernen; wer immer sich an ihnen vergreift, versündiget sich gegen den Herrn selbst. (c. 38.) Zu seiner Verherrlichung und zur Verkündigung seiner Gebote sind sie von Gott verordnet; alle Fürsten der Erde und alle Menschen müssen ihnen in Ehrfurcht gehorchen. (c. 39.) „Es gibt aber, sagt er (Petrus), drei Arten des Menschenmordes, deren Strafe gleich sei; sowie die, welche ihre Brüder tödten, Mörder sind, so seien es auch die, welche sie verleumden und sie hassen, weil der, welcher seinen Bruder tödtet, und der ihn haßt und verleumdet, in gleicher Weise ein Mörder genannt wird.“ (c. 40.) Deßhalb ermahnte Petrus so oft und eindringlich zur Liebe Gottes über Alles, zu einem wahren und lebendigen Glauben und zu unerschütterlicher Hoffnung auf Gott, zur Selbstverleugnung, zur Bezähmung der Zunge, zur eifrigen Anhörung des Wortes Gottes, zur Ausübung der Werke der Barmherzigkeit, zur Demuth und Feindesliebe. (c. 41.)”Die Priester aber und die übrigen Diener der Kirche und das ganze Volk sollen die Bischöfe lieben und deren Befehlen gehorchen, auch wenn diese selbst anders handeln würden, was aber ferne sei, ausser sie wären im Glauben abgeirrt." (c. 42.) Deßhalb beschwor Petrus den Clemens, daß er mit großer Sorgfalt seine Lehre verkündige zum Heile der Menschen, damit diese zuerst die Lehrer der Wahrheit ersehnen und lieben und nach deren Lehre auch handeln; nicht unnütze Fragen und Untersuchungen, sondern gute Werke werden von Gott mit Gnade und ewiger Seligkeit belohnt. (c. 43.) Jacobus aber möge, was Clemens als Anordnung Petri im übersende, Allen einschärfen, da die Verachtung der Kirchengesetze ewige Strafen nach sich ziehe; wir alle aber müssen nach dem streben, was für ewig nützt, daß 162 wir durch Geduld an den Leiden Christi Theil haben und seines Reiches theilhaftig zu werden verdienen. Amen. (c. 44.)
Auch dieser zweite Brief an Jacobus war großentheils schon vor Pseudoisidor als Brief des Clemens vorhanden und in den italienischen Canonensammlungen unter dem Titel: „Vorschriften des heiligen Petrus über die Aufbewahrung der Sacramente„, in den gallischen mit der obigen Ueberschrift aufgeführt; Petrus ist in demselben als Oberhaupt der Kirche dargestellt, Jacobus einfach Bischof von Jerusalem, dem von Clemens die Anordnungen Petri zur Beobachtung zugesendet werden; daraus folgt, daß der Brief von anderer und gewiß auch viel späterer Hand compilirt ist als der erste; wir besitzen ihn nur in lateinischer Sprache. Pseudoisidor entnahm ihn einer gallischen Handschrift und vermehrte ihn um etwa 7 Capitel, nemlich vom 4. bis gegen den Schluß des vorletzten (10.) Capitels, wobei er einen Theil vom Schlüsse in das 3. Cap. heraufnahm.
Clemens, der Vorsteher der römischen Kirche, an den theuersten Jacobus, Bischof von Jerusalem.
Clemens, von Petrus, dem Vater aller Apostel, welcher die Schlüssel des Himmelreiches erhalten, über die Verwaltung der Sacramente unterrichtet, belehrt hierüber den Jacobus. „Drei Stufen sind die Sacramente der heiligen Geheimnisse anvertraut, nemlich dem Priester, dem Diakon 163 und dem Minister, welche mit Furcht und Zittern, wie es geistlichen ziemt, die Überreste vom Leibe des Herrn bewahren müssen,„ daß im Sacrarium keine Fäulniß gefunden und ihre Nachlässigkeit dem Leibe und Blute des Herrn keine schwere Verunehrung zugefügt werde. „Auf dem Altare sollen wenigstens so viele Opfergaben dargebracht werden, als für das Volk hinreichen mögen; sind einige übrig geblieben, so sollen sie nicht für den nächsten Tag aufbewahrt, sondern von den Geistlichen unter Furcht und Zittern sorgfältig genommen werden. Diejenigen aber, welche die im Sacrarium verbleibenden Überreste vom Leibe des Herrn genießen, dürfen nicht sogleich die gewöhnlichen Speisen nehmen, damit sie nicht meinen, dem heiligen Mahle werde die Speise beigemischt, welche im Magen verdaut wird und abgeht. Wird also am Morgen das Mahl des Herrn genossen, so sollen jene Geistlichen, welche es genommen, bis zur sechsten Stunde fasten; und haben sie es in der 3. oder 4. Stunde genommen, so sollen sie bis zum Abend fasten; so also müssen durch eine besondere Heilighaltung die ewigen Sacramente (vor Verunehrung) bewahrt werden.“ Bezüglich der heiligen Gefäße ist so zu verfahren: „Die Altardecke, Cathedra, der Leuchter und Vorhang sollen, wenn sie durch Alter unbrauchbar geworden sind, verbrannt werden, weil es nicht erlaubt ist, daß das, was im Heiligthume gewesen ist, übel behandelt wird, sondern Alles soll dem Feuer übergeben werden; auch die Asche davon werde in das Baptisterium geworfen, wo Niemand darübergeht, oder man werfe sie in die Wand oder in Gruben am Erdboden, damit sie nicht durch die Füße der Eintretenden befleckt werde „Kein Kleriker glaube aus Unwissenheit, einen 164 Todten in eine Decke einhüllen zu können, noch ein Diakon die Schultern damit zu bedecken, welche auf dem Altare gewesen oder wenigstens auf den Tisch des Herrn gegeben worden ist. Wer Dieß thut oder den Dienst Gottes leichtfertig und nachlässig verrichtet, wird, wenn er ein Diakon ist, drei Jahre und sechs Monate vom Altare des Herrn entfernt und mit dem großen Anathem belegt werden. Der Priester aber, welcher den Kleriker nicht ermahnt hat, sei durch zehn Jahre und fünf Monate ausgeschlossen, weil er die ihm unterstehenden Diener bezüglich der hl. Geheimnisse nicht ermahnt hat, und werde dann unter tiefer Verdemüthigung mit der Mutter Kirche wieder ausgesöhnt. Die Decken (Tücher) und Vorhänge des Heiligthumes, wenn sie durch den Gebrauch schmutzig geworden sind, sollen die Diakonen mit ihren untergeordneten Dienern innerhalb des Heiligthumes waschen, da sie die Hüllen des Tisches des Herrn nicht ausserhalb des Heiligthumes legen dürfen, damit nicht etwa ein Theilchen (eig. Staub) vom Leibe des Herrn herabfalle und verunehrt werde, wenn das Altartuch ausserhalb (des Heiligthums) gewaschen wird; wer Dieß thun würde, begeht eine Sünde; deßhalb befehlen wir den Dienern (des Altares), diese heiligen Sachen innerhalb des Heiligthums sorgfältig zu bewahren. Es soll ein neues Becken angeschafft werden und dieses nur für jene verwendet werden; es darf aber nicht dasselbe Becken zur Reinigung der Vorhänge gebraucht werden, ausser derer, welche zum Altare gehören; die Altartücher sollen in dem einen Becken gewaschen werden, in dem anderen die Vorhänge der Thüren. Die Ostiarier aber sollen nach der Ermahnung ihrer Vorsteher dafür sorgen, daß nicht Jemand aus Mißachtung oder Unwissenheit an dem Vorhange der Thüre zum Hause des Herrn die Hände ungeziemend abwische, sondern Jedermann soll daran sogleich verhindert und inne werden, es der Vorhang zum Vorhofe des Hauses Gottes ist.„ „Wir 165 verordnen auch, daß keinem Fremden, sei er Geistlicher oder Laie, von den Überresten der Opfergaben Etwas vorgesetzt werde. Woher weißt du es, ob du nicht auch Unwürdigen das Brod vom Heiligthume darreichst, woher weißt du, ob sie von Weibern rein sind? Deßhalb wurde auch David, als er von den Broden zu essen verlangte, von dem Priester Albimelech gefragt, ob er von Weibern rein sei. und durfte erst, nachdem er bezeugte, daß er seit drei Tagen rein sei, von den Schaubroden essen.“ (c. 1.) Zu den Geheimnissen des Herrn sollen Solche auserwählt werden, welche vor der Ordination ihre Frauen verlassen haben; wer aber nach der Ordination das Schlafgemach seiner Frau betritt, soll von den höheren Verrichtungen ausgeschlossen und nur zu den niederen Diensten verwendet werden. „Wenn etwa ein Priester oder Diakon Tücher oder Vorhänge des Heiligthumes entwendet und verkauft, so soll er dem Judas Ischariot gleich geachtet werden; wer aus Gier (nach Geld) so thut, wisse, daß er die Strafe des Judas erleiden werde.“ Mit Frauenspersonen soll sich ein Kleriker allein nicht in ein Gespräch einlassen, auch nicht allein, sondern mit zwei oder drei Zeugen sie besuchen, mit ihnen auch nicht wohnen, ausser es wäre die Schwester oder eine nahe Verwandte. Der Kelch für das Blut des Herrn soll bei Sünde immer rein gehalten werden. (c 2.) „Zum Dienste (Gottes) sollen solche Kleriker auserwählt werden, welche die Geheimnnisse des Herrn würdig verwalten können; denn es ist besser für den Priester des Herrn, wenige Diener zu haben, welche das Werk Gottes würdig verrichten, als viele unnütze, welche dem Ordinator eine schwere Last (der Verantwortung) 166 aufbürden.„ Bisher habe ich von der sorgfältigen Bewahrung derSacramente gesprochen, damit Diejenigen, welche sie zu ihrer Heilung empfangen wollen, sie nicht, wenn sie dieselben verwahrlost sehen, mit Gelächter und Eckel empfangen und so vielmehr sündigen wegen der Nachlässigkeit der Geistlichen. (c. 3.) Daher sollen Diese alle über die Verwaltung der Sacramente gegebenen Vorschriften genau beobachten, Alle aber, Geistliche wie Laien, ein frommes und bußfertiges Leben führen. (c 4.) Keiner verschiebe unter irgend einem Vorwande seine Bekehrung. (c. 5.) Einem gottesfürchtigen Manne genügt es nicht, die Feindschaft Anderer nicht zu erwidern oder durch böse Reden zu vergrößern, sondern er bemüht sich, durch Wohlwollen sie aufzuheben. (c. 6.) „Welche Strafe aber Jenen bevorsteht, welche gegen ihre Väter sich versündigen, zeigt uns die heil. Schrift; denn wenn Cham verflucht wurde, weil er die Scham seines Vaters nicht verhüllte, so verdienen eine größere Strafe Diejenigen, welche ihren Vätern, die Gottes Stelle vertreten, Schmach zufügen.“ (c. 7.) Deßhalb ermahnte Petrus in vertrauten und öffentlichen Reden so oft zur Demuth, zur Flucht der Verleumdung, zur Liebe Gottes und des Nächsten, zu aller Weisheit und Tugend. (c. 8.) „Die Kirchen erbauet an passenden und vortheilhaften Orten, welche durch heilige Gebete geweiht und in denen geweihte Priester angestellt werden müssen; diese aber sollen von Allen verehrt und von Niemand gekränkt werden. (c. 9.) Flieht die Lüge und liebt die Wahrheit; liebt und unterstützt euere Brüder; hütet euch, Ärgerniß zu gebend und vermeidet alles Anstößige, wenn es euch auch große Opfer kosten sollte. Gehorchet also wohl diesen Vorschriften, damit ihr nicht dem Strafgerichte Gottes anheim fallet. Dieß nun, Bruder Jacobus, habe ich aus dem Munde des 167 Petrus vernommen. (c. 10.) Wer immer aber diese Vorschriften nicht ganz erfüllt, der sei verflucht bis zur Ankunft unseres Herrn Jesu Christi. Diese Anordnungen des heil. Apostels Petrus habe ich dir bekannt gemacht, auf daß du ihre tadellose Befolgung einschärfest. Segenswunsch und Gruß des Clemens an Jacobus. (c. 11.)
Dieses sowie die zwei nachfolgenden Schreiben des Clemens sind von Pseudoisidor compilirt und zwar größtentheils aus den Recognitionen; deßhalb ist in einer Handschrift der pseudoisidorischen Sammlung dieser Brief überschrieben: „Brief des hl. Clemens über die Ehrfurcht vor den Priestern, aus dessen Buche (Recogn.) compilirt."
Clemens, Bischof der Stadt Rom, allen Mitbischöfen, Priestern, Diakonen und den übrigen Klerikern, allen Fürsten, den größeren und kleineren, und allen Gläubigen überhaupt, (denen) Segen und Herrlichkeit und Ruhm (sei) der Gnade Gottes, welche uns verliehen in Jesus Christus, unserem Herrn.
Die Priester des Herrn müssen mehr wissen, um die Gläubigen recht unterrichten zu können. (c. 1.) Denn ihr, die ihr Christi Stelle vertretet, müßt das Volk unterrichten, dieses aber muß euch, wie Gott, gehorchen. „Wenn euch Bischöfen aber nicht alle Priester, Diakonen und Subdiakonen und alle übrige Kleriker und alle Fürsten des höheren und niederen Ranges und die übrigen Völker und Stämme und Nationen gehorchen, so sollen sie nicht nur ehrlos, sondern auch vom Reiche Gottes und der Gemeinschaft 168 der Gläubigen ausgeschlossen, von den Stufen der hl. Kirche Gottes ferne gehalten werden.„ (c. 2.) Denn wenn schon der erste Hohepriester Aaron, weil er mit dem von Menschen gemachten Chrisma gesalbt war, der Fürst des Volkes wurde, welche Kraft wird erst das von Gott verordnete Chrisma haben? (c. 3.) Daher soll jeder Hohepriester, der mit dem heil. Chrisma gesalbt und in einer Stadt bestellt, in den heil. Schriften unterrichtet ist, Allen theuer und kostbar sein; „ihn muß man daher mit großer Aufmerksamkeit hören und von ihm die Lehre des Glaubens annehmen, (c. 4.) die Vorschriften des Lebens aber von den Priestern erforschen und von den Diakonen die Ordnung der Disciiplin.“ (c. 5.) Alle sollen die Diener der Kirche durch Werke der Liebe in ihrem Amte unterstützen. (c. 6.) . Wenn aber Jemand sich zum Glauben bekehren und getauft werden will, so gehe er zu seinem Priester, lasse sich von diesem unterrichten, bereite sich mit häufigem Fasten vor, damit er erprobt gefunden und nach drei Monaten am Festtage getauft werden könne; nachdem er unter Anrufung der heiligsten Dreifaltigkeit getauft ist, soll er gesalbt und dann erst den Gläubigen beigezählt werden. (c. 7.) „Denn Keiner darf es für eine Schande seines Alters oder seiner hohen Abstammung oder seiner Jugend erachten, von den Kleinen und minder Gebildeten das zu lernen, was ihm zum Nutzen oder Heile dienen kann; denn wer ungeordnet lebt und das Gute zu lernen und zu verrichten sich weigert, der erweiset sich mehr als ein Glied des Teufels denn Christi und mehr als Ungläubiger denn als Gläubiger;„ denn über Alles kostbar ist die Wahrheit, weil das Kostbare die Seele ist.(c. 8.) Über die Erschaffung des Adam, die Sünde und ihre 169 Folgen, die Freiheit des Willens, die Lehre des wahren Propheten, die Verwerfung der Juden, die Berufung der Heiden, Ermahnung zum Dienste und Nachahmung des wahren Gottes. (c. 9—14.) „Deßhalb müssen alle Gläubigen und vorzüglich alle Priester und Diakonen und die Kleriker darauf achten, daß sie Nichts ohne die Erlaubniß des eigenen Bischofes thun; ohne dessen Befehl soll kein Priester in seiner Pfarrei Messen lesen, taufen oder irgend etwas verrichten.“ Diejenigen, welche ihren Bischöfen gehorchen, leisten dadurch Gott einen Dienst; „welche ihnen nicht gehorchen, sind ohne Zweifel schuldig und verdammt, wieder aber erlangen von Gott das dem höchsten Dienst gebührende Geschenk Jene, welche auf dem Wege seiner Gerechtigkeit und seines Gebotes wandelnd ihren Lehrern, als welche mit Recht die Bischöfe anzusehen sind, gehorchen.„ „Hier also, d. i. in dem gegenwartigen Leben weilend, müssen wir den Willen Gottes kennen lernen (darüber), wo der Ort der (heiligen) Verrichtungen und Opfer ist, da es nicht gestattet ist, an anderen Orten zu opfern und zu celebriren, als an jenen, an welchen der eigene Bischof es angeordnet hat, oder welche von dem rechtmäßig ordinirten und die Stadt innehabenden Bischofe geweiht sind.(https://bkv.unifr.ch/works/266/versions/287/scans/c. 15.) Denn Alles hat seine Zeit und seinen Ort. (c. 16.) „Wenn wir (Lehrer) aber den Auftrag haben, bei der Ankunft in eine Stadt zuerst zu prüfen, wer in derselben würdig sei, daß wir bei ihm essen, um wie viel mehr geziemt es sich den zu kennen, welchem die unsterblichen Worte anvertraut werden sollen; denn wir müssen uns hüten, und zwar sehr hüten, unsere Perlen den Schweinen vorzuwerfen. Aber auch aus anderen Gründen ist es nützlich, diesen Mann zu kennen. Denn wenn ich weiß, daß er in 170 dem, über dessen Güte kein Zweifel ist, gebessert und tadellos, d. h. wenn er mäßig, barmherzig, gerecht, milde und menschenfreundlich ist, was doch Jeder für gut erkennt, dann darf man schließen, daß einem Solchen, der schon die Tugenden besitzt, auch das, was am Glauben und Wissen abgeht, mitgetheilt und sein sonst rechtschaffener Lebenswandel auch in dem, was noch fehlerhaft ist, gebessert werden wird. Wenn aber Jemand, der von offenbaren Sünden verstrickt und befleckt ist, darin verharret, so darf ich ihm Nichts von den Geheimnissen der göttlichen Wissenschaft vortragen, sondern muß ihn vielmehr beschwören und ermahnen, daß er zu sündigen aufhöre und sich bessere. Wenn er sich aber aufdrängt und uns auffordert, ihm das mitzutheilen, was ihm, dem Sünder, zu hören nicht frommt, dann müssen wir ihn auf kluge Weise hinhalten. Denn gar keine Antwort geben, scheint der Zuhörer wegen nicht nützlich zu sein, damit sie nicht etwa meinen, daß wir deßhalb, weil wir nichte antworten können, den Kampf vermeiden, und so ihr Glaube Schaden leide, aus Unkenntniß unseres Vorhabens.“ (c. 17.) Große Schande und Sünde aber wäre es, wenn uns die Ungläubigen an Tugend übertreffen würden, vielmehr sollen, wenn Jene nicht tödten, wir nicht einmal zürnen, wenn Jene ihre Freunde lieben, sollen wir auch die Feinde lieben, damit sie uns nicht einst beim letzten Gerichte beschämen mögen. Durch Tugenden also soll sich unsere Lehre bewähren und empfehlen. (c. 18.)
Dieses Schreiben ist von Pseudoisidor aus den Recog- 171 nitionen (1. VI. c. 2—12) fingirt und hat deßhalb in manchen Handschriften auch den Titel: „Brief des hl. Clemens, excerpirt aus dem Buche, welches heißt ‚die Reisen des hl. Petrus’ über den Unterricht der Ungebildeten."
Clemens, Bischof der Stadt Rom, den theuersten Brüdern Julius und Julianus und den übrigen Genossen und den Heiden, welche bei euch sind.
Julius und Julianus. durch die sie umgebenden Heiden zum Abfalle vom Glauben verleitet, werden aufgefordert, zur Wahrheit zurückzukehren. (c. 1.) Dieß geschieht durch den gerechten Zorn über sich und seine Fehltritte und durch die Anklage seiner selbst; ein solcher gerechter Zorn sei jenes Feuer. welches der Herr gebracht und entzünden will. (c..2.) Wie das Wort des Herrn zu verstehen sei: „Jch bin gekommen, nicht den Frieden, sondern das Schwert zu bringen." (c. 3.) Gott allein ist der Urheber unseres Lebens, unsere Eltern nur Gottes Diener und Werkzeug. (c. 4.) Gott ist aus den erschaffenen Dingen leicht zu erkennen, so daß die, welche ihn nicht erkennen, wegen ihrer Trägheit strafbar sind. (c. 5.) Gottes Wille aber ist es, daß Alle die Taufe empfangen und durch das Wasser, welches zuerst erschaffen wurde, wiedergeboren werden; Nothwendigkeit und Wirkungen der Taufe (c. 6). Der Getaufte aber muß Gott ehren und zwar durch ein nach dem Willen Gottes geführtes Leben. (c. 7.) Es folgen die pseudoclementinischen Ermahnungen zur inneren und äusseren Reinheit. (c. 8.) 172
Brief des hl. Papstes Clemens über das gemeinsame Leben und über die übrigen Angelegenheiten, an seine Schüler geschrieben und nach Jerusalem gerichtet.
Auch dieser Brief ist großentheils aus den Recognitionen (I. X. c. 5, 42 und 43), dann aus der Apostelgeschichte (IV. 32, 34, 35 und V. 1) compilirt und in einigen Handschriften „Brief des hl. Clemens über das Leben und den Wandel der Erstlingskirche und die Verurtheilung der Betrüger" überschrieben. Den Brief hat Gratian in zwei Capitel getheilt fast ganz in sein Decret aufgenommen, weßhalb er auch hier, seinem Wortlaute nach mitgetheilt wird. Auf zwei Puncte im 1. Cap. aber soll noch vorher besonders aufmerksam gemacht werden; nach einigen Handschriften hätte Clemens den gemeinsamen Besitz und Gebrauch der Frauen gelehrt; ferner soll er bei der über Ananias und Saphira von Gott verhängten Bestrafung zugegen gewesen sein; daß das Erste entschieden falsch, das Andere höchst unwahrscheinlich ist, braucht wohl hier nicht erst bewiesen zu werden.
Den geliebtesten Brüdern und Gefährten, welche mit unserem theuersten Bruder und Mitbischofe Jacobus in Jerusalem wohnen, CIemens, der Bischof.
„Das gemeinsame Leben, Brüder, ist Allen nothwendig und vorzüglich denen, welche Gott untadelhaft dienen und den Lebenswandel der Apostel und ihrer Schüler nachahmen wollen. Denn der Gebrauch alles dessen, was in dieser Welt ist, sollte Allen gemeinschaftlich sein; aber ungerechter Weise nannte Einer Dieß sein, ein Anderer Jenes, und so 173 geschah unter den Menschen die Theilung (des Eigenthumes); endlich sagte auch der Weiseste unter den Griechen, der Dieß wußte, daß unter Freunden Alles gemeinschaftlich sein solle. Zu dem“Alles” gehören ohne Zweifel auch die Frauen. Und gleichwie, sagte er, die Lust und das Sonnenlicht nicht getheilt werden kann, so solle auch, was auf dieser Welt gemeinschaftlich Allen zum Besitze gegeben worden, nicht getheilt, sondern gemeinschaftlich besessen werden. Daher sagt der Herr durch den Propheten: „Seht, wie gut und angenehm es ist, wenn Brüder zusammen leben" u. s. w. Diese Sitte behielten die Apostel und deren Schüler bei und führten, wie schon gesagt, mit uns und euch ein gemeinsames Leben; daher war, wie ihr wohl wisset, die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele; auch sagte nicht Einer, daß Etwas von dem, was er besaß, sein sei, sondern Alles war ihnen und uns gemeinsam noch war irgend ein Nothleidender unter uns. Alle aber, welche Häuser oder Äcker besaßen, verkauften sie und brachten den Erlös hievon sowie ihre übrige Habe und legten sie den Aposteln zu Füßen, wie Dieß mit uns Einige von euch wissen und gesehen haben, und vertheilten (ließen vertheilen) es unter die Einzelnen, je nachdem Jeder bedurfte. Ananias aber, der harte Mann, und Saphira, seine Frau, welche die Apostel über den Preis ihrer verkaufen Äcker belogen hatten, wurden in unserer Gegenwart vor allen Anwesenden von dem Angesichte der Apostel wegen ihrer Sünde und Lüge todt hinweg getragen. Das Übrige, was wir über Solches erfahren und gesehen haben, ist der Erwähnung und Darlegung nicht werth. (c. 1.) Deßhalb befehlen wir euch, Dieses zu meiden und der Lehre und dem Beispiele der Apostel zu folgen, weil Jene, welche deren Anordnungen hintansetzen, nicht nur schuldig, sondern auch ausgeschlossen sind; Dieß aber sollet nicht nur ihr selbst beobachten, sondern Allen lehren.“”Es wurde uns auch berichtet, daß Einige in eueren Gegenden der gesunden Lehre widerstreiten 174 und so wie es ihnen scheint, nicht nach der Überlieferung der Väter, sondern nach ihrem Sinne lehren sollen; denn wie wir gehört, stellen Einige unter euch mancherlei Vermuthungen nach menschlichem Ermessen auf, aus dem, was sie lesen. (c. 2.) Daher ist sorgfältig zu beachten, daß das Gesetz Gottes, wenn es gelesen wird, nicht nach dem eigenen Verständnisse des Geistes gelesen oder gelehrt werde. Denn in der heiligen Schrift gibt es viele Worte, welchen jener Sinn unterlegt werden kann, den ein Jeder nach seinem Gutdünken vorgibt, das aber darf nicht geschehen; denn man darf nicht den Sinn, welchen man von aussen mitbringt, einen fremden und aussenliegenden Sinn (darin) suchen oder wie man diesen durch das Ansehen der Schrift bekräftigen könne, sondern man muß aus der Schrift selbst den Sinn der Wahrheit nehmen. Daher muß man das Verständniß der Schriften von dem lernen, welcher dasselbe von den Vorfahren nach der ihm überlieferten Wahrheit bewahrt, damit er selbst Dasjenige, was er als recht empfangen, auch wieder lehren könne. Denn wenngleich Einer aus den göttlichen Schriften die vollständige und sichere Richtschnur der Wahrheit erhalten hat, wird es nicht thöricht sein, wenn er auch aus dem gewöhnlichen Unterrichte und aus den freien Wissenschaften, die er etwa in der Jugend gehört, Etwas zum Beweise des wahren Dogma beibringt, so jedoch, daß er, wo er die Wahrheit gelernt, das Irrige und Falsche vermeide?“ (Ermahnung an dieJünglinge wegen des ungewissen, an die Greise wegen des gewißen nahe bevorstehenden Lebensendes, sich mit der Wahrheit und allen Tugenden zu schmücken.”Darum rathen wir euch und ermahnen euere Klugheit, daß ihr von den apostolischen Regeln nicht abweicht, sondern ein gemeinsames Leben führt, die heiligen Schriften verstehen lernet und, 175 was ihr als Gott wohlgefällig erkennet, zu erfüllen trachtet," damit, wenn ihr durch beständiges Gebet die Gnade Gottes verdient habt, ohne Furcht eines unseligen Todes euere Wünsche in ewige Festesfeier verwandelt werden. Der Gott des Friedens aber sei mit euch Allen. Amen. (c. 3.) 176